Wohin unser Abfall verschwindet – Ein Tag mit Müllwerkern

Jeden Morgen leert die Müllabfuhr in Dortmund die Mülltonnen. Doch wie läuft so eine Tour überhaupt ab- und wohin kommt der Müll, den man nicht in seinem Hausmüll entsorgen darf?

Der Parkplatz beim Betriebshof am Verwaltungsgebäude. Die meisten Wagen sind schon unterwegs.

05:55 Uhr. Die Sonne steht rot-orange über dem Dach der EDG-Zentrale am Dortmunder Hafen. Schon von weitem kann man die großen blauen Buchstaben an der Fassade des Gebäudes erkennen. Auf dem Hof davor reiht sich ein gelbes Fahrzeug ans nächste – große Abfallwagen bis hin zu den kleineren Kehrmaschinen.

Viele Motoren laufen bereits. Müllwerker rufen sich quer über den Platz ein „Guten Morgen” zu. Ein paar Truppen sitzen schon im Auto und warten nur noch auf den letzten Kollegen. Der ein oder andere beißt noch schnell in sein Frühstücksbrot und dann geht es los: Nacheinander rollen die Wagen von dem Betriebshof und die Touren beginnen.

Rund 1.100 Mitarbeiter*innen arbeiten bei der EDG. Im Entsorgungsbereich 1 sind etwa 180 Müllwerker*innen unterwegs. Ihr Gebiet: die Dortmunder Innenstadt und Eving.

Tourstart in der Nordstadt

Heute ist ein Team in der Dortmunder Nordstadt unterwegs: Manuel Kucklick sitzt am Steuer des Müllwagens, Kevin Brümmer, Thomas Sanchez und Lukas Olbrich arbeiten als Lader. Kucklick springt an diesem Morgen für einen Kollegen ein. Als Reservefahrer übernimmt er Touren, wenn jemand krank ist oder Urlaub hat.

Das gelbe Abfallsammelfahrzeug kann bis zu zehn Tonnen Abfall zuladen.

In der Nordstadt angekommen, beginnt die Routine: Zwei Kollegen gehen vor und klingeln an den Häusern und holen die Tonnen aus den Kellern. Die anderen hängen sie hinten an der Schüttung ein. Der Wagen hebt die Tonnen an, dann ertönt ein dumpfer Schlag und der Inhalt verschwindet im Wagen.

Die Arbeit geht schnell: Das orange Blinklicht rotiert, Tonnen schlagen gegen die Schüttung, der Motor läuft im Stand. Kaum ist eine geleert, steht schon die nächste bereit. Während hinten eine Tonne geleert wird, ziehen zwei Kollegen die nächsten Behälter aus dem Hausflur.

„Es ist hier in Dortmund so geregelt, dass die Tonnen zwar in 15 Meter Reichweite zum Wagen stehen müssen”, sagt Kucklick. „Wenn es aber nicht vom Platz her so geht, werden die Tonnen eben aus dem Keller geholt.” In Dortmund gehört dieser Service der Entsorgung Dortmund GmbH – kurz EDG – zur täglichen Arbeit. Die EDG übernimmt in Dortmund einen Vollservice bei der Abfallentsorgung. Anders als in vielen anderen Städten werden die Tonnen meist direkt vom Grundstück geholt und anschließend zurückgestellt.

Augen und Ohren überall

Auch wenn der Ablauf routiniert wirkt, ist höchste Aufmerksamkeit gefragt. In einer engen Straße muss Kucklick den großen Wagen zwischen einem weit herausragenden Auto und einem Baustellenzaun hindurchmanövrieren. Viel Platz bleibt nicht. Kurz rollt der Wagen langsam vor, dann zieht Kucklick das Lenkrad leicht nach links. Der Müllwagen passt durch die Lücke. „Der Wagen hier ist ein Dreiachser, dadurch ist er super wendig”, sagt Kucklick. „Dadurch ist er wendiger und kommt mit einem kleineren Wendekreis auch durch enge Straßen.”

Gleichzeitig achtet er darauf, wo die Tonnen schon aus den Häusern rausgezogen wurden und wo er ungefähr halten kann, damit seine Kollegen nicht dem Wagen hinterherlaufen müssen. Er beobachtet über die kleinen Bildschirme rund um das Lenkrad und die Spiegel, wo seine Kollegen gerade rumlaufen und wie viele Tonnen noch aufgeladen werden müssen.

Kameras und Sensoren an der Schüttung schützen die Müllwerker.

Kommunikation gehört zum Alltag des Teams. Die Männer rufen sich zu, wo noch eine Tonne steht oder wer bei einer besonders schweren helfen kann. Auch mit den Bewohner*innen kommen sie ins Gespräch. An diesem Morgen steht eine ältere Dame vor der Haustür und beobachtet, wie die vier Männer die Tonnen ihrer Nachbarn abholen. Als sie bei ihrem Haus angekommen sind, tauschen sie ein kurzes „Guten Morgen” aus. „Ich bring ihnen die Tonne rein”, sagt Brümmer, als die Dame versucht hat, sie selbst zurückzustellen. Später erzählt Sanchez: „Sie ist eigentlich jedes Mal da. Manche Leute schenken auch Schokolade.”

Protokollieren, was aus der Reihe fällt

Nach einer kurzen Kaffeepause geht die Tour weiter. Vor einigen Haustüren tippt Kucklick etwas in ein kleines Tablet neben dem Lenkrad ein. Es zeigt ihm an, wo die nächste Tonne steht, die abgeholt werden muss. Er kann dort auch eintragen, wenn mit dieser Tonne etwas ist: kaputt, der Eingang ist versperrt oder illegale Müllablagerung.

Plötzlich klopft Brümmer an das Fahrerfenster: „Trag ein: Eine Tonne ist reingefallen.” Ist eine Tonne zu voll oder bekommt beim Anheben zu viel Schwung, kippt sie über die Schüttung direkt in den Laderaum. Herausbekommen kann man sie dann nicht mehr. Sobald neuer Müll nachrutscht, drückt die Presse im Wageninneren alles zusammen.

Neben verlorenen Tonnen oder versperrten Eingängen können die Mitarbeiter im System auch Tiere melden. Auf einer Straße entdeckt Brümmer eine plattgedrückte Ratte. Auch sie gehören zum Alltag der EDG dazu. „Bei manchen Häusern tritt man gegen die Tonne. Dann springen die Ratten raus und laufen weg.”

Manchmal bleibt die ein oder andere Ratte auch in der Tonne. Sie springt dann von oben von der Schüttung runter, um sich zu retten. Olbrich wurde in seinen zehn Monaten bei der EDG schon von einer Ratte in den Nacken gebissen. Auch die Kollegen hatten ähnliche Begegnungen.

Warum Ratten die Nähe von Mülltonnen suchen, kann verschiedene Gründe haben. Die EDG erklärt, dass zum Beispiel illegale Müllablagerung zu Ratten in der Nachbarschaft führen kann. Die Rattenbekämpfung an sich liegt in der Hand der Immobilieneigentümer*innen. Falls Ratten gefunden werden, gibt die EDG das Problem an das „Fallmanagement Ratten” von der Stadt Dortmund und an die Anwohner*innen weiter. Danach sollte ein Schädlingsbekämpfer eingeschaltet werden. Insgesamt sei es wichtig, seinen Müll ordentlich und sauber zu entsorgen. „Irgendwann kann man schon die nasse Ratte riechen. Das hat einen ekelhaften Eigengeruch”, sagt Kucklick.

