
„Zuhause“. Wo das ist, kann Rahel nicht mehr so genau sagen. Die 22-jährige hat das Ruhrgebiet hinter sich gelassen und bereist die Welt – oft per Anhalter. Im Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen mit dem Trampen als junge Frau.
Rahel kommt gerade von einer Wanderung zurück. Sie ist in Innsbruck in einer WG von Freunden untergekommen. Vom Balkon aus schaut sie auf ein Bergpanorama. Ihr Zuhause ist ständig woanders. Gerade ist es die WG, bald soll es wieder irgendwo in Chile sein. Einen festen Wohnsitz hat sie nicht mehr. Nach zwei oder drei Monaten an einem Ort wird sie unruhig, will wieder los.
Diesen Lifestyle teilt Rahel auf ihrem Instagram-Account @rahel.zoe. Sie zeigt, wie sie „durch das Tramper-unfreundlichste Land zurück nach Hause“ trampt, im Garten fremder Menschen die Nacht verbringt und wie man als Frau beim Reisen sicher bleibt. 2025 hat sie eine neue Herausforderung angenommen: Im YouTube-Format „The Race“ trat sie gegen vier weitere Teilnehmer an – in einem Rennen von Paris bis nach Kappadokien in der Türkei.
Du hast letztes Jahr „The Race“ gewonnen. Wie hat es sich angefühlt, als Erste am Ziel anzukommen?
Als Erste am Ziel anzukommen, war echt ein starkes Gefühl. Ich hatte die ganze Zeit im Gefühl, dass ich nicht die Erste bin. Es war eine Riesenerleichterung – und ich war auch die erste Frau, die dieses Format gewonnen hat. Nach diesen fünf Tagen Schlafmangel des Todes auf dieser Burg zu stehen… Es war einfach ganz, ganz viel Unglauben.
Was war während dieses Rennens die schwierigste Situation für dich?
Du weißt nicht, wo die anderen sind. Es laugt dich mental unglaublich aus, dass du nicht weißt: „Kann ich jetzt ein bisschen chillen, weil ich weiß, ich bin recht weit vorne? Oder muss ich richtig schnell aufholen, ich bin voll weit hinten?“ Man kann es nur erahnen. Zum Beispiel dachte ich in der ersten Nacht: „Als ob irgendjemand so weit wie in die Schweiz gekommen ist.“ Aber danach dachte ich auch, dass die anderen wahrscheinlich jetzt richtig hart durchziehen. Man kann sich mit nichts sicher sein.
Und ich glaube, konkret war auch die Situation in der Türkei krass. Auf einmal kommt die Polizei und nimmt mich mit. Ich musste bei denen ins Auto steigen und die ganze Zeit erklären, was ich hier gerade mache. Und dass es auch okay ist, dass ich das als Frau mache und nicht nur als Mann.
Machst du beim Trampen etwas anders als Männer?
Ja. Daniel (Anmerkung der Redaktion: ein anderer Teilnehmer von „The Race“) hat „The Race“ für sich nochmal neu gemacht. Bei seinem Start waren wir beide gleichzeitig in Paris und haben miteinander gequatscht. Und ich habe ihn gefragt: „Hey, hast du jemanden, der deinen Standort hat? Der auf dich aufpasst und der weiß, wo du nachts pennst?“.
Und dann hat er mich verwirrt angeschaut und war so: „Hä, wie jetzt? Wie, ich soll jemandem meinen Standort schicken?“ Das hat er bei seiner Weltreise nie gemacht. Und ich hab‘ gesagt: „Bro, das ist halt meine Realität. Dass ich Leuten meinen Standort schicke. Dass ich schaue, dass niemand weiß, wo genau ich schlafe, wenn ich irgendwo in der Wildnis schlafe. Dass ich immer sage, Leute warten auf mich.“ Das war das erste Mal, als ich realisiert habe, dass da ein großer Unterschied zwischen dem ist, wie ich reise und wie Männer reisen.
„The Race“ war nicht deine erste Erfahrung mit dem Trampen. Wie hat das bei dir angefangen?
