Pommes, Kaugummiautomaten, Lieblingswörter: Wie eine Trauerrednerin Leben erzählt

Ruhige Waldszene mit Gräbern zwischen Bäumen.

Kimberly Bräunig hält Trauerreden und bringt Trauergäste dabei zum Lachen. Das ist Absicht. Ein Porträt über Abschied, Pommes mit Mayo und unseren Umgang mit dem Tod.

Ihre rot lackierten Fingernägel schieben den goldenen Anhänger der Kette hin und her. Der Puls ist hoch. Sie atmet noch einmal Mal tief ein und aus. Ihre Hand greift das Mikrofon. Die Haare sind zu einem lockeren Dutt hochgesteckt, der Blick ist hellwach. Sie beginnt zu sprechen. Ihre Worte füllen das weite Stadion vor ihr.

Als Kim den Blick hebt, schaut sie von ihrem Platz ganz allein auf dem grünen Rasen hinauf zu den Zuschauerrängen des Stadions Rote Erde. Direkt neben ihr ragt die riesige Tribüne des Westfalenstadions in den blauen Himmel und wirft an diesem heißen Vormittag einen langen Schatten auf das Feld. Als sie aufgebaut hat, brannte die Sonne noch ziemlich stark. Doch pünktlich zu ihren ersten Worten ist sie so weit gewandert, dass der Schatten genau an ihrer Stirn anfängt.

Auf den Rängen sitzen rund 250 Menschen in Schwarz, die Köpfe tief gesenkt. Wo sonst der ohrenbetäubende Lärm von tausenden Fußballfans dröhnt, herrscht jetzt andächtige Stille. Nur Kims Stimme hallt durch das Stadion. Es ist eine Kulisse, die genau zu diesem Leben passte: Der Verstorbene war leidenschaftlicher BVB-Fan und Geschäftsmann, für den der große Abschied hier auf dem Rasen genau der richtige Rahmen ist. Statt trockener Fakten bringt Kims Rede seine Persönlichkeit noch einmal ins Stadion zurück – spürbar für jeden auf den Rängen.

Vom Frauenhaus zum FitX

Dass Kim heute dort vor Hunderten von Menschen steht, war ein langer Weg. Nach ihrem Studium der Sozialen Arbeit begann sie ihre berufliche Laufbahn in einem Frauenhaus. Eine Arbeit, die sie emotional stark forderte. „Ich hatte immer schon ein Thema mit Nähe und Distanz, auch heute noch“, erklärt sie rückblickend. In der Arbeit mit den misshandelten Frauen und Kindern gelang ihr die Abgrenzung nicht mehr. Sie nahm die Geschichten mit nach Hause. Sie fühlten sich an wie ihre eigene Geschichte.

Als es ihr mental immer schlechter ging, kündigte sie schließlich. Es folgte eine Phase der Unsicherheit, die sie schließlich in die Fitnessbranche brachte. Aus einer Vertretungsstelle im Fitnesscenter FitX wurde schnell die Studioleitung. Doch Kim wusste von Anfang an, dass der Sport nur eine wichtige Zwischenstation war, um die emotionale Erschöpfung aus der Arbeit im Frauenhaus zu verarbeiten.

Der nächtliche Impuls

Der eigentliche Wendepunkt kam mit der Pandemie im Frühjahr 2020, als die Studios monatelang schließen mussten. In dieser plötzlichen Ruhe suchte Kim im Internet nach einem „Job mit glücklichen Menschen“ und stieß auf die Fortbildung zur freien Rednerin. Die erste Hochzeit von zwei Freundinnen folgte prompt. Trotz Nervosität spürte Kim bei der Begrüßung durch das Mikrofon sofort: Das ist es zu 100 Prozent. Der Sprung in die Selbstständigkeit war geschafft.

