Gar nicht mal so grün – Warum Zimmerpflanzen dem Klima schaden

Zimmerpflanzen sind schön anzusehen und machen jeden Raum wohnlicher. Außerdem bieten sie ein erfüllendes Hobby. Gleichzeitig sind sie ein Luxus, der unserer Umwelt schadet. Warum grüne Blätter nicht immer gleich nachhaltig sind.

„Die Pflanzen sind wie so ein Tamagotchi, warten nicht stündlich auf einen, aber alle paar Tage muss ich schon schauen. Ich will ja auch, dass es denen gut geht. Die geben mir einfach Frieden.“ Dominik Büchner sitzt lächelnd auf dem Balkon seiner Wohnung in Essen. Die untergehende Sonne scheint von links auf sein Gesicht und in das Arbeitszimmer. Und damit auch auf circa 80 Pflanzen, klein und groß, frisch umgetopft oder auch schon hochgewachsen. „Das ist eine Alocasia Frydek, das hier eine Syngonium Three Kings, und das, das ist der Lauterbach.“ Dominik schmunzelt. Eigentlich heißt die Pflanze Alocasia Lauterbachiana, in der Pandemie hat sie einen neuen Spitznamen bekommen. Insgesamt sind in der Drei-Zimmer-Wohnung, die er sich mit seiner Freundin teilt, circa 140 Exemplare beheimatet. Über die genaue Zahl hat er den Überblick verloren. Wenn Dominik so über seine grünen Blickfänge spricht, lächelt er, nutzt viele Fachbegriffe, redet über pH-Werte und Mineralmixe. Der gelernte Forstwirt blüht in seinem Hobby sichtlich auf, seine Wohnung auch: „So richtig angefangen mit den Pflanzen hat das bei mir 2021. Meine Freundin hat mir eine weiß panaschierte, also gefleckte Monstera gezeigt, dann war ich angefixt.“

Vierstellige Beträge für eine Pflanze

Und mit seiner Faszination ist er nicht allein. In Deutschland wurden 2021 für 1,75 Milliarden Euro Zimmerpflanzen gekauft, Tendenz steigend. Das sind etwas mehr als 20 Euro pro Person im Jahr. Der Essener hat seine 20 Euro für dieses Jahr schon längst ausgereizt: „In den letzten ein bis zwei Jahren habe ich bestimmt 600 bis 700 Euro dafür ausgegeben. Ich habe aber eine Grenze. 120 Euro, mehr darf ein Steckling nicht kosten.“ Für manche besonders raren Züchtungen gehen die Preise sogar in die Tausende.

Plantfluencer Dominik Büchner besitzt circa 140 Zimmerpflanzen Foto: Tobias Pappert

Frank Zupke ist Abteilungsleiter für Zimmerpflanzen bei Schley´s Blumenparadies, einem der größten Gartencenter in NRW. Seit 30 Jahren ist er im Betrieb. Mittlerweile ist er für so viele Gewächse verantwortlich, dass er keine genaue Anzahl nennen kann. Etliche Tausend sollen es sein. Zupke ist sich sicher: „Dieser Trend zu mehr Zimmerpflanzen hat mit Urban Gardening zu tun, einer grüneren Lebenseinstellung. Die Menschen wollen selbst Gärtnern, selbst was erleben.“ Züchtungen, die besonders seltene Farbmuster haben, sind in den letzten Jahren deutlich teurer geworden. Dadurch werde der Blumenmarkt immer mehr zu einem Auktionshaus: „Die Menschen wollen sich immer weiter überbieten. Ich habe eine buntere Pflanze als du! Dadurch ist das so eine Versteigerungsklamotte geworden“, sagt Abteilungsleiter Zupke. Auch Dominik kennt den Hype: „Jeder will dann sofort die Beste und die Größte, die Schönste haben und die dann allen Menschen zeigen.“

Für viele Menschen bleiben die Zimmerpflanzen aber weiterhin eher Einrichtungsgegenstand als Wertanlage. Früher als Oma-Deko verachtet, ist die Monstera jetzt das It-Piece jeder guten Influencer-Wohnung. Auch Dominik zeigt seine grünen Mitbewohner auf Instagram, 2000 Follower hat er bereits gesammelt. „Ich bin sowieso so eine Brabbelschnute und mir macht es einfach richtig Spaß, mein Wissen weiterzugeben. Und es ist doch super, wenn die Menschen ihre Pflanzen länger grün halten können.“ Auf seinem Account “houseplants_essenrue” gibt er Tipps, wie Zimmerpflanzen dauerhaft überleben, wann man am besten Stecklinge abschneidet oder welche Erdmischungen besonders gut funktionieren. Eine Wissenschaft für sich.

