Die Spielerin


Ein Kinderwagen, ein Reborn-Baby und neugierige Blicke: Monika lebt offen mit ihrer Leidenschaft. Die 66-Jährige sammelt lebensechte Puppen und hat sich damit eine eigene Welt geschaffen, in der sie Nähe, Spiel und Alter für sich selbst, ganz neu definiert.

Monika schiebt einen Kinderwagen vor sich her. Darin liegt kein Enkelkind, sondern ein Reborn-Baby mit geschlossenen Augen und einem Schnuller im Mund. Wenn Fremde stehen bleiben und neugierig in den Wagen schauen, zieht Monika den Schnuller aus dem Mund: „Gucken Sie mal, da ist ein Magnet dran. Welches normale Baby nimmt bitte sehr einen Magneten?“, sagt sie und lacht.

Wegen ihrer Rückenprobleme könnte die 66-Jährige einen Rollator gebrauchen. Doch den will sie nicht. „Ich nehme lieber den Kinderwagen“, sagt sie. „Kinderwagen schieben ist immer was Tolles.“ Der Kinderwagen ist für Monika eine kleine Entscheidung gegen das Bild, das andere vom Älterwerden haben. Sie trifft solche Entscheidungen bewusst. Auch die Reborn-Babys gehören zu einer Welt, die sie sich nach eigenen Regeln eingerichtet hat.

Der Mut zur „Püppi“

Dass sie sich diese Erlaubnis gibt, hat einen Anfang. Kurz nach ihrem 60. Geburtstag kam der körperliche Zusammenbruch: Monika war gelähmt, litt unter starken Schmerzen und landete schließlich in einer Traumaklinik. Dort lernte sie etwas, das ihr Leben veränderte: auf sich selbst zu hören. In einer dieser Sitzungen stellte sich ihr eine Frage, die ihr zuvor fast absurd vorkam: Darf man mit 60 Jahren noch „eine Püppi“ kaufen?

Ihre Therapeutin bestärkte sie darin, diesem Wunsch nachzugehen. Ihr erstes Modell war Finn, eine einfache Babyborn-Puppe, die ihr Ehemann ihr schenkte. Doch durch eine Bekannte entdeckte sie bald die Welt der Reborn-Babys. „Mein erstes Reborn hat 250 Euro gekostet“, erzählt sie. Von da an entwickelte sich aus der ersten Puppe eine große Leidenschaft.

Nach einer Erbschaft investierte Monika einen großen Teil des Geldes in ihre neue Sammlung. In Spitzenzeiten besaß die 66-Jährige knapp 60 Puppen. Heute ist ihre Sammlung kleiner geworden. Sie trennt sich nach und nach von Reborns, zu denen sie keine besondere Verbindung mehr spürt. Denn für Monika zählt nicht die Anzahl der Puppen, sondern das Gefühl, das sie bei ihnen hat.

„Für mich ist es wichtig, dass sie da sind“

Monika betritt ein Nebenzimmer in ihrer Wohnung und nimmt eine der Puppen aus dem Regal. Sie legt sie sich in die Arme, wippt sie leicht hin und her und streicht ihr über das feine Haar. Um sie herum stehen hohe Regale bis unter die Decke, gefüllt mit zahlreichen Reborns aus Vinyl oder Silikon. Daneben reihen sich Schleich-Tiere und Überraschungs-Ei-Schlümpfe aneinander. Die Puppen wirken täuschend echt.

Doch es sind keine Säuglinge, es sind Künstlerpuppen. Durch spezielle Schichtmalerei, das sogenannte Painting, und das Einsetzen einzelner Haare, das Rooting, werden die Puppen von Künstler*innen zum Leben erweckt. „Für mich ist es wichtig, dass sie da sind“, sagt Monika ruhig und schaut lächelnd auf die Puppe in ihren Armen hinunter. Das Zimmer ist für Monika weit mehr als ein reiner Aufbewahrungsort für eine Sammlung. In diesem Nebenzimmer hat sie sich ihr ganz eigenes Reich geschaffen.

