
Wie geht es weiter nach einer Olympia-Medaille? Maurice Wetekam ist 20, schwimmt im Deutschen Team und steckt gerade in den Vorbereitungen für seinen nächsten Wettkampf. Dazu gehört nicht nur schnelles Schwimmen, sondern auch das Mentale.
Ein Pfiff, Maurice Wetekam springt vom Startblock ins Wasser. Fast zehn Meter gleitet er unter Wasser, bevor er wieder auftaucht und zu kraulen beginnt – Vollsprint. Nur eine Bahn. Vom Beckenrand ruft sein Trainer ihm die Zeit zu: 11,4 Sekunden. Dass Maurice heute in Dortmund wieder trainiert, war lange ungewiss. Bei den Paralympics 2024 in Paris gewann er mit 1:07,04 Minuten Bronze über 100 Meter Brust – der größte Erfolg seiner bisherigen Karriere. Doch nach den Spielen fiel er in ein tiefes Loch. Lange litt er unter dem „Post-Paralympic-Syndrome“.
Vor seinem Training haben wir ihn zum Interview getroffen.
Maurice, als du mit acht Jahren angefangen hast, auf Wettkämpfen zu schwimmen, hättest du damals gedacht, dass dieser Sport einmal so viel Raum in deinem Leben einnehmen würde?
Jein, einerseits schon, weil ich immer das Ziel hatte, relativ weit zu kommen und irgendwann oben mitspielen zu können. Mir war schnell klar, dass es viel Zeit beansprucht. Aber trotzdem war es am Anfang noch mehr ein Hobby. Heute ist alles deutlich professioneller und stärker auf Leistungssport getrimmt.
Damals dachte ich zwar noch: „Boah, so sieben-, acht-, zehnmal die Woche trainieren wird schwierig, da hätte ich jetzt nicht so Lust drauf.“ Aber irgendwann hat sich das verschoben. Man hat sich darauf eingestellt, dass es so ist. Inzwischen mache ich das auch gerne. Natürlich gibt es manchmal Sachen, die ich lieber machen würde. Aber ich denke, im Großen und Ganzen investieren wir alle gerne unsere Zeit dafür.
Du bist damals noch zur Schule gegangen. Wie hast du Schule und Leistungssport unter einen Hut bekommen?
Sagen wir mal so: Geplant war das eigentlich nicht. Vor Paris war ich nicht unbedingt der Beste in der Schule, weil ich sehr faul war. Ich habe vieles schleifen lassen, weil ich mich eher auf den Sport konzentriert habe. Im Nachhinein betrachtet hätte ich mehr für die Schule machen müssen.
Nach Paris hatte ich das Post-Paralympic-Syndrome. Das hat mich ziemlich aus der Bahn geworfen. Deshalb habe ich gesagt: „Okay, ich nehme mir jetzt erst mal Zeit für mich und gucke erst mal, dass ich wieder gesund werde.“ Anderthalb Jahre lang ging es vor allem darum, wieder mit meinem normalen Leben zurechtzukommen und langsam wieder ins Training einzusteigen.

Das Loch nach dem Olympia-High
Du hast gerade einfach das Wort benutzt: „Post-Paralympic-Syndrome“. Das musst du nochmal erklären. Wie fühlt sich das an?
Es fühlt sich auf jeden Fall schlecht an. Du bist auf diesem absoluten Hoch deiner Karriere, vielleicht sogar deines Lebens.
Du erlebst was, was am Ende keiner wirklich erlebt. Du gehörst zu diesem kleinen Kreis von Athleten, die es zu den Paralympics geschafft haben – und in meinem Fall habe ich ja sogar noch eine Medaille geholt.
Nach den Spielen kommen jede Menge Medien-Termine und andere Verpflichtungen. Manche bekommen Sponsorenanfragen, es passiert einfach sehr viel. Von diesem absoluten Hoch, das sich ein oder zwei Monate hält, kommt man dann wieder in den normalen Alltag, und viele fallen in ein Loch.
Das muss nicht bei allen so sein, manche können das besser auffangen. Aber aus dem Tief musst du dich dann erst wieder herauskämpfen, beziehungsweise frühzeitig merken, was passiert ist, um dann gar nicht erst so tief zu fallen. Das habe ich nicht getan. Deswegen war es bei mir relativ schwierig. Ich musste viel mit Therapie arbeiten. Nach sechs, sieben Monaten wurde es besser, aber es hat sich sehr gezogen.
Nach Paris hast du komplett das Training ausgesetzt?
Ja, nach Paris hatten wir alle erst einmal frei. Geplant waren acht Wochen zum Abschalten. Ich glaube, ich habe da das erste Mal richtig Urlaub seit vier oder fünf Jahren gemacht. Ich habe in dieser Zeit gar nichts gemacht: Ich habe nicht trainiert, weil die Motivation fehlte. Wenn man zu lange raus ist, findet man keinen Anschluss mehr. Dann muss man alles mehr oder weniger von vorne lernen und kann nicht an seine früheren Leistungen anschließen. Es wird immer schwieriger. Vor allem, anzufangen und den ersten Schritt zu machen.
Aber das hat dich nicht davon abgehalten, es irgendwann doch nochmal zu versuchen?
Ich habe überlegt, ob ich aufhöre, weil es mich echt fertig gemacht hat. Ich hatte keine Lust, noch einmal komplett anzutrainieren. Beim Training hatte ich keinen Spaß, es war einfach nur Quälerei. Die ersten Monate war in jedem Training der Gedanke da: „Warum mache ich diese Scheiße eigentlich? Ich könnte jetzt einfach nach Hause gehen und aufhören.“
Das klingt so, als hätte dich das kalt überrascht?
Ich glaube, ich habe mich gut auf Paris vorbereitet, aber nicht darauf, was nach Paris passiert. Das werde ich bei den nächsten Spielen auf jeden Fall anders machen. Egal, ob ich danach weiter schwimme oder aufhöre.
Im Moment ist noch alles offen. Entscheidungen treffe ich erst nach L.A.. Da werde ich mich auf jeden Fall anders vorbereiten und mir Sicherheiten schaffen, damit ich erst gar nicht so tief fallen kann.
„Reden darüber hilft schon sehr.“
Was kann man denn tun, um sich auf das „Danach“ vorzubereiten?
Psychologische Unterstützung ist ein ganz großer Punkt, auch wenn man eigentlich das Gefühl hat, es ist alles in Ordnung. Unterbewusst kann es immer Probleme geben.
Es ist auch gut, wenn man schon vorher einen Psychologen, eine Psychologin hat, dann kommt man schneller an einen Termin. Man kennt die Person dann schon und weiß, dass es miteinander funktioniert, und kann Probleme früh ansprechen, bevor sie größer werden.
Aber auch abseits davon hilft es, mit Familie und Freunden über Probleme zu sprechen und das Ganze nicht in sich rein zu fressen. Ich denke, es ist wichtig, offen mit dem Thema zu sein. Reden darüber hilft schon sehr.
Und was hat dich dann doch motiviert, wieder anzufangen?
Einerseits war es meine Familie, aber auch der Wunsch, noch einmal dabei zu sein, sich noch einmal einzutragen – sich also das noch einmal zu erfüllen, was man sich so ewig lang gewünscht hat.
Was ist jetzt in deinem Kopf, wenn du trainierst?
Vielleicht hört es sich dumm an, aber: Leere. Ich merke, es macht mir wieder Spaß. Aber es ist nicht mehr das, was es vor Paris war. Vor Paris habe ich auf etwas hintrainiert, das ich mein Leben lang erreichen wollte. Kurz vorher wollte ich alles tun, was geht.
Ist das jetzt anders?
Nein, ich trainiere auch jetzt auf einer ordentlichen Stufe. Aber dieses Ziel ist nicht mehr so stark verankert, weil ich nun schon einmal bei Olympia war. Ich weiß, dass es bei anderen genau andersherum ist.
Würde ich jetzt eine Karriere-beendende-Verletzung haben, könnte ich mir selbst sagen: „Ich war schon mal da, dann ist es jetzt so.“ Es ist eine andere Art für mich, zu trainieren, als vor Paris. Aber es macht mir Spaß, ich bin motiviert. Aktuell funktioniert das gut.
Wie soll es danach für dich weitergehen?
Ich möchte jetzt meine Ausbildung zum Orthopädie-Techniker beginnen, Prothesenbau. Ich kann das vielen Leuten nur ans Herz legen. Es gibt extremen Fachkräftemangel. Man hilft vielen Menschen damit und es ist sehr abwechslungsreich. Ich habe schon ein Praktikum gemacht und viel gelernt. Es ist ein sehr befriedigendes Gefühl, wenn man für einen Kunden eine Prothese angepasst hat und er sagt, er kommt damit zurecht und sie hilft ihm. Ich denke, viele unterschätzen den handwerklichen Aspekt dabei. Ich muss jetzt nur noch schauen, dass ich einen Ausbildungsplatz finde.
Aber wäre es ein Ziel für dich, wieder bei Olympia anzutreten?
Ja, auf jeden Fall. Natürlich ist unklar, ob man es schafft oder nicht. Aber nach Paris war die Frage, ob ich überhaupt noch weiter mache oder ob ich ganz aufhöre. Aber ich habe mich gefangen, wieder angefangen zu trainieren und mich an meine
alte Leistung herangearbeitet. Und ich denke, jeder, der diese Motivation hat und schon einmal bei Olympia war, der möchte es eigentlich noch einmal erleben.
Bilder: Karlotta Hamburg