Alles andere als nachhaltig

Doch so schön grün die Gewächse auch sind, viele von ihnen sind nicht nachhaltig. Die Probleme sind dabei fest in der Produktionskette verwurzelt

Eine Zimmerpflanze, die exotisch aussehen soll, braucht auch entsprechende Aufwachsbedingungen. Diese gibt es jedoch nur in Regionen, die wärmer sind als Deutschland. Die meisten Setzlinge stammen laut Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) aus Ägypten, Äthiopien, Kenia oder Costa Rica. Sie werden oft in die Niederlande oder nach Belgien exportiert und dort weiter kultiviert, also entweder in kleinere Pflanzen aufgeteilt oder zu weiterem Wachstum angeregt. Wenn das Produkt nach Deutschland verkauft wird, zählt nicht mehr das Ursprungsland, sondern das letzte Bearbeitungsland. Deshalb findet sich als Produktionsland auf den EU-Pflanzenpässen, die man mittlerweile auf allen Grünpflanzen findet, oft die Niederlande. Ein lebendes Gewächs, so klein es auch sein mag, um die halbe Welt zu schicken, bringt hohe CO2-Emissionen mit sich.

Dominik weiß um das Problem: „Bis die Pflanze hier ist, ist das Ganze nicht nachhaltig, klar. Aber wenn ich sie dann habe, kann ich sie durch Stecklinge in der Community vermehren, auch über Kleinanzeigenportale verkaufen oder vertauschen. Man braucht nicht zwingend Gartencenter, um gute Zimmerpflanzen zu bekommen.“ Er versuche generell viel auf Nachhaltigkeit zu achten. Er recycle sein Gießwasser und kaufe nur selten Zubehör. „Vieles, was man in der Küche hat, kann man auch für das Pflanzenhobby nutzen.“ So zieht er neue Setzlinge zum Beispiel in einer alten Champion-Verpackung.

Kleine Tiere mit großem Effekt

Ein weiteres Problem im Anbau und auch bei der Haltung von Zimmerpflanzen hat nicht direkt mit dem Menschen zu tun, sondern mit etwas viel Kleinerem: Schädlingen. Trauermücken, Spinnmilben oder Thripse sind große Probleme für viele Zimmerpflanzen. Dominik setzt auf Nützlinge, also andere kleine Tiere, die die Schädlinge fressen. Die Raubmilben, für die sich Dominik entschieden hat, werden in weißen Papiertüten geliefert. Er hängt sie sorgfältig an das befallene Gewächs. Die Schädlingsbekämpfer sind so klein, dass man sie mit bloßem Auge nur schwer erkennt. Auch Frank Zupke setzt im Gartencenter auf Nützlinge. Im konventionellen Anbau werden jedoch weitgehend Pestizide genutzt, so der BUND.

Eine Tüte enthält etwa 1000 Nützlinge, in diesem Fall Milben Foto: Tobias Pappert

In den Anbauländern, die nicht in der EU sind, werden dabei oft auch Chemikalien eingesetzt, die in der EU gar nicht erlaubt sind. Diese Schädlingsbekämpfungsmittel werden laut BUND oft in der EU hergestellt, dann exportiert und über die Zimmerpflanzen zurück importiert. Ein Problem, finden auch die Gründerinnen von SeedMe.

Das Start-Up aus Bochum hat sich zum Ziel gesetzt, ökologisches Gärtnern einfacher zu machen. In Verpackungen, die aussehen wie Reagenzgläser, liefern sie Saatgut mit passendem Zubehör an ihre Kund*innen. „Wir wollen, dass der fehlende grüne Daumen nicht länger eine Ausrede bleibt“, erklärt Lisa, eine der beiden Gründerinnen. Gärtnern solle leichter zugänglich werden und auch auf kleinem Raum möglich sein. Das gesamte Sortiment besteht aus samenfestem Saatgut. Das bedeutet, dass man die Samen, nachdem man die Produkte geerntet hat, trocknen und dann wieder einpflanzen kann. Das sei bei Produkten aus dem Supermarkt oder dem Gartencenter oft nicht möglich. Im Sortiment bietet SeedMe neben Gemüse auch Blumen an. „Man hat da dieses Komplettpaket. Die Blumen sind Bio, weil man sie selbst anbaut. Wenn sie auf dem Balkon wachsen, helfen sie den Bienen und dekorativ sind sie auch noch. Wenn man Produkte aus dem Großhandel kauft, sind die oft mit Pestiziden oder Fungiziden vollgepumpt. Unsere Gewächse kannst du sogar essen, wenn du willst.“

Eine Bibliothek für Saatgut

Zimmerpflanzen werden nicht zwingend zum Verzehr gekauft, bewusst auf heimische Pflanzen zu setzen hilft aber der Umwelt. An der TU Dortmund gibt es seit diesem Jahr eine Saatgutbibliothek im Erdgeschoss der Hauptbibliothek. In einer Holzschachtel liegen die per Hand beschrifteten Samentütchen und warten auf engagierte Gärtner*innen. Angehörige der TU können sich die Gemüse- und Blumensamen „ausleihen“, sie anpflanzen und das getrocknete Saatgut dann wieder zurückbringen. Und wenn die Ernte nicht so gut läuft, sei das auch kein Problem, es gebe keine Ausleihquittungen, versichert das Nachhaltigkeitsbüro. Wichtig sei vielmehr der Tausch und die Lust am gemeinsamen ökologischen Gärtnern.

Wer gärtnert oder seine Zimmerpflanzen umtopft sollte dabei auf einen weiteren Klimakiller achten: Torf. Der ist ein natürlicher Bestandteil von Mooren und kann sehr gut Wasser speichern. Deswegen ist er oft Bestandteil von Blumenerde. Doch der Torfabbau zerstöre den natürlichen Lebensraum von vielen bedrohten Tieren, so der BUND. Moore sind zudem große CO2 Speicher, welches durch den Abbau in die Atmosphäre gerät. Wer beim Umtopfen auf torffreie Erde setzt oder statt der Erde Mineralsubstrate nutzt, trägt also aktiv zum Umweltschutz bei.

Auch die korrekte Pflege trägt dazu bei, dass Zimmerpflanzen umweltfreundlicher sind – weil sie länger leben. Foto: Tobias Pappert

Bio-Label, aber wo?

Auf all diese Aspekte, möglichst umweltschonender Versand, pestizidfreier Anbau, torfreduzierte Erde, zu achten, ist anstrengend. Diese Aufgabe wollen deshalb Bio-Verbände wie Demeter oder Bioland übernehmen. Mit eigenen Labeln sollen die Verbraucher*innen umweltschonendere Pflanzen kaufen. Auch die EU hat ein Bio-Label mit eigenen Vorgaben für Zimmerpflanzen. Das Problem an den Labeln: Man findet sie nicht.

Der Gewinnanteil von ökologisch produzierten Zimmerpflanzen lag 2020 bei einem Prozent, so das Statistische Bundesamt. Nicht verwunderlich also, dass sowohl Sammler Dominik als auch Verkäufer Frank Zupke auf die Frage nach Bio-Zimmerpflanzen verdutzt antworten: „Das kenn ich nicht.“ Für Zupke liege zwischen seinen Produkten und Umweltschutz sowieso kein Widerspruch: „Zimmerpflanzen produzieren ja nicht nur Sauerstoff, sondern sie wirken sich auch positiv auf unser Wohlbefinden aus, auch auf die Psyche.“

Dominik ist sich sicher, dass seine Blumen auch gut für den Kopf sind: „Mir wird schnell langweilig, gerade im Job. Ich bin ein Mensch, der einfach viel machen muss. Aber bei den Pflanzen werde ich ruhig.“ Einige Follower*innen haben ihm auch privat schon geschrieben, dass sie seine Stories so gerne gucken würden, weil er dabei so beruhigend rede. Zwei Stunden pro Tag verbringt er durchschnittlich mit seinen grünen Mitbewohnern. Ein zeitintensives Hobby mit Nachhaltigkeitsproblem im Tausch für zwei Stunden Glück, zwei Stunden Frieden.

Titelbild: Tobias Pappert

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