Obdachlosigkeit in der Stadt: Eine komplexe Realität

In Städten sind Menschen, die auf der Straße leben, allgegenwärtig. Die Stadtverwaltungen betonen jedoch, dass sie jedem unfreiwillig Obdachlosen helfen und niemand mehr auf der Straße schlafen müsste. Sozialarbeiter*innen sehen solche Aussagen kritisch.

Egal bei welcher Wetterlage, auch bei extremer Hitze oder Kälte, bei Stürmen und immer dann, wenn sich die meisten Menschen lieber in ihre eigenen vier Wände zurückziehen, können Wohnungslose genau das nicht. So auch Hanno aus dem Ruhrgebiet. Ein Spitzname, den er sich für das Gespräch selbst ausgedacht hat. „Ist okay, wenn die Leute hier mich jeden Tag so sehen, aber in so geschriebenen Sachen muss ja nicht der richtige Name stehen. Sonst fragt mich ja auch keiner wie ich heiße“, sagt er.

Ganz sicher, wie lange er schon so lebt, ist er sich nicht. „So lange wie mein Leben vorbei ist halt.” Was genau er damit meint, wird erst später klar. In Hannos Leben gibt es ein Vorher und ein Nachher. Jetzt, das ist sein Leben, nachdem seine Frau gestorben und er arbeitslos geworden ist. Nachdem er das Vertrauen in Gerechtigkeit und andere Menschen verloren hat. Seine Frau hätte es mehr verdient weiterzuleben und hätte das Leben allein auch besser meistern können, sagt er. Von städtischen Hilfen weiß er, nutzen will er sie aber nicht. „Die haben meine Frau auf dem Gewissen, denen renn’ ich doch nicht hinterher.“ Wen genau er meint, sagt er nicht. Seine Frau ist aber wohl in einem Krankenhaus gestorben. Woran, möchte er nicht sagen. Die Wunde scheint tief zu sitzen. In Hannos Fall und in vielen anderen kommt die Frage auf: Lebt er freiwillig auf der Straße oder ist er Opfer der äußeren Umstände geworden und kann nicht anders?

Freiwillig obdachlos?

„In Deutschland muss niemand obdachlos sein“, heißt es von vielen Seiten. Diese Meinung vertreten offizielle Stellen, wie zum Beispiel die Stadt Dortmund. Dort haben Aktivist*innen im Januar das Protestcamp „Schlafen statt Strafen“ organisiert. Sie kritisierten die Verdrängung von wohnungslosen Menschen aus der Innenstadt. In ihrem Bericht „Wohnungslose Menschen in Dortmund” weist die Stadt jedoch darauf hin, dass allen unfreiwilligen Wohnungslosen eine Unterkunft angeboten wurde und auch niemand von den Übernachtungsstellen abgewiesen werden musste. Auch die Bundesregierung ist sich sicher: Es gibt so viele Hilfen. Berlin ist aktuell die Stadt in Deutschland mit der höchsten Wohnungslosigkeit. Selbst dort würde 2030 schon niemand mehr auf der Straße leben müssen.

Wie kann es dann also sein, dass Obdachlose wie Hanno fest zum Stadtbild gehören? Ist das Leben auf der Straße tatsächlich eine persönliche Präferenz? Expert*innen sagen, dass man dies nicht allgemeingültig beantworten könne. Sozialarbeiter Joachim Veenhof meint: „Menschen sind definitiv komplexer als Zahlen, die während der Planungen ausgerechnet werden. Persönliche Gefühle werden bei den Berechnungen fast nie miteinbezogen.“ Während seiner Arbeit hat er genau mit den Menschen zu tun, nicht mit den Zahlen auf dem Papier. Die Grenze zwischen freiwillig und unfreiwillig obdachlos sei nicht klar zu stecken. Ist ein Mensch, der aufgrund von psychischen Problemen auf der Straße lebt, wirklich freiwillig da? Ist es legitim, Hilfsangebote abzulehnen, die den Lebensstandard sogar noch verschlechtern würden? Zumindest dem persönlichen Empfinden der Betroffenen nach?

