
Ein Hauptbahnhof prägt den ersten Eindruck einer Stadt. Deshalb hat Dortmund viel Geld in Renovierung, Sauberkeit und Sicherheit investiert. Eigentlich müsste der Hauptbahnhof damit eine gute Visitenkarte der Stadt sein. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung bleibt er eines: ein Problemort.
735 Gewaltdelikte, Platz zwei bundesweit, so viele wie im Vorjahr. Die Stadt Dortmund hat gebaut, die Behörden arbeiten zusammen, in videobeobachteten Bereichen sind Eigentums- und Betäubungsmitteldelikte zurückgegangen. Das ist gut. Aber es reicht nicht.
Das Problem am Hauptbahnhof ist kein Sicherheitsproblem, das man mit Kameras und Wandbildern löst. Es ist ein soziales Problem, das an der falschen Stelle behandelt wird.
Wer den Nordausgang an einem Winterabend verlässt, weiß, wovon die Rede ist. Nachts, wenn die letzten Züge abgefahren sind, sitzen und liegen Menschen auf dem Vorplatz. Offener Drogenkonsum, Auseinandersetzungen, Betteln. Der Bereich ist dunkel, es stinkt nach Urin, und die Beleuchtung reicht nicht aus, um den Eindruck zu haben, hier hält man sich gerne auf . Eine Pendlerin ruft abends ihren Freund an, damit er sie abholt, statt selbst den Weg nach Hause zu laufen. Das ist keine Übertreibung. Das ist die Antwort auf einen Ort, an dem die Stadt noch nicht den optimalen Lösungsansatz gefunden hat.
Es braucht Mut für Veränderungen
Die Stadt Dortmund sollte sich stattdessen neue und mutige Lösungen überlegen. Ein erster Ansatz könnte „Housing First“ sein. Das Konzept stammt aus den USA: Dabei wird obdachlosen Menschen eine unbefristete eigene Wohnung vermittelt, ohne Bedingungen oder Vorleistungen. In Wien, Amsterdam und Helsinki funktioniert es. Die Rückfallquoten in die Obdachlosigkeit sinken, die Kosten für die Notaufnahme fallen. Oft scheitert der Ansatz am Wohnungsmarkt, weil es nicht genug bezahlbare Wohnungen gibt. Aus diesem Grund braucht es in Dortmund viel mehr als nur die Vermittlung – den politischen Willen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Verdrängung – ob durch Streifen, Büschenschnitt oder ein neues Wandbild – verlagert das Problem. Sie löst es nicht.
Ein weiterer Ansatz ist das „Zürcher Modell“. Dabei geht es darum, eine offene Drogenszene nicht ständig von einem Ort zum nächsten zu vertreiben, sondern diese stärker zu bündeln und zu kontrollieren. Es bringt nichts, solch eine Szene von einem öffentlichen Platz in Hinterhöfe und Unterführungen zu verdrängen. Das Problem wird nur größer und es breitet sich aus. Gefährlich für die Betroffenen und „unsichtbar“ für die Bürgerinnen und Bürger. Polizei, Sozialarbeit und Suchthilfe können durch einen geregelten Umgang die Szene besser erreichen und beobachten. Es braucht Mut, neue Lösungsansätze auszuprobieren.
Zwischen Wunschvorstellung und Realität
Trotz Modernisierungsarbeiten und Investitionen in den Dortmunder Hauptbahnhof bleibt der schlechte Ruf. Genau darin zeigt sich die Grenze der bisherigen Maßnahmen. Denn es sollte einem klar werden: ein Ort wird nicht allein durch Videoüberwachung angenehm. Kameras können Straftaten aufzeichnen und bei der Suche nach Tätern helfen. Sie können aber keinen Uringeruch, keine lautstarken Auseinandersetzungen und keine aufdringlichen Ansprachen verändern. Eine verstärkte Polizeipräsenz oder ein videoüberwachter Bereich, gibt den Passantinnen und Passanten nicht automatisch ein sicheres Gefühl. Ganz im Gegenteil.
Das Sicherheitsgefühl hängt nicht nur von der Zahl der Straftaten ab. Es hängt auch davon ab, wie ein Ort aussieht. Ist es sauber, hell und wirkt es übersichtlich? Auch aus eigenem Empfinden kann ich sagen, dass der Dortmunder Hauptbahnhof auf diese Frage nicht immer einen positiven Eindruck hinterlässt. Zusätzlich können sichtbare Armut, offener Drogenkonsum und Menschen, die sich offensichtlich in einer Notlage befinden, Unsicherheiten auslösen. Es muss nicht direkt heißen, dass auch von diesen Menschen aus eine Gefahr ausgeht. Trotzdem prägen solche Situationen die Wahrnehmung des Bahnhofs.
Der Dortmunder Hauptbahnhof ist weder nur Problemort noch eine überzeugende Visitenkarte. Er ist ein Verkehrsknotenpunkt, in dem viel investiert wurde. Gleichzeitig zeigt er deutlich, wo Kontrolle, Stadtgestaltung und gute Absichten an ihre Grenzen kommen. Ein Ort wird sicher, wenn Menschen einen Grund haben, sich dort freiwillig aufzuhalten. Eine weitere Überwachungskamera wird diesen Widerspruch nicht lösen.
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