Doctolib, ein guter Partner in Sachen Gesundheit?

Auf dem Bild liegen ein Smartphone mit schwarzem Bildschirm und ein blau-graues Stethoskop auf einer weißen Unterfläche.

Doctolib ist für viele Patient*innen und Praxen längst Alltag. Die Plattform entlastet Sekretariate, vermittelt Termine – und sammelt dabei sensible Daten. Ist es das wert?

Ich betrete das Knappschaftskrankenhaus Dortmund-Brackel an einem Montagmittag. Mehrere Patient*innen stehen vor dem Eingang und rauchen, andere schnappen einfach Luft. Manche mit Krücken, andere im Rollstuhl. Niemand ist herausgeputzt. Die Patient*innen verbringen hier die Pausen zwischen ihren Behandlungen.

Mit 16 Fachabteilungen ist das Knappschaftskrankenhaus in Brackel ein Ort, an dem täglich unterschiedlichste medizinische Anliegen zusammenlaufen. Oft beginnt der Weg hierher nicht mehr übers Telefon, sondern über eine Online-Terminvereinbarung. Auch die Knappschaftskliniken Dortmund haben das verstanden und nutzen dafür Doctolib. Für Patient*innen eine Erleichterung: Konto einrichten, den Allgemeinen Geschäftsbedingungen zustimmen und los geht die Terminbuchung.

Dass viele Patient*innen den digitalen Weg nutzen, zeigen Zahlen des Digitalverbands Bitkom: In einer repräsentativen Befragung gaben 72 Prozent der 16- bis 29-Jährigen an, Arzttermine online zu vereinbaren.

Seit etwa einem Jahr nutzen die Knappschaftskliniken Dortmund an allen vier Standorten Doctolib. Möglich war das über eine Förderung: „Wir haben Doctolib im Rahmen des Krankenhauszukunftsgesetzes eingeführt. Über das Gesetz gab es eine Förderung“, erklärt Leo Rennebaum, Projektmanager bei den Knappschaftskliniken Dortmund.

Für die alltägliche Arbeit im Haus ist Doctolib vor allem eine Entlastung: „Die Patienten, die sich über Doctolib einloggen, die rufen natürlich nicht an. Das bedeutet auch viel weniger Anrufe im Sekretariat.“, erzählt Manuela Lehnert. Sie war eine der ersten, die die neue Anwendung in den Knappschaftskliniken Dortmund in der Praxis genutzt hat.

Wer trotzdem Termine per Telefon ausmachen möchte, kann das weiterhin tun: „Auch Oma Müller muss sich einen Termin machen können“, betont Lehnert. In der Orthopädie in Brackel saß Lehnert in der Pilotstation für Doctolib und koordinierte dort die Termine: „Technisch lief das super. Die Patienten haben das auch schnell angenommen“, sagt sie. So schnell, dass die Klinik mit dem Freischalten der Termine kaum hinterherkam.

Ganz einfach ist die Terminbuchung trotzdem nicht. „Ein Krankenhaus ist aufwendiger als eine Arztpraxis”, sagt Lehnert. Patient*innen müssen angeben, mit welchen Beschwerden sie kommen, ob etwa Hüfte oder Schulter betroffen sind, ob eine Überweisung oder Einweisung vorliegt. Für die Kliniken sind diese Angaben notwendig, um die Termine sinnvoll zu steuern. Für Patient*innen muss die Abfrage daher verständlich formuliert sein.

Es bedeutet aber auch: Noch bevor sie im Wartezimmer sitzen, fallen digitale Gesundheitsdaten an: Buche ich mich bei der Wirbelsäulensprechstunde ein oder bei der Hüft- und Kniesprechstunde? Solche Entscheidungen müssen Patient*innen bei der Terminvergabe treffen. Welche Terminarten zur Verfügung stehen hängt immer von der jeweiligen medizinischen Einrichtung ab.

Blick über die Schulter auf einen Desktop-Bildschirm. Auf dem Bildschirm ist die Benutzeroberfläche von Doctolib zu sehen. Auf dieser können manuell Termine bei Doctolib angelegt werden.
Manuela Lehnert koordiniert die Termine im Sekretariat der Orthopädie auch mit Doctolib. Foto: Amelie Borggrefe

Doctolib erhebt Suchdaten, das heißt konkret: warum jemand die medizinische Einrichtung besucht, was das Fachgebiet des Arztes*der Ärztin ist und wann zuletzt Termine gebucht wurden. „Personalisierte Dienste“ nennt sich das Ergebnis der Datenerfassung: Durch das Aktivieren können Patient*innen vergangene Termine einsehen, ihre medizinische Vorgeschichte auf der Plattform hinterlegen und „Termine einfacher vereinbaren und individuelle Gesundheitsempfehlungen erhalten“.

Als ich Doctolib öffne, werde ich darauf hingewiesen, dass mein Zahncheck anstehe. Ich bekomme also Empfehlungen für Untersuchungen. Doch brauche ich die digitale Erinnerung? Zum Zahnarzt gehe ich so oder so regelmäßig. Auf der anderen Seite kann mir eine Erinnerung mehr auch nicht schaden. Aber muss Doctolib wirklich wissen, wann mein Karies-Check überfällig ist und wie verarbeitet Doctolib diese Informationen über mich?

Datenschutz bei Doctolib

Ich mache mich auf die Suche nach möglichen Fallstricken und schaue mir zunächst an: Wie steht es um den Datenschutz bei Doctolib?

Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen sind eine Art vorgefertigter Vertrag, dem Nutzende zustimmen müssen, um Doctolib zu benutzen, erklärt mir Thilo Weichert aus Kiel im Zoom-Call. Der Jurist und ehemalige Grünen-Politiker beschäftigt sich seit Jahren mit Datenschutz im Gesundheitswesen und hat Doctolib wiederholt kritisiert: „Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen sind absolut unklar, nicht nachvollziehbar und nicht transparent für die Nutzer*innen. Insofern würde ich sagen, der Vertrag, der mit Doctolib abgeschlossen wird, ist nicht rechtskonform.“

Wer ist Thilo Weichert?
Poträt von Thilo Weichert. Er trägt einen grauen Pulli mit Reißverschluss. Darunter ein hellblaues Hemd. Er guckt ernst in die Kamera. Im Hintergrund ist ein Baum zu sehen
Foto: Thilo Weichert

Weichert kennt sich mit Datenschutz und Doctolib aus: Der Jurist ist unter anderem Teil des Vereins Datenschutzexpertise. Im Verein Digitalcourage ist er als Teil des Vorstandes zudem in der Jury für die BigBrotherAwards – einem Preis, der nach eigenen Angaben „Datensünder in Wirtschaft und Politik“ prämiert. 2021 war das in der Kategorie „Gesundheit“ Doctolib. Von 2004 bis 2015 war Weichert Datenschutzbeauftragter in Schleswig-Holstein. Von 1984 bis 1986 saß er für die Grünen im Baden-Württembergischen Landtag.

Weicherts Kritik setzt an einer Doppelrolle an: Doctolib ist einerseits Dienstleister für Praxen und Kliniken, andererseits eine Plattform, über die Patient*innen selbst Termine suchen und buchen.

Für medizinische Einrichtungen verwaltet Doctolib zumeist kostenpflichtig Termine. In diesem Verhältnis ist das Unternehmen nach Weicherts Einschätzung als sogenannter Auftragsverarbeiter eingebunden. Grundlage sind dann unter anderem die Datenschutzgrundverordnung und die ärztliche Schweigepflicht. Ärzte und Krankenhäuser dürften externe Dienstleister für den konkreten Zweck in Anspruch nehmen, um die Patientendaten zu verarbeiten, die dem Patientengeheimnis unterliegen.

Anders sieht es aus, wenn Patient*innen auf die Plattform gehen, um Termine zu vereinbaren. Dann trete Doctolib nicht nur als technischer Dienstleister, sondern auch als eigener Online-Dienst auf und würde möglichst viele Nutzerdaten sammeln. Genau darin sieht Weichert das Problem: „Aufgrund unserer Kritik wurde da ein bisschen nachgebessert, insbesondere in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Aber die Praxis ist weiterhin, dass Doctolib versucht, als Online-Dienst so viel Daten wie möglich zu erfassen, ohne der ärztlichen Schweigepflicht zu unterliegen.“

Während des Gesprächs denke ich darüber nach, wie achtlos ich selbst oft auf „Zustimmen” geklickt habe. Auch ich nutze Doctolib seit Jahren. Vor allem für Facharzttermine, die oft rar sind. Gerade deshalb drängt sich mir eine Frage auf: Was passiert mit meinen Daten, wenn ich die App benutze?

Die Datenkrake Doctolib?

Die Frage, wofür Doctolib Daten nutzt, taucht in der App ganz praktisch wieder auf: in den Einstellungen. Dort können Nutzer*innen der Verwendung bestimmter Gesundheitsdaten für sogenannte Serviceverbesserungen widersprechen. Dazu zählt Doctolib nach eigenen Angaben auch die Entwicklung von Funktionen auf Basis Künstlicher Intelligenz.

Doctolib formuliert es so: „Um Lösungen zu entwickeln, die noch besser auf Ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind, möchten wir Ihre Gesundheitsdaten und die Ihrer Angehörigen unter 18 Jahren verwenden, ohne dass Sie oder Ihre Angehörigen dabei für uns direkt identifizierbar sind.“ Begründet wird das durch Doctolib mit Forschungszwecken, der Verbesserung des eigenen Dienstes und dem Training von Künstlicher Intelligenz.

Thilo Weichert findet das schwierig: „Doctolib sagt, die Daten werden pseudonymisiert und wären deshalb anonym. Das ist schon mal ein gewisser Widerspruch, insbesondere beim Einsatz von KI, weil dort viele Daten zusammengeführt werden.“ Doctolib pseudonymisiert Daten, das bedeutet, dass bestimmte Merkmale wie ein Name ersetzt oder getrennt werden. Die Daten bleiben aber unter Umständen personenbezogen, wenn sie durch Zusatzinformationen wieder auf eine Person zurückzuführen sind. Anonym wären sie erst dann, wenn eine solche Zuordnung praktisch nicht mehr möglich ist.

Wie genau Doctolib diese Daten aufbereitet, lässt sich von außen nicht nachvollziehen. Wie schwer dieser Umstand wiegt, hängt auch davon ab, wie viele Menschen Doctolib nutzen. Bei einem kleinen Anbieter ist diese Praxis weniger relevant. Bei Doctolib bekommt sie eine andere Tragweite.

Marktmacht und Plattformlogik

Doctolib ist kein kleines Unternehmen, das eine Nische bedient, sondern deutscher Marktführer. Doctolib selbst schreibt: „25 Millionen registrierte Patient*innen vertrauen bereits auf Doctolib“. In Deutschland leben aktuell etwa 83,5 Millionen Menschen. Wenn die Angaben Doctolibs stimmen, wären knapp 30 Prozent der deutschen Bevölkerung auf der Plattform registriert.

Wer steckt hinter Doctolib?
Die deutsche Doctolib GmbH ist ein Tochterunternehmen der französischen Aktiengesellschaft Doctolib SAS. Die Firma arbeitet gewinnorientiert.

Wer registriert ist, hinterlegt seine persönlichen Daten mindestens einmal beim Unternehmen. Dazu gehören der Name, die Telefonnummer und das Geburtsdatum. Das Internet ist voller Datenspuren von jedem Einzelnen von uns, deswegen überrascht diese Aufzählung im ersten Moment vielleicht nicht.

Aber: Wir teilen unsere Daten mit einem privaten Unternehmen, das zumindest teilweise Einblicke in unsere Gesundheit bekommt. In einen unserer vulnerabelsten Lebensbereiche. Warum tun wir das freiwillig?

Dass Doctolib den größten Marktanteil in Deutschland hat, zeigt unter anderem auch eine Auswertung von Cordula Kreuzenbeck, Professorin der Gesundheitsökonomie an der IU Internationalen Hochschule, die im April 2026 veröffentlicht wurde. Kreuzenbeck warnt in ihrer Auswertung vor den Folgen einer zu großen Marktmacht: „Wenn eine Plattform einen Großteil der Praxen einer Stadt oder eines Fachgebiets abdeckt, wird sie zur Standardlösung. Patienten erwarten, dass ‚alle‘ Ärzte dort vertreten sind.“

Wenn ich einen Termin bei einem neuen Arzt brauche, gehe auch ich erst in die App von Doctolib: Googeln, eine Website öffnen oder gar bei einem Arzt anrufen? Da ist der Blick in die App bequemer. Inwieweit Doctolib Standardlösung in Deutschland ist? Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Doch die Zahlen weisen auf eine große Marktmacht hin.

Tausche Impftermin gegen neues Konto

Was bezahlen wir, um uns das Leben mit den digitalen Services zu erleichtern? Darüber denke ich während meiner Recherche oft nach: „Wir denken, diese Services seien kostenlos. Aber das stimmt nicht. Sie sind nicht kostenlos. Wir bezahlen sie mit unserer Aufmerksamkeit“, sagt Justin Rosenstein ehemaliger Facebook- und Google-Mitarbeiter in der Dokumentation „The Social Dilemma“.

Darin geht es um die Auswirkungen sozialer Medien auf deren Nutzer*innen. Social Media und Plattformen wie Doctolib zeichnen sich für mich durch ähnliche Funktionsweisen aus: Beide sammeln Daten, die wir ihnen durch unsere scheinbar kostenlose Interaktion zur Verfügung stellen.

