„Historische Schönheitsideale haben wir nicht einfach hinter uns gelassen“

Einen „idealen“ Körper haben. Das hat für alle eine verschiedene Bedeutung. Anike Krämer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Soziologie der Geschlechterverhältnisse an der TU Dortmund und spricht über die Auswirkungen von Körperidealen auf Menschen mit Bezug zu aktuellen Trends und westlicher Weiblichkeitsvorstellung.

Was sagt ein Körperideal überhaupt aus?

Über den Körper werden ganz viele gesellschaftliche Fragen verhandelt. Er dient dabei als Projektionsfläche: Wir diskutieren darüber, ob in Deutschland zu wenig gearbeitet wird, ob wir gesund leben, oder diszipliniert sind. Das kann man einer Person aber nicht unmittelbar ansehen – sichtbar ist zunächst nur ihr Körper, den andere dann interpretieren. Auf ihn lassen sich bestimmte Eigenschaften projizieren, die ihn als ideal oder weniger ideal erscheinen lassen

Dabei stellt sich immer die Frage: Was ist ein idealer Körper? Zu welcher Zeit ideal? Und wofür? Ideal zum Angucken, zum Arbeiten? Ideal, um auf den Berg zu steigen, oder ideal zum auf der Couch sitzen? Ist es ideal jung und gesund zu sein, oder überwiegt die Lebenserfahrung, die Menschen erst mit dem Alter sammeln? Je nach Zeit, Ort und Lebenssituation, gibt es also ganz unterschiedliche Idealvorstellungen.

Dass der Körper in Diskursen als gute Projektionsfläche dient, hängt auch mit seiner Sichtbarkeit zusammen. Er gilt oft als ein objektiver Beweis, weil er immer präsent ist und „natürlich“ erscheint. Aber keine Erkenntnis über den Körper einer anderen Person ist objektiv, oder lässt auf den Charakter oder das Verhalten dieser Person schließen. Hinter solchen Assoziationen steht immer eine Sinnaufladung, eine Wertung.

Porträt Dr. Anike Krämer
Foto: Anike Krämer/TU Dortmund
Anike Krämer
Dr. Anike Krämer ist seit 2023 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Soziologie der Geschlechterforschung an der Technischen Universität Dortmund. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Intergeschlechtlichkeit, sowie der Kategorie und Bedeutung von Geschlecht im individuellen, gesellschaftlichen und speziell im familiären Kontext.

Welche Werte verbinden wir heute mit dem Aussehen?

Aktuell leben wir in einer Zeit, in der Dünn sein mit vielen positiven Eigenschaften verbunden wird – nicht nur mit Schönheit, sondern auch mit Effizienz, Disziplin oder Arbeitswillen. Gesundheit ist gerade ein Riesenthema: Ob Gym, Ernährung oder Supplements – überall geht es darum, möglichst gesund zu sein. Dafür steht momentan eben ein dünner Körper. Mit einem dicken Körper werden gegenteilige Vorstellungen verbunden: sich gehen lassen, sich nicht um sich selbst kümmern oder ungesund sein.

Wenn wir uns das realistisch anschauen, dann wissen wir: Das ist Quatsch: Dünne Menschen sind nicht grundsätzlich gesünder als dicke Menschen, dicke Körper sind nicht weniger schön als dünne. Aber wir verbinden das damit. Diese Assoziation und Interpretation von Körpern haben viel mit Zeitgeist zu tun. Entscheidend ist also immer die Frage: Wofür steht ein dünner oder ein dicker Körper in bestimmten Gesellschaften?

Wie unterscheiden sich Ansprüche an Männer und Frauen?

Schönheitsnormen gab es historisch schon immer für alle Menschen. Das zeigt sich etwa in Mode und Kleidung: Besonders Aristokratie und später auch Bürgertum definierten sich über solche Normen. Die Anforderungen unterschieden sich jedoch abhängig vom Geschlecht.

Für Männer waren diese Schönheitsnormen nie so wichtig, weil sie – um es mit Bourdieu zu sagen – andere „Kapitalsorten“ hatten. Sie konnten beispielsweise auf ökonomisches Kapital oder Bildung zurückgreifen. Für Frauen war das lange deutlich schwieriger. Bis vor etwa 120 Jahren hatten sie, abgesehen von wenigen sehr reichen Frauen, kaum Zugang zu solchen Möglichkeiten.

Kapitaltheorie
Seine Kapitaltheorie erläuterte Pierre Bourdieu erstmals in dem Aufsatz „Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital“, erschienen 1983 im Sammelband „Soziale Ungleichheiten“, herausgegeben von Reinhard Kreckel.
In dem Aufsatz geht es (vereinfacht zusammengefasst) darum, dass soziale Ungleichheiten durch eine ungleiche Verteilung von Kapital entstehen. Mit Kapital meint Bourdieu nicht nur materielle Objekte, wie zum Beispiel Geld, sondern zum Beispiel auch Bildung und Sprache. Weitere Beispiele sind kulturelle Objekte wie Bücher oder Gemälde, eigene soziale Netzwerke und den Stand einer Person in der Gesellschaft.
Der Körper konnte für Frauen deshalb zu einer Art Kapital oder „Währung“ werden. Es ging darum den Körper „an den Mann zu bringen“. Wer einem bestimmten Schönheitsideal entsprach, hatte unter Umständen bessere Chancen gut zu heiraten und damit auch schlechtere Wohn-, Arbeits- und Lebensbedingungen zu überwinden.

Das haben wir auch nicht einfach hinter uns gelassen. Es gibt historische Kontinuitäten, die sich immer noch zeigen. In das Schönheitsideal zu passen kann Frauen weiterhin Vorteile verschaffen – etwa beim Begriff „Trophy Wife“. Trophy bedeutet in diesem Fall nicht, dass besagte Frau besonders schlau ist, sondern dass sie schön ist.

Männer profitieren ebenfalls von einem als attraktiv wahrgenommenen Aussehen, haben gesellschaftlich aber oft andere Ressourcen, auf die sie zurückgreifen können – zum Beispiel Macht oder in einem System zu sein, welches sie bevorzugt. Gleichzeitig verändern sich auch die Anforderungen an männliche Körper. Das Erfüllen von Schönheitsnormen ist auch für Männer ein Versuch, den eigenen sozialen Wert zu erhöhen.

Mit Blick auf aktuelle Trends, worüber werden Frauen definiert?

Wenn wir in die europäische Geschichte schauen, dann werden vor allem zierliche, dünne und grazile Körper idealisiert. Das hängt mit bestimmten westlichen Vorstellungen von Weiblichkeit zusammen. In dieser Idee sollen Frauen weich und fürsorglich, aber nicht bedrohlich oder dominant sein. Dieses eher Sanfte und Zurückhaltende soll sich auch im Körper widerspiegeln.

Wenn Frauen groß und breit sind, wird mit ihnen weniger Weiblichkeit assoziiert. Solche Muster finden sich auch in der Literatur, der Aspekt von: So sehen weibliche Figuren aus, die begehrenswert sind.
Auch bei Trends wie skinnytok und „Diet Culture“ geht es vor allem um Weiblichkeit und Schönheitsnormen.

Warum gewinnen Trends wie skinnytok derzeit wieder an Aufmerksamkeit?

Das müsste man natürlich empirisch konkret untersuchen. Grundsätzlich wechseln sich aber alle Trends und Gegenbewegungen ab. Nach einer emanzipatorischen Vorwärtsbewegung kommt immer ein konservativer Backlash.

Und das sehen wir auch im Bereich der Körperideale. Die Werte, die hinter dem Konzept von skinnytok stecken, sind tendenziell konservativere Werte: Macht über den eigenen Körper haben und diszipliniert sein. Das steht meiner Meinung nach in Verbindung mit dem Gedanken von “Körper und Aussehen als Währung”.

Auf der anderen Seite scheint der Trend eine Möglichkeit zu sein, über den eigenen Körper zu verfügen und ihn gestalten zu können. Dann geht es nicht nur um einen konservativen Backlash, sondern auch um Handlungsmöglichkeiten in einer Welt, die kompliziert erscheint.

Das sieht man auch bei Body Positivity und später bei Body Neutrality. Dort wird versucht zu sagen: Wir haben einen Körper, der uns irgendwohin bringt – und das ist erst einmal okay. Wir müssen ihn weder besonders toll noch besonders schlecht finden; er ist einfach da. Bei beiden Bewegungen geht es letztendlich um Handlungsmöglichkeiten: entweder durch die Anpassung an ein Schönheitsideal oder durch die Befreiung davon.

Was heißen Schönheitsideale für Alltag und Selbstwahrnehmung?

Was generell durch Schönheitsnormen passiert, ist eine Relevanzsetzung von außen. Dabei wird vermittelt: Der Körper ist etwas, worum du dich kümmern musst, er ist wichtig und hat eine Bedeutung. Das ist erstmal eine Aufforderung zum Handeln – eine, die von außen angetragen wird, ob man will oder nicht. Durch dieses Wissen passt man zwangsläufig sein Verhalten an, weil man der Bewertung des Körpers ausgesetzt ist. Man folgt der Schönheitsnorm oder lehnt sie aktiv ab.

Es hat also für Menschen konkrete Auswirkungen im Alltag, was als Norm definiert wird und wie der eigene Körper anhand dieser Norm eingestuft wird. Dabei wird ignoriert, dass Menschen verschiedene Prioritäten im Leben haben: Für manche ist der Körper wichtig und für manche eher mittelwichtig. Er bringt sie irgendwo hin, solange er gesund ist, solange er einen trägt, solange er einen das erleben lässt, was man erleben will.

Wie kann ein Umgang mit Idealvorstellungen aussehen?

Die Norm, nach der ein Körper bewertet wird, kann sich immer ändern. Das wissen wir, wenn wir an andere Orte in der Welt schauen oder auch historisch zurück gucken. Wie sich eine Norm ändert, hat mit emanzipatorischen Bewegungen zu tun. Das heißt, sowohl im Kleinen als auch im Größeren für strukturelle und individuelle Freiheiten zu kämpfen. Oder konkret auf politischen Ebenen diskutierten: Was ist eigentlich Gesundheit? Was ist eigentlich ein BMI? Und was sagt er über uns aus?“

In dem Bereich hat sich schon viel getan. Ich merke eine Offenheit für das Thema; dass viel mehr Menschen viel selbstbewusster auch in dicken Körpern agieren. Dass verschieden Körper auch medial als begehrenswert dargestellt werden. Gleichzeitig nimmt die Idee von Optimierung auch zu: Wie viele Produkt gibt es, um jünger auszusehen, faltenfreier auszusehen? Das hat auch etwas Spielerisches. Es ist irgendwie auch schön, sich gestalten zu können.

Ein guter Umgang mit Körpernormen und Schönheitsidealen bedeutet für mich daher, anzuerkennen, dass Menschen verschieden sind, unterschiedlich aussehen und dass Ideale für jede Person unterschiedlich wichtig sind.

Beitragsbild: Unsplash/Vitaliy Shevchenko

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