Kritik an den Hilfsangeboten

Manche Wohnungslose ziehen die Parkbank den überfüllten Übernachtungsstellen vor. Foto: pixabay.com/planet_fox

Die erwähnten Übernachtungsstellen werden beispielsweise von Obdachlosen häufig sehr kritisch gesehen. „Die Notunterkünfte der Kommunen sind häufig sehr schlecht, so dass zahlreiche Menschen lieber unter freiem Himmel leben, statt sich in eine würdelose und/oder schlecht ausgestattete Notunterkunft zu begeben“, berichtet Stefan Kunz vom deutschen Caritasverband. Da es keine festgelegten Standards für diese gebe, seien diese manchmal so schlecht, dass sie eigentlich niemandem zuzumuten seien. Darüber hinaus berichten Wohnungslose immer wieder, dass es in diesen Unterkünften zu Gewalt, Diebstahl und/oder Belästigungen kommt. Jeder Mensch, der dieses Angebot ablehnt, gilt aber dann als freiwillig obdachlos und muss von der Kommune nicht mehr versorgt werden, erklärt Kunz.

Die beiden Sozialarbeiter Kunz und Veenhof sehen die Aussagen der Stadt Dortmund und der Bundesregierung deshalb eher kritisch. „Natürlich ist mir bewusst, dass die Hilfen da sind und jeder Mensch in Deutschland das Recht auf eine Unterkunft hat. In der Praxis gibt es für mich an vielen Stellen jedoch große Unterschiede zur Theorie“, sagt Veenhof. Viele Wohnungslose seien suchtkrank.

Herausforderungen und Hürden

Joachim Veenhof erklärt, wie sich das auf die Wohnsituation auswirken kann: Besteht eine aktive Sucht, hat es häufig oberste Priorität, die Drogen zu beziehen. Sich Unterstützung bei der Suche nach einem festen Wohnsitz zu suchen, hat dann keinen Platz. Drogensucht führt bei Menschen häufig zu Psychosen oder anderen einschränkenden psychischen Erkrankungen. Herkömmliches Wohnen ist für die Betroffenen dann nicht mehr möglich. Wohnen kann so nämlich schnell zu einer gedanklich unerträglichen Situation werden.

Zudem hätten einige Wohnungslose sehr schlechte Erfahrungen mit dem Wohnen gemacht. Großer Stress durch Nachbar*innen und Vermieter*innen habe häufig Spuren hinterlassen, die nicht einfach überwunden werden könnten. Besonders wenn dieser negativ behaftete Wohnort durch städtische Hilfe angenommen wurde, wachse die Hürde, erneut Hilfe anzunehmen. Es gibt auch noch andere Gründe, warum es Menschen schwerfallen kann, Hilfe anzunehmen. Sprachbarrieren etwa, inzwischen gebe es zwar viele Anträge auch in einfacher Sprache, aber auch diese könnten nicht alle verstehen.

Die Stiftung Off Road Kids gGmbH unterstützt und berät wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte junge Menschen bis 27 Jahren. Laut Sozialarbeiterin Ina Willmes, die in dem Dortmunder Standort tätig ist, äußern sich Auseinandersetzungen und Missstände im Elternhaus nicht selten durch physische sowie psychische Gewalt. Der Bruch zwischen Kind und Eltern findet bei diesen jungen Menschen häufig so früh statt, dass wenig Eigenständigkeit vorhanden ist, um den eigenen Lebensweg bestreiten zu können. Oft fehlt ein Schulabschluss, sodass die komplette Situation erschwert wird. Junge Menschen, die wohnungslos sind, aber ein Dach über dem Kopf haben, fallen dann unter die verdeckte Wohnungslosigkeit. „Junge Menschen sind häufig noch im Elternhaus gemeldet. Deshalb weichen die Statistiken von den tatsächlichen Zahlen ab“, erklärt Ina Willmes.

Unterstützung für individuelle Bedürfnisse

„Hier auf der Straße hat jeder sein eigenes Päckchen zu tragen”, sagt Hanno. Ein solches Päckchen trägt auch Leo mit sich herum. Er tut es sogar wortwörtlich, Leo bleibt nämlich nie lange an einem Ort. Er dürfe nicht in Deutschland sein, sagt er. Deshalb will auch er nicht, dass sein echter Name öffentlich auftaucht. Leo hätte gern wieder eine Wohnung. Aber die Straße in Deutschland sei immer noch ein besserer Wohnort, als ein Haus dort, wo er herkommt und wieder hin müsste.

