Gebraucht, aber gefragt: die neue Secondhand-Kultur in Dortmund

Secondhand war mal günstig und öko. Heute suchen viele Kund*innen nach besonderen Kleidungsstücken, beeinflusst von Trends und Content für Social Media. Was bedeutet das für Dortmunder Secondhand-Läden? Wie steht es um die Zukunft ihrer Branche?

Damenmode, Herrenmode, Kindermode, Schuhe, Taschen, Schmuck, Bücher und Spiele – geordnet nach Farbe, Größe, Preis und Stil. Zwischen den Kleiderstangen, Regalen, Mannequins und Treppen versuche ich, mir einen Überblick über die Kleiderberge im Geschäft zu verschaffen. Ich rieche den leicht muffigen Geruch von Secondhand-Mode, im Hintergrund läuft Radio 91.2. Ich suche nach einer Jacke mit hochgeschlossenem Kragen, eine, die so richtig vintage aussieht, und denke dabei an diese eine Influencerin. Ständig sehe ich die Videos, in denen sie stolz ihre neuste Secondhand-Mode präsentiert. Ich lasse meinen Blick über die Fläche wandern, hoffe auf meinen eigenen Glücksfund und will wissen: Geht es nur mir so?

Kleider- und Schuhauswahl bei Müller & Wüst.

In der Secondhandboutique Müller & Wüst im Dortmunder Stadtteil Schüren wird seit 46 Jahren Secondhandmode verkauft und das auf ca. 750 m2 Fläche. Das Geschäft ist im Laufe der Jahre seinem Konzept treu geblieben. Die im Laden zu kaufenden Waren ist eigenen Angaben zufolge ausschließlich Kommissionsware, also Ware von Privatpersonen und nicht von externen Zulieferern. In den vorgeschriebenen Zeiträumen zur Warenannahme haben Kund*innen die Möglichkeit, ihre aussortierte Kleidung abzugeben. Diese wird von den Mitarbeiter*innen geprüft und ausgewählt, bevor sie auf einer der zahlreichen Kleiderstangen im Laden landet.

Als Secondhand plötzlich cool wurde

Beim Secondhand-Shopping geht es schon lange nicht mehr nur darum, günstig und nachhaltig Kleidung zu kaufen. In den Sozialen Medien hat sich Secondhand-Shopping zu einem eigenen Trend entwickelt. Die Beiträge folgen dabei häufig einem Muster: Secondhand-Kleidung wird dort nicht nur gekauft, sondern gezielt entdeckt, kombiniert und vor der Kamera präsentiert. Auch Ästhetiken und Trends mit gebrauchter Kleidung aufzugreifen zählt dazu.

Wenn ich auf Instagram oder TikTok unterwegs bin, sehe ich immer wieder tausendfach aufgerufene Videos mit Hashtags wie #secondhand oder #thrifthaul. Influencer in ihren Zwanzigern halten ihre neu ergatterten Kleidungsstücke in die Kamera. Darunter sind Schlaghosen im 2000er-Stil, Cowboystiefel, Oberteile mit Nieten und Fransen und die ein oder andere Vintage-Designertasche. Um diese Stücke zu finden, haben sie sich durch die Secondhand-Stores in ihrer Umgebung gewühlt.

Handpicked Pieces

Ich mache mich auf den Weg zu einem anderen Laden, der mit der Suche nach dem einen, glücklichen Secondhand-Find arbeitet. In dem 2020 eröffneten Laden „Lucky Loot“ gibt es handgepickte Einzelstücke im Streetwear-Look. Auf den einzeln im Laden verteilten Kleiderstangen finden sich kuratierte T-Shirts, Jacken, Hosen und Pullover. An der Wand links vom Eingang ist ein Graffiti zu sehen, in der Mitte vom Laden steht ein orangenes Sofa, Kund*innen können sich an einem kleinen Kühlschrank bedienen. Alles ist im urbanen, Hip-Hop-Stil gehalten.

Für das Sortiment im Geschäft suchen Geschäftsführer Yves Peters und Lars Weisheit auf Flohmärkten und in Sozialkaufhäusern nach Stücken, die ins Sortiment passen. Der Store hat als strikter Vintage-Store angefangen. Die Auswahl der Kleidungsstücke erfolgt deswegen vor allem anhand des Alters der Kleidung und einer guten Qualität.

Was ist Secondhand und was ist Vintage?
Kurz gesagt: Vintage-Stücke sind alle ein Stück weit secondhand, aber nicht alle Secondhand-Stücke sind vintage. Damit ein Kleidungsstück als vintage gilt, muss es mindestens 20 Jahre alt sein. Es spiegelt den Fashion-Zeitgeist seiner Entstehungszeit wider und zeichnet sich häufig durch hohe Qualität aus.

Zu Beginn des Geschäfts, so erzählt Yves Peters, hing bei Lucky Loot vor allem Workwear, darunter beispielsweise Kleidung von Carhartt, und Kleidung im Baggy-Stil an den Kleiderstangen. Mittlerweile wurde dieser Stil von Flared Pants und Low-Waist-Hosen abgelöst. Eine Veränderung, die mit der allgemeinen Trendveränderung zusammenhängt, die insbesondere ein Revival der 2000er- und 2010er-Mode zeigt.
Diese Trendveränderung merkt man auch in der Kundschaft. Die Kundschaft ist jünger geworden. Bei der Suche nach Kleidung orientiert sie sich an Trends, schauen aber auch nach Kleidung, die zu ihrem individuellen Stil passen. Dabei verbringen sie nicht selten ganze Nachmittage im Store.

Was vom Nachhaltigkeitsversprechen bleibt

Die Trends bringen auch neue Kaufmotive mit sich. Was hierbei immer weniger im Fokus steht, ist die Nachhaltigkeit, sagt Yves Peters: „Es geht von Leuten, die halt sehr bewusst auf Nachhaltigkeit Wert legen, bis Leute, die einfach ein spezielles Teil suchen und denen im Prinzip relativ wumpe ist, ob das jetzt nachhaltig ist oder nicht.“ Für Peters ist das ein politisches Problem. 2020 hätte das noch anders ausgesehen. Durch die fehlende Präsenz der Themen in den Medien stünde Nachhaltigkeit und Umweltschutz nicht mehr im Hauptfokus.

Im Geschäft ist es dennoch ein Thema: Fast Fashion kommt bei Lucky Loot nicht auf die Kleiderstange, auch wenn das immer schwieriger wird. Bei der Flohmarktkleidung merkt Yves Peter mittlerweile große Qualitätsunterschiede.

Was bedeutet Fast Fashion?
Fast Fashion bezeichnet Kleidung, die schnell, in großen Mengen und zu niedrigen Preisen produziert wird. Die produzierte Kleidung orientiert sich an aktuellen Modetrends und trägt in großem Maß zu deren Kurzlebigkeit bei. Auch Kleidungsmüll durch Fast Fashion ist ein großes Problem. Laut der European Environment Agency werden 4-9% aller in der EU auf den Markt kommenden Textilprodukte vernichtet, ohne genutzt worden zu sein.

Auch in der Secondhandboutique Müller & Wüst wird immer mehr Fast Fashion-Kleidung abgegeben. Diese wird dort jedoch nicht aussortiert. Um Kleidung für jede Preisklasse anbieten zu können, wird auch Fast-Fashion ins Sortiment aufgenommen.
Trotzdem ist Nachhaltigkeit für die Kundschaft von Müller & Wüst, insbesondere für Stammkunden, die schon seit Jahren im Geschäft einkaufen, ein Kaufmotiv.

Die Frage nach der tatsächlichen Nachhaltigkeit von Secondhand-Mode ist trotzdem unumgänglich. Inwiefern Secondhand-Mode auch Greenwashing sein kann, wird seit einigen Jahren medial diskutiert.

Was bedeutet Greenwashing?
Greenwashing bezeichnet eine Marketingstrategie, mit der Unternehmen sich selbst und ihre Produkte als nachhaltiger darstellen, als sie tatsächlich sind. Dazu werden häufig gezielt irreführende Begriffe und Formulierungen verwendet. Produkte werden beispielsweise als “umweltfreundlich” oder “natürlich” gelabert. Diese Begriffe sind jedoch nicht rechtlich geschützt und können uneingeschränkt verwendet werden.

Wie Social Media den Markt verändert

Die Läden profitieren neben ihrer eigenen Social-Media-Präsenz auch von Posts anderer. In der Secondhandboutique Müller & Wüst sind die Auswirkungen des medialen Secondhand-Hypes deutlich zu spüren, berichten die Mitarbeiter. Immer wieder gibt es kleine Anstürme auf den Laden, die im Nachhinein auf die Empfehlung durch Influencer*innen zurückzuführen sind. So kommen Kund*innen aus Dortmund, Münster, Essen und Bochum, aber auch aus Hamburg. Schon häufiger konnten Mitarbeiter*innen beobachten, wie Kund*innen im Store filmen.

Ein Beispiel dafür ist die Dortmunder Influencerin Carla Zombeck. Ihr TikTok-Video über die Secondhandboutique Müller & Wüst im Juni 2025 hat knapp 450.000 Aufrufe und rund 54.000 Likes. Sie schwärmt von der Auswahl im Laden und zeigt, welche Teile sie anprobiert hat. Viele Userinnen teilen ihre Begeisterung in den Kommentaren: Manche von ihnen kennen den Laden schon seit ihrer Kindheit, andere fragen nach Namen und Adresse, um sich selbst ein Bild zu machen. Andere Videos, die sich um Secondhand-Läden drehen, erzielen ähnliches Feedback.

Influencer*innen posten Thrifting-Guides für Städte, auch der Instagram-Account @rausgegangenruhrgebiet hat einen solchen Guide für das Ruhrgebiet gepostet. Mit dabei sind Läden in Dortmund, Essen, Bochum und Duisburg. Der Post hat rund 1.000 Likes.

Social Media statt Schaufenster

Dass Secondhand-Läden eine eigene Social Media-Präsenz brauchen, ist mittlerweile unbestritten. Das liegt vor allem daran, dass sozialen Medien es ermöglichen, ein großes Publikum zu erreichen.

Vor der Gründung von Lucky Loot betrieb Yves Peter einen Instagram-Account, auf dem er seine Flohmarkt-Funde postete. Innerhalb von drei Tagen folgten ihm 400 User. Die Community, die dadurch entstand, ist bis heute größtenteils erhalten geblieben. Für Lucky Loot führt Yves Peters den Instagram-Account selbst. Zwischendurch gibt es dort Infos für die Community und alle paar Tage wird in der Story-Funktion auf die Öffnungszeiten hingewiesen. „Das ist, glaube ich, schon ein gutes zugängliches Mittel“, sagt er.

Der Wettlauf mit den Mikrotrends

Trotz der neuen Beliebtheit von Secondhand-Shopping gibt es auch Herausforderungen in der Branche. Ein Thema ist die Art, wie Secondhand geshoppt wird selbst. Secondhand-Shopping wird immer mehr als Erlebnis verstanden: Das Angebot eines Stores selbst durchsuchen und das Erfolgserlebnis beim Finden eines besonderen Teils, ein ungewöhnliches Kleidungsstück in den eigenen Stil integrieren –  all das macht den neuen Secondhand-Konsum aus.

Dass eine neue Generation, in diesem Fall die Generation Z, Secondhand-Shopping für sich entdeckt hat, wirft auch ein Nostalgieproblem auf. Yves Peters sagt, für die Generation Z sind andere Kleidungsstücke nostalgisch als für die Generationen davor. Das kombiniert mit den schnellen Veränderungen der Modetrends, insbesondere Mikrotrends, macht es besonders für Stores, die ihr Konzept auf kuratierte Produkte auslegen, schwer.

Vintage-Streetwear bei LuckyLoot.

Während sich Modetrends früher über Jahre hielten, wechseln sie heute teilweise innerhalb weniger Monate, teilweise sogar innerhalb weniger Wochen. Während große Modeketten die Möglichkeit haben, ihre Kollektionen binnen kurzer Zeit an die Trends anzupassen, sind Secondhand-Stores darauf angewiesen, die passenden Stücke erst einmal zu finden. „Es ist total schwer, in dem richtigen Moment die richtige Ware zu haben“, sagt Yves Peters, Geschäftsführer von Lucky Loot.

Secondhand hat sich offensichtlich verändert, weil sich das Konsumverhalten verändert hat. Die öffentliche und stärker von Trends beeinflusste Suche nach besonderen Kleidungsstücken steht vor allem auf Social Media im Vordergrund. Um weiterhin bestehen zu bleiben, müssen sich Secondhand-Stores anpassen und es schaffen, im Gespräch zu bleiben.

Was das für Dortmund bedeutet

Die Entwicklung des Secondhand-Shoppings durch Social Media und veränderte Konsumgewohnheiten zeigt sich auch in Dortmund. Aber hier können unterschiedliche Ideen von Secondhand nebeneinander existieren. Läden wie die Secondhandboutique Müller & Wüst stehen weiterhin für das klassische Konzept. Sie bedienen mit ihrer Ware eine generationsübergreifende Kundschaft, profitieren aber auch vom Secondhand-Hype auf Social Media und von jüngerer Kundschaft.
Stores wie Lucky Loot bedienen hingegen eine Nische. Zur Gründung des Stores haben sie in der Dortmunder Jugendkultur eine Lücke gefüllt. Mittlerweile ist es mit ihrem kuratierten Sortiment schwerer, mit den veränderten Kaufmotiven der Kundschaft und den schnelllebigen Modetrends rund um Social Media mitzuhalten.

Secondhand ist durch den Social Media-Hype also längst selbst zum Trend geworden. Aus der günstigen und nachhaltigen Alternative ist ein Teil der Modewelt geworden. Auch das Konsumverhalten ähnelt zunehmend dem der Modeindustrie. Mir stellt sich die Frage, was vom Secondhand-Erlebnis bleibt, wenn Konsument*innen am Ende einem Trend nachgehen, statt sich bewusst für einen nachhaltigen Kauf zu entscheiden.

Die Jacke, nach der ich gesucht habe, habe ich an diesem Tag nicht gefunden. Auch der Vintage-Glücksfund, der so aussieht wie in den Videos, ist ausgeblieben. Aber die Frage „Geht es nur mir so?“ kann ich jetzt beantworten: Nein, es geht nicht nur mir so. Soziale Medien können beeinflussen, wonach wir im Secondhand-Shop suchen, warum wir dort einkaufen und was wir uns davon erhoffen.

Und mir ist noch etwas klar geworden: Ich frage mich – brauche ich das, oder will ich nur, dass es auf dem Foto gut aussieht? Und wenn die Antwort „nein” ist, dann lasse ich sie hängen. Secondhand bleibt für mich das, was es ursprünglich war: eine Entscheidung, die ich treffe, bevor ich etwas kaufe.

Bilder: Lara Peißig

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