Die Chemie muss stimmen

„Du siehst was. Oh, ist die hübsch. Oh, ist die toll. Also wird sie gekauft“, beschreibt Monika den ersten Impuls. Doch was wie ein spontaner Kauf beginnt, entscheidet sich erst Tage später. Ein brauner Karton steht auf dem Esstisch. Monika schneidet das Paketband auf, klappt die Deckel auf und zieht das Papier zur Seite. Behutsam hebt sie das Reborn-Baby heraus, nimmt es in den Arm und wartet still ab. Der Erwerb einer Puppe ist für Monika kein materieller Akt, sondern eine emotionale Prüfung. „Du bekommst ein Paket, du machst die Kiste auf und da ist ein Gefühl oder es ist einfach nicht da“, erklärt sie.

Für Monika entscheidet nicht allein die Qualität. Sie spürt sofort, ob ein Baby für sie eine Seele besitzt oder lediglich ein handwerkliches Auftragswerk ist. Einmal ließ sie sich die Zwillingsschwester einer geliebten Puppe anfertigen, doch die Verbindung blieb aus: „Diese Zwillingsschwester, die konnte ich von Anfang an nicht ertragen, weil sie hatte einfach nur Dollarzeichen in den Augen.“

Mit den Jahren sind Monikas Ansprüche gewachsen. Während sie anfangs mit einfacheren Modellen zufrieden war, achtet sie heute auf kleinste Details – besonders auf die Hände. „Ich bin ein Händefetischist“, sagt sie lachend und erklärt, dass unnatürliche Handhaltungen für sie ein Verkaufsgrund sind. Dennoch geht es ihr nicht um Perfektion. Eine ihrer Reborn-Puppen hat kleine Fehler, weil ihr Painting mehrfach entfernt wurde. Gerade das macht die Puppe für sie besonders: „Ich selber bin kein perfekter Mensch und ich brauche auch keine perfekten Reborns, aber sie müssen mein Herz berühren.“

Diese Intuition begleitet Monika längst nicht mehr nur bei ihren Puppen. Auch bei Menschen merkt sie oft innerhalb weniger Sekunden, ob die Chemie stimmt. In ihrer Traumatherapie hat sie gelernt, auf dieses Gefühl zu vertrauen – und nimmt sich heute bewusst das Recht heraus, Menschen oder Situationen abzulehnen, die ihr nicht guttun.

Wenn Gefühle mitentscheiden

Monika sagt offen, dass ihr Kaufverhalten oft ein Spiegel ihrer emotionalen Stabilität ist. „Das hat ganz oft damit zu tun, wie stabil oder instabil ich bin“, sagt sie. Besonders in stressigen Zeiten oder Phasen der Angst verspürt sie häufig den Drang, nach neuen Puppen zu suchen.

Eine Situation im Krankenhaus zeigte ihr, wie stark dieser Impuls sein kann: Als ihr Mann operiert werden musste und sie mit der Situation überfordert war, wollte sie sich durch den Kauf einer Puppe beruhigen. Zwei Stunden lang kämpfte sie mit sich selbst und schaffte es schließlich, kein Geld auszugeben. Trotzdem blieb die Anspannung. „Ich musste anfangen zu stopfen mit Essen“, erinnert sie sich. Für Monika sind die Puppen damit nicht nur Teil ihrer Sammlung. Sie gehören auch zu ihrem Umgang mit den unterschiedlichen Situationen in ihrem Leben.

Grenzen in der Community

Nicht jede Puppe bleibt für immer bei Monika. Sie ist über Facebook und WhatsApp mit anderen Reborn-Sammler*innen verbunden, trennt sich von Puppen aber nur dann, wenn die emotionale Verbindung nicht mehr da ist. Dabei entscheidet sie beim Verkauf nicht nach dem höchsten Gebot, sondern nach ihrem Gefühl für die Käuferin oder den Käufer. „Mir geht es sowieso nicht ums Geld“, sagt sie. Eine Puppe abzugeben bedeutet für sie nicht einfach, Platz im Regal zu schaffen – sie entscheidet, wann eine Geschichte für sie endet und wer sie weitererzählen darf.

