Sechs Jahre ist es her, dass ein 43-jähriger Deutscher in Hanau neun Menschen erschossen hat. Das rechtsextreme Attentat sorgt für Entsetzen und wirft Fragen auf, die bis heute bleiben – über das späte Einschreiten der Polizei, die unerkannte Radikalisierung des Täters im Netz, und eben auch: Über fehlerhafte Narrativen in der Berichterstattung der Medien. Das rassistische Attentat vom 19. Februar 2020 zeigt, dass die Sicherheit von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland nicht selbstverständlich ist – egal ob mit oder ohne deutsche Staatsangehörigkeit.
Der Tathergang
Der 19. Februar 2020 ist ein ganz gewöhnlicher Mittwoch. Nichts deutet am Morgen dieses Werktags daraufhin, dass am Abend innerhalb von zehn Minuten neun Menschen umkommen werden.
Um 21.55 Uhr fallen die ersten Schüsse in der Bar „La Votre“: Der 43-jährige Attentäter erschießt Kaloyan Velkov, verlässt das Lokal Richtung Heumarkt und tötet dort Faith Saraçoglu. Ungehindert setzt er seinen Weg fort. In der benachbarten Shisha-Bar „Midnight“ schießt er auf den Besitzer Sedat Gürbüz und kehrt auf die Straße zurück. Dort läuft ihm Mustafa Tunç über den Weg. Beide Männer stehen sich gegenüber. Tunç wird sich später erinnern, wie der Schütze abwartend die Waffe auf ihn gerichtet habe. „Er hat mir tief in die Augen geguckt… Ich glaube, er wollte meinen Akzent herausfinden, ob ich ein Deutscher oder Nicht-Deutscher bin“, erzählt Mustafa Tunç im Podcast „190220 – ein Jahr nach Hanau“. Der Attentäter drückt nicht ab. Stattdessen steigt er wieder in seinen Wagen und fährt Richtung Kesselstadt, ein anderer Stadtteil in Hanau, rund zwei Kilometer entfernt von den ersten Tatorten. Auf einem LIDL-Parkplatz tötet der Attentäter Vili Viorel Paun, der in seinem eigenen Auto sitzt. Der 22-jährige hatte zuvor ganze fünfmal versucht die Polizei zu rufen, war aber nicht durchgekommen. Auf eigene Faust hatte er den Attentäter verfolgt, war ihm bis zum Parkplatz hinterhergefahren und fällt ihm zuletzt selbst zum Opfer.
Neben dem Parkplatz befinden sich die letzten beiden Tatorte: Die „Arena-Bar“ und der angeschlossene Kiosk. Im Kiosk erschießt der Attentäter Gökhan Gültekin, Mercedes Kierpacz und Ferhat Unvar. In der „Arena-Bar“ tötet er die beiden letzten Opfer. Said Nesar Hashemi und Hamza Kurtović überleben nicht.
Zwischen den ersten Schüssen in der Bar „La Votre“ und den letzten in der „Arena-Bar“ sind nicht mehr als zehn Minuten vergangen.
Kapitel 1:
Kriminalisierung der Opfer
Schon kurz nach dem rassistischen Anschlag in Hanau beginnen Medien zu berichten, mitunter live. Zu den ersten gehört auch die BILD.
Die Live-Sendung „Bluttat in Hanau: 8 Tote, 5 Verletzte“ startet um 01:30 Uhr online – 3 Stunden und 25 Minuten nach den letzten Schüssen.
Moderator Moritz Wedel schaltet Bild-Reporter Tobias Bayer dazu, der sich am Tatort befindet und seine Eindrücke der Situation vor Ort schildern soll: „Ich habe mit einigen Angehörigen hier sprechen können. Die Stimmung ist deutlich aggressiv. Man drohte mir das Handy aus der Hand zu schlagen. Hier sind Emotionen im Spiel, es waren wohl auch Angehörige von mutmaßlich Toten hier, da muss man das auch, denke ich, verstehen und richtig einordnen können.“

Weil die BILD sehr frühzeitig aus Hanau berichtet, die Informationslage undurchsichtig ist und es einfach schnell gehen muss, werden sich andere Medien an der BILD orientieren, teilweise auch Informationen übernehmen.
