Ohne Wohnung, ohne Stimme? Wie Armut politische Entfremdung verstärkt

Mehr als jeder fünfte Mensch hierzulande gilt als armutsgefährdet oder von sozialer Ausgrenzung bedroht. Das betrifft nicht nur individuelle Lebenslagen, sondern auch die Möglichkeiten gesellschaftlicher und politischer Teilhabe. Dennis hat tiefe Armut kennengelernt und überwunden. Heute ist er selbst politisch aktiv und unterstützt andere auf ihrem Weg aus der Armut.

Die Möglichkeit am demokratischen Dialog teilzuhaben und die freie und gleichberechtigte Meinungsbildung sind grundsätzliche demokratische Prinzipien – sie gelten unabhängig davon, wie viel Geld der Einzelne besitzt. Demokratie lebt von der aktiven Beteiligung ihrer Bürger:innen. Gleichzeitig erfordert demokratisches Engagement ein Minimum an Ressourcen wie Zeit und mitunter politische Bildung. Und wer gemeinsam diskutieren oder Aktionen umsetzen möchte, braucht nicht zuletzt den Austausch mit anderen Engagierten.

Insbesondere für arme oder von Armut bedrohte Menschen kann der Zugriff auf solche Ressourcen eine Herausforderung darstellen. Bereits der Kontakt mit anderen Menschen ist keine Selbstverständlichkeit, weiß der Dortmunder Dennis aus eigener Erfahrung. Heute kann der 33‑Jährige offen über seine Zeit auf der Straße sprechen. Damals hatte er nur selten jemanden zum Reden. „Die schlimmste Zeit war nicht die Kälte oder der Hunger – es war die Einsamkeit. Wenn es dir schlecht geht, ziehst du dich zurück, und das macht alles nur noch schlimmer“, sagt Dennis.

Dennis IST Mitarbeiter bei bodo e.V.
Dennis ist ehemaliger Obdachloser und heute Mitarbeiter bei bodo e.V., wo er die sozialen Stadtführungen leitet und in der Bildungsarbeit aktiv ist. Foto: Kyra Usielski

Als Dennis mit 24 Jahren obdachlos wird, meidet er zunächst den Kontakt zu anderen Menschen und schläft alleine draußen – aus Überforderung und falschem Stolz, wie er rückblickend feststellt. Selbst Hilfseinrichtungen wie das Dortmunder Gasthaus strengen ihn anfangs zu sehr an, weil es ihm schwer fällt, Hilfe anzunehmen und sich in dieser Situation anderen gegenüber zu öffnen.

Bevor Dennis obdachlos wurde, hatte er bereits keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. Er zieht damals bei seiner Partnerin ein — ohne einen eigenen Mietvertrag unterschrieben zu haben. Als das Paar sich schließlich trennt, kann Dennis nirgendwo hin. Plötzlich ist er obdachlos. Schließlich verliert er auch noch seinen Job als Zeitarbeiter in einem Lager. „Das hat mir komplett den Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt Dennis heute.

Erst nach Monaten kann er schrittweise wieder Hilfe annehmen: Zunächst Essen, Kleidung oder eine Dusche. Gespräche mit Sozialarbeiter:innen folgen erst einige Zeit später. Mittlerweile arbeitet Dennis selbst in Teilzeit für den Verein bodo e.V., der eine Anlaufstelle für obdach- und wohnungslose Menschen im Ruhrgebiet ist.

„Wir zählen gerade Tote”
Bastian Pütter, Bodo e.V.

Für Dennis hatte die gesellschaftliche Ausgrenzung unmittelbare Folgen. Neben der sozialen Isolation war auch das Leben auf der Straße selbst eine ständige Belastung. Die Jahreszeiten wurden für ihn zur Gefahr. „Im Winter die Kälte, im Sommer die Hitze und Dehydrierung – aber am schlimmsten war dieses Gefühl, alles verloren zu haben“, sagt Dennis über seine damalige Situation.

Bastian Pütter, bodo e.V. / Foto: Daniel Sadrowski, bodo e.V.
Bastian Pütter erlebt die Auswirkungen von Armut regelmäßig bei seiner Arbeit für den Verein bodo e.V. / Foto: Daniel Sadrowski, bodo e.V.

„Wir zählen gerade Tote. Menschen erfrieren auf der Straße – das zeigt deutlich: Das System funktioniert nicht“, ordnet Bastian Pütter, Redaktionsleiter von bodo e.V. die aktuelle Situation für obdachlose Menschen in der Stadt Dortmund ein. Allein in Dortmund starben im vergangenen Winter fünf Obdachlose an den Folgen der Kälte.

Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Deutschland

Obdachlosigkeit ist eine sichtbare Form von Armut: Betroffene leben auf der Straße oder in Notschlafstellen. Wie viele Menschen tatsächlich betroffen sind, variiert je nach Statistik. Das Statistische Bundesamt zählte Anfang 2024 rund 47.300 obdachlose Menschen, die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAGW) spricht von etwa 57.000.

Obdachlosigkeit ist eine Form der Wohnungslosigkeit. Wohnungslose Menschen haben keinen eigenen Mietvertrag und leben vorübergehend bei Freunden, Verwandten oder in kommunalen Unterkünften. Auch hier gehen die Zahlen auseinander: Das Statistische Bundesamt nennt rund 532.000 Wohnungslose, die BAGW schätzt die Zahl auf über eine Million.

Wohnungs- und Obdachlosigkeit bilden nur zwei Dimensionen von Armut ab, die sich in vielfältiger Weise äußern kann. Laut Bastian Pütter, der die Armut und ihre Auswirkungen bei seiner Tätigkeit für bodo e.V. tagtäglich erlebt und beobachtet, werden die Konsequenzen von Armut in der Gesellschaft unterschätzt. „Sie ist wahnsinnig anstrengend. Menschen sind jeden Tag körperlich und psychisch im Überlebensmodus.“

Wer gilt in Deutschland als arm?

Weltweit leben laut Weltbank rund 831 Millionen Menschen in extremer Armut – das ist fast jeder zehnte Mensch. Ihnen stehen dabei höchstens drei US Dollar pro Tag zur Verfügung. Für Deutschland gelten andere Maßstäbe: Hier ist laut Statistischem Bundesamt mit 21,2 Prozent mehr als jeder Fünfte von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht (AROPE). Die EU definiert Armutsgefährdung anhand von drei Kriterien, von denen mindestens eines erfüllt sein muss:

  1. Armutsgefährdungsgrenze: Das Einkommen liegt unter 60 Prozent des sogenannten Äquivalenzeinkommens. Für eine alleinlebende Person lag die Grenze 2025 bei 1.446 Euro netto im Monat.
  2. Erhebliche materielle oder soziale Entbehrung: Etwa wenn grundlegende Ausgaben wie ein einwöchiger Urlaub im Jahr oder ein Auto nicht finanzierbar sind.
  3. Geringe Erwerbsbeteiligung: Wenn weniger als 20 Prozent der möglichen Erwerbsmonate im Jahr gearbeitet wurde.

Wie gesellschaftliche Ungleichheit sich auf das politische Engagement auswirkt, hat ein Forscherteam der Universität Konstanz 2023 untersucht. Die repräsentative Befragung zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen ökonomischen und politischen Faktoren: Menschen, die eine hohe Ungleichheit wahrnehmen, schätzen ihre eigenen Einflussmöglichkeiten auf die Politik negativer ein und zwar unabhängig davon, ob die Befragten selbst ein niedriges Einkommen hatten oder nicht. „Wer größere Ungleichheit wahrnimmt, hat eher das Gefühl, dass das politische System weniger auf ihn reagiert.“, erklärt Felix Jäger, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Konstanzer Ungleichheitsbarometers an der Untersuchung mitgewirkt hat.

Das Maß, in dem die eigene Stimme in der Politik Gehör findet, nennen die Forscher:innen der Studie die externe Selbstwirksamkeit. Menschen aus den unteren Einkommensschichten und mit geringerer Bildung schätzten ihre Einflussmöglichkeiten auf die Politik systematisch geringer ein und waren weniger zuversichtlich, sich in politische Debatten einbringen zu können. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch der Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2023: 24,4 Prozent der Befragten, die dauerhaft arm waren, gaben an, dass sie eher gesellschaftliche Geringschätzung statt Wertschätzung erfahren haben.

