
Erneut heißt es in den Schlagzeilen: Dortmund gehört zu den auffälligsten deutschen Bahnhöfen bei Gewaltdelikten. 735 Gewaltdelikte registrierte die Bundespolizei im Jahr 2025 an diesem Ort – genauso viele wie im Jahr zuvor, das bedeutet Platz zwei in Deutschland.
Er ist einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte NRWs. Jeden Tag strömen rund 130.000 Menschen durch den Dortmunder Hauptbahnhof. Rund 80.000 von ihnen steigen laut Deutscher Bahn tatsächlich in einen der etwa 600 täglichen Züge ein.
Für den Kriminologen und Soziologen Dr. Tim Lukas von der Universität Wuppertal ist der zweite Platz im Bundesvergleich vor allem eines – erklärungsbedürftig: „Die Aussagekraft polizeilicher Statistiken ist generell immer zu hinterfragen.“ Bei den Zahlen handelt es sich um eine Eingangsstatistik. Diese kann auch unbestätigte Anzeigen enthalten.
Zudem hängt die hohe Fallzahl mit der hohen Frequentierung und Polizeipräsenz zusammen. Lukas betont, dass eine dichte Überwachung das „Dunkelfeld“ aufhellt. Durch die Vielzahl an Kameras und Streifen wird Kriminalität, die an anderen Orten unbemerkt bliebe, konsequent erfasst.
Die Statistik und ihre Tücken
Allerdings gelte das nicht für alle Deliktarten gleichermaßen. Gewaltdelikte seien in der Regel keine reinen Kontrolldelikte. Sie würden eher angezeigt werden, weil sich Opfer geschädigt fühlen. Anders bei Drogendelikten. Dort entscheidet die Kontrollintensität über die Fallzahlen. Heißt: „Die Daten selbst sind mit äußerster Vorsicht zu genießen“, so Lukas. Ein relevanter Indikator für das tatsächliche Risiko wäre laut dem Kriminologen das Verhältnis der Taten zur Anzahl der Reisenden.
Der Bahnhof als sozialer Brennpunkt?
Warum ist der Dortmunder Hauptbahnhof so weit vorne dabei? Lukas sagt: „Es ist eine hohe Anonymität – kaum jemand kennt einander. Das ist eine günstige Tatgelegenheit.“ Auch den Zusammenhang mit dem Fußball schließt er nicht aus, ähnlich wie in Leipzig.

Für Dr. Tim Lukas ist der Bahnhof auch deshalb interessant, weil sich dort Armut und soziale Verelendung konzentrieren. „Die Polizei ist im Grunde mit ihrem Latein am Ende. Verdrängung ist keine Lösung.“ Stattdessen plädiert er für ein Management der Szene. Er sagt, dass alternative Aufenthaltsorte für marginalisierte Gruppen geschaffen werden müssten.
Gleichzeitig warnt der Kriminologe davor, dass das subjektive Sicherheitsgefühl mit der tatsächlichen Gefahr leicht zu verwechseln sei. „Ich glaube, grundsätzlich braucht sich eigentlich niemand zu fürchten, der einen Bahnhof aufsucht“, sagt Lukas. Ein erheblicher Teil der Gewalt betreffe Menschen innerhalb der Drogen- und Obdachlosenszene. Vorfälle, die oft gar nicht erst angezeigt würden.
Das Sicherheitsgefühl hängt auch oft von räumlichen Eindrücken ab. „Wenn es schmuddelig und zu dunkel ist, nach Urin stinkt, macht das was mit dem Gefühl“ sagt der Soziologe. Auch die Belästigung von Frauen wie Catcalling (verbale sexuelle Belästigung) tauchen in keiner Statistik auf, prägen aber das Unsicherheitsgefühl erheblich.
Für Dr. Tim Lukas ist der Hauptbahnhof ein Brennglas gesellschaftlicher Verhältnisse. „Die ganze Frage von Armut konzentriert sich am Bahnhof, sie wird dort besonders sichtbar“, sagt er. Reine Polizeiarbeit stoße dabei an Grenzen.
