
Besonders viele junge Menschen treten aus der katholischen Kirche aus. Ein Kloster im Sauerland und ein Glaubensnetzwerk versuchen sie wieder anzusprechen. Ihr Ziel: Glaube wieder in den Alltag bringen. Doch können sie wirklich etwas bewirken?
Leere Bänke statt bedachte Stille und Besinnlichkeit. Nicht immer und überall, aber oft genug, dass es auffällt. Besonders da, wo früher Jugendgruppen saßen oder Firmlinge ihre Plätze fanden. Die katholische Kirche in Deutschland verliert immer mehr Mitglieder, viele davon mit Ende zwanzig jung. 2025 war es eine halbe Million.
Junge Menschen machen in den vergangenen Jahren zum Beispiel laut Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland deutschlandweit und in den einzelnen Bistümern die größte Gruppe der Austritte aus. Oft besteht gar kein Bezug zur Kirche mehr und sie scheint kaum noch eine Rolle zu spielen. Aber stimmt das wirklich? Oder schaut man zu sehr auf die Zahlen und übersieht dabei, dass auch junge Menschen weiter nach Glauben suchen, nur eben anders als früher?
Ich möchte wissen, was die katholische Kirche für junge Menschen tut und warum das immer weniger ansprechend zu sein scheint. Dazu habe ich mich im Erzbistum Paderborn auf die Suche gemacht und mit jungen Menschen verschiedener Angebote gesprochen. Auch Dortmund gehört zum Bistum. Und damit betrifft es auch den Raum, in dem ich lebe, studiere und berichte.
YOUPAX als Glaubensnetzwerk
Das Glaubensportal YOUPAX des Erzbistums Paderborn . Mit verschiedenen Onlineangeboten, Büchern und direktem Austausch, zum Beispiel bei den deutschlandweiten Young-Mission-Wochenenden.
Matthias Bender (20) erinnert sich noch gut an seine erste Berührung mit YOUPAX. Er fuhr im Mai 2025 zum ersten Mal auf ein Young-Mission-Wochenende. Sie feiern Messen, diskutieren über Glaubensfragen, beten gemeinsam.
Für Matthias Bender leben die Angebote von YOUPAX vom Austausch über den katholischen Glauben. YOUPAX habe ihm vor allem gezeigt, dass es immer noch junge Menschen gebe, die trotz aller negativer Schlagzeilen an ihrem Glauben festhielten. Entsprechend ist mit YOUPAX auch eine Anlaufstelle für zweifelnde junge Christen geschaffen.
Gleichzeitig zeigt diese Erfahrung auch ein Paradoxon: Dass solche Treffen überhaupt überraschen, sagt bereits viel über die Situation der Kirche aus. Junge Menschen, die sich aktiv mit Glauben beschäftigen, wirken heute fast wie eine Ausnahme.
Viele hätten ein negatives Bild von der Kirche, bedauert Bender – oft schlimmer, als es seiner Erfahrung nach tatsächlich sei. Jungen Leuten müsse man vor allem wieder mehr zutrauen, findet er. Es scheint in der Kirche also an Bindung zwischen den Generationen zu fehlen.
Tradition als Halt
Für die 17-jährige Naomi Weber begann der Weg zum Glauben nicht mit einer Predigt, sondern mit einer Postkarte von YOUPAX. Mittlerweile seien es vor allem die Social Media Kampagnen, die sie ansprächen.
YOUPAX soll den eigenen Glauben unterstützen. Bei Naomi Weber helfe das auch, weil der Glaube im eigenen Umfeld keine sehr große Rolle spiele. Für sie zähle vor allem: „Die katholische Kirche ist ja sehr traditionell und dieses Traditionelle, zum Beispiel auch die Eucharistie, das ist so wichtig für mich geworden, weil es halt auch bis zu meiner Firmung für mich selber gar kein Thema war und es hat sich halt dadurch auch super, super viel verändert“, sagt sie.
Viele Veränderungen brauche die katholische Kirche nicht, findet Naomi Weber. Traditionen würden den katholischen Glauben ausmachen. Sie findet, wenn man wirklich katholisch glaubt, dann brauche man nicht viel mehr als den Glauben selbst. Die Gespräche mit jungen Menschen zeigen damit ein widersprüchliches Bild. Manche entdecken Glauben neu, andere bleiben auf Distanz zur Kirche. Vor allem letzteres zeigt, dass Kirche im Vergleich zu früher viel weniger eine automatische Rolle im Leben spielt, weil junge Menschen hineinwachsen. Kirche hat also vermeintlich gar nicht die Chance, sich um junge Menschen zu bemühen.
YOUPAX als digitale Nähe
Tobias Schulte ist redaktioneller Leiter von YOUPAX. Die Angebote seien einem Prozess entwachsen, sagt er. Das Projekt habe sich über die Jahre von einer Website zu einem breiteren Angebot entwickelt. Mittlerweile seien mit einem Post tausende Menschen zu erreichen.