In der Dokumentation geht es zwar um soziale Medien, trotzdem liegt für mich der Vergleich mit Doctolib nah. Je mehr Menschen in meiner Nachbarschaft die Plattform benutzen, desto eher wird sie zur Standardlösung: Wie eine Müllabfuhr könnte die App dann Nutzerdaten einsammeln: meine, die von meinem Nachbarn und die des Kioskbesitzers um die Ecke.

Während der Corona-Pandemie koordiniert die Senatsverwaltung Berlin Impftermine für Covid-19 über Doctolib. Der Grund? Doctolib ist der günstigste Anbieter. Und wie viel hat Berlin hergegeben, um Impftermine über Doctolib abwickeln zu dürfen? 0 Euro. Recherchiert hat das unter anderem Algorithm Watch. Wer einen Impftermin wollte, musste ein Konto anlegen: „Die Berliner Senatsverwaltung hat sehr viel Geld gespart, aber Doctolib hat sich sehr viele Daten auf die Art und Weise angeeignet.“, schlussfolgert Thilo Weichert.

Zur Impfaktion in Berlin hat sich Doctolib auf der Firmenwebsite geäußert: „Während der Covid-19 Pandemie hatten wir nur ein Anliegen: mit unserer zertifizierten, sicheren und bewährten Technologielösung dazu beizutragen, dass alle Menschen, die ihre Gesundheit durch eine Impfung schützen wollen, dies auch möglichst einfach und verlässlich können.“, so sei es gelungen 3,6 Millionen Impftermine über Doctolib zu vermitteln. Inaktive Konten werden nach drei Jahren gelöscht, so Doctolib. Wie viele Konten von der Impfaktion wohl weiter genutzt werden?

Datenschutz versus Teilhabe

Was ist uns wichtiger: Konsequenter Datenschutz oder die Möglichkeit am digitalen Leben teilzunehmen? Die radikale Abwendung von digitaler Technologie, erscheint mir realitätsfern.

Also frage ich Thilo Weichert, was er Nutzenden von Doctolib empfiehlt: „Es gibt zwei Möglichkeiten. Die eine Möglichkeit ist, falls in der Praxis vorhanden, mit einem KI-Dienst von Doctolib zu telefonieren. Da verschwinden die Daten, dann in der großen Blackbox des Systems“, allerdings bräuchten Nutzer hier kein Konto bei Doctolib: „Die andere Möglichkeit besteht darin einen Account einzurichten, einen Termin zu vereinbaren und den Account danach wieder zu kündigen.“

Seine Antwort wirkt auf mich pragmatisch und gleichzeitig ernüchternd. Eine mögliche langfristige Lösung? Ende 2025 forderten die Krankenkassen in einem Positionspapier ein „bundeseinheitliches Terminverzeichnis“. Das soll es nach einer Ersteinschätzung ermöglichen, Facharzttermine auch digital auszumachen. Doch der Weg dahin scheint weit: Denn die Frage wie dieses Terminverzeichnis und die Online-Buchung genau funktionieren sollen, bleibt vorerst unklar. Irgendwo bleibt immer eine Spur von uns im Netz. Und dennoch haben wir alle das Recht, die eigenen Daten vor kommerziellen Interessen zu schützen.

Die Mühlen der Digitalisierung mahlen. Auch in Deutschland im Jahr 2026. Doch leider mahlen sich nicht-kommerzielle, einheitliche Lösungen für gesetzlich Versicherte nicht so schnell, wie die von kommerziellen Anbietern. Es braucht wohl Innovation. Und das vom Gesetzgeber. Innovation: Was auch immer das bedeutet.

Ich denke zurück an mein Gespräch im Knappschaftskrankenhaus in Brackel. An die langen Flure. An Menschen in Arztkitteln. Und an diejenigen, die auf Heilung warten. Auch mein Großvater lag mal auf einer ähnlichen Station im Krankenhaus. Geschafft hat er es nicht. Gesundheit ist ein intimes Thema. Und sie wirtschaftlich zu denken, das fühlt sich falsch an. Gleichzeitig müssen sich Arztpraxen in Deutschland tragen. Ist ein Krankenhaus privat, so muss es auch gewinnmaximiert arbeiten. Kein Wunder, dass Tools wie Doctolib an Popularität gewinnen. Unsere Gesundheit ist also bereits Ware.

Für mich bleibt der Kompromiss: Ich stelle möglichst alle Dienste auf Doctolib aus, die mehr Daten als nötig sammeln. Und dann? Benutze ich es weiter. Termine für Fachärzte sind schwer genug zu finden. Aber immerhin: Einen kostenlosen Terminservice meiner Krankenkasse habe ich zuletzt auch genutzt – mit Erfolg.

Beitragsbild: Pexels/Negative Space

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