Die Position der Stadt Dortmund
Die Stadt Dortmund sieht die Wahrnehmung des Bahnhofs vor allem als Folge seiner enormen Frequenz. „Am Hauptbahnhof verdichtet sich das urbane Leben unserer Stadt auf wenigen Quadratmetern“, teilt ein Sprecher der Stadt Dortmund mit. Diese Dynamik erzeuge zwangsläufig Reibung. Bettelnde, Taschendiebe und mediale Zuspitzung würden das Bild zusätzlich prägen. Auf Nachfrage, ob die Stadt mehr Handlungsmöglichkeiten benötige, antwortet der Sprecher: „Nein, wir arbeiten mit allen Partner*innen gut zusammen. Das funktioniert gut.“
Konkret verweist die Stadt auf zahlreiche bauliche Maßnahmen der vergangenen Jahre. Dazu gehöre die Modernisierung des Hauptbahnhofs vor dem Start der Heim-EM 2024. Außerdem seien der Durchgang zwischen City und Nordstadt sowie die Stadtbahnstation komplett neugestaltet worden. Breite Aufenthaltsbereiche, neues Licht und transparente Glasstahlaufzüge, die soziale Kontrolle ermöglichen sollen. Zusätzlich liefen Straßenreinigung und Grünflächenpflege wöchentlich bzw. täglich. Auf der Nordseite seien dichte Büsche als mögliche Drogenverstecke entfernt und durch ein großformatiges Wandbild ersetzt worden.
Ob das messbar wirkt, kann die Stadt noch nicht sagen. Im November und Dezember 2025 hat sie eine repräsentative Befragung durchgeführt. 8000 zufällig ausgewählte Dortmunderinnen und Dortmunder zwischen 18 und 80 Jahre wurden angeschrieben. 2857 Fragebögen aus allen zwölf Stadtbezirken kamen zurück. Das Ganze wurde ergänzt durch Befragungen von Wohnungslosen und Jugendlichen aus der Nordstadtliga.
Die Ergebnisse sollen in den „Masterplan kommunale Sicherheit 2.0“ einfließen, der dem Rat im Herbst 2026 als Strategiepapier vorgelegt wird. Zur Frage, ob es sich um ein reines Imageproblem oder ein strukturelles Problem handle, verweist die Stadt auf eine lange Dauer, die es braucht, bis sich ein Image verändert. Auch das Ruhrgebiet werde trotz jahrzehntelanger Bemühungen noch immer mit Kohle und Stahl statt mit Grün und Wissenschaft assoziiert.
Präsenz am Bahnhof
Die Bundespolizei, die für das Bahnhofsgelände zuständig ist, beziffert ihr Einsatzaufkommen auf rund 25 Vorgänge pro Tag, rund 640 im Monat. Häufigste Anlässe seien Gefahrenabwehr, Eigentumsdelikte wie Laden- und Taschendiebstahl, sowie Gewaltdelikte, vor allem Körperverletzungen sowie Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Die Bundespolizei bestätigt einen kontinuierlichen Ausbau der Präsenz in den vergangenen Jahren.
Für den städtischen Bereich rund um den Bahnhof ist die Landespolizei NRW zuständig. Sie zählt auf das zweite Quartal 2026 knapp 300 Einsätze, rund drei pro Tag. Häufigste Delikte seien Eigentumsdelikte, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz und Körperverletzungen. Die Behörde verweist zugleich darauf, dass ihre Zahlen als Eingangsstatistik mit Vorsicht zu lesen seien und aktuelle Zeiträume noch nachträglich korrigiert würden.
Die Polizei Dortmund möchte das Sicherheitsgefühl der Passantinnen und Passanten am Hauptbahnhof stärken. Seit Einführung der Videoüberwachung sei ein merklicher Rückgang der Straftaten spürbar. Insbesondere bei Eigentums- und Betäubungsmitteldelikten. Rückmeldungen aus Bürgergesprächen seien laut Polizei überwiegend freundlich, auch wenn nicht jede die verstärkte Präsenz begrüße.