Felix Jäger, Politikwissenschaftler an der Universität Konstanz, untersuchte 2023, wie die Wahrnehmung ökonomischer Ungleichheit das Vertrauen in politische Wirksamkeit und die politische Beteiligung von Menschen beeinflusst. Foto: Ines Janas
Felix Jäger, Politikwissenschaftler an der Universität Konstanz, untersuchte 2023, wie die Wahrnehmung ökonomischer Ungleichheit das Vertrauen in politische Wirksamkeit und die politische Beteiligung von Menschen beeinflusst. Foto: Ines Janas

Je größer die Armut, desto größer ist der Vertrauensverlust

Negative Erfahrungen mit seinen Mitmenschen hat Dennis während seiner Zeit auf der Straße ebenfalls machen müssen: „Manche haben mich beleidigt oder bespuckt”, berichtet er von diesen Erlebnissen. Hin und wieder habe er dennoch auch positive Zuwendung von Passant:innen erfahren. Wenn sich einmal jemand zu ihm setzte und mit ihm redete, hatte das für ihn den größten Wert. „Dieses Gespräch hat mir oft mehr geholfen als jeder Euro“, fasst er diese Erfahrungen zusammen.

Wer, wie Dennis während seiner Zeit auf der Straße, soziale Ungleichheit in der Gesellschaft wahrnimmt, erfährt tendenziell ebenfalls einen Mangel an eigener Selbstwirksamkeit. Das Gefühl, etwas bewegen zu können, leidet darunter. Hinzu kommt, dass ein niedriges Einkommen nachweislich das Vertrauen in Institutionen und damit in das demokratische System schwächt. Wie der aktuelle Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, erleben dauerhaft arme Menschen durchweg ein geringeres Vertrauen in alle gesellschaftlichen Institutionen. Die größte Kluft zwischen armen und reichen Menschen zeigte sich in der Erhebung beim Vertrauen in die Bundesregierung.

Je nach Einkommensgruppe zeigen sich große Differenzen in Bezug auf das Vertrauen in Institutionen. Quelle: WSI-Verteilungsbericht, 2025.
Je nach Einkommensgruppe zeigen sich große Differenzen in Bezug auf das Vertrauen in Institutionen. Quelle: WSI-Verteilungsbericht, 2025.

Die beschriebenen Zusammenhänge zeigen sich besonders deutlich dort, wo soziale und politische Exklusion zusammenfallen. Bei obdachlosen Menschen wird fehlende Selbstwirksamkeit konkret erfahrbar – nicht abstrakt als Gefühl, sondern als strukturelle Barriere. „Menschen mit geringer externer Selbstwirksamkeit ziehen sich nicht vom Wählen zurück, neigen aber stärker dazu, Parteien am Rand des politischen Spektrums zu wählen – sowohl linke als auch rechte. Das kann langfristig Risiken für demokratische Stabilität bergen“, lautet die Annahme von Felix Jäger.

„Ohne Adresse kannst du kaum wählen, viele wissen gar nicht wie es geht oder haben keinen Ausweis mehr.“
Dennis, bodo e.V.

Während die Forschung strukturelle Muster beschreibt, verweist Dennis auf die praktische Realität: „Ohne Adresse kannst du kaum wählen, viele wissen gar nicht, wie es geht oder haben keinen Ausweis mehr. Dabei gibt es über eine halbe Million Wohnungslose in Deutschland – ihre Stimmen könnten etwas verändern“, ist seine Meinung. Dennis weiß aus eigener Erfahrung, wie fragil politische Teilhabe sein kann, wenn Menschen ohne eine eigene Wohnung leben. Der Gang zur Wahl kann für Wohnungslose bereits an den bürokratischen Grundlagen scheitern.

Das Straßenmagazin ist ein Werkzeug für Selbstwirksamkeit

Um Wohnungslosen Schritt für Schritt wieder eigenen Handlungsspielraum und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, verfolgt der Verein bodo e.V. einen besonderen Ansatz. Bodo möchte der erlebten Ohnmacht konkrete Handlungsmöglichkeiten entgegensetzen. Verkäufer:innen erwerben das Straßenmagazin zu einem festen Preis und verkaufen es anschließend selbstständig weiter – eine Transaktion auf Augenhöhe. Für viele ist dies die erste legale Einkommensquelle seit längerer Zeit, verbunden mit einer Tagesstruktur und direkter sozialer Interaktion.

