Zwischen Streicheln und Töten – Unser ambivalentes Verhältnis zu Tieren

Konstantin Deininger forscht an der Universität Münster zur Bioethik. Sein besonderes Interesse gilt der Tierethik: Wie verhalten wir uns gegenüber Tieren – und wo geraten wir in einen Widerspruch? 

Als im März 2026 ein Buckelwal an der deutschen Ostseeküste strandete, verfolgten viele Menschen tagelang seinen Überlebenskampf. Medien berichteten live, Schaulustige kamen an den Strand, manche gaben dem Tier den Namen „Timmy“ oder „Hope“. Am Ende starb der Wal und berührte Menschen in ganz Deutschland. Gleichzeitig werden in Deutschland jährlich enorme Mengen konsumiert. Laut Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) lag der Fischkonsum 2025 bei 1,3 Millionen Tonnen.

Herr Deininger, warum berührt uns das Schicksal dieses einen Wals so viel mehr als das von Millionen von Fischen?

Portraitbild Dr. Konstantin Deininger
Bild: Frank Helmrich

Der Medienhype hat eine große Rolle gespielt. Hinzu kommt: Plötzlich hatte man da dieses sehr große, extrem beeindruckende Tier in einer ausweglosen Situation. Das hat die Leute berührt, was ja aus einer ethischen Perspektive zu begrüßen ist. Gleichzeitig ist da auch diese Ambivalenz: Tierleid ist ja nicht zufällig, sondern standardgemäßer Teil  der Tierhaltung. Tiere werden gehalten und getötet, und das ist auch oft mit Leiden verbunden. Viele nehmen Anteil an „Timmy“, aber in der Regel nicht an den Tieren, die wir regelmäßig essen. Entscheidend ist die Sichtbarkeit: Das Leid des Wals wurde gesehen, während die Produktion von Tieren zu Nahrungsmittelzwecken weiterhin außerhalb des Sichtfelds der Menschen stattfindet. Außerdem sind Wale hochkomplexe Säugetiere, aber auch Schweine und Kühe sind sehr intelligente soziale Tiere. Genau hier liegt der Widerspruch.

Was sagt diese Situation über unsere allgemeine Mensch-Tier-Beziehung aus?

Sie zeigt, dass unser Verhältnis zu Tieren ambivalent ist – und vor allem problematisch. Wir blenden bestimmtes Leid aus, während wir anderes akzeptieren. Das sieht man daran, dass es Menschen gab, die neben „Timmy“ Fischbrötchen aßen. Pessimistische Menschen würde vielleicht sagen: „Die meisten interessieren sich doch gar nicht dafür, was mit den Tieren passiert.“ Aber das ist eben nicht der Fall. Viele Menschen wollten dem Wal ja helfen. Darin liegt eine Spannung

Neben Wildtieren und Nutztieren gibt es Haustiere, für die wir Zeit und Geld aufwenden, damit sie ein gutes Leben haben. Warum streicheln wir einige Tiere und schlachten andere?

Das klassische Argument wäre, danach zu fragen, welche Eigenschaften Tiere haben: Sind sie empfindungsfähig, intelligent, selbstbewusst und vielleicht sogar vernünftig? Entsprechend sollten wir sie moralisch berücksichtigen. Wenn wir uns zum Beispiel einen Hund, ein Schwein, eine Ratte und einen Wal anschauen, dann haben alle diese Tiere eine reiche subjektive Wahrnehmung von der Welt. Das heißt: Was mit ihnen passiert, ist für sie selbst von Bedeutung. Wenn man diese Logik ausweitet, würde man sagen: „Die Beziehungen, die wir zu diesen Tieren haben, sind eigentlich nicht relevant, wenn wir die Frage stellen, was wir diesen Tieren schulden.“ Es ist inkonsistent, diese Tiere unterschiedlich zu behandeln, weil wir diesen Tieren ungefähr das Gleiche schulden würden – vor allem, wenn es darum geht, sie nicht zu schädigen. Aber eben so erleben wir persönliche Beziehungen mit Tieren nicht. Letztendlich haben wir kulturelle Vorstellungen, wie wir mit Tieren zusammenleben. Einen Hund zu essen, würde bei uns geächtet. Diese Spannung zwischen der erlebten Beziehung und dem abstrakten Argument lässt sich in der Praxis nicht wirklich auflösen.

Kann man sagen, woher die konkrete Unterscheidung kommt?