Die Bahn: „Jede Straftat ist eine zu viel“
„Unsere Bahnhöfe sind Teil eines offenen Systems“, heißt es in einer Stellungnahme der Deutschen Bahn. Konflikte, die sich dort abspielten, fänden auf Plätzen und Straßen überall in Deutschland statt. Gemessen an den täglich rund 20 Millionen Reisenden und Besucherinnen und Besucher an bundesweit 5.700 Bahnhöfen sei das Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, „sehr gering“.
Am Dortmunder Hauptbahnhof sind laut der Deutschen Bahn zwei Sicherheitskräften-Teams der DB-Sicherheit, die rund um die Uhr patrouillieren. Dortmund gehört neben Duisburg und Düsseldorf zu den NRW-Bahnhöfen, die 2026 vom verstärkten Sicherheitspersonal profitieren. Die 2024 abgeschlossene Modernisierung der Bahnsteige und der rund vier Meter verbreiterten Personenunterführung habe zudem für mehr Licht und ein „verbessertes Sicherheitsempfinden“ gesorgt, so die DB.
Was Reisende tatsächlich empfinden
Zwischen Statistik und offiziellen Einordnungen bleibt vor allem ein Eindruck bestehen: der eigene, ganz persönliche. Eine 28-jährige Pendlerin, die am Abend von der Arbeit in Wuppertal nach Dortmund fährt, erzählt, dass sie sich am Hauptbahnhof besonders nachts in der kalten Jahreszeit unwohl fühle. An dunklen Winterabenden lässt sie sich deshalb vom Freund abholen.Besonders unangenehm sei ihr der Bereich vor dem Ausgang Richtung Nordstadt aufgrund der nicht zufriedenstellenden Beleuchtung sowie der Drogen- und Obdachlosenszene.
Ein 55-jähriger Pendler sieht das gelassener: Der Bahnhof habe schon deutlich schlechtere Zeiten erlebt. Die Modernisierung habe optisch viel verbessert. Dass Dortmunds Hauptbahnhof seit Jahren als Problemzone gelte, sei für ihn nichts Neues, daran habe er sich gewöhnt.
Ein 26-jähriger Student, der täglich zwischen Witten und Dortmund pendelt, wünsche sich einen einladenden und sauberen Vorplatz und Nordausgang. Seine Begründung: dieser Bereich präge den ersten Eindruck der Stadt.
Zahlen und ihre Bedeutung
Die wiederkehrende Spitzenposition Dortmunds in der bundesweiten Statistik ist real, aber ihre Bedeutung hängt davon ab, wie man sie liest. Für Kriminologe Tim Lukas ist der Hauptbahnhof weniger ein Ort besonderer Gefährlichkeit als ein Ort, an dem gesellschaftliche Probleme wie Armut, Sucht oder Obdachlosigkeit besonders sichtbar werden.
Die Stadt, Bundes- und Landespolizei sowie DB verweisen übereinstimmend auf hohe Frequenz und intensive Kontrolle als Erklärung für die Zahlen. Aber auch auf ein Sicherheitsgefühl das sich, wie Lukas betont, kaum durch Statistik allein beeinflussen lässt. Wie die befragten Bewohnerinnen und Bewohner die Zahlen und das Sicherheitsgefühl interpretieren, werden die Ergebnisse der repräsentativen Umfrage der Stadt Dortmund zeigen. Diese werden in den Masterplan „Kommunale Sicherheit 2.0“ einfließen und dem Stadtrat in der Oktober oder November Sitzung vorgelegt, so ein Pressesprecher. Daraus soll ein Strategieplan mit Handlungsfeldern und Einzelmaßnahmen entstehen.
Beitragsbild: Deutsche Bahn AG/Michael Neuhaus