Kimberly Bräuning redet bei einer Trauerfeier.
Bei Kims Trauerreden darf gelacht werden. (Foto: Yuliya Kotelevskaya)

Als später der Wunsch in ihr reifte, auch als Trauerrednerin an den Start zu gehen, kehrten die alten Zweifel kurz zurück. Ob die Trauer sie wieder mitreißen würde? Die Entscheidung wurde ihr schließlich von ihrer Schwiegermutter abgenommen, die nach einem Todesfall im Bekanntenkreis kurz und entschlossen sagte: „Du bist doch Rednerin. Mach das.“ Kim begriff den Moment als Chance. Sie sprang ins kalte Wasser, hielt ihre erste Trauerrede und stellte fest, dass die alte Angst unbegründet war. „Das war eine frühere Version von mir“, sagt sie heute über die Zeit im Frauenhaus. „Ich bin immer noch emotional und fühle viel mit, aber ich habe heute eine andere Distanz dazu. Ich sehe das Wertvolle an dem, was ich für die Menschen kreieren darf.“

Die Arbeit einer Trauerrednerin beginnt lange vor der eigentlichen Zeremonie und folgt einem handwerklichen Prozess. Erhält Kim eine Anfrage – meistens über die Agentur oder ein Bestattungsinstitut – sucht sie den direkten Kontakt zu den Hinterbliebenen. Sie bereitet sich bewusst gar nicht auf diese Gespräche vor. Kein Vorab-Googeln der Verstorbenen, keine starren Raster. Sie fährt zu den Angehörigen nach Hause, in deren vertrauten Raum, wo sie sich am wohlsten fühlen.

„Ich buddel immer nach Details“, erklärt Kim. Sie gibt sich nicht mit den klassischen nackten Meilensteinen einer Biografie zufrieden. Während ältere Generationen oft noch gewohnt sind, chronologisch von der Grundschule, der Ausbildung und dem Werdegang zu berichten, lenkt Kim das Recherchegespräch in der Regel auf die Persönlichkeit, die Brüche und die Eigenheiten. Sie fragt nach Leidenschaften, Filmen, Lieblingsgetränken und den ganz spezifischen Lieblingswörtern.

„Wenn jemand zum Beispiel Pommes als Lieblingsessen angibt, würde ich es nie dabei beruhen lassen“, erzählt sie. „Ich frag dann immer: Mit Ketchup oder Mayo? Welches Getränk dazu? Denn sehr viele Menschen lieben Pommes, aber eben nicht genau so wie die Person, um die es geht.“ Es sind diese winzigen Facetten, zwischen denen sie die wahre Essenz eines Lebens liest. Wenn mehrere Angehörige am Tisch sitzen, entsteht durch das gemeinsame Erinnern, das Weinen und das plötzliche, laute Lachen über alte Anekdoten ein buntes Bild des Verstorbenen.

Was macht eine freie Trauerredner*in?
Gestaltung der Trauerfeier: Trauerredner und Trauerrednerinnen planen den Ablauf der Zeremonie für (konfessionslose) Verstorbene und sorgen bei der Feier für einen würdevollen und angemessenen Rahmen.

Persönliche Vorgespräche: In Gesprächen mit den Hinterbliebenen sammeln sie biografische Informationen. Zudem klären sie die Wünsche  bezüglich Umfang und Inhalt der Dienstleistung und stimmen das Angebot ab.

Vorbereitung und Rede: Sie verfassen die individuellen Abschiedsworte und bereiten bei Bedarf weitere Gestaltungselemente der Beerdigung vor, wie Musik, Rituale oder Beiträge von Angehörigen.

Erinnerungen in der Box

Manchmal hinterlassen diese Begegnungen bleibende Spuren in Kims eigenem Alltag. Vor Kurzem begleitete sie die Familie eines Mannes, der Kaugummiautomaten liebte. Seitdem kann Kim an keinem Automaten mehr vorbeigehen, ohne an ihn zu denken.

Manchmal zeigen die Familien ihre Dankbarkeit: Eine Familie, mit der sie gesprochen hatte, schenkte ihr zum Abschied einen großen Präsentkorb. Das Besondere daran: Der Verstorbene hatte leidenschaftlich gerne Comics gezeichnet. Die Familie vermachte Kim eine Sammlung dieser handgezeichneten Werke. Heute lagern diese Comics zusammen mit ausgedruckten Reden und Dankeskarten in einer Erinnerungsbox bei ihr zu Hause. Es sind Erinnerungsstücke an einen Menschen, den sie selbst nie kennengelernt hat.

