BOCHUM
VONOVIA UND DER BAU-TURBO
Europas größter Wohnungskonzern hat seinen Hauptsitz mitten in Bochum. Vonovias Interessen sind durch den Zentralen Immobilien Ausschuss e.V. (ZIA) bestens vertreten. Darüber hinaus pflegt der Konzern selber guten Kontakt in die Politik. 2023 hatte Vonovia Lobby-Ausgaben von rund 890.000 bis 900.000 Euro, wie aus dem Lobbyregister hervorgeht. Das kann Macht oder Einfluss schaffen. Einfluss, der sich entscheidend auf die Gesetzgebung auswirkt?
BAUSTOP 2023 UND POLITISCHER DRUCK
Anfang 2023 kündigt Vonovia erstmals in ihrer Unternehmensgeschichte einen generellen Neubau-Stopp an. Nicht nur künftige Projekte fallen der Maßnahme zum Opfer, sondern auch 1.500 geplante Wohnungen sollen bis auf Weiteres nicht mehr realisiert werden. Als Begründung dafür nennt der Konzern gestiegene Baukosten und Zinsen. Vonovia hat als privatrechtliches Unternehmen jedes Recht, diese Entscheidung zu treffen. Dennoch hagelt es Kritik aus der Politik: Bauministerin Klara Geywitz (SPD) wirft Vonovia Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Wohnungsmarkt vor. Die Parlamentarische Staatssekretärin Cansel Kiziltepe (ebenfalls SPD) fordert gegenüber dem Handelsblatt die Aufhebung des Stopps: „Vonovia sollte Dividendenzahlungen einstellen und das Geld zur Absicherung des Neubaus verwenden.“
Auch von der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) gibt es starken Gegenwind: Sie sieht im Neubau-Stopp eine strategische Drohgebärde, um politischen Druck auszuüben. Der größte deutsche Wohnungsanbieter signalisiere damit, dass er nicht baue, bis die „Rahmenbedingungen stimmen“. Das würde den Einfluss verdeutlichen: Das Unternehmen beansprucht faktisch politisch eine Änderung der Rahmenbedingungen, ehe es baut – das sei Macht- und Steuerungswirkung.
Vonovia kontert und verlangt klare Förderrichtlinien und die Digitalisierung von Bauanträgen seitens der Politik. Der Konzern fordert, dass die politischen Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass die Baukosten sinken, z. B. durch weniger regulatorischen Aufwand. „Das Problem ist inzwischen so gewaltig, dass einzelne Maßnahmen nicht mehr reichen, wir brauchen ein Gesamtpaket der Bundesregierung, um die Baukosten wieder auf ein Niveau zu senken, bei dem sich Neubau wieder lohnt“, sagte Rolf Buch, damals noch Vorstandsvorsitzender bei Vonovia, der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“.
IM SINNE VON VONOVIA?
Im Juli 2025 verabschiedete der Bundestag den sogenannten Bau-Turbo – ein Gesetz zur Beschleunigung des Wohnungsbaus und zur Wohnraumsicherung. Am 30. Oktober 2025 ist das Gesetz in Kraft getreten. In der dazugehörigen Erklärung des Bundestags heißt es:
„Mit der Neuregelung soll die Schaffung von Wohnraum in Deutschland deutlich beschleunigt werden. Als weitgehende Flexibilisierung für den Wohnungsbau wird ein neuer Paragraf 246e in das Baugesetzbuch (BauGB) eingefügt. Erlaubt werden soll damit für einen Zeitraum von fünf Jahren ein Abweichen von bauplanungsrechtlichen Vorschriften. Wenn eine Kommune sich entscheide, den Bau-Turbo anzuwenden, könnten zusätzliche Wohnungen bereits nach einer dreimonatigen Prüfung durch die Gemeinde zugelassen werden. Aufstellungen oder Änderungen von Bebauungsplänen sollen dann nicht mehr notwendig sein. Bauanträge gelten als genehmigt, wenn die Kommune nicht binnen drei Monaten ablehnt.“
Um es kurz zu sagen: Der Bundestag hat sämtliche von Vonovia geforderten Erleichterungen gesetzlich verankert. Langwierige Planungsverfahren, starre Bebauungspläne und hohe Planungskosten – alles Probleme der Vergangenheit.
VONOVIA: „WICHTIGER IMPULS“
Durch die neuen Sonderregeln können Projekte schneller genehmigt werden, was theoretisch Zeit und Kosten spart – eine direkte Entlastung für große Bauinvestoren wie Vonovia. In der Presse spricht Vonovia explizit vom Bau-Turbo als wichtigem Impuls: schnellere Genehmigungen, mehr Flexibilität für Gemeinden. Rolf Buch betont: „Jetzt müssen die Kommunen Bauland ausweisen und schnell die Genehmigungen erteilen“ – sprich: Der Erfolg hängt stark davon ab, ob Kommunen den Bau-Turbo aktiv nutzen und ob Projektentwickler:innen dadurch tatsächlich günstiger und effizienter bauen können.
Die Kritik der Mieter:innenverbände lässt nicht lange auf sich warten. Sie warnen vor Verdrängungseffekten, wenn die Beschleunigung nicht mit sozialen Ausgleichsmechanismen kombiniert wird. Um die Vertreibung der Menschen aus ihren langjährigen Wohnvierteln zu verhindern, brauche es also Gegenmittel. Das können Maßnahmen wie eine Mietpreisbremse oder Quoten für sozialen Wohnungsbau sein. Der Deutsche Mieterbund (DMB) kritisiert in einer Stellungnahme trotz der Notwendigkeit, mehr Wohnraum zu schaffen, besonders die mangelnde sozialverträgliche Ausgestaltung des „Bau-Turbos“. Mit ihm würden weder Mietwohnungen noch bezahlbare Wohnungen garantiert. Zudem könnten die Folgen für Bestandsmieter weitreichend und wohnkostensteigernd sein. Auch Linke, AfD und Grüne kritisieren den Bau-Turbo: Kassem Taher Saleh (Bündnis 90/Die Grünen) sagte etwa, der Turbo sei eine Mogelpackung, begünstige die Bodenspekulation und treibe die Mieten in die Höhe.