Angefangen hat es eigentlich, bevor ich jemals getrampt bin. Meine Mutter hat schon immer Tramper*innen mitgenommen, als wir die an der Straße gesehen haben. Das war für mich nie etwas Fremdes oder etwas komplett Unnatürliches. Dann habe ich ein Auslandsjahr in Lettland gemacht, 2019 und 2020, und habe dort Caro, eine gute Freundin von mir, kennengelernt. Wir beide sind in diese Winterdepression gefallen. Und dann dachten wir: „Nee, wir reisen jetzt zurück. Wir haben eh noch einen Monat Zeit, bevor wir zurück nach Deutschland müssen. Dann reisen wir erstmal noch ein bisschen durch Lettland und dann trampen wir zurück heim.“
Wir hatten diese Route schon im Januar oder Februar durchgeplant, weil das das Einzige war, was uns glücklich gehalten hat. Und dann kam Corona. Wir konnten nicht mehr reisen, wir mussten nach Hause fliegen, weil ja alles dicht gemacht wurde. Und als ich 18 geworden bin, sind wir dann anderthalb, zwei Wochen durch Frankreich getrampt. Das war meine erste richtige Tramp-Reise. Dann bin ich da irgendwie reingekommen.
Gibt es Begegnungen, die dir während deiner Reisen besonders im Kopf geblieben sind?
Natürlich immer mal wieder die schlechten Erfahrungen, die ich hatte, weil die mich auf eine gewisse Art und Weise vieles gelehrt haben: mehr meine Grenzen zu setzen.
Aber jedes Mal nach einer schlechten Erfahrung kamen nette Menschen hinterher und sind einen Umweg für mich gefahren oder haben mich zum Essen eingeladen. Als ich von Georgien in die Türkei getrampt bin, war ich dann plötzlich bei einem unglaublich lieben Familienvater in seinem LKW. Er hat als Erstes seinen Sohn angerufen, weil der Englisch gesprochen hat. Der hat mir alles erklärt und übersetzt. Oder ich habe beim Trampen zwei enge Freundinnen von mir kennengelernt, die ich in ein paar Tagen besuchen gehe. Mit denen bin ich dann zwei Wochen durch Montenegro gereist, bei denen im Van, weil wir uns so gut verstanden hatten, dass wir gesagt haben: „Wir reisen jetzt ein bisschen zusammen.“
Was hast du über Menschen gelernt, seit du trampst?
Menschen sind generell viel netter, als man immer denkt; und viel vielschichtiger. Ich finde es immer wieder schade, wenn ich mit jemandem trampe und die Sprache nicht spreche. Auf der einen Seite ist es eigentlich ganz geil, weil ich dann ein bisschen chillen kann im Auto. Auf der anderen Seite lernst du auch die Person nicht richtig kennen. Man kriegt teilweise von Leuten die ganze Lebensgeschichte erzählt. Und dass sie dann trotzdem so eine innere Kraft haben und Leute mitnehmen wollen, ihnen helfen wollen oder einfach nur was teilen wollen…
Ich glaube, wir vergessen oft, dass die andere Person, die uns gegenüber ist, auch so ein Mensch ist wie ich. Oder wie du. Wir gehen immer automatisch vom Schlechtesten aus und vom Schlimmsten. Und ja, es gibt super viele schlimme und böse Menschen. Aber es gibt noch viel mehr unglaublich nette und tolle Menschen.
Woher nimmst du das Vertrauen, zu fremden Menschen ins Auto zu steigen?
Ich vertraue sehr, sehr stark meinem Bauchgefühl. Wenn mein Bauchgefühl sagt: „Ne, passt nicht“, dann mache ich es nicht. Ich würde sagen, wir Frauen lernen generell von Grund auf, ein ordentliches Bauchgefühl zu haben. Wir brauchen das, egal wann, egal wo. Ob es beim Feiern ist, ob es beim Nachhause laufen ist, ob es der Onkel beim Familienfest ist.
Meine Mutter hat mir sehr viel Vertrauen in Menschen gegeben. Wir hatten schon immer ein Airbnb, das wir bei uns in der Wohnung vermietet haben. Ich bin damit groß geworden. Ich wollte als kleines Kind schon immer reisen und eigentlich die ganze Welt sehen, bei allen
Leuten sein. Ich war immer eine sehr offene Person. Und ich glaube, damit ist auch dieses Vertrauen zu Menschen dazu gekommen.
Ich vertraue nicht jeder Person auf naive Weise. Ich finde, wenn man sagt, man vertraut Menschen, dann denkt man immer: „Was ist das denn für eine naive Person?“ Aber ich finde, es ist eigentlich viel mehr dahinter. Das ist nicht unbedingt Naivität. Man vertraut der Person zwar, aber es ist auch nicht ohne Bedenken.
Gab es Situationen, in denen du gemerkt hast, wie wichtig dein Bauchgefühl ist?
Ja, schon. Ich finde, das Wichtigste ist: Egal, wie irrelevant es wirkt, wenn das Bauchgefühl „Nein“ sagt, dann muss man das nicht erklären können, sondern einfach darauf hören. Zum Beispiel: Eine Person hat recht schnell angefangen, Andeutungen zu machen, was Dreier anging und ganz, ganz verrückte Sachen. Oder generell Sex. Und ich war so: „Ich bin in einer monogamen Beziehung, ich bin happy.“ Und dann ist es immer weiter in die Richtung gegangen. Dann waren wir zum Glück da.
Ich habe auch einmal bei jemandem im Truck geschlafen. Da kam dann auch die Frage, ob wir miteinander schlafen wollen. Oder ob wir uns küssen. Und ich immer: „Ne, werde ich nicht, will ich nicht, auf keinen Fall. Wir können reden, mehr nicht.“
Und dann aber auch die Überlegung: „Okay, schlafe ich jetzt wirklich noch bei ihm im Truck?“ Und dann habe ich mit meiner Mom telefoniert. Wir haben beide versucht, auf unser Bauchgefühl zu hören und hatten das Gefühl, dass er nichts machen wird. Er hat das dann respektiert, nachdem ich fünf bis zehn Mal „Nein“ gesagt habe. Und dann ist auch nachts nicht mehr passiert.
Würdest du sagen, dass es einen Unterschied macht, als Frau zu trampen?
Ja, definitiv. Als Frau ist es auf eine gewisse Art und Weise leichter, weil man selber als weniger Risiko angesehen wird und deswegen schneller mitgenommen wird. Beziehungsweise, dass Leute einem helfen wollen.
Auf der anderen Seite muss ich wirklich alles doppelt und dreifach hinterfragen, wenn jemand sagt: „Ja, du kannst bei mir pennen“, oder wenn Andeutungen und Witze gemacht werden. Ich habe ein viel größeres Risiko. Wenn es ganz schlecht läuft, werde ich vergewaltigt oder ich werde umgebracht. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mann vergewaltigt oder umgebracht wird, generell im normalen Leben?
Welchen Rat würdest du Frauen geben, die auch anfangen wollen, zu trampen?
Wenn es zu viel ist, das alleine zu machen: Sucht euch eine Freundin oder einen Freund und macht das gemeinsam. Nicht zu viel darüber nachdenken. Ich hatte das Glück, dass meine Mutter mich bei solchen Sachen immer sehr ermutigt hat und meinte: „Mach das!“ Sie findet es cool und hat mir nie wirklich eine Angst gegeben. Aber meiner Oma habe ich es nie erzählt, weil ich weiß, dass von ihr dann sehr viel Angst mitgegeben wird.
Also: Machen. Weil wir so viel stärker sind, als wir denken. Und ganz am Anfang ist es auch verrückt, da am Straßenrand zu stehen und dieses Schild hochzuhalten. Ich weiß noch, ich habe mich sogar ein bisschen geschämt, weil ich dachte: „Gott, was mache ich denn jetzt hier? Wie peinlich.“ Aber nein, ist es gar nicht. Das ist voll geil, weil du so viel mehr zurückkriegst.
Ich war letztens mit einer Freundin im Hostel und es waren auch zwei junge Frauen da. Wir haben gesagt, dass wir trampen. Die beiden haben uns so fassungslos angeschaut. Aber auf eine inspirierende Weise, dass sie dachten: „Wie cool ist das bitte?“ Ich vergesse manchmal, dass es für manche Leute nicht der Alltag ist, einfach irgendwo hin zu trampen.
Bilder: Rahel/privat