Der Erstberichterstattung kommt eine besondere Verantwortung zu. Die Art und Weise, wie die Reporter und Reporterinnen über den Terror, die Opfer, die Angehörigen sprechen, kann von anderen Medien aufgegriffen werden. Falsche Informationen können damit eine Kettenreaktion auslösen. Trotzdem entscheidet sich die BILD nur knapp vier Stunden nach dem rassistischen Anschlag in Hanau bereits über Motive, Milieus und den Täter zu spekulieren.
Serpil Temiz Unvar hat am 19. Februar ihren Sohn Ferhat verloren. Zu den Spekulationen sagt sie:
Wenige Wochen nach dem rassistischen Attentat gründet sie die Bildungsinitiative Ferhat Unvar – in Gedenken an ihren Sohn aber auch als Versprechen: Der 19. Februar soll sich nicht wiederholen.

Die Unterstellung, Angehörige seien aggressiv gewesen, nimmt ihnen nicht nur den Raum Emotionen zu zeigen. Es beeinflusst auch, wie viel Empathie Leser für Geschädigten aufbringen können. Empathie, für die sich Serpil Temiz Unvar und ihr Team seit sechs Jahren einsetzen.
Statt Empathie entsteht zwischen Lesern und Opfern aber Distanz. Und das, obwohl gerade eine positive Bindung entscheidend für Aufklärung und Sensibilisierung ist, sagt Karim Fereidooni. Er ist Autor und Rassismusforscher an der Ruhr-Uni Bochum.
„Rassismusarbeit besteht nicht nur aus Fakten, sondern hat auch viel mit Emotionen zu tun, die ausgelöst werden müssen.“
Prof. Dr. Karim Fereidooni
Spekulationen über das Täterumfeld
Die Live-Sendung der BILD geht weiter und Reporter Bayer fährt fort: „Ich habe aus relativ gut unterrichteten Quellen in Hanau hier erfahren – aber ich muss dazu sagen, es sind nur Spekulationen – dass es sich bei dem Täterumfeld um Russen handeln könnte. Und bei den Opfern soll es wohl mehrere kurdische Tote geben.“
Ein Reporter der „Welt“ spekuliert, hinter dem Anschlag könne die „Spielautomatenmafia“ stecken.

Der zu diesem Zeitpunkt noch unbekannte Täter wird also in einem „nicht-deutschen“ Umfeld vermutet. Die Migrationsgeschichte der Opfer wird mit einem möglichen Hintergrund des Täters in Verbindung gebracht – Opfer werden durch die Berichterstattung ein zweites Mal zu Opfern.
Medienökonom Michael Jetter sieht in dieser Kriminalisierung der Opfer ein Muster, das im Journalismus Teil einer langen Tradition ist. Karim Fereidooni verweist auf Denkmuster, die weit verbreitet sind: „Man glaubt nicht, dass Menschen mit internationaler Familiengeschichte auch Opfer sein können. Das Narrativ, diese Menschen können bloß Täter sein, ist so fest in unserer Gesellschaft verankert.“
Hinter den Spekulationen der Journalisten steht für Sabine Schiffer ganz klar ein nicht reflektierter Rassismus. Die Sprachwissenschaftlerin forscht unter anderem zum Islambild in Deutschland. „Der Großteil der Stereotype wird überhaupt nicht reflektiert. Man bemerkt gar nicht, dass gerade in Schubladen gedacht wird oder man auch einfach ein Brett vorm Kopf hat“, sagt sie.
Von einem strategischen Framing, also der bewussten Kriminalisierung der Opfer, möchte Schiffer aber nicht sprechen. Das Problem sei eben das Unbewusste: „Und das zeigt eigentlich, was für einen Rassismus in der Gesellschaft und auch bei Medienmachenden als Teil dieser Gesellschaft verankert ist.“
Stereotype sind also immer da, sie helfen uns die Eindrücke des Alltags zu strukturieren. Stereotype werden dann negativ, wenn sie verwendet werden, um Vorurteile gegenüber anderen Gruppen zu schüren. Das wird gerade dann gefährlich, wenn immer wieder die gleichen Stereotype bedient werden. Die Forschung nennt das Aktualisierung. Antimuslimischen Einstellungen werden beispielsweise mehr oder weniger kontinuierlich gefüttert. Das passiert, wenn bei Kriminalitätsfällen auf bestimmte Gruppen verwiesen wird, sagt Sabine Schiffer.
Können Leser dann noch mitfühlen?
„Leser müssen eine emotionale Bindung zu den Opfern aufbauen können. Das geht los bei der Bildauswahl und endet bei den Geschichten, die über die Opfer erzählt werden.“
Prof. Dr. Karim Fereidooni
Ob negative Zuschreibungen wirklich dazu führen, dass Leser weniger Empathie für Opfer und Angehörige empfinden, ist gar nicht so leicht zu klären. Medienwirkungsforschung, also die Frage nach der Wirkung von Medieninhalten, ist methodisch gar nicht so einfach, erklärt Sabine Schiffer: „Wir können nicht genau eingrenzen, ob Leser weniger Empathie zeigen, weil die Inhalte von den Journalisten so geframed wurden oder weil das Empathievermögen gar nicht erst vorhanden war.“
Aus den gleichen Gründen lässt sich umgekehrt genau so wenig feststellen, ob eine andere Berichterstattung unbedingt mehr Empathie erzeugt hätte. Die Forschung dazu ist schmal, die Theorie von mehr oder weniger Mitgefühl lässt sich weder bestätigen noch widerlegen, erklärt auch Michael Jetter.
Trotzdem vermutet Sabine Schiffer, dass zumindest das Potential für weniger Empathie beim Leser da sei. Vor allem, wenn das Publikum sowieso schon in Vorurteilen denkt.
Wie empathisch ein Beitrag ist, kommt also ganz stark auf den einzelnen Leser an. Je unreflektierter Stereotype sind, desto größer der Drang das eigene Weltbild zu füttern.
Ein und derselbe Beitrag kann von verschiedenen Personen ganz anders interpretiert werden. Inhalte, die mit den eigenen Klischees einhergehen werden wahrgenommen, während andere Aspekte des gleichen Beitrags einfach ausgeblendet werden, sollten sie nicht mit vorgefertigten Denkmustern d‘accord gehen. In der Forschung heißt das Confirmation Bias.
„Oftmals interpretiert man Ereignisse so, dass sie auf das eigene Bild der Welt passen. Dem unterliegen Menschen leider häufig. Journalisten und Konsumenten der Medien sind da keine Ausnahme.“
Prof. Dr. Michael Jetter
Serpil Temiz Unvar, Mutter des getöteten Ferhat Unvar, hat beobachtet, dass Mitgefühl nicht immer selbstverständlich war:
„Ich glaube schon, dass die Berichterstattung dem Mitgefühl der Leute geschadet hat. Um dieses Mitgefühl kämpfen wir schon sehr lange. Einige wussten schon, was die Tat bedeutet und haben Mitgefühl gezeigt. Andere suchen immer noch nach Gründen, dass die Opfer das verdient hätten. Da fehlen die menschlichen Gefühle.“
Serpil Temiz Unvar
Kapitel 2:
„Wir vs. Die“
Die Live-Sendung der BILD geht in der Nacht nach der Tat weiter, Journalisten sollen die Gegend rund um den Tatort in Kesselstadt beschreiben. Moritz Wendel, Moderator der BILD Live-Sendung fragt Reporter Tobias Bayer, der vor Ort ist: „Beschreib uns das Milieu bitte etwas. Was ist das für ein Stadtteil? Was ist das für eine Straße? Könnte vielleicht das Umfeld dieser Shisha-Bar/Sportsbar auf irgendwelche Motive oder Hintergründe dieser Tat hindeuten?”. Bayer bezieht sich auf den ersten Tatort, die Bar „La Votre“: „Die Bars werden jedenfalls von Menschen mit Migrationshintergrund aufgesucht. Deswegen auch der Hintergrund Shisha-Bar.“
Beide spekulieren außerdem, ob es sich beim Tatort um eine „normale Sportsbar“ oder eine Shisha-Bar handle.
Wenn etwas aber normal ist, muss es auch das Gegenteil, das Abnormale geben. Obwohl die Reporter es nicht explizit aussprechen, liest sich die Formulierung: Eine Shisha-Bar sei keine „normale“ Bar. Sie werde von Menschen mit Migrationshintergrund besucht. Dieses Wording zeichnet das Bild einer anderen, fremden Lebensrealität der Opfer.
„Die Reporter spekulieren über Milieukriminalität und malen sich verschiedene Milieus aus. Nach dem Motto, alle, nur nicht wir.“
Prof. Dr. Sabine Schiffer
Opfer werden zur Outgroup, zu „den Anderen“, die mit dem Durchschnittsleser nicht viel gemein zu haben scheinen. Diese Form von Sprache kreiert Distanz zwischen Lesern und Opfern. Das rechtsextreme Attentat erscheint Lesern vor dem Hintergrund eines sowieso schon „kriminellen Lebens in abgeschotteten Milieus“ als logische Konsequenz.
„Die Menschen, die gar keinen Bezug zu diesen Opfern und sowieso schon Vorbehalte gegenüber Menschen mit einer anderen Hautfarbe haben, die denken sich ‚Ja, siehst du mal – das ist wieder der Beweis, die können sich einfach nicht benehmen‘.“
Prof. Dr. Karim Fereidooni
Wiederholt sich die Geschichte?
Focus Online titelt am 20. Februar 2020, einen Tag nach dem Anschlag „Hanau unter Schock: Erste Bilder nach den Shisha-Morden“. „Shisha-Morde“ wird kurz danach mit „Bluttat“ ersetzt.
Menschen mit Migrationsgeschichte in Klischees einzuordnen ist in der Terrorberichterstattung nichts Neues. Das Wording vom Focus ist fast schon ein Déjà-vu. 15 Jahre vor dem Attentat in Hanau schreibt die Nürnberger-Zeitung über die NSU-Morde. Das Opfer ist damals Imbissbesitzer Ismail Y. Die Zeitung titelt: “‘Döner-Morde’ – Nun wird bei Banken gefahndet”.
Der Focus und die Nürnberger-Zeitung nehmen sich nicht viel – obwohl zwischen den Berichten 15 Jahre liegen. Hinter beiden Überschriften steckt das gleiche Narrativ, Opfer in kriminellen Milieus vermuten zu wollen, sagt Karim Fereidooni.
„Allein die Sprache von manchen Journalisten hat dazu geführt, dass Menschen entmenschlicht werden.“
Prof. Dr. Karim Fereidoon
Das Wording der Nürnberger-Zeitung wurde schon Jahre vor dem rechtsextremen Attentat in Hanau kritisiert, auch von anderen Medien. Und trotzdem sind sich beide Überschriften zum Verwechseln ähnlich. Michael Jetter sieht darin eine Bestätigung dafür, dass ein Großteil der Journalisten noch immer zu fahrlässig im Umgang mit Terror ist. Vielen sei ihre gesellschaftliche Aufgabe, sensibel aufzuklären, gar nicht bewusst.

Warum wollen wir nicht über Rassismus sprechen?
Wenige Stunden nach dem Attentat in Hanau sind der Attentäter selbst und sein Motiv noch unbekannt. Medien haben über einen Anschlag der Russen, der Spielautomatenmafia spekuliert, den Täter sogar im Umfeld der Opfer vermutet. Die Möglichkeit, dass es sich um eine rassistische Tat oder einen rechtsextremen Täter handelt, erwägen Journalisten nur zögerlich.
Tobias Bayer spekuliert während der Live-Sendung der BILD, der Täter komme mutmaßlich aus einem russischen Umfeld. Spekulationen, die auf ein rechtsradikales Umfeld hindeuten, halte er für zu früh, „Einfach aufgrund der Tatsache, dass es um Shisha-Bars geht. Aber ich glaube, das ist viel zu früh, um das einzuordnen. Dass die Opfer Kurden sind, das ist schon eher wahrscheinlich.“
In der Live-Sendung kommt auch BILD-Chefreporter Frank Schneider zu Wort. Er weist Rechtsextremismus als Motiv zurück: „Es gab hier die Angst, dass es sich um einen rechtsradikalen, einen rechtsextremen Anschlag handeln könnte, weil eben zwei Shisha-Bars oder Bars mit Shisha-Konsum aufgesucht wurden, wo ja (…) muslimische Menschen öfters auch vorzufinden sind. Aber die meisten Spekulationen, die ich bisher wahrnehmen konnte, gehen eher in die Richtung, dass es sich um eine Milieutat handeln könnte.“
Dass sie sich irren und die Tat sehr wohl einen rassistischen Hintergrund haben könnte, halten die BILD-Journalisten für abwegig. Andere Beweggründe seien da viel wahrscheinlicher.
Warum es Journalisten oft schwer fällt, von Rassismus zu sprechen, hängt nicht zuletzt mit einem weit verbreiteten Wunschdenken in Deutschland zusammen, erklärt Sabine Schiffer. Wir wollen nach der eigenen rassistischen Vergangenheit endlich wieder gut geworden sein, hätten längst alles aufgearbeitet.
„Deutschland ist das einzige Land, wo es keinen Rassismus gibt, wenn man manche Leute reden hört. Das ist natürlich lächerlich, den gibt es überall. Aber dieser Mythos der gelungenen Aufarbeitung behindert einen natürlich daran, sich Rassismus einzugestehen. Da fehlt die Einsicht, dass wir alle rassistische Strukturen in uns tragen.“
Fremdenfeindlichkeit statt Rassismus?
Als noch in der Tatnacht klar wird, dass der Täter ein Deutscher ist, der es bewusst auf migrantisch gelesene Menschen abgezielt hat, ist immer noch nicht von Rassismus die Rede. Stattdessen greifen Journalisten zu Begriffen wie „Fremden-“ und „Ausländerfeindlichkeit“.
Der ZDF veröffentlich am Donnerstag, den 20.02.2020, um 12.15 Uhr einen Videobeitrag auf Twitter. Korrespondent Stefan Schlösser sagt hier: „[…] dass es eben ein ausländerfeindliches Motiv war. Keine Bandenkriminalität. Ein Mensch hat hier gezielt nach … Ausländern gesucht, um sie gezielt zu töten.“

Die Begriffe passen aber nicht. Bei den Opfern handelt es sich weder um Fremde noch um „Ausländer“. Eine Migrationsgeschichte macht einen nicht fremd.
„Die Menschen sind keine Fremden, die werden jeden Tag zu Fremden gemacht. Das zeigt, dass auch Journalisten falsche Konzepte internalisieren können.“
Prof. Dr. Karim Fereidooni
Opfer werden nicht nur zu Fremden gemacht, der Täter erreicht auch eines seiner Ziele, indem Journalisten seine Vorstellung des Fremden weiterverbreiten. Die Täterideologie wird medial weiterverbreitet und so multipliziert.
„Allein der Begriff Ausländerfeindlichkeit ist schon der falsche. Damit hat man die Opfer alle ausgebürgert.“
Sabine Schiffer
Für Serpil Temiz Unvar, die sich seit dem Tod ihres Sohnes Ferhat für Antirassismus einsetzt, sind solche Formulierungen ernüchternd. „Es war zu erwarten und deswegen auch keine Enttäuschung, muss ich ja sagen. Es war bis jetzt ja immer so.“
Kapitel 3:
Wohin mit dem Täter?
Das Interesse nach Terroranschlägen ist groß. Was ist geschehen? Wo ist es passiert? Was kommt nun? Aber allen voran: Wer steckt dahinter? Ein Anschlag lässt sich nicht ohne den Täter bewerten.
Für Journalisten wird die Neugierde der Öffentlichkeit zur absoluten Zwickmühle. Medien müssen einerseits auf das Informationsbedürfnis reagieren. Dazu gehört auch abzuklären, warum eine Tat von wem begangen wurde. Andererseits laufen Journalisten aber genau damit Gefahr, Täterideologie weiter zu verbreiten. Dem Täter zu viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, kann Nachahmungstäter inspirieren. Nicht selten haben es Täter auf genau diesen Effekt abgesehen: Die Tat soll in Erinnerung bleiben und Wellen schlagen. Medien können zum Instrument der Täter werden.
„Es ist und bleibt ein Dilemma. Aufklärung über Rassismus wiederholt auch immer Rassismus. Aus dem Dilemma kommen wir alle nicht heraus.“
Prof. Dr. Sabine Schiffer
Um 12.20 Uhr veröffentlich DIE WELT am 20.02.2020, einen Tag nach dem rassistischen Anschlag, ein zweiminütiges Video auf ihrem Youtube-Kanal. Der Titel: „RECHTER TERROR IN HANAU: Das wissen wir über den Attentäter Tobias R.“
Der Beitrag hat auf YouTube über 850.000 Aufrufe. Die Kommentare sind deaktiviert.
Wenige Stunden nach der Tat liegt der Fokus ausschließlich auf dem Täter, seinen Gedanken, seinen Worten.
Ausschnitte seines zuvor veröffentlichten „Manifests“ werden zunächst unkommentiert eingeblendet. Dann werden die tagebuchähnlichen Einträge vorgelesen. Der Attentäter gibt in ihnen rassistische Klischees wieder, spricht von Ausländerkriminalität und der „Beseitigung des inneren Feinds“. „Klingt nach rechtem Gedankengut“, heißt von der Reporterstimme aus dem Off, nur wenige Sekunden später sollen die Schilderungen des Täters wieder Ausdruck von Verwirrung und Verschwörung sein.
Während im Video Werdegang und Berufsweg geschildert werden, ist der Attentäter selbst zu sehen, wie er am Schreibtisch sitzt, das Gesicht ist unkenntlich gemacht worden. Der Zuschauer erfährt, welche Hobbys und Interessen der Täter hatte. Die Opfer des Anschlags selbst tauchen im allerletzten Satz dieser Berichterstattung auf: „Doch bevor er sich für einen Suizid entscheidet, erschoss er zehn weitere Menschen“. Wirkt wie eine Randnotiz im sonst so detailliert beschriebenen Persönlichkeitsprofil des Attentäters.
Den Täter komplett auszuklammern aus Angst, Rassismus zu multiplizieren, ist der falsche Ansatz, sagt Karim Fereidooni: „Journalisten können gar nicht verhindern, dass sich Menschen in ihren ideologischen Überzeugungen bestätigt oder zu Nachahmungstaten aufgerufen fühlen.“
Medienmachende müssen stattdessen vor Augen haben, welchen Zweck die Täterperspektive erfüllen soll. Auf den Blickwinkel komme es an, sagt auch Sabine Schiffer: „Die Motive des Täters muss ich unbedingt benennen. Ich muss benennen, dass sich die Tat offensichtlich gezielt gegen migrantisch gelesene Leute gerichtet hat. Dass der Täter die Opfer sozusagen ausgebürgert hat sehen wollen, nicht als Teil unserer Gesellschaft. Diese Infos dienen der Aufklärung.“ Die Motive des Täters ganz klar zu benennen, löse einen pädagogischen Effekt aus, der Leser wird aufgeklärt.
„Es macht aber einen Unterschied, ob ich Täterperspektive wiedergebe oder einnehme.“
Prof. Dr. Sabine Schiffer
Die SPIEGEL-TV Reportage „Amoklauf in Hanau: Psychogramm eines Rassisten“, erscheint am 26.02.2020 um 9.46 Uhr. Der Beitrag nennt die Namen der Opfer, blendet Ausschnitte der Gedenkfeiern ein, ordnet den Täter als klar rassistisch ein. Und trotzdem ist der Attentäter auf dem Titelbild zu sehen, unverpixelt.

Im Video werden Clips eingeblendet, die den Täter nur wenige Tage vor dem Anschlag an den späteren Tatorten zeigen. Auch hier ist das Gesicht nicht unkenntlich gemacht worden.
Das Motiv, Rassismus, wird richtig benannt, seine Aussagen als falsch und rechts eingeordnet. Belegt wird das aber mit vielen wörtlichen Zitaten, die die Täterperspektive wiederum unwidersprochen weitergeben. Es werden Clips eingeblendet, die der Attentäter vor seinem Tod im Schlafzimmer aufgenommen hatte. Am Schreibtisch sitzend spricht er in die Kamera und rechnet sich aus, wie viele Deutsche wohl schon von „Ausländern“ ermordet wurden. Die Stimme ist nicht verfremdet. Der Täter bekommt postum die Möglichkeit, zu sprechen. Und das im Rahmen von Berichterstattung, die eigentlich hätte aufklären sollen.
Die richtigen Fragen zu stellen sowie Motive klar und deutlich zu benennen sind also nur ein Teil der Verantwortung von Journalisten. Sie sollten abwägen, wie viele Informationen über den Attentäter notwendig sind und welche den Opfern Raum in der Berichterstattung nehmen.
Für Serpil Temiz Unvar bleiben viele Fragen nach wie vor unbeantwortet: „Die Persönlichkeit vom Täter, wie er war, welcher Mensch dahintersteckt, ist nicht wichtig. Wichtig ist, warum konnte er zum Täter werden? Warum hatte er die Möglichkeit dazu? Woher kamen diese Gedanken? Warum dürfen Leute wie er legal Waffen besitzen? Warum unternimmt niemand was, obwohl er seinen Rechtsextremismus nicht versteckt hat? Die Warnung und Signale waren ja da. Das ist auch wichtigste Frage. Warum haben die immer noch diese Möglichkeiten? Diese Fragen kamen viel zu wenig in den Medien vor. Ich sage das immer wieder, draußen gibt es ja Tausende wie den Täter aus Hanau.“
Warum tendieren Journalisten dazu, den Täter umfassender und breiter darzustellen als die Opfer eines Anschlags?
Für Rassismusforscher Karim Fereidooni ist der emotionale Aufwand dahinter ein möglicher Faktor, „Vielleicht ist es auch für Journalistinnen einfach emotional anstrengender, sich mit Angehörigen von Opferfamilien auseinanderzusetzen, weil man da viel sensibler an die Sache rangehen muss, als über den Täter zu berichten.“ Über den Täter zu berichten falle da schon viel leichter. Journalisten müssten dabei kein Vertrauen zu den Hinterbliebenen aufbauen, keinen sensiblen Umgang mit dem Trauma der Angehörigen finden.
Wer als Journalist nicht über Opfer berichtet, der wird auch nicht mit Trauma und Emotionen konfrontiert.
Dass die Berichterstattung über einen Terroranschlag auch Zeitdruck bedeutet, steigert das Risiko Fehler zu begehen. Informationen sollen möglichst schnell an die Öffentlichkeit gelangen, Kontakte zu den Angehörigen aufzubauen und zu pflegen, bedeutet wiederum Zeitaufwand.
Die Tendenz, dem Täter mehr Aufmerksamkeit als den Opfern zukommen zu lassen, ist aber vor allem Ausdruck internalisierter Gruppenzugehörigkeiten:
„Wir oder zumindest die Medienmachenden betrachten den Täter als Teil von uns. Ohne dass das explizit ausgesprochen wurde, kann man das an dieser Perspektivgebung sehen.“
Prof. Dr. Sabine Schiffer
Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass Journalisten rassistisches Gedankengut bewusst vertreten, sondern sich nicht reflektieren und so rassistischen Strukturen bei sich verkennen.
Kapitel 4:
Einsichten und Entschuldigungen
Medien machen in den ersten 48 Stunden nach dem Anschlag Fehler, manche korrigieren sich aber auch zügig.
Während die Tagesschau am Donnerstagmorgen noch ein fremdenfeindliches Motiv meldet, spricht Moderator Jan Hofer in den 20 Uhr Nachrichten desselben Tages von einem „mutmaßlich rechtsterroristischen Anschlag“. Vier Tage nach der Tat lobt Deutschlandfunk die schnelle Korrektur der Fehler. Das Motiv „Fremdenfeindlichkeit“ sei schnell durch Rassismus korrigiert worden, heißt es hier.
Auch Sabine Schiffer sieht in der schnellen Korrektur einen Erfolg: „Aufklärung ist die Aufgabe der Medien, des Journalismus. Ich finde, das haben sie in Hanau im Vergleich zu anderen Fällen schon vergleichsweise gut gemacht, trotz der anfänglichen Startschwierigkeiten.“
Einige Medien halten Kritik an der Berichterstattung anderer Medien. Der NDR veröffentlich eine Woche nach der Tat eine Recherche mit dem Titel: „Nach Hanau: Was Medien besser machen sollten“. Die TAZ kritisiert die Live-Sendung der BILD schon am Nachmittag des 20. Februars, „Ein langer Lernprozess“ schreibt sie hier.
Bei Betroffenen wie Serpil Temiz Unvar ist von der Einsicht, Fehler gemacht zu haben, wenig angekommen.
„Eine Entschuldigung habe ich nie bekommen, auch von anderen Medien nicht.“
Serpil Temiz Unvar

Sabine Schiffer weist darauf hin, dass Korrekturen gemachte Fehler noch lange nicht aushebeln: „Trotzdem sind diese ersten Reflexe in der Berichterstattung aufschlussreich. Sie zeigen, in welchen Schubladen gedacht wurde“.
Fakt ist, Medien haben Stunden nach der Tat spekuliert, Klischees reproduziert. Der entstandene Eindruck, dass die Opfer kriminell seien, bleibt haften. Die Darstellung der ersten Stunden lässt sich nicht ungeschehen machen. Die durch das Attentat in Hanau ins Rollen gebrachte Fehlerkultur ist also eine gute Sache, auch wenn sie die Fehler der ersten Stunden nicht wett macht.
Über fehlende Empathie und die Wirkung gemachter Fehler lässt sich heute nur noch spekulieren. Serpil Temiz Unvar wird oft gefragt, was sie sich für die Zukunft wünscht. Lange überlegen muss sie nicht: „Wir haben unsere Kinder schon verloren, für die nächste Generation muss es aber noch nicht zu spät sein. Wir müssen als Gesellschaft dranbleiben.“
Beitragsbild: Leonhard Lenz – Eigenes Werk, lizenziert nach CC0