Nicht nur beim Verkauf zieht Monika Grenzen, sondern auch in der Community selbst. Wenn in den Chatgruppen nachts geschrieben wird, dass eine Puppe „Fieber“ habe, kann sie damit wenig anfangen. „Das ist nicht mein Ding“, sagt sie entschieden. Monika weiß, dass ihre Reborns Künstlerpuppen sind. Sie spielt mit ihnen, erfindet Geschichten und inszeniert Sets – verliert dabei aber nie den Blick für die Wirklichkeit.

Die Geschichtenerzählerin

Im Alltag baut Monika Szenarien mit Bällebädern, Bobbycars und Schaukelpferden auf, fotografiert die Puppen und schreibt Geschichten dazu, die sie in sozialen Netzwerken wie Facebook teilt. Die Reborns werden dabei zu Figuren in kleinen Erzählungen. Ihr zweiter Ehemann, mit dem sie seit 14 Jahren verheiratet ist, unterstützt sie dabei. Er lässt sich für Fotos einspannen und akzeptiert ihre Leidenschaft vollkommen.

Besonders eine Situation ist Monika in Erinnerung geblieben. An einem Herbsttag im Garten nahm sie spontan eines ihrer „Krabbelbabys“ mit nach draußen. Ihr Mann arbeitete währenddessen im Garten. Was zunächst nur als kleine Szene für ihre Facebook-Geschichten gedacht war, entwickelte sich zu einem besonderen Moment: Die Puppe saß erst in der Schubkarre ihres Mannes, später „suchte“ sie gemeinsam mit dem Hund nach Leckerlis, die Monika in einem Haufen Laub versteckt hatte. „Das Ende der Geschichte war, dass wir beide wie zwei Kinder draußen im Laub getobt haben“, erinnert sie sich und lächelt. Ihr Mann und sie warfen sich gegenseitig das Laub zu, lachten und genossen den Moment. Ohne die Puppe hätte sie das nicht getan. Mit ihr klappte es – als wäre die Puppe eine Erlaubnis zum Albernsein.

Frieden mit sich selbst

Nach Jahrzehnten, in denen sie funktionierte und Erwartungen erfüllte, erlaubt sie sich heute, ihre eigenen Vorstellungen zu leben. „Ich genieße es, mit mir alleine zu sein, weil ich bin ja nicht alleine. Die sind doch da“, sagt sie. Dass viele Menschen ihre Leidenschaft nicht verstehen, weiß sie. Früher hätte sie sich davon vermutlich stärker beeinflussen lassen. Heute geht sie gelassener damit um. „Ich bin anders. Aber ich habe mich so nicht gemacht. So haben sie mich gemacht“, sagt sie und meint damit die Erfahrungen ihrer Vergangenheit.

Monika hat auch für die Zeit nach ihrem Tod eine Entscheidung getroffen. Eines ihrer Reborn-Babys, „Kurti Klobsi“, soll sie auf ihrem letzten Weg begleiten. Der Name ist nicht zufällig gewählt: Monikas Ehemann trägt den Zweitnamen Kurt, und das Baby erinnert sie an ein Kindheitsfoto von ihm.

Doch das ist Zukunft. Bis dahin genießt Monika die Gegenwart – die kleinen Momente mit ihrem Mann und den Puppen. Mit der Sonne im Gesicht schiebt sie den Kinderwagen weiterhin die Allee hinunter, die Griffe fest in den Händen. Unter ihren Füßen raschelt das herbstliche Laub, und das Lachen aus dem Garten klingt in ihren Ohren noch nach. Monika bleibt nicht stehen, um Erklärungen zu liefern. Sie spielt weiter – nach ihren eigenen Regeln.

Bilder: Laura Galezowski 

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