Wenn die WM auf das Vereinsheim trifft: Boom oder Belastungsprobe?

Kinder kopieren Stars, Erwachsene schauen gemeinsam Spiele: Die WM erreicht den Amateurfußball, aber was bleibt nach dem Abpfiff?

Am Tag danach hängen die Wimpel noch im Vereinsheim des SV Körne: Schwarz, Rot, Gold über der Theke, darunter leere Gläser. Im Kühlschrank steht noch die Kräuterbutter vom Vorabend. An der Theke wird gegrüßt, gefragt und gelacht. Deutschland ist in der Nacht zuvor vom 29.  auf den 30. Juni 2026 bei der Männer-WM im Sechzehntelfinale gegen Paraguay ausgeschieden.

Draußen beginnt währenddessen das Training. Kinder rennen über den Rasen, Bälle rollen von Fuß zu Fuß. Ein Vater ruft: „Du musst schneller hinterherlaufen!“ Ein Junge im Wirtz-Trikot bleibt kurz stehen, schaut sich um und jagt dann wieder dem Ball hinterher. Der Vereinsalltag geht weiter – auch wenn das Deutschlandspiel vom Vorabend noch in Gesprächen, Wimpeln und der Kräuterbutter im Kühlschrank präsent ist.

Genau hier, mitten im Amateurfußball, stellt sich die Frage, was von einer Weltmeisterschaft übrigbleibt. Wenn eine WM läuft, reden plötzlich Menschen über Fußball, die sonst höchstens am Wochenende Ergebnisse mitbekommen. Public Viewings werden zu Treffpunkten, Kinder tragen Trikots ihrer Idole. Doch was bedeutet dieses WM-Fieber für die Vereine, in denen Fußball nicht auf der großen Bühne stattfindet, sondern auf den Plätzen in den Stadtteilen?

Wo der Ball auch nach dem WM-Aus weiterrollt

In Deutschland spielen 2026 nach Angaben des DFB fast 2,4 Millionen Frauen, Männer und Kinder Fußball in Vereinen. Insgesamt gibt es fast 24.000 Fußballvereine und über 140.000 Mannschaften. Der Amateurfußball ist damit die Basis eines Sports, der bei Weltmeisterschaften Millionen vor die Bildschirme zieht. Aber der Weg vom Jubel vor dem Fernseher zur Anmeldung im Verein ist nicht automatisch vorgezeichnet.

Für die Hoffnung, dass große Turniere Menschen in die Vereine bringen, gibt es in der Sportökonomie einen Begriff: Trickle-Down-Effekt. Gemeint ist damit, dass die Begeisterung und der Erfolg von der großen Bühne des Profifußballs in die Breite weiterwirken sollen – bis hin zu lokalen Vereinen und ihren Mitgliedern. „Erfolge von Spitzensportlern inspirieren andere Menschen, sich in der gleichen Sportart zu engagieren“, sagt Sportökonom Professor Bernd Frick von der Universität Paderborn.

Doch die Wirkung solcher Effekte sei begrenzt. Begeisterung könne anstecken, aber sie sei nicht automatisch von Dauer. Schon der Tennisboom nach den Erfolgen von Boris Becker und Steffi Graf habe gezeigt, wie schnell ein solcher Aufschwung wieder abflauen kann, so Frick.

Dass sportlicher Erfolg trotzdem messbare Spuren hinterlassen kann, zeigt eine Studie, die Bernd Frick gemeinsam mit Pamela Wicker geleitet hat: Nach WM-Titeln der deutschen Männer-Nationalmannschaft steigen die Mitgliedszahlen im Amateurfußball im Folgejahr im Schnitt um gut 106.000 Mitglieder. Auch die Zahl der Vereine und Mannschaften nahm nach solchen Erfolgen statistisch signifikant zu.

