Reportage
Wenn wir nicht mehr lesen
Die Lesekompetenz in Deutschland sinkt, zugleich wächst der Populismus – eine Spurensuche danach, welche Bedeutung das Lesen in einer Demokratie hat.
„Roto Theater“ steht über dem blau erleuchteten Durchgang, der in einen kleinen Hinterhof führt. Das Pflaster ist mit Herbstblättern übersät, eine regenbogenfarbene Lichterkette schmückt die weißgerahmten Fenster an der Fassade. Etwas versteckt hinter einer Garage befindet sich der Eingang, an dem ein junger Mann nach meinem Ticket fragt. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und halte ihm den QR-Code hin. Er nickt, reicht mir ein Armband mit der Aufschrift „LesArt Festival 2025“ und lässt mich durch.
Im parkettierten Vorraum mit Bar, einem Sofa und drei Stehtischen stehen bereits einige Besucher*innen und unterhalten sich. Über ihnen hängt ein glitzernder Kronleuchter aus Strasssteinen. Das Publikum besteht überwiegend aus Frauen mittleren Alters.
Wenige Minuten später werden wir in den Veranstaltungssaal gebeten. Auf der Bühne stehen zwei Schreibtische mit Mikrofonen, dahinter ein schwarzer Vorhang. Nach und nach nehmen die Gäste Platz, ihre Gesichter sind im gedimmten Licht nur schemenhaft zu erkennen. Selbst als die Autorin Elina Penner und die Moderatorin sich hinter die Tische setzen, ist der Raum längst nicht gefüllt.
Elina Penner ist eine deutsche Schriftstellerin, die in ihren Romanen und Essays Fragen von Identität, Migration und Mutterschaft literarisch verarbeitet. Das Buch, das sie heute vorstellt, heißt „Die Unbußfertigen“. Es erzählt von zehn Menschen, die durch ihre Präsenz in sozialen Medien miteinander verbunden sind und zu einem geheimnisvollen Treffen in ein abgelegenes Herrenhaus eingeladen werden. Ohne Internet und Außenkontakt prallen dort ihre digitalen Rollen, moralischen Überzeugungen und persönlichen Abgründe aufeinander. Was zunächst wie ein exklusives Event wirkt, entwickelt sich zu einem beklemmenden sozialen Experiment über Empörung, Schuld und fehlende Selbstreflexion in der digitalen Gegenwart.
Foto: Ineke Krause
Da es in dem Buch um Social Media und Internetkultur geht, wundert es mich, dass ich unter den Zuschauern außer mir kaum junge Erwachsene entdecken kann. Nach dem Event spreche ich mit Elina Penner. Sie erzählt mir, dass ihr Publikum seit Jahren ähnlich zusammengesetzt sei. Meist sind es Frauen mittleren Alters, unabhängig vom Buch. Warum das so ist, kann sie sich selbst nicht ganz erklären, zumal „Die Unbußfertigen“ eine jüngere Zielgruppe ansprechen soll.
Ich frage mich, ob in Penners Buch mehr als ein Funken Wahrheit steckt und ob viele jüngere Menschen im Alltag so mit Social Media beschäftigt sind, dass kaum noch Zeit bleibt für Dinge wie Lesen. In den auf Social Media sowie in akademischen Kreisen geführten Debatten heißt es oft, Kurzvideos verschlechtern die Aufmerksamkeitsspanne und erschweren es, sich auf längere Formate wie Bücher zu konzentrieren. Bedeutet das, dass die Lesekompetenz in der Bevölkerung allgemein abnimmt? Oder verändert sich einfach nur die Art, wie wir lesen?
Diese Fragen erscheinen mir vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklungen relevant. Immer öfter gewinnen Populist*innen an Zuspruch, während das Modell der Demokratie für einige an Glanz verliert. Wie beeinflusst ein verändertes Leseverhalten und nachlassende Lesekompetenz eine demokratische Gesellschaft?
Ich beschließe, mich in den kommenden Wochen auf die Reise zu begeben. Ich will herauszufinden, ob wir tatsächlich weniger und schlechter lesen und welche Rolle Lesekompetenz und Literatur in einer Demokratie spielen.
Lese-Krise?
Zuhause setze ich mich an den Schreibtisch, klappe meinen Laptop auf und google „Lesekompetenz in Deutschland“. Ganz oben erscheint die IGLU-Studie, die internationale Grundschul-Lese-Untersuchung von 2021. Was Lesekompetenz eigentlich bedeutet, darüber spreche ich mit Ulrich Ludewig, dem stellvertretenden Projektleiter der Studie. Er erklärt mir, dass man unter dem Begriff „den aktiven Prozess, Bedeutung aus Geschriebenem zu erzeugen“ versteht.
Die Ergebnisse sind ernüchternd: Während andere Länder von 2001 bis 2016 ihre Werte steigern konnten, stagnierte Deutschland und rutschte im internationalen Vergleich ab. Jedes fünfte Kind verließ 2016 die Grundschule mit problematisch niedriger Lesekompetenz, die Kluft zwischen den Besten und den Schwächsten wächst. Mädchen schnitten fast überall besser ab als Jungen.
Besonders deutlich verschlechterte sich die Lesefähigkeit zwischen 2016 und 2021.
Ludewig nennt dafür mehrere mögliche Ursachen: den höheren Anteil von Kindern mit schwierigeren sozioökonomischen Startbedingungen oder Migrationshintergrund, die Folgen der Corona-Pandemie und die zunehmende Digitalisierung. „Wer mehr Zeit auf dem Smartphone verbringt, liest weniger – und wer weniger liest, liest schlechter“, sagt er. Der wichtigste Einfluss bleibe jedoch das Elternhaus.
Foto: Ineke Krause
Schulen müssten stärker ausgleichen, statt die Verantwortung allein den Eltern zu überlassen, findet Ludewig. Dafür brauche es besser geschulte Lehrkräfte, vor allem für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache, und verbindliche Leseförderprogramme. Länder wie Schweden oder England zeigten, dass gezielte Förderung messbare Erfolge bringt. Deutschland fehle bislang ein vergleichbarer Plan. „Bildung bekommt längst nicht genug Aufmerksamkeit von der Politik“, sagt er.
Denn schwache Lesekompetenz betreffe nicht nur das eigene Leben, sondern die ganze Gesellschaft. „Wer nicht gut lesen kann, hat einen eingeschränkten Zugang zu Informationen und ist anfälliger für falsche oder stark verkürzte Erklärungen“, sagt Ludewig. Lesekompetenz sei auch ein wichtiger Faktor für berufliche Teilhabe. Die Kluft zwischen den Kindern, die sehr gut lesen können, und denen, die sehr schlecht lesen können, fördere eine stärkere Streuung zwischen Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt stark angefragt werden und solchen, die nur schwierig eine Position finden. Diese Differenz gefährde die Demokratie. Wenn es weniger qualifizierte Arbeitskräfte gibt, sinke auch der Wohlstand im Land, was allgemein zu einer höheren Unzufriedenheit mit dem Status Quo führe.
So ist die Lage wirklich in den Schulen
Was Ludewig mir erzählt, klingt alarmierend. Ist die Lage wirklich so schlimm in den deutschen Klassenzimmern? Um das herauszufinden, kontaktiere ich die Deutschlehrerin Eva Oltmann. Sie hat zwanzig Jahre an einer Realschule in Nordrhein-Westfalen gearbeitet. Seit vier Jahren unterrichtet sie Deutsch an einem Gymnasium.
Wenige Tage später erscheint ihr Gesicht auf dem Bildschirm meines Laptops. Sie trägt eine schwarzgerahmte Brille und befindet sich im Homeoffice, als ich ihr von der Studie erzähle. Ich will wissen, ob sie die Verschlechterung der Lesekompetenz auch im Unterricht spürt. Oltmann nickt. „An der Realschule war es deutlicher, aber auch am Gymnasium sehen wir, dass viele Kinder schlechter lesen“, sagt sie und erklärt, woran sie das festmache.
Eva Oltmann (rechts) und Kollegin, Foto: Matthias Klücken
An der Realschule gebe es mittlerweile ein Leseförderkonzept, am Gymnasium noch nicht. Wenn sie merke, dass ein Kind Schwierigkeiten habe, spreche sie mit den Eltern. „Ich rate ihnen, das Kind etwas lesen zu lassen, das es wirklich interessiert. Das können zum Beispiel Comics oder Sportseiten sein.“ Oft sei das der erste Schritt. „Wenn Kinder merken, dass sie sich mit Freunden über Geschichten austauschen können, entsteht oft Begeisterung“, weiß sie aus Erfahrung.