Viele Wohnungslose nutzen Zelte, um sich vor Wetterextremen zu schützen. Foto: pixabay.com/Alexas_Fotos

Wo genau das ist, behält Leo lieber für sich. Relevanz hat es für ihn sowieso nicht mehr. Sein Zuhause ist hier, ob mit oder ohne Dach über dem Kopf, sagt er. Das größte Problem für ihn: „Ich hätte schon gern einen guten Freund oder eine Frau. Aber dafür muss ich zu oft weiterziehen.“ Sorgen, gefunden und wieder ausgewiesen zu werden, macht er sich keine. „Eigentlich interessiert sich keiner für uns, wenn wir keine Probleme machen. Man wird nicht oft angeguckt.” Seinen nächsten Aufenthaltsort will er trotzdem nicht preisgeben.

Die Stadt und Organisationen entwickeln immer weitere, innovative Wege zur Unterstützung, die an persönliche Gegebenheiten besser angepasst werden. Gerade private, aber auch kirchliche Träger haben diesbezüglich immer neue Einfälle. Aufgrund der verdeckten Wohnungslosigkeit und zunehmenden Digitalisierung hat Off Road Kids zum Beispiel die Onlineberatung „sofahopper.de“ entwickelt, um noch mehr junge Menschen zu erreichen. Hier haben sowohl Betroffene als auch Dritte die Möglichkeit, durch Chatten, Telefonieren oder per Rückrufanfrage, mit den Mitarbeitenden von Off Road Kids in Kontakt zu treten und beraten zu werden.

Innovative Ansätze

Um den jungen Leuten komplexe Themen wie das Ausfüllen von Anträgen und Ähnliches näher zu bringen, hat die Stiftung einige Erklärvideos auf verschiedene Internetplattformen gestellt. Laut Statistiken von Off Road Kids finden etwa 88 Prozent der Kontaktaufnahmen inzwischen online statt. „Die Online-Beratung ist ein guter Einstieg, möglichst schnell die Fragen der Betroffenen zu beantworten und an die entsprechenden Stellen weiter zu vermitteln. Wir beantworten jede Anfrage, die wir über die Onlineberatung bekommen.“, berichtet Ina Willmes aus ihrer Erfahrung in Dortmund. Nicht jede Person, die eine Anfrage stellt, wird dann auch weiterhin von Off Road Kids betreut, häufig kann den Betroffenen schon durch Infos zu städtischen Beratungsstellen geholfen werden.

Einige Städte setzen auf Wohnboxen, die Stadt Dortmund spricht sich aufgrund von Sicherheitsrisiken dagegen aus. Die Wohnboxen versprechen nach Angaben des Vereins „Little Home e.V.” einen erleichterten Einstieg ins Wohnen und schützen vor Nässe und Kälte. Die 3,2 Quadratmeter sind mit einer einzelnen Matratze ausgestattet, einem Erste-Hilfe-Set, einem Feuerlöscher und einer Campingtoilette. In Deutschland haben sie bereits 248 Obdachlosen eine selbstbestimmte Wohn-Alternative geboten. Regeln gibt es aber auch hier: Drogen sind nicht erlaubt.

Empathie in der Unterstützung

Die zentrale Beratungsstelle der Diakonie der Stadt Dortmund bietet hingegen Wohntrainings an, um Menschen ohne großen bürokratischen Aufwand wieder an das Wohnen zu gewöhnen. Dabei werden Betroffene vorübergehend in Zweier-WGs untergebracht und bekommen, unter anderem, Unterstützung bei alltäglichen Reinigungsarbeiten und Einkäufen.

Wirklich sagen, was der beste Weg ist, kann man laut Sozialarbeiter Veenhof nicht. „Jeder Mensch ist verschieden. Man muss das Individuelle immer beachten und offen miteinander kommunizieren. Empathie ist bei dem Thema das Wichtigste“, sagt er.

 

Beitragsbild: pixabay.com/josemdelaa

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