Der Erfolg allein erklärt diesen Aufschwung aber nicht vollständig. Auch im Fußball komme es nicht nur darauf an, dass eine WM stattfindet, sondern wie die Nationalmannschaft wahrgenommen wird. Im Gegensatz zur Finalteilnahme der Deutschen 2002 habe der dritte Platz bei der WM 2006 einen Boom ausgelöst. „Das hing zum einen vom Erfolg der Nationalmannschaft ab, aber zum anderen auch davon, wie sympathisch diese Mannschaft rüberkam“, sagt Frick.

Auch der Charakter eines Turniers kann die Stimmung prägen. Die WM 2026 fand weit entfernt statt, viele Spiele begannen wegen der Zeitverschiebung spätabends oder nachts. „Diese Anstoßzeiten sind verrückt, Da war natürlich beispielsweise die Heim-EM vor zwei Jahren mehr Magnet“, beobachtet der Vorsitzende des SV Körne Tim Exner.

Über den Verein SV Körne 83
Das Logo des SV Körne 83
SV Körne 83

Ort: Dortmund-Körne

Erster Vorsitzender: Tim Exner

Anzahl der Mannschaften: 18 Mannschaften, von G-Jugend bis Alte Herren

Gründungsjahr: 1983

Aktuelle Mitgliederzahl: 500

Große Turniere können also emotionale und auch ökonomische Impulse geben. Ob daraus im Verein mehr wird als ein kurzer Begeisterungsmoment, zeigt sich aber erst vor Ort – zum Beispiel beim SV Körne.

Wo die WM zum Vereinsabend wird

Der Verein im Osten Dortmunds hat Kinder-, Jugend- und Herren-Mannschaften. Laut Tim Exner spielen große Turniere durchaus eine wichtige Rolle im Vereinsleben: „Wir probieren durch diese Spiele, die Gemeinschaft zu fördern“, sagt Exner. Im Vereinsheim werden Spiele gemeinsam geschaut. „Bei diesem Gucken führst du einfach andere Gespräche als in einem normalen Vereinsalltag“, so Exner. „Das schweißt mehr zusammen.“ Es gehe dann nicht um organisatorische Probleme, Spieltage oder Pflichten. Man flachse über das Spiel, diskutiere über Szenen und rege sich gemeinsam auf.

Beim SV Körne kommt hinzu, dass der Verein vielfältig ist. Viele Mitglieder hätten unterschiedliche Nationalitäten oder familiäre Bezüge zu anderen Ländern. In der Bundesliga seien viele im Verein für Borussia Dortmund, sagt Exner. Bei einer WM sei das anders. Da gebe es andere Sympathien, andere Rivalitäten und andere Gespräche. Die WM verändert beim SV Körne nicht unbedingt die Zahl der Menschen auf dem Platz – aber die Themen, über die sie sprechen.

Idole, Trikots, Tricks

Auf dem Trainingsplatz zeigt sich das WM-Fieber vor allem bei den Jugendlichen. Yassir Bouzerda trainiert die 15- und 16-Jährigen. Während einer WM sei das Interesse besonders groß: „Sie schauen sich viele Spiele an, lesen auch im Internet viel und haben dann viel mehr Informationen als Kleinere“, sagt er. In der WhatsApp-Gruppe werde über Spiele, Spieler und Szenen diskutiert. Manche Jugendlichen schauten sich Profis an und sagten: „Ich möchte auch so spielen.“

Auch Michael Kallweit, Trainer der G-Jugend, beobachtet das. Bei den Kleinsten fallen während einer WM Namen wie Messi oder Ronaldo, manchmal kommt ein neues Trikot dazu. „Die Kleinen versuchen natürlich, dem nachzueifern“, sagt Kallweit. Sie wollten Tricks nachmachen, obwohl es in diesem Alter eigentlich erst um Grundlagen gehe.

