„Ich lebe eigentlich nie in meiner Komfortzone“

Emma Păcurariu ist 21 Jahre alt und hat das Filmfestival „FilmschweSTERN*“ in Nürnberg initiiert. Im Interview erzählt sie, was sie in der Filmbranche vermisst hat, warum Förderarbeit belastend sein kann und weshalb sie den Begriff „aufmüpfig“ ambivalent findet.

Du möchtest mit dem Festival einen Raum für FLINTA*-Filmschaffende schaffen. Was hat dir persönlich in der Film- oder Kulturlandschaft gefehlt?

Ich habe beim Film in der Kamera- und Lichtabteilung gearbeitet und schnell gemerkt, ich fühle mich nicht wohl. Von mir wurde sehr viel erwartet, gleichzeitig konnte ich mich nicht ausprobieren oder wirklich etwas lernen. Dazu kamen immer wieder komische und sexistische Sprüche. Besonders am Anfang war ich nur in Räumen mit männlichen Kollegen. Ich wusste damals nicht, wie ich das ansprechen soll.

Ich habe mich dann mit Filmemacher*innen ausgetauscht, die schon länger in der Branche sind. Sie haben mir das Gefühl gegeben: „Das was dir da passiert, das ist nicht okay“. Und viele erleben Ähnliches. Mir hat ein Raum gefehlt, in dem man lernen, Fragen stellen und ausprobieren darf. Und ich glaube, dass es für FLINTA*-Personen noch einmal viel schwieriger ist, sich am Set zurechtzufinden, weil sie diesen patriarchalen Strukturen zusätzlich ausgesetzt sind. Ich habe selber die Erfahrung gemacht, dass ich beispielsweise dreimal so viel abliefern musste, um ernst genommen und wertgeschätzt zu werden.

Ich erinnere mich, ich war einmal Beleuchterin an einem Set. Dort meinte der Oberbeleuchter zu meinem männlichen Kollegen: „Kannst du mir bitte die Aperture 600d auf eine C-Stand aufbauen und du Emma, bastel du mir doch bitte ein Namensschild“.

Was bedeutet FLINTA*?

FLINTA*steht für heterogene cis-Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans* und agender Personen. Der Begriff bezeichnet Gruppen, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität patriarchale Diskriminierung erfahren können. Das Sternchen soll weitere Selbstbezeichnungen einschließen.

(Quelle: Friedrich-Ebert-Stiftung; Gemeinsam gegen Sexismus) 

Fokussiert verfolgt Emma in München eine Tanzperformance für einen Film, an dem sie aktuell arbeitet. Foto: Maja Wenker

Welche Perspektiven möchtest du durch das Filmfestival und durch die Filme dort sichtbar machen?

Wir wollten ein Programm zusammenstellen, das möglichst viele Stimmen und Bilder zeigt, die sonst oft ungehört bleiben. Insgesamt haben wir fast 160 Einreichungen für Filme bekommen, aus Dortmund, aber auch aus Paris und Ägypten. Damit hätte ich niemals gerechnet.

Bei der Auswahl haben wir auf tolle Szenenbilder und Kameraarbeiten geachtet. Wir haben aber auch geguckt, dass wir eine große Vielfalt an Themen und Filmarten haben und sie von verschiedenen Filmhochschulen, aber auch von Menschen stammen, die nichts mit Filmhochschulen zu tun haben. Man muss nicht auf einer Filmhochschule studieren, um tolle Filme machen zu können. Dabei haben wir auf die Quote von FLINTA*-Personen im Team geachtet, also dass es überwiegend FLINTA*-Personen sind. Auch in Filmhochschulen ist es ja oft immer noch so, dass FLINTA* im Studiengang Kamera unterrepräsentiert sind. Deswegen war es uns für die Auswahl der Festivalfilme wichtig, dass die Kameraleute und Regiepersonen FLINTA* sind.

Ich finde es sind alles sehr besondere und künstlerische Filme, die so nicht unbedingt im Kino laufen. Wie zum Beispiel der Kurzfilm „Basima- unsere Lebensfäden“ von Farah Nosshi, der das Leben einer ägyptischen Teppichknüpferin zeigt.

In Hamburg hat Emma die ersten Plakate für das Filmfestival aufgehängt. Foto: Rosa Mannott

Hattest du einen konkreten Moment, in dem du gemerkt hast, dass das Projekt wirklich real wird?

So richtig realisiert, dass es stattfinden wird, habe ich noch gar nicht. Aber es gab einen Moment, indem ich gemerkt habe, dass es realer wird. Nämlich als das Casablanca Filmkunsttheater zugesagt hat. Da habe ich mich sehr gefreut, weil ich das Kino sehr mag! So ein Projekt kann man nicht alleine auf die Beine stellen und deswegen bin ich sehr dankbar für das Kino und die ganze Unterstützung vom Team.

Zum Festival „FilmschweSTERN*“
Das feministische Filmfestival „FilmschweSTERN*“ fand am 15. und 16. August 2026 im Casablanca Kino in Nürnberg statt. Gezeigt wurden zehn Filme von FLINTA*-Filmschaffenden. Ergänzt wurde das Programm durch Workshops und Vorträge. Initiatorin des Projekts ist Emma Păcurariu. Unterstützt wurde sie dabei von einem Team des Kinos, das aus Kira Reichel, Sara Hertle und Christoph Forster besteht. Sie haben gemeinsam das Programm kuratiert, Öffentlichkeitsarbeit und Festivalorganisation geleistet. Bei der Auswahl der Filme hat das Team darauf geachtet, dass eine Bandbreite von Menschen vorkommt. Seien es Anfänger*innen mit Einzelproduktionen oder auch Fortgeschrittene mit großen Teams und hoher Filmqualität, von experimentellen Filmen bis zu Poesieproduktionen, beim Festival war alles mit dabei.

(Quelle und weitere Infos: Interview mit Emma und casablanca-nuernberg.de)

Du bist aber jetzt schon für das Festival mit dem NEXT VOICES-Preis von der Stiftung „Aufmüpfige Frauen“ ausgezeichnet worden. Was bedeutet dir das?

Der Preis bedeutet mir sehr viel — nicht nur wegen des Geldes, obwohl 3000 Euro für so ein Projekt natürlich enorm helfen. Wir haben viele Förderanträge geschrieben und einige Absagen bekommen. Wenn dann jemand sagt: „Wir finden gut, was du machst, und wir unterstützen dich“, ist das eine große Wertschätzung.

Gerade bei aktivistischer Arbeit bekommt man nicht ständig Lob oder Bestätigung. Als die Zusage kam, war ich an einem Punkt, an dem ich dachte: Vielleicht klappt das alles doch nicht. Der Preis war deshalb ein richtiger Push und hat mir gezeigt: „Gib noch nicht auf.“

Und der NEXT VOICES- Preis geht an…

Die Stiftung „Aufmüpfige Frauen“ verlieh bei einer Preisverleihung am 12. Juni in Dortmund den NEXT VOICES-Preis. Bewerben konnten sich junge Frauen zwischen 14 und 21 Jahren, die bereits ein Projekt umgesetzt haben und dieses weiter ausbauen möchten. Bei der Preisverleihung wurde Emma mit Adrienne Goehler zusammen ausgezeichnet, die zur „Aufmüpfigen Frau 2026“ gekürt worden war. Auch sie engagiert sich für den Feminismus. Beide Preise waren mit einem Preisgeld von 3.000 Euro dotiert.

(Quelle: Stiftung Aufmüpfige Frauen)

Gab es während des Projekts auch Momente, in denen du an Grenzen gekommen bist oder gezweifelt hast?

Ich hatte Angst, überhaupt diese Thematik in die Öffentlichkeit zu bringen. Ich habe oft gedacht, wenn ich mich so klar positioniere, werde ich dann Job-Nachteile bekommen? Davor habe ich auch heute noch Angst. Aber ich glaube, das ist etwas, womit man rechnen muss, wenn man solche Themen öffentlich macht.

Am Set von Emmas Film „Dir steht die ganze verf***te Welt offen“. Foto: Jakob Fischer

Ist „aufmüpfig“ ein Begriff, mit dem du dich identifizieren kannst?

Ich habe das Wort vorher tatsächlich nicht gehört oder benutzt. Adrienne Goehler hat den Namen kritisiert und hat gesagt, dass dieses Wort für sie eher negativ behaftet ist. Das kann ich total nachvollziehen. Aufmüpfig klingt nach etwas, das ein bisschen nervt.

Gleichzeitig finde ich den Begriff cool. Er klingt frech – man nimmt sich das, was man will. Über die Frage, ob ich mich damit identifizieren kann, müsste ich noch genauer nachdenken.

Wann und wie begann deine aktivistische Laufbahn?

Ich kann nicht behaupten, dass ich dauernd aktivistisch arbeite. Ich bin einfach eine FLINTA*-Person, die patriarchale Strukturen oder Ungerechtigkeit mitbekommt und ein starkes Gefühl hat: „Ich finde das sehr ungerecht, ich finde das nicht okay, was passiert, und ich will das unbedingt ändern.“ Das ist sehr groß gedacht, aber ich glaube, man muss größenwahnsinnig sein, um etwas verändern zu können.