Die sinkenden Zahlen in der katholischen Kirche sind auch bei YOUPAX Thema. Beim Blick auf Veränderungen sei aber vor allem wichtig, dass man schaue, was den Menschen für eine gute Beziehung zum eigenen Glauben helfe. Der habe heutzutage eher weniger etwas mit Zwang zu tun als früher. Am wichtigsten sei aber: „Den Glauben zu bereichern, weil Glaube ja nicht nur irgendwie Erlebnis ist, sondern auch im Alltag stattfindet und auch was fürs Köpfchen ist und nicht nur fürs Herz.“
Eine Oase im Sauerland
Dieses Spannungsfeld wird auch in der Benediktinerabtei Königsmünster im Sauerland sichtbar. Eine angemessene Reaktion auf Austritte und gleichzeitig ausreichend auf Menschen eingehen gestaltet sich nicht immer leicht.
Im Jugendgasthaus „Oase“ des Klosters kommen jedes Jahr mehrere tausend junge Menschen zusammen. Das Angebot der Oase soll an den eigenen Glauben heranführen und gliedert sich in drei Teile. Besinnungstage für Schulklassen, die Oberstufenakademie, beziehungsweise das Studium generale, und zuletzt direkter Kontakt zu den Mönchen über die „Stationen online“, das Onlineangebot der Oase.
Die Angebote bieten jungen Menschen auf vielen Ebenen eine Möglichkeit, zum Glauben zu finden. Das zeigt: Kirchliche Jugendarbeit ist am Beispiel von YOUPAX und der Oase keinesfalls verschwunden. Es gibt also noch Projekte zum Glauben, die auf junge Menschen eingehen wollen.
Unterschiedliche Wege zum Glauben
Für Teilnehmende an Kursen ist vor allem die Ruhe in der Oase entscheidend. Tasha A. und Scarlett Goldschmidt sind im Rahmen ihrer Ausbildung zur Pflegefachkraft vor Ort. Beide erleben den Glauben im Alltag sehr unterschiedlich. „Ich glaube an etwas, aber ich kann es nicht genau definieren und kann mich deshalb auch nicht ganz mit der Kirche identifizieren,“ erzählt Tasha A. (22). Scarlett Goldschmidt (22) sagt: „Ich bin mit dem katholischen Glauben aufgewachsen und er ist bis heute ein Teil meines Lebens. Er gibt mir Halt, ohne, dass ich anderen ihren eigenen Glauben vorschreiben möchte. Ich finde es schön, dass hier jeder seinen Glauben auf seine eigene Weise Leben kann und dafür Offenheit und Respekt erfährt.“
Angebote wie das der Oase finden die beiden gut. Auch wenn ihr Glaube unterschiedlich ist, haben sie eine ähnliche Idee, wie junge Menschen von der katholischen Kirche besser angesprochen werden könnten. Tasha A. findet, man solle Messen für junge Menschen zusätzlich halten. Diese könnten auch zu einer anderen Tageszeit oder kürzer sein, als übliche Messen. Scarlett Goldschmidt wünscht sich mehr Möglichkeiten, verschiedene Glaubensrichtungen und deren Sichtweisen kennenzulernen. Für junge Menschen ist nicht nur wichtig, dass sie angesprochen werden, sondern vor allem, wie.
Die unterschiedliche Haltung der beiden wird in der Oase nicht als problematisch angesehen. Die Angebote dort sollen vor allem zum Glauben hinführen und neue Sichtweisen ermöglichen. Auf diese Weise erhofft man sich auch wieder Nähe zur Kirche herzustellen. Grundsätzlich sind aber alle Haltungen willkommen.
Julia Ebbing ist Lehrerin am Hansa Gymnasium Köln und begleitet zum zweiten Mal eine Klasse in die Oase. Sie sagt, besonders für junge Menschen ohne Kontakt zur Kirche seien die neuen Perspektiven in der Oase entscheidend.
Offenheit als Zugang
Auch Carmo Hieronymus aus dem Team der Oase betont die Wirkung der Kurse. Viele Teilnehmende seien zunächst überrascht, wie offen über Glauben und kirchliche Probleme gesprochen werde. Gerade weil Religion nicht im Mittelpunkt stehe, entstünden häufig Gespräche darüber aus der Perspektive der Jugendlichen. Das zeigt: entscheidend an der Haltung gegenüber der katholischen Kirche ist vor allem das bestehende Bild von Kirche. Letzteres scheint für junge Menschen sehr einseitig und alltagsuntauglich zu sein.
Bruder Benjamin Altemeier, Leiter der Oase, sieht darin eine wichtige Aufgabe kirchlicher Jugendarbeit. Kirche müsse näher an den Fragen junger Menschen sein, sagt er – etwas, das in den bestehenden Strukturen nicht immer stattfinden würde. Genügend angesprochen seien junge Menschen demnach im kirchlichen Kontext nicht. Bruder Benjamin beschreibt ein erstes Ziel der Oase so: „Unser Ansatz ist aber der, den Menschen ein Bewusstsein dafür zu geben, dass sie erst einmal gut sind.“
Jugendarbeit als Flickenteppich
Eine ähnliche Einschätzung wie Menschen aus der Oase hat Dr. Susanne Grimbacher. Die Ansprache und Angebote an junge Menschen müssten sich dringend verändern. Susanne Grimbacher ist im Bistum Rottenburg-Stuttgart tätig, promovierte zum Thema Jugendarbeit in der katholischen Kirche. Aus ihrer Sicht brauche es mehr Angebote für junge Menschen, die mit ihnen gemeinsam und nach ihren Bedürfnissen entwickelt werden. Zudem seien viele Angebote stark an bestehende kirchliche Strukturen gebunden, sodass Außenstehende nur schwer Zugang fänden.
Eine gemeinsame Strategie, junge Menschen zu erreichen, gebe es nicht. Stattdessen arbeite jedes Bistum für sich. Auch die öffentliche Wahrnehmung der Kirche spiele eine Rolle, sagt Grimbacher. So sei beispielsweise der sexuelle Missbrauch durch viele einzelne Aufarbeitungen mehrfach immer wieder in den Medien präsent gewesen. Dadurch bleibe von Kirche häufig vor allem ein negatives Bild. Grundlegende Konflikte erschwerten diese Ansprache zusätzlich: der Umgang mit Missbrauch sowie Fragen von Geschlechterrollen und sexueller Vielfalt. Solange diese Themen nicht anders behandelt würden, bleibe die Kirche für viele gesellschaftlich schwer anschlussfähig. Über die Erwartungen vieler Akteure der katholischen Kirche sagt Grimbacher: “Man wünscht sich, dass es wieder wird, wie es niemals war“.
Dennoch müsse sich die Ansprache verändern. Junge Menschen müssten stärker in ihrem Alltag erreicht werden, etwa durch digitale Angebote.
„Bestenfalls fragt sich Kirche nicht: ‚Wie können wir Mitglieder gewinnen?‘ sondern “Wie können wir Menschen dabei begleiten, gutes Leben zu führen und gutes Leben zu gestalten, und zwar egal ob sie Mitglieder sind oder nicht?“
Was einzelne Angebote leisten können
Nach den Gesprächen bleibt ein zwiespältiger Eindruck: YOUPAX und die Oase zeigen, dass kirchliche Jugendarbeit entgegen dem öffentlichen Bild gut funktionieren und junge Menschen erreichen kann. Auch, wenn der Bezug zur Kirche fehlt. Gleichzeitig wirken diese Ansätze oft wie einzelne Inseln in einer größeren kirchlichen Landschaft.
Gerade darin zeigt sich eine Grenze: Solange strukturelle Konflikte bestehen und eine gemeinsame Strategie fehlt, bleibt es schwer, junge Menschen dauerhaft zu erreichen. Fragen wie nach Missbrauch, Macht und Geschlechterrollen müssen zudem gemeinsam aufgearbeitet werden, sonst bleiben sie im Hintergrund bestehen. Gleichzeitig machen die Gespräche und Studien deutlich, dass Tradition für viele junge Menschen weiterhin eine wichtige Bedeutung hat und sie darin Halt suchen. Andere wiederum suchen mehr Offenheit für neue und weniger festgelegte Herangehensweisen in der katholischen Kirche, die es ihnen ermöglichen ihren Glauben innerhalb einer anderen, für sie passenderen Haltung der Kirche auszuüben.
Was nun?
Junge Menschen suchen also weiterhin nach ihrem Glauben – allerdings auf unterschiedliche Weise. YOUPAX und die Oase greifen einen Teil dieser Suche auf. Sie zeigen, was möglich ist, wenn Kirche zuhört und Räume zur Verfügung stellt.
Um es aus der Sicht von Susanne Grimbacher zu sagen: Jugendarbeit sollte in Zukunft weniger nur von jungen Menschen allein gehandhabt wenden müssen. Vielleicht könnten dabei einheitliche Strategien für alle Bistümer helfen. Die vorhandenen Ansätze der Jugendarbeit finde ich vielversprechend, sie wirken bisher jedoch nur eingeschränkt, wenn ich auf die hohen Austrittzahlen zurückkomme.
Für einen gemeinsamen Weg von katholischer Kirche und jungen Menschen ist es meiner Meinung nach wichtig, dass beide Seiten um Verständnis bemüht sind und aufeinander zugehen. So könnten erste Schritte gemeinsam ausgebaut werden, sodass sich alle wiederfinden. Am Ende steht für mich also weniger eine fertige Lösung als eine Frage: Will die Kirche junge Menschen vor allem zurückgewinnen – oder ist sie bereit, sich von ihren Fragen verändern zu lassen?
Beitragsbild: P. Maurus Runge OSB Abtei Königsmünster