Sportökonom Professor Jörg Königstorfer von der Technischen Universität München erklärt, warum gerade Kinder und Jugendliche empfänglich dafür sind: Sie seien „in der Phase, in der sie Rollenmodelle suchen“. Ein Trick, ein Tor oder ein bestimmter Spieler könne mehr Freude am Sport auslösen. „Das kann dazu führen, dass man in den Sportverein reinschnuppert.“

Auch Königstorfer betont: „Der Effekt kommt selten durch die vier Wochen allein.“ Entscheidend sei, was nach dem Turnier folge: Schnupperangebote, Kooperationen mit Schulen oder Kitas und gute Trainerinnen und Trainer. „Das Event ist die Plattform – auf die Maßnahmen danach kommt es an.“

Die Verantwortung liege dabei nicht allein bei den Vereinen. Königstorfer nennt auch die Kitas, Schulen, Universitäten sowie die Sport- und Stadtentwicklungsplanung als wichtige Akteure. Vereine bräuchten nutzbare Infrastruktur, um neue Interessierte aufnehmen zu können. Dafür müsse das Thema mit „Inhalt und finanziellen Mitteln“ gefüllt werden – insbesondere bei Heim-Turnieren.

Wenn sich das WM-Fieber selbst organisiert

Bei der ASG Uni Bonn beginnt das WM-Fieber nicht im Vereinsheim, sondern auf dem Handy. In der Mannschaftsgruppe fragt Dominik Kruppa, Kapitän der ersten Mannschaft, wer Lust hat, gemeinsam ein Spiel zu schauen. Das Eröffnungsspiel läuft bei ihm zu Hause, andere Partien schauen Mitspieler zusammen in der Altstadt. Kein offizielles Vereinsprojekt, eher eine Nachricht im Chat und ein paar Spieler, die zusammenkommen.

Das passt zur Struktur des Vereins: Die ASG Uni Bonn hat keinen Kinder- und Jugendbereich. Die Spieler sind erwachsen, viele studieren und organisieren sich selbst. Einen Effekt auf die Mitgliederzahlen beobachtet Maxim Janzen, Vorsitzender des Vorstands, daher nicht. „Bei uns sind die Anfragen sehr stabil und höchstens saisonalen Schwankungen unterworfen.“

Über den Verein ASG Uni Bonn e.V.
Das Logo der ASG Uni Bonn
ASG Uni Bonn

Ort: Bonn-Buschdorf

Erster Vorsitzender: Maxim Janzen

Anzahl der Mannschaften: 3 Senioren-Herrenmannschaften, Kleinfeld-Betriebssport Mannschaft, 3 Volleyball-Mannschaften

Gründungsjahr: 1970

Aktuelle Mitgliederzahl: 250

Für Dominik Kruppa verändert die WM vor allem die Gespräche im Team. Während der Saison gehe es oft um Dortmund, Bayern oder Schalke. Bei einer WM verschiebe sich das. „Es entwickelt sich von einem Konkurrenzdenken zu einem Miteinander“, sagt Kruppa. Viele wünschten sich gemeinsam den Erfolg der deutschen Mannschaft. Und wenn Deutschland ausscheide, könne man auch gemeinsam trauern.

Für Kruppa sind Abende, an denen sie zusammen Fußball schauen, wichtig, weil sie ein gemeinsames Gesprächsthema schaffen. „Man kann zusammen ein Bierchen trinken, miteinander lachen“, sagt er. „Bei uns im bestehenden Verein merke ich den Einfluss im Zusammenkommen, in den Gesprächen.“ Neue Spieler bringt die WM aus seiner Sicht nicht. Sie kämen eher zum Semesterstart oder über Freunde.

Auch Sportökonom Jörg Königstorfer sieht den Einfluss großer Turniere auf Erwachsene eher begrenzt. „Als Erwachsener weiß man in der Regel, was einem gefällt und was nicht“, sagt er. Arbeit, Familie, andere Hobbys und begrenzte Zeit machten es unwahrscheinlich, dass eine WM allein Menschen dauerhaft zurück in den Verein bringt. Einzelne Rückkehrer könne es geben, ein breiter Effekt sei aber nicht zu erwarten.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Erwachsene von einer WM unberührt bleiben. Kruppa schaut bei Profis vor allem auf Situationen, die sich im Mannschaftsalltag übertragen lassen. Beim Elfmeterschießen etwa ist ihm aufgefallen, dass Mitspieler einen Schützen nach einem Fehlschuss nicht alleine zur Mittellinie zurücklaufen lassen, sondern ihn begleiten. Als Kapitän würde er das auch in seiner Mannschaft übernehmen, sagt Kruppa: „Um den Zusammenhalt und die Unterstützung zu zeigen.“ Taktische Abläufe aus dem Profifußball ließen sich auf Kreisliga-Niveau kaum direkt übertragen – „softe Aspekte wie Führung und Verhaltensmuster auf dem Platz“ aber schon.

Warum ein Boom auch Arbeit bedeutet

Aus Begeisterung wird nicht automatisch Wirkung. Im Amateurfußball trifft der Hype oft auf praktische Grenzen. Bernd Frick sieht genau dort die größte Herausforderung. Wenn nach einem Turnier plötzlich mehr Kinder kommen, ist das für einen Verein nicht nur erfreulich.

Denn die brauchen nicht nur mehr Bälle und Trikots, sondern Trainerinnen und Trainer, Platzzeiten und Menschen, die Spieltage organisieren. Hier stoßen die Vereine irgendwann an Grenzen. Wenn etwa zusätzlich eine neue D-Jugend entsteht, müssten Plätze belegt und weitere Ehrenamtliche gefunden werden. Insgesamt sei der Bedarf an Ehrenamtlichen in den letzten Jahren gestiegen, die Bereitschaft zum Engagement aber nicht in gleichen Maßen. Ein weiterer Aspekt kommt laut Frick hinzu: „Die Mittel der Kommunen sind arg strapaziert.“ Bürgermeisterinnen und Bürgermeister müssten genau abwägen, wofür sie Geld bereitstellen können. Entscheidend sei dennoch, ob Vereine die Begeisterung aktiv aufgreifen. Sonst verpuffe der WM-Effekt schnell, sagt Frick.

Für Vereine bedeutet das: Eine WM bringt keine neuen Mitglieder auf Knopfdruck. Sie kann aber ein Anlass sein: für Public Viewing, für Schnuppertrainings oder für Mannschaftsabende. Bei Jugendvereinen können Idole und Trikots ein Einstieg sein. Bei Herrenmannschaften werden Gemeinschaft, Teambuilding und die Erinnerung daran, warum man überhaupt Fußball spielt, gefördert.

Was vom WM-Fieber bleibt

Das WM-Fieber äußert sich nicht überall gleich. Manchmal ist es ein voller Vereinsabend, manchmal nur eine Nachricht in der Mannschaftsgruppe. Entscheidend ist, ob jemand da ist, der die Begeisterung auffängt.

Denn Begeisterung allein reicht nicht. Sie braucht Orte, Angebote und Menschen, die sie auffangen. Beim SV Körne sind das Trainer, Jugendleiter, Eltern und ein Vereinsheim. Bei der ASG Uni Bonn sind es Spieler wie Dominik Kruppa, die in die Mannschaftsgruppe schreiben und fragen, wer Lust hat, gemeinsam Fußball zu schauen.

Am Ende des Trainingsabends beim SV Körne laufen die Kinder immer noch über den Platz. Deutschland ist ausgeschieden, aber der Ball rollt weiter. Draußen werden Tore abgebaut, Eltern sammeln Jacken ein, Trainer rufen letzte Anweisungen. Im Vereinsheim wird noch geredet, gegrüßt, aufgeräumt. Vielleicht kommt eines der Kinder wegen der WM zum Probetraining. Vielleicht bleibt es. Vielleicht auch nicht.

Beitragsbild: Pexels/Muhammad Jawadur Rahman

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