
Seit 15 Jahren führt Simo das „Wohnzimmer“ im Dortmunder Kreuzviertel. Für Stammgäste wie Heinz ist die Cafébar längst mehr als nur eine Kneipe. Doch steigende Kosten, Personalmangel und lange Arbeitstage machen es für Simo immer schwieriger, den Laden am Laufen zu halten.
Es ist Spieltag. Noch bevor im „Wohnzimmer“ alle Vorbereitungen abgeschlossen sind, klopft es an der Tür. Keine Hand klopft, sondern Heinz’ Rollator. Simo eilt durch den schwarzen Vorhang und öffnet die Tür. Heinz rollt hinein, steuert wie immer seinen Platz am Fenster an und schlägt die Ruhr Nachrichten auf. Von dort aus hat er den Tresen im Blick. Simo stellt ihm ein Bier hin. Der erste Strich erscheint auf dem Bierdeckel. Es wird nicht der letzte bleiben an diesem Samstag. Das „Wohnzimmer“ im Neuen Graben ist eine Mischung aus Cafébar und Kneipe. Über den Tischen hängen bronzefarbene Kronleuchter, in den Ecken stehen Sofas mit Kissen. Kleine Lampenschirme werfen warmes Licht auf die Tische, an den Wänden hängen Bilder. Heinz sitzt hier fast jeden Tag. Wenn Dortmund spielt, sowieso.
Simos Wohnzimmer
Heute läuft Borussia um 18.30 Uhr auswärts in Leipzig auf. Für Simo beginnt der Tag deshalb früher. Deutschrap mit 90er-Beats läuft aus den Boxen, während er zwischen Tresen und Küche hin- und hergeht. Zwei Leute aus dem Team sind krank. Vieles muss er heute selbst übernehmen. Das Telefon klingelt. Simo hebt ab, hört kurz zu und schüttelt den Kopf. „Heute ganz sicher keine Reservierungen mehr.“ Er legt auf, stellt zwei Gläser auf den Tresen und wirft einen Blick durch den Raum. Am Fenster blättert Heinz weiter in seiner Zeitung. Auf seinem Bierdeckel stehen inzwischen mehrere Striche. Er hebt kurz den Blick, nimmt einen Schluck und schaut zum Tresen.
Simo freut sich selbst auf das Spiel. Seine Liebe zu Schwarz-Gelb verbindet er mit seiner Herkunft. Er sei gebürtiger Marokkaner, erzählt er. Seine Heimatstadt Fès habe dieselben Trikotfarben wie Dortmund. Auch die Fußballkultur sei dort ähnlich. Dass sein „Wohnzimmer“ ausgerechnet im Kreuzviertel liegt, passt zu ihm. Seit Januar 2011 führt Simo den Laden im Neuen Graben. Im Viertel lebt und arbeitet er schon lange und kennt viele Menschen. „Vielleicht liegt das auch an meiner Art, dass ich halt immer alle Leute grüße“, sagt er.
Auf der Speisekarte steht unter anderem der „Wohnzimmer-Spezial-Salat“: gebackene Nudeln, Feta, Salat, Nüsse und Hähnchen. Das teuerste Gericht kostet 14,80 Euro. Viel mehr wolle er seinen Gästen nicht zumuten. Doch die Preise niedrig zu halten, werde immer schwieriger.
Je näher das Spiel rückt, desto voller wird es. Heinz bleibt auf seinem Platz am Fenster. Die beiden kennen sich seit gut 15 Jahren. „Und der Laden ist für mich halt die Familie“, sagt Simo. „Ich habe hier keine Familie. Ich habe hier keine Verwandten.“ Seine Tochter ist da, seine Freunde, seine Kollegen und dieser Laden. Plötzlich stürmt ein junger Mann herein. Außer Atem, verschwitzt. Simo kennt ihn. Zwischen Tür und Angel bestellt er ein Radler. Die beiden scherzen. Der junge Mann wohnt im selben Haus wie das „Wohnzimmer“, doch heute zieht er aus. Zwischen Bett, Schrank und Sofa bleibt noch Zeit für einen Abschied von Nachbar Simo. Das Radler geht aufs Haus in diesem Fall sogar auf das gleiche.
Von morgens bis tief in die Nacht
Kurz darauf verschwindet Simo für einen Moment nach hinten. Als er wiederkommt, trägt er ein Tablett mit Kaffee und Kuchen. Es ist für eine Nachbarin im Haus, die krank ist und kaum noch nach draußen kommt. Fast jeden Tag bringt er ihr etwas hoch. Auch an Ruhetagen, sagt er. Wenn er selbst nicht da sei, kümmere sich jemand aus dem Team.

Hinter dem Tresen wird zwischendurch gerechnet. Zwei Leute aus dem Team sind heute krank, vieles bleibt an Simo hängen. „Es ist wirklich ein Kampf, jeden Tag“, sagt er. Seine Rechnungen seien bezahlt, die Leute bekämen pünktlich ihr Geld, die Steuern auch. „Das ist für mich das A und O.“ Viel bleibe am Ende oft nicht übrig.
Die Kosten summieren sich: Einkaufspreise, Energie, Reparaturen. Mal müsse eine Kühlung ersetzt werden, mal eine Trennwand gebaut oder ein Tisch repariert werden. Dazu kommen die Fußballübertragungen: Sky, DAZN, Prime. „Über 1000 Euro im Monat“, sagt Simo und lacht kurz. „Und wir reden über Netto-Preise.“ Vom Fußball allein könne heute kein Gastronom leben. Deshalb organisiert Simo auch Caterings, Hochzeiten und andere Feiern.
„Wäre ich zehn Jahre jünger, würde ich das nicht mehr machen“, sagt er. Die Arbeit koste viel Kraft. Früher habe er von morgens bis tief in die Nacht gearbeitet. „Heute geht das vielleicht noch – aber dann bin ich in zwei Jahren fertig.“
Feierabend
Als der Schlusspfiff kommt, bleibt Borussia nur ein Unentschieden gegen Leipzig. Nach und nach leeren sich die Tische. Simo räumt hinter dem Tresen auf.
Trotz der schwierigen Bedingungen will er weitermachen. Auch wegen der Menschen, die seit Jahren mit ihm arbeiten. Eine Kollegin sei eigentlich schon in Rente und wolle trotzdem bleiben. Sein Koch ist ebenfalls seit Langem an seiner Seite. „Da möchte ich natürlich nicht aufgeben“, sagt Simo.
Erst wenn die anderen, die den Laden mittragen, irgendwann nicht mehr können oder nicht mehr wollen, werde er „sich natürlich etwas anderes überlegen“. Am Fenster ist inzwischen auch Heinz fertig. Sein Bierdeckel ist voll. Er steht auf, greift nach seinem Rollator und macht sich auf den Weg zur Tür. Für heute schließt sich das „Wohnzimmer“. Morgen klopft vielleicht wieder zuerst Heinz’ Rollator an die Tür.
Bilder: Arne Urban








