
Bevor Lisa Bohren auf Station geht, wird aus Jeans, Blumen und einer roten Nase ihre Clownfigur Lisette.
Noch ist Lisa Bohren sie selbst. Sie trägt eine Jeans und eine blaue Jacke, darunter ein schwarzes Oberteil. Geschminkt ist sie nicht. Nur die übergroße künstliche Gerberablume lässt vermuten, in wen sie sich verwandelt, sobald sie sich umgezogen hat. In ihrer Tasche verstecken sich noch mehr Hinweise: ein kleines Akkordeon, ein Teddybär, eine kleine Dose, die muht, wenn man sie schüttelt.
In der Umkleidekabine wird aus der Jeans ein gelber geblümter Rock und eine orangene Strumpfhose, aus der blauen Jacke ein grünes T-Shirt. Die Haare hat sie zu einem Dutt hochgesteckt und diesen mit roten Blumen verziert. Die Wangen und Lippen sind auffällig rot geschminkt. Mit jedem Kleidungsstück verwandelt sich Lisa in „Lisette“. Zum Schluss greift sie in ihre Tasche und holt hervor, was nicht fehlen darf: Die rote Clownsnase.
Das Umkleiden ist für sie ein Ritual: „Irgendwann merkt man dann: Okay, jetzt ist der Clown da“, erzählt sie vorher. Bevor sie auf die Station geht, stimmt sie sich mit ihrer Co-Clownin ein. Manchmal singen sie zusammen, manchmal musizieren sie, erzählt sie. Als Lisette nach einer guten halben Stunde wieder aus der Umkleide tritt, hat sich nicht nur ihr Aussehen verändert. Sie bewegt sich aktiver, bewusster und spielerischer. Fast wirkt sie wie ein Kind, das die Welt neugierig entdeckt.
Clownerie als Beruf
Lisettes heutiger Einsatz: die Gerontopsychiatrie in Dortmund-Aplerbeck. Dort begegnet sie älteren Menschen mit Demenz, Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen. Ein Programm einzustudieren und einfach vorzuspielen, würde hier keinen Sinn machen: „Es geht immer darum mit der Situation, in der die Person gerade ist, zu spielen.“
Wenn sie in der Gerontopsychiatrie ist, trifft sie die Patient*innen eher in Gemeinschaftsräumen oder auf dem Außengelände. Von dem Klinikpersonal bekommen die Clowns vorgegeben, mit welchen Patient*innen sie interagieren sollen, am Ende muss protokolliert werden, wie die Patient*innen auf die Clowns reagiert haben.
Um einen Zugang zu den Menschen zu finden, muss sie zunächst beobachten. Sie beobachtet, wie sie sich verhalten, wie ihre Stimmung ist. „Es geht nicht explizit darum, lustig zu sein“, sagt sie. Vielmehr gehe es darum, die Menschen in ihrem Zustand zu begleiten und für sie da zu sein. Manchmal entstehe daraus eine fröhliche und lustige Situation. Manchmal reiche es aber auch aus mit den Patient*innen zu schweigen und ihnen die Hand zu halten.
Die Clownsvisite soll in der Gerontopsychiatrie ein Bruch im Alltag sein. Gerade hier erlebe Lisette, wie viel ihre Arbeit bei den Patient*innen auslösen kann. Die Patient*innen seien oft in ihren typischen Alltagsabläufen. Wenn die Clowns kommen, können sie anders sein und anders reagieren als auf das Klinikpersonal oder Angehörige. Die Clowns geben ihnen den Freiraum auch mal eine andere Seite von sich zu zeigen.
Der August und der Weißclown
In den Kliniken sind Klinikclowns immer mindestens zu zweit unterwegs. Ein Clown, der „August“, probiert aus und versucht auch Grenzen zu überschreiten: Lisette geht dann zum Beispiel zu den Patienten und tut so, als wolle sie sich zu denen Patient*innen auf das Bett legen. Das ist aus Hygienevorgaben nicht erlaubt, und das ist der Punkt, an dem der andere Clown, der „Weißclown“ einschreitet: „Er muss mich dann zur Vernunft bringen und sagen ‚Nein! Sowas machen wir nicht!‘“, erzählt Lisette.
Diese Praktik ist in der Clownerie wichtig: „Wir können mit vielen Tabus spielen. Wenn wir solche Situationen von Anfang ausklammern müssten, könnten wir nicht richtig spielen“, erklärt Lisette. Diese Dynamik sorgt dafür, dass jeder Einsatz anders ist. Beide Clowns müssen sich blind verstehen.
In dem Verein „Clownsvisite e.V.“ trainieren die Clowns regelmäßig miteinander, um eine gemeinsame Improvisationssprache zu entwickeln. Dadurch lernen sie das Spiel der anderen Clowns kennen und können ahnen, was der oder die Andere gerade vorhat. Was nach einem spontanen Spiel aussieht, ist in der Regel Ergebnis jahrelanger Erfahrung, Training und Kooperation.
Nach ihrem Einsatz in der Aplerbecker Klinik geht Lisette in die Umkleidekabine. Nur noch die rote Clownsnase trägt sie in ihrem Gesicht und die Blumen stecken noch in ihrem Haar. Der gelbe geblümte Rock und das grüne T-Shirt werden gegen die Jeanshose und blauen Jacke eingetauscht.
Die Kunst des Scheiterns
Lisette ist für Lisa Bohren mehr als bloß eine Rolle, die sie für ein paar Stunden in einer Klinik spielt. „Wir teilen uns sogar einen Kleiderschrank“, lacht Lisa. „Die eine Seite gehört Lisette und die andere mir. Manchmal gehe ich für mich shoppen und manchmal für Lisette.“ Manchmal wandere auch ein Teil von der einen auf die andere Seite des Schranks.
Kleidung spielt in Lisas Clown-Spiel eine große Rolle. „Lisette möchte gerne schick sein. Und das gelingt ihr dann auch ansatzweise. Aber dann trägt sie zum Beispiel viel zu viel Lippenstift auf“, sagt Lisa. „Oder sie ist eine schicke Dame und läuft dann wie ein Bauer.“
In Lisette steckt mehr Lisa als der erste Blick vermuten lässt. Die Kunst der Clownerie besteht darin, den Clown aus sich selbst herauszuerarbeiten. Zum einen ist das viel Körpertraining und Improvisation. Die Persönlichkeit des Clowns kommt dabei durch einen selbst. „Es geht darum, was du selbst mitbringst.“ Für Lisa ist Kleidung als junge Frau ein großes Thema gewesen, weshalb sich das auch heute noch in Lisette widerspiegelt.
Außerdem ist Lisette eine Figur, die scheitern darf: „Stell dir vor: Du stolperst. Passiert jedem mal, aber trotzdem denkt man sich ‚Oh nein, wie peinlich!“ sagt Lisa. „Aber genau das ist der Moment, den dein Clown groß machen muss.“
Genau diese Situationen, in denen einem die „Pleiten“ im Alltag passieren, sind diejenigen, auf die der Clown die Lupe halten muss, um für Situationskomik sorgen. „Deswegen nennt man die Clownerie auch ‚Die Kunst des Scheiterns‘.“
Lisa Bohren ohne Lisette
Seit mittlerweile 17 Jahren ist Lisette ein fester Bestandteil von Lisas Leben. Die 48-Jährige kommt ursprünglich aus der Schweiz und ist gelernte Erzieherin. Nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin zog Bohren nach Deutschland. Als junge Mutter suchte sie nach einer Arbeit, die ihr künstlerische Freiheit und Zeit für ihre Familie ließ.

In ihrer Arbeit verbindet sie viele Dinge, die sie ohnehin gerne tut: Musik, Malen, Spielen, Zeichnen. Sie erzählt, sie habe sich nicht auf eine künstlerische Ausdrucksform festlegen wollen. In der Clownerie könne sie viele ihrer Hobbies vereinen. Außerdem bot ihr die Clownerie genug Freiheit für ihre Familie und sich selbst.
Auch wenn Lisa in verschiedenen Einrichtungen spielt, sind ihr die Einsätze in der Gerontopsychiatrie besonders wichtig. „Die Psychiatrie ist oft der blinde Fleck unserer Gesellschaft. Das ist ein unangenehmes Thema, das die Leute gerne einfach ignorieren“, sagt sie. Umso wichtiger sei es für sie, genau dorthin zu gehen. Während sich im Klinikalltag vieles um Diagnosen, Therapien und Versorgung drehe, begegne Lisette den Menschen auf Augenhöhe: „Wir als Clowns akzeptieren sie mit all ihren Eigenarten.“ Für Lisa schaffen die Clowns bei den Patient*innen Momente, in denen Sie sich verstanden fühlen können: „Wir bewerten nicht. Wir sind jenseits des normalen Lebens und können so diese Momente schaffen.“
Nicht immer kann sie die Begegnungen an der Stationstür zurücklassen. Ihr Clown helfe ihr jedoch dabei, Abstand zu gewinnen. „Wenn ich Lisette ablege, lege ich gleichzeitig auch so ein bisschen die Geschichten ab“, sagt sie. Auch die Autofahrt von Dortmund zurück nach Münster gehört für sie dazu: Kilometer für Kilometer werde aus Lisette wieder Lisa.
Das kleine Akkordeon, der Teddybär, eine kleine Dose, die muht, wenn man sie schüttelt und natürlich die Clownsnase sind auf der Fahrt nach Münster wieder sicher in ihrer Tasche verstaut. „Für mich ist das Mantra: Ich bin nicht für diese Krankheit da. Ich bin hier, um den Leuten Spaß zu machen.“ Vielleicht ist genau das Lisettes größte Stärke. Sie nimmt den Menschen ihre Krankheit nicht. Aber sie schafft für einen Moment einen Raum, in dem sie mehr sein dürfen als nur ihre Diagnose.
Bilder: Katharina Langenkämper