Drei Runden durch den Raum

Um zu verstehen, wo ihre Reden entstehen, muss man viele Stufen hochlaufen. Der Weg führt durch den imposanten Eingangsbereich der Villa Ruhrtal, vorbei an einem schweren Kronleuchter und Fenstern aus buntem Glas, die an Kirchenfenster erinnern. Doch ganz oben angekommen, bricht das historische Ambiente auf. Hier, unter den Dachschrägen der Villa Ruhrtal, befindet sich ein modernes Architekturbüro. Licht flutet durch die großen Schrägfenster, an der Decke stehen grüne Pflanzen auf einem alten Holzbalken, darunter erstreckt sich ein langer Tisch. Gegenüber steht ein Stehtisch. Kims Arbeitsplatz.

Die Villa Ruhrtal von außen.
Hier in der Villa Ruhrtal schreibt Kim ihre Reden. (Foto: Kimberly Bräunig)

„Der Ort bedeutet für meine Arbeit Freiheit, Ruhe und Kreativität. Ich finde es allein schon sehr inspirierend, an einem Ort zu schreiben, wo auch irgendwie so selbst die Wände Geschichte atmen“, sagt sie. Nach einem Gespräch mit Angehörigen lässt sie die Notizen bewusst zwei bis drei Tage liegen. In ihr drin arbeitet es die ganze Zeit weiter. Erst dann sucht sie sich einen Tag, an dem sie wirklich vier bis fünf Stunden Zeit hat. Wenn sie beginnt, eine neue Rede aufzubauen, geht sie oft erst einmal drei Runden durch den Raum. Sie lässt die Notizen sacken, bewegt sich durch das Zimmer und sucht nach dem roten Faden.

Jede Rede folgt einer Metapher. Kim überlegt, welches Bild gut zur verstorbenen Person passt. War das Leben wie eine gemütliche Kneipe, bei der man verschiedene Räume beschreiben kann? Oder wie ein Museum? Erst wenn die Grundstruktur steht, tritt sie an den Stehtisch und beginnt zu tippen. „Wenn ich merke, dass es in mir richtig anfängt zu brodeln und die Worte einfach so fließen, dann weiß ich: Das ist richtig und das funktioniert.“ Der Feinschliff an den Sätzen setzt Kim meistens ein bis zwei Tage vor der Feier an.

Die Couch-Kritik

Doch kein Text verlässt das Büro, ohne zu Hause überprüft zu werden. Das geschieht oft spät abends im heimischen Wohnzimmer, wenn ihr Sohn schläft und der Hund versorgt ist. Kim macht es sich auf ihrem Lieblingssessel gemütlich, die Rede auf dem Tablet oder ausgedruckten Blättern in der Hand. Auf dem Sofa sitzt ihr Mann Tobi und hört zu.

Tobi ist ihr wichtigster Gradmesser. Sie liest ihm jede Trauerfeier vorab vor. „Er sagt selbst immer, dass er mittlerweile so viele Menschen kennt, die er eigentlich gar nicht persönlich erlebt hat. Das ist total verrückt“, erzählt Kim. Tatsächlich weint Tobi fast bei jeder Rede, weil er sich so gut reinfühlen kann. Er merkt sofort, wenn eine Passage unnahbar wirkt. „Wenn Tobi spürt, dass eine Rede oberflächlich bleibt und es an Tiefe fehlt, schlägt er Alarm.“ Wenn er gerührt nickt, hat die Rede bestanden.

Zwischen den Bäumen

Szenenwechsel: Der Ruheforst Cappenberg in Selm – „Wenn es irgendwann mit mir zu Ende gehen sollte, dann möchte ich da hin“, gesteht sie. Der lange Waldweg hinauf zum Ruheforst zwingt die Menschen zur Ruhe, sagt Kim. Es ist ein Weg des Ankommens.

Heute steht Kim hier vor einer großen Kulisse mit 150 Menschen. Wie vor jeder Feier ist die Aufregung da. Sie kommt frühzeitig mit dem Bestatter an und baut ihr eigenes Equipment auf: Box, Stativ, Mikrofon. Sie macht einen kurzen Soundcheck und testet die Lautstärke der drei ausgewählten Spotify-Lieder. Die Songs hat sie vorher heruntergeladen, um im Wald unabhängig vom Internet zu sein. Als die Familie eintrifft, wird es emotional. Die jüngere Schwester des Verstorbenen weint sehr stark. Kim hält sich im Hintergrund, wechselt einen kurzen, abstimmenden Blick mit dem Bruder des Verstorbenen und geht schließlich zu ihrem Platz. Alles ist bereit.

Sie atmet einmal kräftig durch, dann geht es los. Das erste Lied lässt alle Gäste gedanklich ankommen. Nach einer kurzen Begrüßung lädt sie alle ein, in eine Lieblingserinnerung an den Verstorbenen einzutauchen. Der zweite Song läuft. Dann startet Kim ihre eigentliche Rede. Kim liebt diese freien Rahmenbedingungen abseits der engen 20-Minuten-Taktung klassischer Trauerhallen. Im Wald hat sie den nötigen Platz und vor allem Zeit. Die Zeremonien dauern ungefähr 45 Minuten, manchmal auch länger. Es wird viel geweint, aber an den richtigen Stellen wird auch laut gelacht. Für Kim ist das das direkteste Feedback, dass sie alles richtig macht.

Was ist ein RuheForst?
Ein Friedhof im Wald: Statt auf einem normalen Friedhof wird die Asche der Verstorbenen in biologisch abbaubaren Urnen unter Bäumen im Wald beigesetzt.

Geschützte Natur: Dieser Wald wird nicht mehr abgeholzt. Er bleibt bis zu 100 Jahre unberührt, damit Pflanzen und Tiere dort ungestört leben können.

Ort der Erinnerung: Er ist gleichzeitig ein Ort zum Trauern für die Angehörigen und ein geschütztes Stück Natur.

Hardstyle und Yfood

Szenenwechsel zurück zum Stadion Rote Erde. Als Kim an diesem heißen Vormittag ihr Mikrofon ausschaltet, hallen ihre letzten Worte noch kurz zwischen den riesigen Tribünen des Stadions nach. Die 250 Menschen in Schwarz erheben sich langsam von den Rängen. Nach dem Nicken zur Bestatterin bleibt sie noch einen Moment stehen, verabschiedet sich leise von der Familie und packt ihr Equipment zusammen. Der Weg zum Parkplatz fühlt sich nach dieser gigantischen Kulisse noch ein Stück länger an als sonst.

Wenn die Autotür ins Schloss fällt, braucht Kim einen harten Cut, um die Trauer zurückzulassen. Sie greift zum Lautstärkeregler und dreht ihn radikal nach rechts: Hardstyle dröhnt in ohrenbetäubender Lautstärke durch das Fahrzeug. Ein hämmernder Bass. Je lauter und je doller, desto besser. Gleichzeitig greift sie nach einer Flasche Yfood Berry und trinkt sie fast ganz leer.

„Danach bin ich wirklich kaputt, weil ich ganz viel Herz, Energie und Leidenschaft hineinsetze. Ich bin dann ein bisschen leer und habe das Gefühl, dass ich mich auf diese Weise wieder auffüllen muss“, erklärt sie. Während der anschließenden Autofahrt telefoniert sie per Freisprechanlage mit ihrem Mann oder ihrer Mutter, um das Erlebte vollends abzustreifen. Wenn sie zu Hause ankommt, ist sie wieder komplett in ihrem eigenen Leben – bereit für den nächsten Abschied, bei dem wieder geweint und gelacht werden darf.

Beitragsbild: Kris Møklebust/Pexels

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert