„Eine wirklich sinnvolle Arbeit”

Prof. Dr. Henrik Müller wechselte vom Manager Magazin an die TU Dortmund und spricht im Interview über die Herausforderungen des Wirtschaftsjournalismus und warum guter Journalismus eine höfliche Form von Respektlosigkeit braucht.

Professor Müller, wann und wie kam es zur Gründung des Studiengangs Wirtschaftspolitischer Journalismus?

Der Studiengang wurde 2013 gegründet. Den Anstoß gab eine Ausschreibung eines Freundeskreises aus wohlhabenden Bürgern, die im Zuge der Finanzkrise von 2008 den Wirtschaftsjournalismus verbessern wollten – durch fachlich besser ausgebildete Journalistinnen und Journalisten. Daraus entstanden der Bachelor-Studiengang Wirtschaftspolitischer Journalismus und der Master-Studiengang Economics und Journalismus.

Sie waren damals noch stellvertretender Chefredakteur beim Manager Magazin. Was hat für Sie den Ausschlag gegeben, an die Uni zu wechseln?

Ich war Mitte 40 und hatte das Gefühl, ich könnte mal etwas anderes machen. Das lag unter anderem daran, dass die Karrieremöglichkeiten in einer relativ kleinen Redaktion wie der des Manager Magazins begrenzt waren. Zu der Zeit hatte ich Pläne für ein englischsprachiges europäisches Magazin. Aber ich habe keine Geldgeber dafür gefunden. Mein Vorhaben hat also leider nicht geklappt. Zu jener Zeit kam eine E-Mail von Frank Lobigs auf meinen Rechner mit der Ausschreibung für meine jetzige Stelle. Sie suchten jemanden, der Volkswirtschaft studiert hatte, idealerweise promoviert, mit viel praktischer Erfahrung, Führungserfahrung und so weiter.

Als ich das gelesen habe, dachte ich: Die suchen mich! Glücklicherweise war das dann auch so.

Sie sind also nicht in die Wissenschaft gegangen, weil Sie unbedingt die nächste Generation von Wirtschaftsjournalisten ausbilden wollten?

Nein, ich hatte mir darüber früher nie Gedanken gemacht. Aber als ich dann hierher kam, fiel mir schnell auf: Das ist wirklich sinnvolle Arbeit. Und ich habe auch ziemlich schnell festgestellt, dass es mir Spaß macht, und das bis heute.

Warum gibt es den Studiengang bisher nur an der TU Dortmund und nicht auch an anderen Universitäten?

Ich bin ehrlich gesagt ganz froh darüber, denn wir bilden für einen Arbeitsmarkt aus, der begrenzt ist. Die Wirtschaftsmedien haben in Deutschland in den letzten Jahren stark gelitten. Es gibt vergleichbare Ausbildungsstätten, insbesondere die Kölner Journalistenschule, die ein kombiniertes Programm mit Sozialwissenschaften anbietet. Wir sind hier etwas mehr „Hardcore”, was den Wirtschaftsteil angeht. Klar, es gibt auch noch die Holzbrinck-Schule, die für Handelsblatt, Zeit und andere ausbilden, aber auf einer anderen Stufe des Werdegangs ansetzen – deren Volontäre haben in der Regel schon einen Master abgeschlossen.

Wir versuchen hier, angehende Journalistinnen und Journalisten direkt in den Beruf hineinzusozialisieren. In das Denken in wirtschaftlichen Kategorien, in Effizienz, Zielkonflikte und Abwägungen. Das halte ich für sehr wertvoll, gerade um dem Trend zur totalen Simplifizierung und Polarisierung entgegenzuwirken.

Was ist der Unterschied zu einer Journalistenschule?

Seit Oktober 2013 leitet Prof. Dr. Henrik Müller den neu geschaffenen Lehrstuhl für Wirtschaftspolitischen Journalismus an der TU Dortmund – er wechselte damals aus seiner Position als stellvertretender Chefredakteur beim manager magazin an die Universität.
Henrik Müller lehrt Wirtschaftspolitischen Journalismus am IJ. Foto: Leon Kügeler

Unser Ziel ist die Verzahnung von tiefer Sachkenntnis und journalistischem Handwerk. An Journalistenschulen schließen Sie typischerweise erst ein Studium ab und besuchen dann die Schule – dazwischen gibt es keine inhaltliche Verbindung. Das habe ich selbst so erlebt: Ich habe Volkswirtschaft studiert und war an der Deutschen Journalistenschule in München, aber dazwischen gab es keinerlei Verknüpfungen. Als ich dann in den Beruf kam, musste ich mir alles selbst beibringen. Das hat Zeit gekostet. Zeit, die Sie heute nicht mehr bekommen.

Heute müssen Sie vom ersten Tag an performen. Diesem neuen Anspruch versuchen wir Rechnung zu tragen, indem wir die Brücke zwischen dem wirtschaftswissenschaftlichen und dem journalistisch-praktischen Studienanteil direkt herstellen, insbesondere im vierten und fünften Semester im Modul „Themenfelder der wirtschaftspolitischen Berichterstattung“; ich nenne das TheBe.

Was macht wirtschaftspolitischen Journalismus so besonders und warum ist er so notwendig?

Er ist besonders, weil sein Blickwinkel auf die gesellschaftliche Realität geprägt ist durch Zielkonflikte und Abwägungen. Ökonomen nennen das „Trade-offs”, und diese spielen in der öffentlichen Debatte oft keine ausreichende Rolle. Es gibt nicht unbedingt Eindeutigkeit und Klarheit, kein sondern viele Grauschattierungen.

Das ist schwierig – für die Journalisten selbst, aber auch fürs Publikum. Ich halte es übrigens nicht für die Aufgabe des Journalismus, immer ein fertiges Ergebnis auf so eine Abwägung zu geben. Es geht vielmehr darum, Argumente und Aspekte in die öffentliche Debatte einzubringen, für die es sonst keinen Raum gibt. Das gilt für Fragen der Effizienz genauso wie für Fragen der Stabilität.

Zum Beispiel wissen wir spätestens seit 2008, dass entwickelte Kapitalmärkte nicht inhärent stabil sind. Wenn wir es nicht schaffen, wieder auf einen vernünftigen Wachstumspfad zurückzukehren, und damit meine ich nicht das, was oft als „Wachstumsfetischismus” diffamiert wird, sondern ein bis anderthalb Prozent Wachstum im Jahr und das langfristig, dann bleiben viele große Probleme ungelöst: Verteidigungsfähigkeit, demografischer Wandel und mehr. Um diese Aspekte wieder in die Öffentlichkeit zu bekommen, braucht es gut ausgebildete Wirtschaftsjournalisten, die solche Themen auf die Agenda setzen. Die Politik tut das typischerweise nicht. Sie denkt kurzfristig. Und übrigens große Teile der Wirtschaft auch.

 

Sie kritisieren die wirtschaftspolitische Berichterstattung oft. Was müsste sich ändern?

Tja, ich hoffe, dass unsere Absolventinnen und Absolventen das besser machen. Ideal ist aus meiner Sicht die Verbindung aus makroökonomischer Vogelperspektive mit Geschichten, die „on the ground” spielen – also dort, wo Menschen die Auswirkungen von Entwicklungen am eigenen Leib spürt. Reporter müssen auch dorthin gehen, wo es wehtut. Es geht darum, weder auf der Meta-Ebene zu verharren noch sich im reinen Human-Interest-Einzelfall zu verlieren, sondern den Konnex herzustellen:

Wie fühlt es sich vor Ort an und was bedeutet das für uns als Gesellschaft? Wo bewegen wir uns hin und ab wann wird das problematisch? Kurz gesagt: Journalismus sollte analytischer, investigativer, vorausschauender, besser werden.

Ich glaube, viele Menschen wählen populistische Parteien auch deshalb, weil sie den langen Zeithorizont verloren haben. In einer Umfrage sagten zuletzt nur 14 Prozent der Deutschen, dass es der nächsten Generation mal besser gehen wird. Das ist nicht der Geist, der uns in eine gute Zukunft trägt.

Es gibt jetzt einen neuen englischsprachigen Master-Studiengang. Was hat sich geändert?

Ab Herbst bieten wir das Profil Economics and Journalism für externe Studierende mit einem volkswirtschaftsnahen Bachelor ausschließlich auf Englisch an. Das Ziel ist, internationale, aber auch deutsche Studierende anzusprechen, die sich einerseits in den Wirtschaftswissenschaften weiter spezialisieren wollen und gleichzeitig eine journalistische Grundausbildung erhalten. Es wird ein TheBe-Seminar auf Englisch geben und eine Art Lehrredaktion, wobei wir für Letzteres noch Lehrbeauftragte suchen.

Ich bin gespannt, wie das wird. Ich sehe einen großen Bedarf, weil englischsprachige Wirtschaftsmedien weltweit an Bedeutung gewinnen. Außerdem ist das Programm interessant für Studierende aus Schwellenländern – aus Asien, Afrika, Lateinamerika. In Autokratien gehören Wirtschaftsmedien tendenziell zu den unabhängigsten journalistischen Produkten, weil auch dort die Wirtschaft auf verlässliche Informationen angewiesen ist.

Wenn ich idealistisch denke, könnten Absolventen zurück in ihre Heimatländer gehen, dort die Berichterstattung verbessern und damit vielleicht sogar zur Liberalisierung autokratischer Systeme beitragen. We’ll see. Es kommt sehr darauf an, wer bei uns studieren wird und was die Absolventen daraus machen wollen.

Und das Volontariat gibt es beim englischsprachigen Master nicht?

Nein, das Volontariat gibt es nur im deutschsprachigen Raum, ähnlich wie eine Lehre. In anderen Ländern läuft der typische Einstieg in den Journalismus anders: über eine spezialisierte Ausbildung und dann einen Traineeship bei einem Medium, vielleicht ein Jahr. Das bieten wir nicht an, aber ich bemühe mich, Praktika zu vermitteln. Dafür knüpfe ich seit Monaten Kontakte zu englischsprachigen Medien wie Bloomberg und Reuters. Es ist natürlich auch möglich, dass Studierende aus nicht-englischsprachigen Ländern zu Medien in ihren Herkunftsländern gehen, ob das nun eine indische Zeitung, ein frankofones afrikanisches Medium oder das Handelsblatt ist.

Das Volontariat ist ja ein besonderes Merkmal des Studiums. Wie läuft die Vermittlung aktuell?

Das Volontariat mitvermitteln zu können ist tatsächlich eines der Alleinstellungsmerkmale dieses Studiengangs. In diesem Jahr haben wir allerdings eine besondere Situation: Wir haben einen vergleichsweise großen Volontärsjahrgang und gleichzeitig sparen viele Redaktionen. Das ist schon bitter, muss man sagen. Es betrifft nicht nur lokale Medien, sondern es geht im Moment durch die Bank: privates Fernsehen, Regionalzeitungen, aber auch Wirtschaftsblätter sind auf Sparkurs. Das macht die Vermittlung schwieriger als sonst. Deswegen habe ich mich in den letzten Monaten intensiv darum bemüht, zusätzliche Volontariatsplätze einzuwerben. Das war sogar ziemlich erfolgreich, was mich wirklich freut.

Neu dabei ist zum Beispiel die Börsenzeitung, mit der wir bisher überhaupt keinen Kontakt hatten und die jetzt bereit ist, zwei Volontäre zu nehmen. Auch das Redaktionsnetzwerk Deutschland ist neu hinzugekommen. RTL und NTV, die zunächst zögerlich waren, sind nun doch dabei. Ähnliches gilt für den SWR und den Hessischen Rundfunk. Mir macht der Kontakt in die Praxis tatsächlich Spaß. Vorgestern war ich eigentlich wegen eines Forschungsprojekts in Frankfurt, habe die Zeit aber genutzt, um Redaktionsbesuche zu machen: beim Hessischen Rundfunk, bei der Börsenzeitung, Gespräche mit Redaktionsleitern und Chefredakteuren. Und Montagmorgen war ich noch zum Frühstück bei der EZB.

Auch das „Wirtschaftsmacher”-Seminar ist sehr besonders im WiPoJo-Studiengang. Was steckt dahinter?

Das Besondere ist, dass wir gezielt Persönlichkeiten in Leitungsfunktionen einladen. Leute, die hierarchisch weit von den Studierenden entfernt sind in ihrer Biografie. Ich hoffe, dass das bei den Studis etwas auslöst: Wie denken die Persönlichkeiten? Wie sehen sie die Zukunft der Branche? Ich hoffe auch, dass es Schwellenängste bei den Studierenden abbaut. Dass man lernt, auch auf Augenhöhe mit Menschen aus anderen Hierarchiestufen zu reden. Das gehört zum Journalismus dazu: eine höfliche Form von Respektlosigkeit.

Was macht den permanenten Austausch mit Redaktionen so wertvoll für den Studiengang?

Was uns als Institut insgesamt auszeichnet, ist ein ständiges Ping-Pong-Spiel mit der medienökonomischen Realität. Ddas unterscheidet uns insbesondere von rein kommunikationswissenschaftlichen Studiengängen. Diese Verankerung in der gegenwärtigen Wirklichkeit, das Ausprobieren in den Praktika und später im Volontariat hält uns als IJ-Kollegium auf Trapp. Wir erfahren, was die Leute können müssen. Nicht nur jetzt, sondern in zehn Jahren. Was müssen wir ihnen beibringen? Worauf können wir vielleicht verzichten?

Warum entscheiden sich bisher so wenige für den Studiengang?

Es gibt drei Gründe. Erstens hat der Wirtschaftsmediensektor seit der Dotcom-Blase und erst recht seit der Finanzkrise stark gelitten. Viele Anlegerblätter sind verschwunden. Ich denke, das Bild, das wirtschaftsinteressierte Leute von dem Sektor im Kopf haben, sieht in etwa so aus: schwieriger Markt, schwer den Lebensstandard zu sichern. Das spielt bei wirtschaftsaffinen Studieninteressierten eine größere Rolle als im sonstigen Journalismus.

Zweitens hatten Wirtschaftsthemen bis nach der Corona-Krise keine große öffentliche Bedeutung. Vorher dominierten Klimafragen, während der Pandemie Wissenschafts- und Gesundheitsthemen. Jetzt ist Wirtschaft wieder „center stage”. Wachstum, Inflation, Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung. Das spüren wir auch bei den Bewerberzahlen.

Drittens, und das ist glaube ich ein Gen-Z-Ding, muss man in diesem Studium durch ein paar harte Semester. Es ist nicht alles „Fun”. Dafür haben Sie hinterher aber auch ein stabiles Wissensfundament.

Wie wird sich der Studiengang entwickeln, wenn Sie irgendwann in Rente gehen?

Das liegt hoffentlich noch in weiter Ferne, und ich würde, wenn ich dürfte, gerne länger arbeiten als bis 67. Aber zu Ihrer Frage: Wir werden sehen, wie die Gesamtsituation in, sagen wir, zehn Jahren ist. Das ist schwer vorherzusagen. Wie groß werden die Bewerberzahlen sein? Was geben die Uni-Budgets her? Aktuell freue ich mich sehr auf den internationalen Master-Studiengang. Das ist Neuland, mit ganz anderen Studierenden und ganz anderen Perspektiven. Dieses Programm ist mein wichtigstes Projekt für die nächsten Jahre.

Beitragsbild: Markus Spiske auf Unsplash

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