Die unsichtbaren Töchter der Stadt Dortmund

Frauen haben Geschichte geschrieben, doch im öffentlichen Raum bleiben sie oft unsichtbar. Das zeigt sich besonders auf Straßenschildern. Ein Blick auf Dortmund zeigt, wie Erinnerungskultur entsteht und warum sie sich verändert.

An der Haltestelle „Hafen“ öffnet die U49 ihre Türen. Menschen steigen aus, ziehen ihre Jacken zu und verschwinden zwischen den Häuserreihen der Dortmunder Nordstadt. Autos fahren über die Kreuzung, Fahrräder klappern an den Schienen vorbei, aus einer Bar dringt gedämpfte Musik. Zwischen Verkehrslärm, Graffiti und alten Fassaden hängt ein unscheinbares Straßenschild: Dr.-Safiye-Ali-Straße.

Bis 2023 trug diese Straße den Namen eines deutschen Marineoffiziers, der im Ersten Weltkrieg fiel und besonders während des Nationalsozialismus verehrt wurde. Heute erinnert die Straße an eine Frau, die Anfang des 20. Jahrhunderts Medizin studierte, obwohl Frauen im Osmanischen Reich damals gar nicht studieren durften.

Eine Ärztin gegen alle Widerstände

Safiye Ali wurde 1894 in Istanbul geboren und reiste gegen den Willen ihrer Familie nach Deutschland, um dort Medizin zu studieren. Sie lernte in kürzester Zeit Deutsch und schloss ihr Studium nach fünf Jahren in Würzburg ab. Auch in Deutschland stellte sie damit eine Besonderheit dar: Zu ihrer Zeit war hier nur eine von zehn Studierenden weiblich.

Im Jahr 1921 kehrte sie zurück nach Istanbul, dort eröffnete sie eine Praxis und spezialisierte sich auf Frauen- und Kinderheilkunde. Besonders bekannt war sie dort für ihr soziales Engagement und organisierte Hilfsangebote für arme Familien und mangelernährte Kinder. Doch in ihrer Heimat wurde die Ärztin immer wieder von männlichen Kollegen angefeindet und kehrte 1929 nach Deutschland zurück.

Mit ihrem Mann zog sie nach Dortmund und eröffnete auf der Hohen Straße 15 eine Praxis. Während des Zweiten Weltkriegs arbeiteten die beiden als Bunkerärzte und verloren mehrfach ihre Praxisräume und Wohnungen. Trotzdem blieb Safiye Ali. „Zu fest fühlte sie sich mit diesem Dortmunder Volk verbunden, um es in seiner schweren Stunde im Stich lassen zu können“, heißt es später in einer Trauerrede von Professor Dr. Lehmann, ein Freund der Familie. Lange Zeit gerieten ihr Grab und ihre Geschichte in Vergessenheit.

Heute trägt eine Straße in der Nordstadt ihren Namen. Tausende Menschen gehen täglich an dem Straßenschild vorbei, oft ohne zu wissen, wer sie war. Die Informationen unter dem Schild sind die einzigen Hinweise auf ihr Leben.

Straßenschilder als Gedächtnis der Stadt

Darin spiegelt sich eine größere Frage, die über die Dr.-Safiye-Ali-Straße hinausgeht: Was erzählen Straßennamen über unsere Erinnerungskultur und darüber, wen eine Gesellschaft sichtbar macht?

Straßennamen sind keine neutralen Orientierungspunkte, hinter ihnen steckt immer Geschichte. Mit der Benennung von Straßennamen wird ein öffentliches Gedächtnis der Stadt erschaffen. Die Namen tauchen in unserem alltäglichen Leben immer wieder auf und schaffen somit eine besondere Form der Erinnerung. Über viele Jahrhunderte entsteht laut dem Deutschen Städtetag somit ein kollektives Gedächtnis.

Warum Männer das Stadtbild dominieren

Diese Form von Erinnerung zeigt ein Ungleichgewicht, das sich auch außerhalb der Dortmunder Stadtgrenzen beobachten lässt: Frauen sind im Stadtbild deutlich seltener vertreten als Männer. Eine Datenanalyse des European Data Journalism Network von 2023 zeigt, wie sich die Ungleichheit in der alltäglichen Erinnerungskultur der 30 größten Städten Europas auswirkt. Von den 41.000 nach Personen benannten Straßen waren 91 Prozent Männern gewidmet. Nach Frauen waren in den untersuchten Städten dagegen nur rund 3.200 Straßen benannt.

Die Autor*innen des Online-Magazins Osservatorio Balcani Caucaso Transeuropa erläutern dieses Ungleichverhältnis mit einem visuellen Vergleich: „Hätten sie alle zur gleichen Zeit gelebt, würden sie alle in die Wohnungen und Häuser einer einzigen großen Straße passen. Das ist ein subtiler, aber beeindruckender Hinweis darauf, wer in unserer Gesellschaft Wertschätzung erfährt und wer nicht.“ Straßennamen seien häufig ein Spiegel der Machtverhältnisse ihrer Entstehungszeit.

Viele der europäischen Straßen wurden im 19. und frühen 20. Jahrhundert gebaut und spiegeln somit eine Gesellschaft wider, in der öffentliche Anerkennung und politische Macht hauptsächlich Männern vorbehalten waren. Viele dieser Machtverhältnisse bestehen auch im 21. Jahrhundert weiter und werden erst seit Kurzem hinterfragt und aufgebrochen. Dass über Straßennamen diskutiert wird, ist ein Zeichen dieses Wandels.

Erinnerung verändert sich mit der Zeit

Die Entscheidung über Straßenbenennungen hängt immer auch von der jeweiligen Kommune und ihren Schwerpunkten ab, die sich über Jahrzehnte entwickeln. Straßennamen sind für den Historiker Rainer Pöppinghege von der Universität Paderborn ein Spiegel gesellschaftlicher Mehrheiten und politischer Vorstellungen ihrer Zeit.

In Dortmund fänden sich vergleichsweise viele Namen aus dem Milieu der Arbeiter*innen oder von Persönlichkeiten der Arbeiter*innenbewegung, wobei überwiegend männlichen Personen gedacht werde. Die Namen einer Stadt seien deshalb immer auch ein Ausdruck der dort lebenden Gesellschaft. Sie entscheiden, wem gedacht wird und wem nicht. „Es ist immer der aktuelle Blick der jeweiligen Zeit“, sagt Pöppinghege. Die Meinung dazu, wer im öffentlichen Raum erinnert werden solle, ändere sich von Generation zu Generation.

Vom Antrag bis zum Straßenschild

Hinzu kommt, dass kritische Reflexion nur nach und nach einsetzt. Die ehemalige Speestraße wurde nach dem Marineoffizier Maximilian Spee benannt, der im Ersten Weltkrieg fiel. Die meisten Speestraßen wurden während der Zeit des Nationalsozialismus benannt, da er zu dieser Zeit als militärischer Held verehrt wurde. Die Dortmunder Speestraße entstand jedoch deutlich später als die meisten anderen. Warum man sich auch 1975 noch für den Namen Spee entschied, ist nicht bekannt. Das Beispiel zeigt aber, wie langlebig und unkritisch bestimmte Formen der Erinnerung sein können.

Im Jahr 2014 stellte das Dortmunder Stadtarchiv den ersten Antrag auf Umbenennung der Speestraße, bezeichnete sie als „politisch belastet“ und befürwortete die Maßnahme. Die Umbenennung erfolgte erst am 16. August 2023. Die lange Dauer zwischen Antrag und Umbenennung verdeutlicht, dass es sich dabei nicht um eine einfache Formalie handelt. Dahinter stehen politische Diskussionen, Beteiligungsverfahren und verschiedene Entscheidungsebenen.

In Dortmund sind an solchen Verfahren mehrere Stellen beteiligt. Die Umbenennung ist zunächst eine Aufgabe innerhalb der Stadtverwaltung, danach entscheidet das Tiefbauamt über mögliche Namensvorschläge für die jeweilige Straßen. Die Anzahl der Vorschläge variiert dabei, meistens liegen jedoch zwischen zwei und drei Optionen vor. Die endgültige Entscheidung der Namensvergabe trifft anschließend die jeweilige Bezirksvertretung.

Nach Angaben des Gleichstellungsbüros werden bei neuen personenbezogenen Straßenbenennungen in Dortmund seit längerem gezielt auch weibliche Persönlichkeiten vorgeschlagen. „Um eben die große Diskrepanz zwischen Männer- und Frauennamen aufzuwiegen“, erklärt die Dortmunder Gleichstellungsbeauftragte Maresa Feldmann.

Die vergessenen Frauen der Stadt

Um geeignete Kandidatinnen für mögliche Vorschläge zu finden, veröffentlichte das Gleichstellungsbüro Dortmund 2007 die wissenschaftliche Arbeit, „Durch Raum und Zeit“ mit verschiedenen Frauen und ihren Geschichten. Daraus entstand ein Namenspool mit möglichen Vorschlägen, aus dem das Tiefbauamt wählen kann. Für jede Biografie sind zudem Informationen über ihre Leistungen, ihren Lebensweg und mögliche regionale Bezüge hinterlegt.

Johanna-Melzer aus „Raum und Zeit
Eine Frau aus der Dortmunder Geschichte, die auch in der wissenschaftlichen Arbeit des Gleichstellungsbüros thematisiert wird, ist Johanna-Melzer. Nach ihr ist auch eine Straße hier in der Dortmunder Nordstadt benannt. Sie war eine Widerstandskämpferin, Kommunistin und Landtagsabgeordnete. Eine Initiative setzte sich dafür ein, dieser Frau zu gedenken, deswegen wurde im Jahr 1989 die Johanna-Melzer-Straße benannt.

Die Gleichstellungsbeauftragte Maresa Feldmann wünscht sich, dass in Dortmund mehr regionale Frauen im Stadtbild sichtbar werden: „Eine Kommune sollte sich auch mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen und sichtbar machen, welche Frauen das Leben und die Entwicklung der Stadt geprägt haben. Straßennamen und Plätze sind eine Möglichkeit, ihnen dauerhaft einen Platz im öffentlichen Gedächtnis zu geben“.

Wenn Bürger*innen Geschichte sichtbar machen

Die Inspiration für einen neuen Straßennamen muss nicht zwingend aus dem Namenspool stammen. Bürger*innen der Stadt haben ebenfalls die Möglichkeit, Kandidatinnen vorzuschlagen und damit Einfluss auf die Erinnerungskultur ihrer Stadt nehmen. Um die Vorschläge einzureichen, kann man sich an die Bezirksverwaltung, das Tiefbauamt oder das Gleichstellungsbüro wenden.

Der Namensanstoß der Dr.-Safiye-Ali-Straße entstand aus einer lokalen Initiative. Der Verein Forum JUGEND, dessen Büroräume sich auf der ehemaligen Speestraße befanden, wurde auf die Debatte aufmerksam und brachte Dr. Safiye Ali als mögliche Namensgeberin ein.
Für den Vorsitzenden Ümithan Yağmur war die Wahl naheliegend: Die Ärztin war nicht nur viele Jahre beruflich in Dortmund aktiv, sondern auch lange Zeit aus dem öffentlichen Bewusstsein der Stadt verschwunden.

Obwohl Safiye-Ali als erste türkische Ärztin gilt und im Krieg als Bunkerärztin arbeitete, blieb ihr Grab viele Jahren namenlos. Mit der Straßenumbenennung solle somit nicht nur ein Name ersetzt werden, sondern zugleich eine Frau sichtbar gemacht werden, deren Geschichte eng mit Dortmund verbunden ist.

Annelise Kretschmer und der Zufall

Ein weiteres Beispiel für eine lokale Initiative zur Straßenumbenennung ist die Annelise-Kretschmer-Straße in Dortmund. Annelise Kretschmer war eine Fotografin aus der Zeit der Weimarer Republik, die 1929 als eine der ersten Frauen in Deutschland in Dortmund ein Fotoatelier gründete.

Im Jahr 1933 wurde sie auf Grund ihrer jüdischen Abstammung von der Fotografie-Akademie Gesellschaft Deutscher Lichtbildner ausgeschlossen. Das Leben im Nationalsozialismus war für sie und ihre achtköpfige Familie beschwerlich und gefährlich. Die Auftragslage war in dieser Zeit sehr schlecht und sie mussten in ständiger Angst vor Sanktionen oder Schlimmerem leben.

Die Anregung, nach ihr eine Straße zu benennen, kam von der Dortmunderin Helga Steinmaier, die durch Zufall eine Ausstellung der Fotografin in Bremen besuchte. „In dieser Ausstellung wurde immer wieder erwähnt, dass sie aus Dortmund kam und auch dort gearbeitet hat. Aber ich hatte noch nie etwas von ihr gehört“, sagt Steinmaier. Im April 2017 wandte sie sich an das Dortmunder Gleichstellungsbüro, mit dem Wunsch, Annelise Kretschmer eine Straße zu widmen.

Eröffnung der Annelise-Kretschmer Straße u.a. mit ihrer Tochter Christiane
von Königslöw (2.v.l.). Bild: Gesine Lübbers

Wichtig war ihr dabei, dass sich die Straße in der Nähe des Dortmunder U befindet. Annelise Kretschmer war eine enge Freundin der damaligen Direktorin des Ostwall Museums Leonie Reygers, der mit den Leonie-Reygers-Terrasse am Dortmunder U gedacht wird. Der Wunsch wurde angenommen und die Annelise-Kretschmer-Straße wurde 2020 in der Nähe der Leonie-Reygers-Terrasse benannt.

Leonie-Reygers-Terrassen
Andenken an Leonie Reygers am Dortmunder U. Bild: Nele Wendland

Der lange Weg zur Gleichstellung im Stadtbild

Die Dr.-Safiye-Ali-Straße und die Annelise-Kretschmer-Straße tragen heute nicht nur die Namen zweier bemerkenswerter Frauen. Sie machen außerdem sichtbar, was lange unsichtbar blieb. Beide Schilder besitzen eine kurze Beschreibung, die Aufschluss über das Leben der Frauen gibt. Für die Leonie-Reygers-Terrasse wurde solch eine Beschreibung durch eine Initiative nachträglich beantragt.

Solche Beispiele zeigen, dass Bürgerinitiativen und politisches Engagement dazu beitragen können mehr Frauen in das kulturelle Gedächtnis der Stadt einzubringen. Auch die Regelung, dass bei einer Straßenbenennung mindestens eine Frau vorgeschlagen werden muss, verändert Erinnerungskultur Schritt für Schritt. Zugleich sind die Gestaltungswege begrenzt.

Städte wachsen heutzutage nicht mehr so schnell wie vor einigen Jahrzehnten. Dabei entstehen neue Straßen seltener und Umbenennungen finden nur vereinzelt statt. Deswegen ist es umso wichtiger, dass abseits der Straßenbenennung auch von anderen Formen des Erinnerns Gebrauch gemacht wird, wie von Stadtrundgängen, Ausstellungen, Gedenkorten oder Projekten wie „FrauenOrte NRW“.

FrauenOrte NRW
Mit dem Projekt „FrauenOrte NRW“ sollen Frauen im ganzen Bundesland geehrt werden. Der FrauenRat NRW e.V. gründete das Projekt 2022, um Frauen sichtbar zu machen, die zur Geschichte des Bundeslandes beigetragen haben. Dafür wurden Info-Tafeln an öffentlichen Orten angebracht, die mehr über die Lebensgeschichten der Frauen erzählen. In vier Auswahlrunden wurden 60 FrauenOrte für 65 Frauen auserwählt. Diese Orte sind nun auf einer interaktiven Landkarte zu finden. Auch in den Bundesländern Bandenburg, Hamburg, Niedersachsen, Sachsen und Sachsen-Anhalt sind Erinnerungsorte für Frauen entstanden.

Wer an der Haltestelle „Hafen“ aus der U-Bahn steigt, wird das Straßenschild vielleicht nur einen kurzen Moment wahrnehmen. Für viele bleibt es eine Orientierungshilfe. Für andere ist es ein Stück wiederentdeckte Geschichte. Zwischen Verkehrslärm, Häuserfassaden und dem alltäglichen Leben der Menschen erinnert es daran, dass Sichtbarkeit keine Selbstverständlichkeit ist, auch nicht in der Erinnerungskultur einer Stadt.

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