„Leute erleben beim Verkauf des Magazins zum ersten Mal seit Monaten etwas Positives: Sie merken, dass sie wahrgenommen werden und dass etwas funktioniert.“
Bastian Pütter, bodo e.V.

Der Verkauf durchbricht soziale Unsichtbarkeit. Wer erlebt, dass jemand stehen bleibt und bezahlt, erfährt Anerkennung – und gewinnt Handlungsspielraum.

Eine schrittweise Stabilisierung für Dennis, der fast drei Jahre lang ohne eigene Wohnung lebte, begann nicht etwa mit einer beruflichen Perspektive, sondern mit sozialen Kontakten. „Ich hatte Glück, über Kontakte bei Bodo eine Wohnung zu finden – sauber und bezahlbar“, sagt er.

Mit der Wohnung entstand Stabilität: eine feste Adresse, ein geschützter Raum, eine Grundlage für weitere Schritte. Heute leitet er die sozialen Stadtführungen und verantwortet Bildungsarbeit im Cafébereich des Vereins.

„Bei bodo fühlte ich zum ersten Mal echte Selbstwirksamkeit.“
Dennis, bodo e.V.

Dennis’ Entwicklung steht exemplarisch für einen Ansatz, der über karitative Sozialarbeit hinausgeht. Teilhabe wird nicht als Fürsorge organisiert, sondern als Mitgestaltung. Betroffene sind nicht Objekt sozialer Maßnahmen, sondern Akteur:innen und gewinnen mit sozialer Stabilisierung die Möglichkeit gesellschaftlicher Mitgestaltung.
„Wir reden bei bodo nicht über Betroffene, sondern mit ihnen“, sagt Dennis.

Gerade vor dem Hintergrund der Forschung zu politischer Entfremdung wird deutlich, warum dieser Ansatz über Sozialarbeit hinausgeht:Wer keine Wirksamkeitserfahrung macht, verliert das Vertrauen in gesellschaftliche Prozesse. Projekte wie bodo setzen früher an – sie schaffen reale Beteiligungsmöglichkeiten im Alltag.

„Demokratie funktioniert nur, wenn sie vollständig inklusiv ist. Wir können nicht sagen: Du bist nicht dabei, nur weil du arm bist.“
Bastian Pütter, bodo e.V.

Bodo-Redaktionsleiter Bastian Pütter formuliert einen Anspruch, der über eine reine Hilfestellung von Wohnungslosen hinausreicht: Wer dauerhaft vom Arbeits‑ und Wohnungsmarkt oder aus öffentlichen Räumen verdrängt wird, verschwindet nicht nur sozial, sondern auch politisch aus dem Blickfeld. Das Straßenmagazin schafft hier einen Gegenraum – es sichert nicht nur ein Einkommen, sondern stellt Sichtbarkeit her und öffnet Zugänge zur Öffentlichkeit.

Von sozialer Ausgrenzung zur demokratischen Stabilitätsfrage

Empirische Befunde zeigen strukturelle Zusammenhänge zwischen sozialer Ungleichheit und politischer Entfremdung. Politisch stellt sich damit die Frage: Wie reagiert Demokratie auf wachsende Ungleichheit?

Der Politikwissenschaftler Felix Jäger und seine Kolleg:innen des Konstanzer Ungleichheitsbarometers plädieren für eine stärkere institutionelle Antwort auf diese Entwicklung. In ihrer Studie integrierten sie gar konkrete Handlungsvorschläge für die Politik. „Erstens sollte Politik stärker direkt mit Bürger:innen kommunizieren und Dialogräume schaffen – in Betrieben, Schulen und Universitäten, um demokratische Debatten im Alltag zu fördern. Zweitens muss politische Bildung ausgebaut werden: Sie stärkt Engagement und Verständnis für Demokratie“, erläutert Jäger die Handlungsempfehlungen. Politische Teilhabe dürfe nicht nur formal möglich sein, sondern müsse aktiv ermöglicht und gefördert werden.

Thomas Bahr, sozialpolitischer Sprecher der CDU in Dortmund
Thomas Bahr, sozialpolitischer Sprecher der CDU in Dortmund. Foto: Bahr

Thomas Bahr, sozialpolitischer Sprecher der CDU in Dortmund, versteht Armut nicht nur als Einkommensproblem, sondern als fehlenden Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe. Zugleich betont er individuelle Verantwortung: „Man muss selbst den Hintern hochkriegen.“ Demokratie erscheint hier als offenes Angebot – nicht als Garantie gleicher tatsächlicher Teilhabe.

Hier zeigt sich ein Spannungsfeld in Bezug auf die gesellschaftliche Verantwortung für Armut. Wissenschaftliche Analysen verweisen auf strukturelle Ursachen, während die Argumentation politischer Mandatsträger:innen mangelnde Eigeninitiative betont. Thomas Bahr räumt jedoch auch ein, dass anhaltende Frustration eine Radikalisierung der Betroffenen begünstigen könne.

„Wenn du jeden Tag nur versuchst, Essen und einen Schlafplatz zu organisieren, denkst du nicht an Bürgerdialoge.“
Dennis, bodo e.V.

Politische Beteiligung hängt nicht allein von formalen Angeboten ab, sondern auch von den tatsächlich verfügbaren Ressourcen der Bürger:innen. Wie stark Lebensumstände politisches Engagement prägen können, zeigt sich in Dennis’ früherem Alltag. Während seiner Zeit auf der Straße spielte die Frage nach politischer Mitwirkung für ihn kaum eine Rolle. „Wenn du jeden Tag nur versuchst, Essen und einen Schlafplatz zu organisieren, denkst du nicht an Bürgerdialoge“, beschreibt er rückblickend seine damalige Situation.

Auch Thomas Bahr verweist auf diese Problematik und ordnet sie politisch ein: Demokratie beruhe zwar grundsätzlich auf politischer Gleichheit, doch ungleiche Lebenslagen verschöben die tatsächlichen Einflussmöglichkeiten der Menschen. Entscheidend sei daher, wie Armut gesellschaftlich interpretiert werde. Werde sie als individuelles Versagen verstanden, bleibe sie ein Randthema der Politik. Werde sie hingegen als strukturelles Problem begriffen, werde ihre Begrenzung selbst zu einer demokratischen Aufgabe, so Bahr.

„Die Politik will Obdachlose aus dem Stadtbild entfernen. Aber die Probleme verschwinden dadurch nicht.“
Dennis, bodo e.V.

Dennis fordert konkrete Schritte von der Politik, um wohnungslosen Menschen zu helfen: mehr bezahlbaren Wohnraum, die konsequente Umsetzung von „Housing First“ und bessere Rahmenbedingungen für Sozialarbeit. Er verweist auf Finnland, wo Prävention langfristig günstiger sei als die Folgekosten von Obdachlosigkeit.

CDU-Politiker Thomas Bahr verweist auf kommunale Programme wie das Dortmunder „Housing First“-Modell, das bislang rund 20 Wohnungen bereitstellt – „das ist wenig, aber ein Anfang“, wie er selbst sagt. Zugleich betont er die begrenzten Handlungsspielräume der Stadt und verweist darauf, dass wesentliche strukturelle Voraussetzungen auf Bundes- und Landesebene geschaffen werden müssten.

Bis solche konkreten sozialpolitischen Maßnahmen vom Bund und von den Kommunen flächendeckend greifen, schaden die Herausforderungen der Armut vor allem den vielen armen und armutsgefährdeten Menschen selbst. Auch Thomas Bahr schließt ein langfristiges Legitimitätsproblem für das politische System nicht aus, wenn soziale Ungleichheit strukturell verfestigt bleibe und politisch weder wirksam begrenzt noch glaubwürdig bearbeitet werde. Demokratien seien grundsätzlich konfliktfähig, die ausstehende Lösung des Problems dürfe jedoch nicht zur Stabilitätsfrage für das demokratische System werden.

Beitragsbild: Frantisek Krejci / Pixabay

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