Zwischenstopp: Müllumschlagstation

Gegen 10:00 Uhr schaut Kucklick auf das Display am Lenkrad. Dort wird das Gewicht von dem Müllwagen angezeigt. „Wie viel?”, fragt Olbrich. „Fast bei 24″, antwortet Kucklick. Der Müllwagen darf wegen einem EU-Gesetz nämlich nur bis zu einem Gesamtgewicht von 26 Tonnen wiegen. Noch ein paar Tonnen werden eingesammelt, dann ist klar: Der Wagen muss geleert werden.

Gerade jene Truppen müssen ihren Wagen während der Tour entleeren, die in der Innenstadt oder der Nordstadt unterwegs sind. Dort leben besonders viele Menschen auf engem Raum, entsprechend fällt mehr Müll an. Wie wichtig die tägliche Arbeit der Müllabfuhr ist, zeigt sich besonders in solchen Vierteln: Ohne regelmäßige Touren würden sich die Abfälle schnell stapeln.

Abfallstatistik Dortmund 2025 Quelle: EDG Dortmund

Kucklick fährt zu einer der Umschlagsanlagen in Dortmund, dem Recyclingzentrum Dortmund, und checkt dort am Eingang den Wagen ein. Gleichzeitig rollt der Wagen auf die Waage. Schon aus der Ferne öffnet sich der Blick auf eine Halle, in der sich Müllsäcke türmen. Davor arbeitet ein Baggerwagen, der den Abfall zur Seite schaufelt. Es ist eine von mehreren Stationen dieser Art in Dortmund: Auch an einigen Recyclinghöfen, zum Beispiel in Wambel, wird Hausmüll abgeladen, bevor er weitertransportiert wird.

Müllabladung im Recyclingzentrum Dortmund – von hier geht es zur Verbrennungsanlage.

Kucklick fährt vorsichtig in die Halle ein, als plötzlich ein Schwarm Krähen aufsteigt. Sie hatten zwischen den Müllsäcken nach Essensresten gepickt und steuern nun den nächsten Müllhaufen an. Ein stechend-saurer Gestank liegt in der Luft. „Irgendwann riecht man das nicht mehr”, sagt Sanchez aus der Fahrerkabine. Die anderen nutzen den Moment schon mal für die Mittagspause.

Dann wird abgeladen. Mit ein paar Knopfdrücken klappt die Ladeklappe auf und es fallen die ersten Müllsäcke raus. Die Presse schiebt den restlichen Müll aus dem Laderaum, mit Scheppern und Rascheln rutschen die Müllmassen zu den weiteren Bergen aus Müll. Kucklick muss ein Stück vorziehen, damit genug Platz bleibt.

Er steigt aus, schnappt sich die Schaufel, die an der Seite des gelben Lasters hängt, und kratzt den letzten stinkenden Müll-Matsch von der Presse des Wagens ab. Dabei tropft restliche Flüssigkeit von dem Restabfall aus dem Inneren des Wagens auf den Boden. Es riecht streng, aber Kucklick verzieht keine Miene. Er steigt wieder in den Wagen, desinfiziert sich die Hände und fährt zurück zur Zentrale.

Dort geht es für eine Stärkung zu den anderen in die Mittagspause und danach wieder an die restlichen Tonnen, die noch in der Nordstadt auf die Truppe warten. Danach ist auch die Schicht für Manuel Kucklick und seine Kollegen zu Ende. Der abgeladene Müll wird dort auf dem Recyclingzentrum gesammelt, bis er von LKWs abgeholt und zur letzten Station gebracht wird: der Müllverbrennungsanlage.

Alle Wege führen zur Müllabfuhr

Bevor Kucklick bei der EDG anfing, arbeitete er als Logistiker. Nachdem er zur EDG wechselte, war er zunächst Teil der Straßenreinigung. Kurz darauf fing er als Müllwerker an. Manche der Müllwerker*innen, die morgens auf Tour gehen, sind Quereinsteiger. Denn: Um Müllwerker*in zu werden, ist keine spezifische Ausbildung zum Müllwerker oder zur Müllwerkerin nötig. Gesucht wird oft nach Menschen mit einer handwerklichen Ausbildung.

Heute morgen ist Kucklick um 03:50 Uhr aufgestanden, um für seine Kinder Frühstück zu machen. Danach ging es für ihn pünktlich zur Arbeit.

Besonders gut gefällt ihm die Zusammenarbeit mit seinen Kollegen. „Aber das Schöne an diesem Job ist, dass du dich immer um 14:30 Uhr frisch geduscht auscheckst und du danach nicht mehr an die Arbeit denken musst.”

Die andere Seite der Abfallentsorgung

Während die Nordstadt-Truppe für heute ihre Schicht beendet hat, geht es für die Kollegen in Aplerbeck weiter. Dort befindet sich einer der insgesamt sechs Recyclinghöfe der EDG.

Verschieden große, gelbe Container stehen nebeneinander aufgereiht und sind mit großen Plaketten beschildert. Der Abfall in den Containern ist ordentlich getrennt: nach alten Matratzen, Türen, Metall, Holz, Elektromüll oder alten Reifen.

Neben Grünschnitt und Altmetall kann man auch alten Reifen auf dem Recyclinghof in Aplerbeck entsorgen.

Den Hof besuchen täglich 200 bis 250 Kund*innen, sagt Leiter Andreas Meilinger. Trotzdem bezeichnet er die Atmosphäre als familiär: „Mit den Nachbarn nebenan verstehen wir uns gut. Wenn mal etwas Styropor rüberfliegt, dann kommen wir eben kurz rüber und räumen auf.” Rechts vor einer kleinen blauen Halle stehen kleine Kisten mit jeglichen Flaschen und Dosen und eine Art Tresor für Lithium-Batterien.

Hierher kommt, wer seinen Müll selbst in die Hand nehmen möchte, oder wer Dinge hat, die nicht in den normalen Restmüll kommen. „Hier läuft es fast wie ein McDrive”, erklärt Meilinger: Schon fährt der nächste Kunde mit seinem Auto an das kleine Kassenhäuschen und gibt an, was er für Abfall mitgebracht hat. Ein Mitarbeiter berechnet, wie hoch die Entsorgungsgebühren sind. Nachdem der Kunde bezahlt hat, fährt er auf den Hof und wirft seine alten Stühle und Kartons in die Container.

Die meisten Kunden sind Menschen, die gerade umziehen oder ihr Haus renovieren, erklärt Andreas Meilinger. Er sagt auch, dass dadurch so viel Abfall zusammenkommt, dass täglich sechs volle Container abgeholt werden müssen und zu ihren einzelnen Recyclingstationen verfrachtet werden.Am meisten gefallen Meilinger die Arbeit mit Menschen und der Umweltschutz, den er bei seiner Arbeit betreibt. Der verrückteste Gegenstand, den er jemals auf dem Hof gefunden hat, ist eine Handgranate, erzählt er. Ein Kunde fragte ihn, wo er denn seine Granate entsorgen könnte. „Auf holländischen Flohmärkten kann man fast alles kaufen.” Sofort wurde damals die Polizei gerufen und der Recyclinghof für den Tag geschlossen. Es war aber alles gut gegangen.

Gegen 17 Uhr ist auch hier Schluss. Der Hof wird gefegt, die Container kontrolliert und alles für den nächsten Tag vorbereitet. Morgen geht alles wieder von vorne los. Die nächsten Kunden fahren auf den Recyclinghof, um ihre alten Matratzen oder Reifen wegzubringen, und die Trupps machen sich wieder auf den Weg, um die nächsten Tonnen in Dortmund abzuholen.

Bilder: Mara Spix

Ein Beitrag von
Mehr von Mara Spix
KURT – Das Magazin: Stille
Wie leise kann es eigentlich werden? Dieser Frage sind wir in einem...
Mehr
Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert