Populismus etabliert sich auch im Kommunalen

Martin Cremer vor Dortmund Schild und Amerikaflagge

Martin Cremer als Vorbote des amerikanischer Wahlkampfs 

Parteilose Oberbürgermeister sind nichts neues in Deutschland. Dass sie mit Vermögen und populistischen Mitteln an demokratischen Strukturen rütteln, schon. Parteilose Kandidaten bedeuten für die kommunale Demokratie zwar große Chancen. Tauchen wir in die vergangene Kommunalwahl in Dortmund ein, finden sich hingegen Risiken. Die könnten auch in Zukunft an größerem Rütteln. Im Frühling 2025 beginnt ein Wahlkampf, der „endlich mal etwas verändern soll“. Auf Instagram wird ein Reel hochgeladen. Darin steht ein Mann mit Hemd und dunkelblauem Sakko vor der Kamera. Kein Parteilogo ist zu sehen. Stattdessen ein Büro mit vertikalen Holz-Wandpaneelen. Im Hintergrund sind Teile der Hörder Burg zu sehen. „Ich habe keine Partei im Rücken, die mich bekannt macht. Das muss ich selbst machen“, sagt Martin Cremer. Es klingt beiläufig, aber in diesem Satz steckt eine große Problematik. Ein Jahr später wird das politische Dortmund ein anderes sein. Zum ersten Mal seit acht Jahrzehnten stellt nicht die SPD den Oberbürgermeister. Der erste Wahlgang reicht im Sommer 2025 für Ex-OB Thomas Westphal nicht aus:

Quelle: Stadt Dortmund

Die Stichwahl zum Oberbürgermeisterwahl verläuft im Spätsommer 2025 dann wie folgt:

Quelle: Stadt Dortmund

Cremer selbst wird es nicht. Dennoch erreicht er als parteiloser Kandidat überraschende 14 Prozent. Und das mit einem Wahlkampf, der sich gefährlicher gestaltet hat als das, was sonst aus der Kommunalpolitik bekannt ist.

Martin Cremer

Cremer macht sich im Wahlkampf zum Urdortmunder. Das ist Teil seiner Strategie. Hier aufgewachsen, hiergeblieben, hier gearbeitet, hier Kinder großgezogen, hier Unternehmer, hier Immobilien verwaltet, hier Aufsichtsrat… Der Lebenslauf eines wohlhabenden Dortmunders. 2025 kommt dieser Lebenslauf zum ersten Mal mit Politik in Kontakt. „Ich wollte den Menschen in der Stadt ein Angebot machen“, sagt Cremer. Das Wort „Angebot“ fällt im Gespräch mit Cremer im März 2026 (Ein Jahr nach beginn des Wahlkampfes) öfter.

Es klingt ein bisschen nach Marktlogik. Vielleicht analysiert Cremer seinen eigenen Wahlkampf auf diese Weise. Was ihm fehlt, will er sich selbst aufbauen: Bekanntheit, Reichweite, Sichtbarkeit. Das sagt er ganz offen. Cremers Wahlkampf ist personenfixiert organisiert. Viel läuft über Social Media. Kurze Clips und oft dieselbe Ansprache. „So ein Oberbürgermeisterwahlkampf, der ist ganz stark auch ein Persönlichkeitswahlkampf.“ Das Narrativ, von den Parteien losgelöst zu sein, verwendet er immer wieder im Gespräch und im Wahlkampf.

Diese Art von Wahlkampf erinnert an Strategien, die aus den USA bekannt sind. Kandidaten, die sich als Marke inszenieren, direkt mit ihren Wählern kommunizieren und die weniger über Programme als über Persönlichkeit wahrgenommen werden, sind in den Staaten etabliert. Hier kommt das Vorgehen auch langsam an. Dass diese Art des Wahlkampfes boomt, ist an der heutigen Spitze des amerikanischen Systems zu erkennen.

Auch der Einsatz professioneller Agenturen, eine klare Bildsprache oder die Wiederholung einfacher Botschaften gehören längst zum Standard politischer Kampagnen. In der deutschen Kommunalpolitik war das lange weniger ausgeprägt. Bei Cremer wirkt es wie ein Experiment. Als wolle er austesten, wie weit sich das amerikanische Modell übertragen lässt. Dass damit große Teile demokratischer Strukturen im kommunalen Raum gefährdet werden, scheinen viele zu ignorieren.

Das Kapital

Einen weiteren Aspekt der Demokratiegefährdung dementiert Cremer: sein Vermögen. Cremer arbeitet im Wahlkampf mit Agenturen, lässt große Plakate aufhängen und fährt eine Kampagne, die man sich leisten können muss. Cremer kann das. Wenn er sich vorstellt, fällt der Begriff „Unternehmer”. Cremer verwaltet mehrere Immobilien und sitzt im Aufsichtsrat von WILO, einem der weltweit marktführenden Unternehmen für Pumpensysteme. Dazu kommt ein ausgeprägtes Netzwerk unter Dortmunder Spitzenverdiener*innen.

Cremer kann sich diesen Wahlkampf leisten. Mit der Antwort auf meine Frage nach den Kosten des Wahlkampfs zögert er. Dann aber eine grobe Richtung: „Sowas kostet immer einen sechsstelligen Betrag und da ist keine Eins vor, sondern eher eine Zwei.“ In Zahlen sind das mindestens 200.000 Euro. Umgerechnet sind das mehr als 16 Jahre BAföG-Höchstsatz. Spenden habe Cremer nur in unwesentlichen Größen erhalten, sagt er.„Ich habe das im ganz, ganz wesentlichen Teil aus eigener Tasche gemacht.“

Cremer verneint im Gespräch, dass er durch sein Vermögen bessere Chancen hatte. Ein Student würde sich dafür zum Beispiel besser in Sachen Social Media auskennen und wäre nicht auf eine Agentur angewiesen gewesen, so Cremer. Viel Geld ist es für Cremer trotzdem: „Oh, das ist ein Schluck aus der Pulle, aber ein richtiger.“ Inhaltlich beschreibt Cremer seinen Ansatz als Gegenentwurf. Weniger Ideologie, mehr Lösungen. „Ich wollte einfach mal eine Alternative aufzeigen, zurück zu einer Sachpolitik, weniger weg oder mehr weg von sehr ideologischen Fragestellungen.“ Parteien, so klingt es bei ihm, würden sich oft selbst im Weg stehen.

Seine Unabhängigkeit ist sein zentrales Argument. Keine Partei und somit kein Programm, das man mittragen muss. „Ich bin nicht die Marionette einer Partei, eines Parteiprogramms oder eines Parteivorstandes“, sagt Cremer. Die Auffassung kommt an. Gerade bei denen, die von etablierten Parteien abgeneigt sind. Nicht zuletzt durch das Aufklärungsversäumnis der lokalen Medien. Immerhin gaben die Ruhrnachrichten Cremer eine Bühne und berichteten parallel über jegliche Versäumnisse des damaligen Oberbürgermeisters Thomas Westphal (SPD). Cremers Kandidatur soll etwas bewegen. „Ich möchte die Parteien und auch die Ratsfraktionen einmal wachrütteln.“

Gleichzeitig setzt Cremer im Straßenwahlkampf auf direkte Begegnungen. Da, wo er sich als sympathischer „Anpacker” geben kann. „Ich habe wahnsinnig tolle Gespräche geführt mit vielen Menschen.“ Doch sein Wahlkampf endet nicht so, wie er begonnen hat. Politisch wirkt die so entscheidende Unabhängigkeit dann inszeniert. Nach dem ersten Wahlabend und den gewonnenen 14 Prozent sympathisiert Cremer öffentlich mit dem CDU-Kandidaten Alexander Kalouti. Dann folgt die Wahlempfehlung. Ein Kandidat, der sich über Monate hinweg als unabhängig inszeniert hat, schlägt sich am Ende doch noch auf die Seite einer Partei. Grund dafür sei die Rede von Thomas Westphal am ersten Wahlabend, so Cremer. In dieser hatte sich Westphal negativ über Cremers Unterstützerkreis geäußert.

Populismus

Jobst Paul vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung schaut auf solche Kampagnen aus einer sozialwissenschftlichen Perspektive. Für ihn sind das keine einzelnen Entscheidungen, sondern Teil eines Musters. Cremer benutze rhetorische Strategien, die gleich mehrere Feindbilder etablieren, so Paul.„Man müsste erstmal klären, wer die Wir-Gruppe ist und wer die Sie-Gruppe ist“, sagt er. Populismus, so erklärt er, funktioniere über solche Gegenüberstellungen. „Das heißt, die Elite wird zur Sie-Gruppe.“ Ein Kandidat stellt sich demnach gegen die bestehenden Strukturen und gleichzeitig auf die Seite eines „Volkes“. „Diese Hausmacht heißt eben das Volk. Und wer das Volk ist, definiert der Sprecher.“„Im Hintergrund der ganzen Konstellation ist natürlich Macht“, sagt Paul. Es gehe weniger um einzelne Inhalte als um die Frage, wer dazugehört und wer nicht. Und wie man daraus politische Unterstützung organisiert. „Es ist fixiert auf die Feindgruppe.“

Sprach- und Sozialforscher Jobst Paul erkennt in Cremers Rhetorik zwei Sie-Gruppen und eine Wir-Gruppe. Die Sie-Gruppen unterteile Cremer einerseits in die Kriminellen (Drogenabhängigen, Messertäter, Sozialbetrüger) und andererseits in die Eliten (Westphal, Verwaltung, Stadtrat), die der anderen Sie-Gruppe in die Karten spielen würden. Cremer selbst sieht das anders. „Ich würde nicht sagen, dass ich populistisch gehandelt habe.“ Er wirkt an dieser Stelle unseres Gesprächs im März fast ein bisschen genervt. „Ich bin kein Wissenschaftler.“ Und dann schiebt er hinterher: „Die haben auch nie mit mir gesprochen.“

Für Cremer gehe es um konkrete Probleme. „Wenn ich dann in einen Bereich vieler Straftaten komme, wo ich Spitzenreiter bin, dann finde ich, ist das ein Thema, was ich im Wahlkampf thematisieren kann und muss.“ Dass die Auswahl der Themen im wissenschaftlichen Kontext als populistisch eingeordnet werden, hält er für zu einfach. „Vielleicht sind eben manche Themen, die als populistisch gewertet werden oder interpretiert werden, aber auch Themen, die vielleicht viele Menschen bewegen.“ Und wenn man sie nicht anspricht, sei das falsch. In seinen Videos sieht man auf der einen Seite Alltagsszenen: Markt, Gespräche und bekannte Orte. Auf der anderen Seite thematisiert er Themen, die mit Unsicherheit zu tun haben. Genau darin erkennt Jobst Paul ein Muster.

Cremer verwendet im Wahlkampf den Dortmunder Hauptbahnhof als Bühne des Zerfalls der Dortmunder Sicherheit. „Der Bahnhof spielt in allen kommunalpolitisch-populistischen Argumentationen eine zentrale Rolle“, erklärt Paul. Der Bahnhof dient als Ort, an dem Probleme sichtbar werden. „Der Bahnhof ist ein Symbol in der Kommunikation, aber auch im Emotionalen.“ Entscheidend für die Untermalung des vermeintlich schlechten Zustands der Innenstadt ist für Cremer die Außenwirkung der Stadt.

Zukunft des kommunalen Wahlkampfs

Warum die rhetorische Strategie funktioniert, erklärt Paul nicht anhand einzelner Kandidaten, sondern anhand struktureller Veränderungen. „Das Wichtige sind eigentlich nicht die Akteure, die das versuchen, sondern das Publikum, was das mit sich machen lässt.“ Menschen seien für vereinfachende politische Kommunikation anfälliger geworden. „Die Leute sind heute stärker in Gefahr, dieser Rhetorik zuzustimmen, weil sie keine kritischen Kategorien gelernt haben.“ Bildung wird damit zu einem zentralen Faktor demokratischer Stabilität. „Bildung ist ein kritisches Potenzial, was der Macht schadet.“ Fehlt diese kritische Distanz, gewinnen zugespitzte Botschaften und klare Feindbilder an Wirkung. „Wenn keine Strukturen entstehen, die diese kritische Bildung stützen, dann geht das weiter.“

Der Wahlkampf von Martin Cremer lässt sich vor diesem Hintergrund nicht nur als lokales Phänomen lesen. Er steht exemplarisch für eine Entwicklung, in der sich politische Kommunikation von klassischen Parteistrukturen löst und sich stärker an Logiken von Kampagnen, Reichweite und Personalisierung orientiert. Wer über die finanziellen Mittel verfügt, kann sich Sichtbarkeit kaufen, professionelle Unterstützung organisieren und politische Angebote unabhängig von etablierten Parteien platzieren. Gleichzeitig begünstigen populistische Narrative eine klare, emotional anschlussfähige Ansprache, die weniger auf komplexe Problemlösungen als auf Vereinfachung und Gegenüberstellung setzt. Daraus ergibt sich eine Möglichkeit, demokratische Strukturen zu umgehen. Politische Teilhabe wird formal also für jeden geöffnet, faktisch ist diese aber an Geld gebunden. Nicht mehr allein Programme und Parteiarbeit entscheiden über den Erfolg, sondern zunehmend finanzielle Möglichkeiten und kommunikative Durchsetzungsfähigkeit.

Dass ein Kandidat ohne Parteibindung innerhalb eines halben Jahres zweistellige Wahlergebnisse erzielen kann, zeigt, wie stark sich diese Bedingungen bereits verschoben haben. Cremer hat große Teile des Diskurses auf die Auswahl der Themen gesteuert und 14 Prozent der Wähler*innen für sich gewonnen. Wenn solch ein politischer Einfluss zunehmend durch Vermögen und strategische Kommunikation organisiert werden kann, verändert sich die Logik demokratischer Konkurrenz. Populistische Rhetorik hilft dabei als wirksames Instrument in diesem System. Sie reduziert Komplexität, schafft klare Zugehörigkeiten und Abgrenzungen und erleichtert die politische Mobilisierung.

Kurz gesagt: Klären Medien und Staat nicht gesamtgesellschaftlich auf, müssen wir damit rechnen, dass Populismus Teil des normalen politischen Diskurses bleibt und demokratische Wahlkämpfe verdrängt. Hinzukommt, dass der Wohlstand des Sprechers darüber entscheidet, wie groß er die Methode aufziehen möchte. Sprich: Vermögen erleichtert politischen Machterwerb. Die entscheidende Frage ist deshalb weniger, ob einzelne Akteure populistisch handeln. Das werden sie mit den notwendigen Mitteln zwangsläufig. Wichtig ist dabei nur, unter welchen Bedingungen solche Strategien erfolgreich sind. Solange finanzielle Ressourcen einen solchen politischen Zugang erleichtern und eine kritische Öffentlichkeit unter Druck gerät, wird die kommunale Demokratie ebenfalls weiter unter Druck geraten.

Der Dortmunder Wahlkampf ist mehr als nur eine lokale Besonderheit. Er zeigt eine Richtung an. Und er wirft eine Frage auf: Wie widerstandsfähig ist eine Demokratie, in der politische Sichtbarkeit zunehmend käuflich wird und einfache Antworten komplexe Debatten verdrängen? Wir werden es sehen! Aber auch auf Bundesebene ist die Art des politischen Diskurses längst mit Populismus vertraut. Wie werden Wähler*innen in Zukunft damit umgehen? Die nächste Dortmunder Kommunalwahl ist in vier Jahren. Cremer sagt zu einer erneuten Kandidatur noch nichts. Ausschließen könne er sie aber auch nicht, sagt er.

Bildnachweis Collage: Martin Cremer

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