Geprägt hat mich meine ältere Schwester. Als ich zwischen 13 bis 15 Jahre alt war, hat sie angefangen bei „Fridays for Future“ mitzuwirken und viel über Nachhaltigkeit und die Klimakrise nachzudenken.

Dazu kommt, dass ich aus einer künstlerisch geprägten Familie stamme und schon davor viel über Mode nachgedacht habe: „Ich will das irgendwie anders machen.“ Ich hatte das Gefühl, dass alle meine Freundinnen in den Spiegel geguckt, sich hässlich gefunden und dauernd mit ihrem Körper und Essen gestruggelt haben. Deswegen wollte ich mit meiner Modemarke Kleidung machen, in der man sich wohlfühlt, und das mit Nachhaltigkeit verbinden.

Was war bisher die größte Hürde, der du gegenüberstandst?

Ich würde sagen, ich lebe eigentlich nie in meiner Komfortzone. Ich gehe immer raus, weil ich sehr neugierig bin, und das ist nicht immer angenehm.

Gerade beim Thema Filmfestival oder der eigenen Modemarke – da eckst du immer an. Es ist nicht so, dass ich das einfach gemacht habe und keine Angst hatte. Damals bei der Modemarke habe ich mich gefragt: „Was denken die Leute in der Schule?“
Viele Leute fanden das cool, und ich hatte durch Freunde und Familie ein gutes Umfeld. Aber es gibt auch Menschen, die neidisch waren oder es übertrieben fanden. Man muss lernen, sich Räume zu suchen, in denen man gesehen und wertgeschätzt wird.

Beim Filmdreh des Poesiefilms „schießende sterne“ war Emma 2024 in Berlin unter anderem hinter der Kamera und übernahm mit ihrer Schwester die Regie. Foto: Maria Păcurariu

Du bist in Theater, Film und Mode unterwegs. Was verbindet diese Bereiche für dich?

Für mich gehören diese Bereiche alle zu einer künstlerischen Welt. Ich glaube, ich brauche diese Vielfalt. Ich bin 21 Jahre alt und will mir erlauben, noch viel auszuprobieren. Ich brauche diesen Ausgleich von verschiedenen kreativen Zugängen, wie Schauspiel, Kamera aber auch Bühnen-und Kostümbild, Licht, Mode und Veranstaltungen.

Manchmal frage ich mich auch: „Wieso kann ich mich nicht festlegen? Wieso kann ich nicht einfach ganz normal sein, eine Sache toll finden und die machen?“ Auf der Preisverleihung war es so ermutigend, Frauen zu treffen, die gesagt haben: „Du musst noch gar nicht wissen, wohin genau es geht und vielleicht musst du dich auch nicht entscheiden“. Ich will mich noch in verschiedenen Kategorien ausleben, und ich denke mir, dass das auch beruflich klappen wird.

Was möchtest du denn als Nächstes erreichen?

Für das Filmfestival wünsche ich mir, dass viele Leute einen Raum finden, in dem sie sich wohl fühlen, gesehen werden und viele Leute kennenlernen, die sie mögen.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass mein Leben wieder ein bisschen ruhiger wird. Ich  mag das, was gerade passiert, aber ich würde mich gerne wieder mehr aufs Studium fokussieren und mehr Zeit für Freunde und Familie haben.

Ansonsten freue ich mich sehr auf mein Auslandssemester in Wien. Ich habe den Studiengang dort gewählt, weil er Theater und Film verbindet und ich diese zwei Sparten total mag. Gleichzeitig freue ich mich, die Zeit zu haben, mich in die Stadt einzufühlen und zu chillen. Chillen ist etwas, was ich auf jeden Fall lernen muss. Was sehr wichtig ist, weil durchs Chillen kommen auch Ideen.

Was würdest du anderen jungen Menschen raten, die ein eigenes Kulturprojekt starten wollen?

Sucht euch Menschen, die Lust darauf haben, das Projekt mit euch zu machen und die euch guttun. Das ist das Wichtigste: Menschen an der Seite zu haben, die einen unterstützen.

Erzählt außerdem vielen Leuten von eurer Idee und holt euch Hilfe, wenn ihr sie braucht – gerade von Menschen, die schon Erfahrung haben. Ich habe die Erfahrung gemacht: Die meisten Leute wollen helfen, man muss nur klar kommunizieren, dass man sie braucht.

Und: Habt Spaß dabei, auch wenn Dinge scheitern. Das ist nicht schlimm. Manches wird nicht so klappen, wie man es sich gewünscht hat. Aber es wird trotzdem gut – vielleicht nur nicht so, wie man es sich vorgestellt hat. Gerade durch Scheitern oder durch das Verlassen der Komfortzone wächst man am Ende auch.

Beitragsbild: Jugendfilmfestival Mittelfranken

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