Wo die Schmetterlinge noch fliegen – Eine Suche im Dortmunder Stadtgrün

Wann hast du eigentlich das letzte Mal Schmetterlinge beobachtet? Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich als Kind regelmäßig im Garten meiner Eltern die bunten Falter bestaunen durfte. Manchmal hatte ich sogar das Glück, dass ein Zitronenfalter oder ein Pfauenauge für einen kurzen Moment auf meiner Hand landete, bevor er wieder im Grünen verschwand.

Wenn ich heute bei meinen Eltern zu Besuch bin, sehe ich nur noch vereinzelt Schmetterlinge durch den Garten fliegen. Ist das nur meine subjektive Wahrnehmung oder zeigt sich für uns darin ein allgemeiner Trend?

Leider ist es nicht nur mein Eindruck. Laut einer Studie des Bundesamts für Naturschutz über tagaktive Schmetterlinge aus dem Jahr 2025 sind derzeit fast die Hälfte dieser Arten entweder bereits ausgestorben oder stark gefährdet. Damit hat sich die Situation im Vergleich zu den Ergebnissen von 2011 noch weiter verschärft.

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Population der Tagfalter und Widderchen im Vergleich von 2011 zu 2025. Es zeigt eine Verbesserung von +14 Prozent bei gleichzeitiger Verschlechterung von -23,7 Prozent einzelner Arten.
Entwicklung der Tagfalter und Widderchen zwischen 2011 und 2025. Grafik: Paul K.

In der Studie wurden 207 verschiedene Arten von Tagfaltern und Widderchen untersucht. Widderchen zählen rein biologisch zu den Nachtfaltern, sind aber auch tagaktiv. Während sich bei 29 Arten eine Verbesserung der Situation zum Jahr 2011 zeigte, hat sich die Situation bei 49 Arten verschlechtert. Insgesamt gelten nur 71 von 207 untersuchten Arten als „ungefährdet“. Das zeigt, wie ernst die Lage vieler Arten ist.

Die Grafik zeigt die Verteilung der roten Liste der Tagfalter und Widderchen aus dem Jahr 2025. Nur ein Drittel der untersuchten Arten ist ungefährdet.
Rote Liste der Tagfalter und Widderchen aus dem Jahr 2025. Grafik: Paul K.

Natürlich besteht bei mir die Hoffnung, dass es in Dortmund anders aussehen könnte. Um mir ein Bild von der Situation vor Ort zu verschaffen, spreche ich mit dem Stadtverband Dortmund des Naturschutzbunds Deutschlands, kurz NABU. Er gehört mit knapp einer Million Mitgliedern und Förder*innen zu den wichtigsten Umweltverbänden deutschlandweit.

Brigitte Bornmann-Lemm vom Fachbereich Garten bewertet den fortschreitenden Rückgang an Schmetterlingen weltweit als „katastrophal“ – nicht nur für die Falter selbst. Vor allem Schmetterlingsraupen sind für viele andere Tiere wie Fledermäuse, Igel oder Vögel eine wichtige Nahrungsquelle.

Auch für Dortmund beschreibt Bornmann-Lemm ein ähnliches Bild. Zwar schwanken Schmetterlingsbestände von Jahr zu Jahr, insgesamt zeige aber auch hier der langfristige Trend eher nach unten.

Warum verschwinden die Schmetterlinge?

Die Gründe für den Artenrückgang sind also vielfältig und komplex. Doch woran liegt das? Christoph Veen und Laura Friedrich vom Umweltamt der Stadt Dortmund veranstalten regelmäßig Workshops zum Thema Biodiversität, also der Vielfalt von Arten und Lebensräumen. Ich besuche einen ihrer Vorträge in der Kleingartenanlage „Friedlicher Nachbar“ in Dortmund Brackel, wo es um die aktuelle Situation der Schmetterlinge geht.

Nach dem Info-Vortrag mache ich mich mit etwa 15 weiteren Teilnehmer*innen auf den Weg durch die Kleingartenanlage, um Schmetterlinge zu finden und deren Arten zu bestimmen. Wir rüsten uns mit Keschern aus, um Schmetterlinge für einen kurzen Moment zu fangen aus und ziehen los.

Unsere Hoffnung ist groß, dass wir viele verschiedene Arten sehen. Wir schauen uns den NABU-Ruhrgebietsgarten an, der als Vorzeigemodell für einen naturnahen Garten gilt, durchstreifen eine Wiese mit hohem Gras und untersuchen verschiedene Pflanzen nach Schmetterlingen.

Doch leider macht uns das graue Wetter einen Strich durch die Rechnung. Bis auf einzelne Nachtfalter können wir keinen einzigen Schmetterling sehen. Das fühlt sich zunächst wie ein Rückschlag an, da ich natürlich gerne mehr über das Erkennen verschiedener Schmetterlingsarten gelernt hätte. Aber immerhin kann ich mit den Veranstalter*innen über die Gründe des Artenrückgangs von Schmetterlingen sprechen.

Wenn Lebensräume verschwinden

Als zentralen Grund sehen die beiden Expert*innen vom Umweltamt den mitunter schleichenden Verlust natürlicher Lebensräume für Tag- und Nachtfalter. Ihnen schade die intensive Landwirtschaft, unter anderem durch Überdüngung oder den Einsatz von Pestiziden. Die sogenannte Eutrophierung durch Düngemittel führe dazu, dass nährstoffliebende Pflanzen stark wüchsen. Wild- und Blütenpflanzen, außer vielleicht die Brennessel, die Schmetterlinge als Nahrungsquelle benötigten, würden hingegen zunehmend verdrängt. Einen ähnlichen Effekt habe das häufige Mähen von Wiesen: Würden Kräuter wie Klee entfernt, entstünden monotone Lebensräume, die Schmetterlinge grundsätzlich meiden würden.

Auch der Klimawandel habe laut Veen und Friedrich einen ähnlichen Effekt. Weil die Temperaturen immer früher im Jahr stiegen, verschöben sich die Entwicklungszeiten von Pflanzen und spezialisierten Schmetterlingen asynchron. Das könne dazu führen, dass die Futterpflanze früher wächst bzw. ihr Optimum hat, wenn die Raupen noch nicht geschlüpft sind, denn Schmetterlinge bzw. der Raupenschlupf hängen ab von Tageslänge, der Pflanzenwuchs hingegen vom Temperaturverlauf. Teile der Nahrungsquelle falle dann aus. Einzelne Arten könnten deshalb gezwungen sein, in kühlere Regionen abzuwandern – häufig weiter nach Norden.

Auch Lichtverschmutzung spiele besonders in Städten eine bedeutende Rolle, erklären die Expert*innen. Die meisten Schmetterlingsarten seien nacht- und dämmerungsaktiv. Nachtfalter machten etwa 95 Prozent aller heimischen Schmetterlingsarten aus. Das Problem: Sie orientierten sich normalerweise an den Mondphasen. Dauerhafte künstliche Beleuchtung während der Nacht störe diese Orientierung. Die Falter kreisten dann häufig rastlos um Straßenlaternen oder andere Lichtquellen. Dabei verlören sie viel Energie und würden leichte Beute für Fressfeinde.

Warum sind Schmetterlinge wichtig?

Die Hintergründe zum Rückgang dieser Arten machen mich nachdenklich. Schmetterlinge haben in Kultur und Literatur einen großen Stellenwert. Sie stehen seit Jahrtausenden symbolisch für Schönheit und Zerbrechlichkeit. Zahlreiche Mythen ranken sich um die Tag- und Nachtfalter.

Was wohl viele übersehen, ist ihre Rolle in der Natur: Schmetterlinge reagieren empfindlich auf Umweltveränderungen. Von ihrem Bestand kann man auf die Gesundheit eines Lebensraums schließen. Verschwinden auf einer artenreichen Wiese plötzlich die Schmetterlinge, ist das oft ein Hinweis darauf, dass sich der Lebensraum verschlechtert hat. Daher stellt sich mir die Frage: Wo finden sich in Dortmund noch intakte Orte?

Ich ziehe weiter und schaue mir weitere Plätze an, die einen Schutzort für Schmetterlinge bieten oder sich das zum Ziel gesetzt haben – wie der Hauptfriedhof in Dortmund. Er wurde 2023 vom NABU NRW durch seine insektenfreundliche Gestaltung als „schmetterlingsfreundlicher Friedhof“ ausgezeichnet.

Auf dem Bild sieht man eine Grünfläche auf dem Hauptfriedhof Dortmund. Es sind viele verschiedene Pflanzen nebeneinander zu sehen.
Beispielshafte Grünfläche auf dem Dortmunder Hauptfriedhof.

Ich besuche ihn an einem sonnigen Sommertag, an dem die Schmetterlinge besondersaktiv sein sollen. Denn laut dem BUND bevorzugen sie es, „wenn es trocken, sonnig und windstill ist“.

Weitere Beobachtungstipps vom BUND
Wenn ihr noch mehr über die Beobachtung von Schmetterlingen erfahren wollt, gibt es vom BUND einige Tipps.

Bei strahlendem Sonnenschein erreiche ich nach nicht einmal zehn Minuten einen besonders naturnahen Bereich im Zentrum des Hauptfriedhofs. Dort säumen große Wildpflanzen und Blumen das Feld. Und tatsächlich: Scharen von Schmetterlingen fliegen aufgeregt von einer Pflanze zur anderen.

Sie steuern die Blumen an, die auch Bienen bevorzugen. Überall wird geflattert und gesummt. Dadurch fällt es mir schwer, die Arten zu bestimmen. Es könnten Faulbaum-Bläulinge und Große Ochsenaugen sein. Die meisten von ihnen sind weiß, doch ich kann auch braune und blaue Schmetterlinge erkennen.

An einem Ort, wo vordergründig Trauer und Gedenken vorherrschen, kann offensichtlich auch neues Leben entstehen. Aber warum ausgerechnet hier?

Dazu suche ich noch einmal das Gespräch mit Christoph Veen vom Umweltamt der Stadt Dortmund. Er erklärt mir, dass Friedhöfe durch verschiedene Faktoren einen idealen Lebensraum für Tiere und Insekten bieten – dementsprechend auch für Schmetterlinge. Dazu zählen unter anderem die Strukturvielfalt, die offenen Flächen sowie die Größe der Anlage. Mit etwa 112 Hektar ist der Hauptfriedhof laut der Stadt Dortmund die mit Abstand größte Grünfläche Dortmunds.

Laut Christoph Veen bieten auch der Westfalenpark, der Botanische Garten Rombergpark und die vielen, aber irgendwann auch wieder bebauten Brachflächen im Ruhrgebiet geeignete Lebensräume für heimische Schmetterlingsarten.

Was tun wir gegen den Artenrückgang?

Die gute Nachricht ist: Wir können alle etwas gegen den Artenrückgang tun. Im Großen muss sich strukturell etwas verändern: Es braucht mehr Lebensräume für Schmetterlinge, wie Wiesen-, Weiden- und Waldflächen sowie mehr attraktive urbane Lebensräume.

In Dortmund haben wir laut dem Umweltamt Dortmund durch 8.000 Kleingärten etwa 400 Hektar Potenzial. Wichtig wäre, diese Flächen nicht zu intensiv zu pflegen, sondern z.B. weniger zu mähen und auf Teilflächen mehr Wildpflanzen zuzulassen. Auch, wenn für viele Menschen ein englischer Rasen für Schönheit und Ordnung steht, ist er aus ökologischer Sicht eine grüne Wüste.

Zudem sollten wir überprüfen, welche künstlichen Lichtquellen wirklich vonnöten sind oder wo sie zumindest temporär ausgeschaltet oder in der Leuchtstärke reduziert werden können. Finanzielle Förderung kann dazu beitragen, dass lokale Naturschutzinitiativen ihre Arbeit langfristig umsetzen und ausweiten können. Davon könnten Projekte wie „7.000 Schmetterlinge“ in der Dortmunder Nordstadt profitieren, die zeigen, wie sich die Natur in ein dicht bebautes Stadtbild integrieren lässt.

Auch im Kleinen kann jede* etwas beitragen, erfahre ich von NABU. Wenn du einen Garten oder auch nur einen kleinen Balkon hast, kannst du bereits bei der Gestaltung einen positiven Einfluss ausüben. Grundsätzlich ist eine vielfältige Auswahl an Bäumen und Pflanzen sinnvoll.

Wenn möglich, lass eine naturnahe Ecke im Randbereich stehen, die auch leicht verwildern darf. Wichtig sind Futterpflanzen für Raupen und Nektarpflanzen für ausgewachsene Schmetterlinge. Dazu gehören unter anderem das vermeintliche „Unkraut“ Löwenzahn oder Klee, aber auch Obstbäume und Blühpflanzen wie Fetthenne oder Lavendel.

Garten-Tipps vom NABU
Der NABU Stadtverband Dortmund e.V. hat speziell eine Liste von Pflanzen für insektenfreundliche Ruhrgebietsgärten veröffentlicht. Dort sind einige  Startertipps aufgelistet.

Weitere Mitmachmöglichkeiten

Auch wenn du keinen Balkon oder Garten hast, gibt es Möglichkeiten, den Artenschutz von Schmetterlingen zu fördern.

Bei Mitmachaktionen wie dem Tagfalter-Monitoring oder der jährlich stattfindenden Aktion “Zeit der Schmetterlinge” kannst du auf festgelegten Beobachtungsstrecken Tagfalterarten zählen und protokollieren.

Einmal angemeldet kannst du beispielsweise auf der täglichen Gassirunde mit dem Hund protokollieren, welche Arten du an dem jeweiligen Tag gesehen hast.

Meine kleine Reise durch das Dortmunder Stadtgrün zeigt: Das Artensterben lässt sich nicht nur in Studien nachlesen – die Auswirkungen zeigen sich auch vor meiner Haustür. Jede Beobachtung, sei es im eigenen Garten oder auch auf dem täglichen Spaziergang erinnert mich daran, wie wichtig es ist, dass wir alle uns für den Schutz der Arten einsetzen. Und dazu gehört vor allem: Lebensräume für Schmetterlinge schaffen und Platz bieten. Denn einen Sommer ohne Schmetterlinge möchte sich wohl keiner vorstellen.

Bilder und Grafiken: Paul Kleine

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