Domestikation kommt vom lateinischen Wort „domus“, das Haus. Die Idee war ursprünglich, dass Nutztiere, wie Heimtiere, zum Hausstand gehörten. Durch die Industrialisierung hat sich das geändert: Nutztiere leben auf dem oft weit entfernten Bauernhof oder begegnen uns im Supermarktregal als verpackte Endprodukte. Das sind Unterscheidungen, die historisch-kulturell gewachsen sind, und es sind keine Notwendigkeiten; sie werden aber als Notwendigkeiten erlebt: „Ein Schwein wird am Ende getötet.“ Diese Gewohnheiten sind in unserer Wahrnehmung und in unserem Denken manifestiert.

Fleischersatzprodukte scheinen immer beliebter zu werden, und auch im Supermarkt gibt es immer mehr Auswahl. Merken Sie einen Wandel in der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Nutztieren und unserem Fleischkonsum?

Ich bin mir gar nicht so sicher, ob Fleischersatzprodukte tatsächlich immer beliebter werden. Meine Wahrnehmung ist eher, dass es einen Rückgang gab, auch bei den deutschen Produzenten von Fleischprodukten. Gleichzeitig nehme ich auf Social Media eine Welle von Fleischessern wahr. Trotzdem stimmt es: Menschen sind sensibler geworden und interessieren sich mehr für die Thematik. Das zeigt auch „Timmy“. Zugleich macht er deutlich, dass eine wahnsinnige Ambivalenz bestehen bleibt. Das ist das, was ich auch aus unserem Gespräch mitnehme, dass vielleicht noch nicht wirklich verstanden ist, warum es sie weiterhin gibt.

Was stabilisiert diese Dynamik?

Es gibt viele kulturelle Praktiken, die mit dem Essen zu tun haben: was man zu gewissen Festlichkeiten isst, wie den Gänsebraten zu Weihnachten. Außerdem gibt es viele Fitness-Trends auf Instagram, die stark auf junge Männer ausgerichtet sind. Da wird Fleisch teilweise extrem propagiert. Für mich sind das in erster Linie unreflektierte Gewohnheiten, die wir nur schwer ändern können.

Wie können wir solche Strukturen überwinden?

Die Probleme der industriellen Tierhaltung sind klar: Es sind Probleme des Tierwohls, der Umwelt und der Bedingungen der Menschen, die in diesem Bereich arbeiten. Wir wissen also, dass gewisse Praktiken problematisch sind, und trotzdem bestehen sie weiter. Wir haben die Argumente auf der einen Seite, und die Frage nach dem Handeln ist eine andere – vor allem auf politischer Ebene.

Ein Lösungsansatz ist Bildung: Kinder über Prozesse und Tiere hinter unserem Konsum aufklären. Zum Beispiel, indem man mit Kindern im Botanischen Garten bei einer nächtlichen Führung Fledermäuse durch Ultraschallfrequenzen hörbar und körperlich fühlbar macht. Provokativ könnte man auch darüber nachdenken, mit einer Schulklasse in einen Schlachtbetrieb zu gehen.

Um solche Strukturen wirklich zu überwinden, müsste man sagen: Hier gibt es einen Punkt, da kann man nicht mehr diskutieren, sondern muss die Fakten für sich sprechen lassen. Nicht alles lässt sich über Verbote lösen. Aber bei bestimmten Praktiken muss man sagen: Sie sind problematisch und verzichtbar.

Als Philosoph kann ich vor allem vermitteln und Probleme aufzeigen. Umgesetzt werden muss das in der Gesellschaft. Dafür muss sie die Themen ernst nehmen, statt sie zur Seite zu drängen.

Wie könnte sich unser Verhältnis zu den Tieren in den nächsten Jahren verändern?

Vieles ist möglich, aber wir sehen auch massive Probleme. Durch den Klimawandel wird das Leben vor allem auch für Tiere problematischer. Durch Hitzestress werden nicht nur Wildtiere leiden, sondern auch Tiere in der Tierhaltung. Klimaforschung zeigt aber, dass man etwas tun kann. Wir müssen also im Kleinen schauen, was jeder Einzelne von uns tun kann. Die Lösungen sind aber letztendlich eine gesamtgesellschaftliche Frage. Auf kommunaler Ebene könnte man sich mit der Frage beschäftigen, was man für die Wildtiere tun könnte, etwa durch ein nächtliches Mähroboterverbot.

Es wäre nicht der richtige Weg, nur zu sagen, dass alles katastrophal ist. Wir haben auch Handlungsspielraum. Meines Wissens nach gibt es schon viele Projekte, an denen man sich anschließen kann. Und hoffentlich werden es mehr.

Beitragsbild: falco/Pixabay

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