Wie die IGLU-Studie zeigt, beobachtet auch sie, dass Kinder aus bildungsferneren Familien oder mit Migrationshintergrund häufiger Probleme haben. Auch sei es heutzutage oft so, dass viele Eltern zu wenig Zeit zum Vorlesen haben, weil beide arbeiten. „Das macht viel aus“, sagt sie.
Oltmann sieht auch noch einen anderen Grund für die Abnahme der Lesekompetenz. „Im Unterricht kann ich keinen Spielfilm mehr zeigen, weil 90 Minuten Konzentration für viele schon zu viel sind. Die gucken zuhause meist Serien oder Kurzvideos, daher ist ein ganzer Film oft schon eine Herausforderung.“ Sie könne sich vorstellen, dass vielen Schüler*innen für ein Buch die Aufmerksamkeitsspanne fehle.
Trotzdem denkt sie nicht, dass die Digitalisierung der einzige Grund für die Abnahme der Lesefähigkeiten ist. „Mit den Handys hat die Lesekompetenz nicht sofort abgenommen, es ist eher ein schleichender Prozess“, sagt sie. Was sie sich wünscht, ist mehr Zeit zum Lesen im Unterricht und kleinere Klassen, um besser fördern zu können. Genau wie Ulrich Ludewig findet auch sie: „Deutschland investiert zu wenig in Bildung.“ Sie ist der Meinung, dass Lesen essenziell für eine Demokratie sei. „Wer nicht lesen kann, kann sich keine demokratischen Urteile bilden.“
Besuch im Deutschlernkurs
Bis jetzt habe ich vor allem auf die Lesekompetenz von Kindern und Jugendlichen geschaut. Was aber bedeutet es, als erwachsener Mensch nicht richtig Lesen und Schreiben zu können?
Die Volkshochschule in Dortmund bietet Alphabetisierungskurse für Erwachsene an. An einem kalten Nachmittag im Dezember mache ich mich auf den Weg in die Dortmunder Nordstadt, wo einer diese Kurse jede Woche stattfindet. Das Gebäude wirkt von außen unscheinbar und ich muss etwas suchen, bis ich die Eingangstür im Innenhof finde.
Beim Betreten des Kursraums fühle ich mich ein bisschen wie in meine Grundschulzeit zurückversetzt. Hinter dem Pult hängt das Alphabet in Form von Buchstabentieren: Das „L“ ist gelb und trägt einen Löwenkopf, das „S“ windet sich wie ein Seepferdchen und das „T“ ist gestreift wie ein Tiger. Die anderen Wände sind tapeziert Ausmalbildern und Farbkreisen mit den passenden Beschriftungen.
Ich bin die Erste und setze mich an einen Tisch in der letzten Reihe. Es sind hauptsächlich Frauen mit Migrationshintergrund, die nach und nach auf den Stühlen Platz nehmen und ihre Stifte und Mappen auf den gipsweißen Tischen ausbreiten.
Schließlich betritt der Lehrer, Kawa Mela Ahmad, den Raum. Er begrüßt die Gruppe mit einem Lächeln und stellt seine Tasche aufs Pult.
Foto: Ineke Krause
Ahmad erklärt mir, dass viele Schwierigkeiten mit dem „W“ haben, weil der Laut in ihrer Muttersprache nicht vorkommt. Er zeichnet eine Tabelle auf das Whiteboard, kombiniert „W“ und „V“ mit verschiedenen Vokalen, die Lernenden sprechen die Silben nach. Eine Frau mit schwarzem Kopftuch und lilafarbenem Pullover wagt sich als Erste an die Tafel. „Das klingt doch schon super!“, lobt Ahmad, als sie es nach zwei Anläufen schafft, alles richtig auszusprechen.
Er erzählt mir, dass die Niveaus im Kurs sehr unterschiedlich sind. Einige sind erst vor Kurzem eingereist, andere leben seit Jahren in Deutschland. „Gerade Frauen sind oft schon zehn Jahre hier und konnten nie einen Kurs besuchen“, sagt er. Eine von ihnen ist Haji Ismaeiel Beirwan aus Syrien. Sie ist 35 Jahre alt und Mutter eines neunjährigen Kindes. „Ich will sprechen“, sagt sie in gebrochenem Deutsch. Sie sei entschlossen, ihr Ziel zu erreichen, um ihr Kind besser unterstützen zu können.
Nach der Stunde verlasse ich den Raum, mit dem seltsam erdrückenden Gefühl, ein bisschen besser verstanden zu haben, was es für eine Person bedeutet, wenn sie nicht die Sprache des Landes spricht, in dem sie lebt. Lesekompetenz entscheidet hier nicht nur über Bildungschancen, sondern darüber, ob jemand sein eigenes Leben selbstbestimmt gestalten kann.
"Lesen heißt Empowerment"
Meine Winterstiefel quietschen auf dem Vinylboden, als ich durch die Volkshochschule laufe. Vor einem Raum bleibe ich stehen, klopfe und warte, bis eine zierliche Frau mit kurzen brauen Haaren und Brille mir öffnet. Als sie mich erkennt, erscheint ein Lächeln auf ihrem Gesicht und sie bittet mich herein.
Ankica Brühl organisiert die Weiterbildungskurse der Volkshochschule in Dortmund in den Bereichen Mathematik, Elementarbildung und Alphabetisierung. In dem Kurs, den ich besucht habe, waren nur Menschen mit Deutsch als Zweitsprache, allerdings bietet die VHS auch Kurse für deutsche Muttersprachler*innen an. Bei diesen Personen unterscheidet man vier Alpha-Level: Auf Level eins können Menschen kaum Buchstaben erkennen, auf Level zwei einzelne Buchstaben und Wörter, auf Level vier verstehen sie einfache bis mittelschwere Texte, stoßen aber bei langen, komplexen Texten und Fachsprache an Grenzen. Vor allem diese letzte Gruppe habe zugenommen, sagt Brühl. Sie erklärt mir, warum viele Menschen lange zögern, bis sie sich bei einem Kurs anmelden und was es im Alltag für einen Menschen bedeutet, nicht lesen und schreiben zu können.
Foto: VHS Dortmund
Aber auch jenseits von Social Media werde Teilhabe schwieriger: im Kontakt mit Behörden, im Job, in der Politik. Lesekompetenz ist für sie eng mit Allgemeinbildung verknüpft. Die VHS bietet deshalb nicht nur Sprach- und Alphabetisierungskurse an, sondern auch Formate wie „Demokratie erlebbar machen“, in denen Menschen aus nicht-demokratischen Ländern lernen, wie demokratische Prozesse im Alltag funktionieren, von der Klassensprecherwahl bis zur Wahl eines Betriebsrats.
Sie habe noch viele Ideen, um die Kurse zu verbessern und ein größeres Angebot zu schaffen, aber nicht für alle Ideen gebe es die nötigen finanziellen Mittel.
Bedeutung von Lesen in der Geschichte
Um noch besser zu verstehen, welche Bedeutung Alphabetisierung in einer Gesellschaft hat, möchte ich einen Blick in die Geschichte werfen. Ich stehe in dicker Winterjacke, Schal und Wollmütze auf dem Dortmunder Hansaplatz, während Schneeflocken leise auf das Kopfsteinpflaster fallen, bevor sie schmelzen. Vor meinen Stiefeln ist eine Metallplatte in den Boden eingelassen. In Großbuchstaben ist darauf Heinrich Heines Satz aus dem Jahr 1823 zu lesen: „DORT WO MAN BÜCHER VERBRENNT, VERBRENNT MAN AM ENDE AUCH MENSCHEN.“ Den Spruch kenne ich seit der Schulzeit, doch erst vor Kurzem ist er mir hier bewusst ins Auge gefallen.
Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden Bücher, die nicht ins Weltbild der Machthaber passten, öffentlich verbrannt. Zehntausende Werke gingen dabei in Flammen auf und wurden zu einem Symbol für den Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft und den Versuch, freie Gedanken auszulöschen. Viele Schriftsteller*innen mussten fliehen, besonders jüdische Autor*innen waren von Terror und Gewalt betroffen und verloren oft ihr Leben. Heines Satz wurde zur bitteren Realität.
Die Geschichte zeigt, wie eng Lesen, Bücher und gesellschaftliche Umbrüche miteinander verknüpft sind. Bei einem Blick noch weiter in die Vergangenheit sticht ein weiterer bedeutender Wende hervor: Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg um 1440, der es erstmals ermöglichte, Texte schnell und in großen Auflagen zu verbreiten. Wissen war nicht länger ein Privileg von Gelehrten oder Reichen; Schritt für Schritt wurden mehr Menschen alphabetisiert, und mit jedem neuen Buch wuchs das Interesse am Lesen.
Diese technische Revolution ebnete auch den Weg für die Reformation. Als Martin Luther 1517 die Missstände der Kirche kritisierte, verbreiteten sich seine Ideen über gedruckte Flugschriften und Pamphlete in Windeseile. 1524 sollen rund 2,4 Millionen Flugblätter erschienen sein, was eine gewaltige Zahl für jene Zeit ist. Plötzlich konnten nicht nur Obrigkeiten Informationen streuen, auch die einfache Bevölkerung wurde Teil einer öffentlichen Auseinandersetzung. Druckereien lebten davon, immer neue Streitschriften zu produzieren, die aufeinander Bezug nahmen.
Luthers Bibelübersetzung ins Deutsche war ein weiterer Einschnitt. Bis dahin war die Bibel meist nur auf Latein zugänglich, einer Sprache, die die meisten Menschen nicht verstanden. 1534 erschien seine vollständige deutsche Bibel. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts wurden schätzungsweise rund eine halbe Million Lutherbibeln gedruckt. Lesen wurde damit nicht nur zur religiösen, sondern auch zur gesellschaftlichen Praxis. Sobald es allerdings möglich war, im großen Stil Bücher zu drucken und somit in der Gesellschaft Informationen zu verbreiten und sich auszutauschen, gab es entgegenwirkende Kräfte, die Schriftstücke zensierten.
Auf dem Hansaplatz denke ich daran, wie sehr Bücher und Lesefähigkeit immer wieder über Zugang zu Wissen, Mitsprache und Freiheit entschieden haben. Heutzutage ist es in Deutschland kein Regierungsapparat, der Bücher zensiert, aber dafür gibt es andere Hindernisse, die es erschweren, mit verlässlichen Informationen eine breite Masse zu erreichen. Theoretisch ist sämtliches Wissen im Internet verfügbar, praktisch konkurriert es mit einer Flut an Falschinformationen, Gerüchten und verkürzten Erklärungen. Hinzu kommt, dass viele Menschen genau diese verkürzten Erklärungen bevorzugen, weil die leichter zu verdauen sind als lange, komplexe Texte, die Themen fundiert und differenziert aufbereiten.
Wie wir heute lesen
Aber stimmt es wirklich, dass Social Media das Lesen von Büchern bei der Mehrheit junger Menschen gänzlich abgelöst hat? Um das besser zu verstehen, schaue ich mir an, welche Bücher überhaupt gekauft. werden. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat 2024 die Studie „Bock auf Buch! – Wie junge Menschen heute Bücher finden und kaufen“ veröffentlicht. Demnach sind die Ausgaben der bis 19-Jährigen für Bücher zwischen 2019 und 2023 um rund ein Drittel gestiegen. Kinder- und Jugendbücher machen weiterhin einen großen Teil aus, aber je älter die Lesenden werden, desto wichtiger wird die Belletristik: Bei den 13- bis 15-Jährigen liegt sie schon fast gleichauf mit Kinder- und Jugendbüchern, bei den 16- bis 19-Jährigen dominiert sie deutlich. Obwohl es E‑Books und Hörbücher gibt, ist das gedruckte Buch in allen Altersgruppen weiterhin das bevorzugte Format.
Während frühere Generationen vor allem durch Vorlesen in der Familie zum Lesen kamen, ist für viele der heutigen 10- bis 15-Jährigen die Schule der wichtigste Impuls. Wenn es darum geht, neue Titel zu entdecken, bleibt die Buchhandlung der wichtigste Ort. Direkt dahinter folgen Bibliotheken und persönliche Empfehlungen. Gleichzeitig gewinnen Online-Buchempfehlungen an Bedeutung. Vor allem bei den 16- bis 19-Jährigen ist Social Media inzwischen eine zentrale Inspirationsquelle.
Auch bei Sachthemen spielt das Buch für junge Menschen noch eine Rolle. Viele nutzen es, um sich über Politik, Umwelt, Geschichte oder andere Länder zu informieren, teilweise auch zu Themen wie Liebe, Sexualität oder persönlicher Entwicklung. Für klassische Ratgeber zum Kochen, Backen oder Hobbys greifen sie besonders häufig zu Büchern. Außerdem interessieren sich viele dafür, Texte im Original zu lesen, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern.
Wenn ich mir diese Ergebnisse so anschaue, scheint die gängige Behauptung, junge Menschen würden „gar nicht mehr lesen“ und nur noch auf Social Media scrollen, nicht haltbar zu sein. Es stimmt zwar, dass Social Media viel Raum im Leben junger Menschen einnimmt, aber genau dort finden viele auch eine Inspirationsquelle fürs Lesen. Es ist allerdings so, dass junge Lesende später erst mit Büchern in Kontakt kommen, was vielleicht auch die sinkenden Werte der Lesekompetenz der IGLU-Studie von Viertklässler*innen erklären könnte.
Die Rolle von Literatur in einer Demokratie
Laut der Studie des deutschen Buchhandels wird also doch noch gelesen. Also ist ja alles gut – oder? Welchen Einfluss hat Literatur wirklich auf eine Demokratie? Um das herauszufinden, spreche ich mit dem Literaturwissenschaftler Leonhard Hermann.
„Literatur ist in einer Demokratie immer noch von großer Bedeutung“, sagt er. Früher war sie zwar alleiniger Träger öffentlicher Debatten und heute übernimmt Social Media Teile dieser Rolle, allerdings ist der entscheidende Unterschied der beiden: Literatur stellt mehr Fragen, als sie Antworten liefert. Damit grenze sie sich auch vom Populismus ab.
Foto: Ineke Krause
In seinem aktuellen Projekt untersucht er, wie sich Literatur im Zeitalter wachsenden Populismus verändert. Dabei kam heraus, dass Bücher sich mehr denn je auf aktuelle Debatten zu Migration, Gender und Klassenunterschiede beziehen. Die Themen sind klarer erkennbar als früher und gezielter vermarktet, lassen den Leser*innen dafür aber auch mehr Interpretationsspielraum. Er ist der Meinung, dass viele Autor*innen damit auf den wachsenden Populismus reagieren. Paradox findet er allerdings, dass Forderungen nach mehr Pluralität meist auf Social Media laut werden würden – einem Medium, dass strukturell Eindeutigkeit über Mehrdeutigkeit stellt. „Wenn ich Social Media hätte, würde ich Fragen posten, statt Antworten“, sagt er und lacht.
Stimmen von Lesenden
Bislang habe ich viel von Expert*innen gelernt. Was mir fehlt, ist die Sicht von Menschen, die gerne lesen, aber nicht unbedingt die Studien kennen. Was denken sie über Bücher und ihre Rolle in unserer Gesellschaft?
Das Natursteinpflaster der Dortmunder Einkaufsstraße glänzt noch vom morgendlichen Regen, als ich mich an einem Samstagmittag auf den Weg zum Thalia Mayersche mache. Drinnen ist es so voll, dass es schwierig ist, eine Ecke zu finden, in der man niemandem im Weg steht. Ich spreche eine Dame an, die konzentriert den Klappentext eines Buchs liest.
„Bücher spielen eine große Rolle in meinem Leben“, sagt die 56-jährige Stefanie. „Ich lese immer, wenn ich Zeit habe – also eigentlich täglich.“ Sie glaubt, dass heute weniger gelesen wird als vor zehn oder zwanzig Jahren. „Für die Demokratie sind Bücher wichtig , sie verbinden Menschen durch Austausch über Gelesenes und lehren viel.“ Vor allem Biografien von Zeitzeug*innen hätten ihre Weltsicht oft verändert.
„Bücher spielen eine große Rolle in meinem Leben“
– Stefanie, 56
Als Nächstes treffe ich Carolin, eine 34-jährige Germanistin. Als ich sie frage, ob Literatur wichtig für eine Demokratie sei, antwortet sie ohne zu zögern: „Ja, definitiv. Im Vergleich zu Netflix oder anderen schnelllebigen Formaten regen Bücher auf eine ganz andere Art zum Nachdenken an. Man ist gezwungen, sich richtig in eine neue Welt hineinzuversetzen, wodurch sich ein ganz anderer Reflexionsraum eröffnet.“ Somit sei man viel eher in der Lage, sich mit Perspektiven außerhalb der eigenen Bubble zu beschäftigen.
Sie diskutiere Inhalte oft mit ihrem Partner, was ihre Beziehung mit tiefgründigen Diskussionen bereichere. Allerdings sei ihr aufgefallen, dass viele Menschen nicht mehr ein ganzes Buch lesen würden, sondern sich nur einzelne Kapitel herauspicken. „Bei Germanistik-Fachbüchern konzipieren wir die Werke mittlerweile so, dass sie auch Sinn ergeben, wenn man sich nur ein einzelnes Kapitel durchliest“, erzählt sie. Auch bei ihren Studierenden würde ihr auffallen, dass diese seltener die Klassiker kennen würden. Ob sie aber grundsätzlich weniger lesen oder nur andere Bücher, könne sie nicht genau sagen.
„Im Vergleich zu schnelllebigen Formaten regen Bücher auf eine ganz andere Art zum Nachdenken an.“
– Carolin, 34
Im Gegensatz zu Carolins 35 Büchern im Jahr will der 18-jährige Jannis gerade erst richtig anfangen. Auch er meint, weniger Menschen lesen heute. „Bei Sachthemen fragt man einfach die KI.“ Dennoch hält er Literatur für wichtig.
Foto: Ineke Krause
Zuletzt spreche ich mit der 28-jährigen Joaquina. Sie liest ungefähr ein Buch pro Woche, am liebsten Liebesromane. Sie ist aktiv auf Bookstagram und hat im Gegensatz zu den anderen das Gefühl, dass vor allem junge Menschen mehr lesen würden als früher. „In unserer Gesellschaft wird allgemein viel mehr konsumiert, deshalb glaube ich, dass es bei Büchern genauso ist“, sagt sie. Liebesromane verändern zwar selten ihre politische Sicht, aber sie fördern ihrer Meinung nach Empathie und Perspektivwechsel. „Bücher haben mich schon mein ganzes Leben begleitet“, sagt sie. „Mit ihnen kann ich runterkommen und in andere Welten eintauchen.“
Das Ende meiner Reise
Als ich den Thalia verlasse und mich wieder in die Menschenmasse der Innenstadt schiebe, denke ich an die Gespräche der letzten Wochen zurück: an die Einschätzungen von Ulrich Ludewig und die IGLU-Studie, an die Beobachtungen von der Deutschlehrerin Eva Oltmann, an die Frauen im Alphabetisierungskurs und den Literaturwissenschaftler Leonhard Herrmann, der mir erklärt hat, welche Rolle Literatur heute noch spielt.
Lesen ist mehr als eine Fähigkeit. Es ist eine Voraussetzung dafür, Informationen einordnen zu können, politische Entscheidungen zu verstehen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Eine Demokratie lebt davon, dass möglichst viele Menschen genau dazu in der Lage sind.
Ich habe gelernt, dass nicht nur Lesekompetenz, sondern auch Literatur selbst eine wichtige Rolle in einer demokratischen Gesellschaft spielt. Sie stellt Fragen, wo Social-Media-Beiträge schnelle Antworten liefern. Sie trägt zur öffentlichen Debatte bei und kann populistischen Vereinfachungen etwas entgegensetzen.
Ja, die Lesekompetenz in Deutschland könnte besser sein. In den Schulen herrscht keine echte Chancengleichheit, die Kluft zwischen sehr guten und sehr schwachen Leser*innen wird größer. Gleichzeitig zeigt sich: Das Lesen an sich stirbt nicht aus. Auf BookTok und Bookstagram gibt es viele, vor allem jüngere Menschen, die regelrecht im Lesefieber sind. Trendige Romantasy-Romane werden die Demokratie zwar nicht retten, aber sie helfen, Verlage zu finanzieren, die sich dadurch auch mehr komplexe Literatur mit sozialen oder politischen Themen leisten können.
Und, wie Leonhard Herrmann erklärt hat, reagieren viele Autor*innen heute mit einer Art literarischer Gegenbewegung auf den wachsenden Populismus: Gegenwartsliteratur beschäftigt sich häufiger mit gesellschaftlichen Konflikten, ohne fertige Antworten zu liefern, sondern setzt auf Mehrdeutigkeit, die Lesende dazu anregt, sich eine eigene Meinung zu bilden.
Die Literatur allein wird die Demokratie nicht retten. Es braucht Menschen, die bereit sind, sich auf solche Bücher einzulassen und ihr eigenes Weltbild infrage zu stellen. Es braucht mehr Förderung in den Schulen, um Kindern Spaß am Lesen zu vermitteln. Ich glaube nicht, dass wir in naher Zukunft das Ende des Lesens erleben werden. Menschen lesen und sie schreiben weiterhin Bücher. Das verändert vielleicht nicht über Nacht die Welt. Aber vielleicht bringt es eine Person dazu, ihre Perspektive zu überdenken.
Und das ist, finde ich, schon ein großer Gewinn.