Kreativ mit KI im Klassenraum

Alyssa Kutzner forscht dazu, wie Künstliche Intelligenz den Unterricht verbessern kann. Sie berichtet von Kindern, die die Grenzen von KI austesten, von Studierenden, die ganze Gedichte prompten und davon, warum es am Ende doch den Menschen braucht.

KI-Systeme entwickeln sich in rasantem Tempo und erhalten Einzug in viele Anwendungsbereiche. Dort verbessern sie in der Regel Abläufe, indem sie manche Arbeiten schneller erledigen, als wir Menschen es können. Auch in Klassenräumen könnte zukünftig mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz schneller gelernt und Lehrkräfte entlastet werden. Wie gut kann das funktionieren? Alyssa Kutzner ist Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Sprachdidaktik Germanistik an der Bergischen Universität in Wuppertal. Sie forscht an Grundschulen und weiterführenden Schulen zu diesem Thema.

Alyssa, wie kamst du darauf, in diesem Feld zu forschen?

Meine Stelle war von Anfang an mit einem digitalen Schwerpunkt verbunden. Als ich 2023 begonnen habe, war das Thema KI gerade im Aufschwung. Alle sprachen darüber, aber niemand wusste so recht: „Was machen wir damit?“. Deswegen haben meine Doktormutter und ich uns entschieden: „Das ist der Zeitpunkt, um sich mit KI zu beschäftigen!“

Woran arbeitest du genau?

Mein Dissertationsprojekt untersucht KI-gestütztes Schreiben an weiterführenden Schulen. Ich war bisher an zwei Gymnasien und habe dort Erhebungen im Deutsch- und Englischunterricht durchgeführt. Die Schüler*innen sollten Inhaltsangaben mit der Unterstützung einer KI verfassen. Anschließend habe ich ausgewertet, welche Strategien sie dabei genutzt und wie sie die Unterstützung durch die KI wahrgenommen haben.

Das Bild zeigt wie KI als Schreibassistent genutzt werden kann
Schaubild der KI als Schreibassistent. Grafik: Alyssa Kutzner

Wie könnte eine KI-gestützte Unterrichtsstunde in Zukunft aussehen?

Das hängt stark vom Fach ab. Ich lasse die Schüler*innen die KI oft als Assistentin beim Schreiben benutzen. So können sie sich für ein bestimmtes Textmuster Schreibpläne erstellen. Diese Schreibpläne sehen dann aus wie eine Checkliste, welche die Jugendlichen Schritt für Schritt durch den Schreibprozess führt. Durch diese Checkliste sollen die Schüler*innen sich nicht erst fragen müssen: „Wo fange ich überhaupt an? Was mache ich als Erstes?“ KI kann sie so in fast allen Phasen des Schreibens unterstützen, vom Planen und Verschriften der Aufgabe bis zum Überarbeiten.

Könnten in Zukunft auch Lehrkräfte durch Künstliche Intelligenz unterstützt werden?

Alyssa Kutzner ist Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Sprachdidaktik Germanistik an der Bergischen Universität in Wuppertal. Foto: Alyssa Kutzner 

Die Lehrer*innen könnten KI zur Unterrichtsvorbereitung einsetzen. In Seminaren haben beispielsweise Studierende für Grundschul-Lehramt im Fach Deutsch, Pläne für einzelne Schulstunden mit der KI erstellt, und da kamen echt ganz schöne Sachen bei raus, die auch tatsächlich so durchsetzbar wären.

Gerade wer noch keine konkrete Vorstellung davon hat, wie er oder sie in eine Schulstunde einsteigen soll, kann die KI als Ideengeberin nutzen. Das funktioniert dann z. B. so: Die KI generiert zehn Unterrichtseinstiege. Die Lehrkräfte schauen dann, ob sie etwas 1:1 umsetzen möchten. Das ist ihnen natürlich selbst überlassen, aber als Inspiration ist es schon sehr gut.

Deutlich schlechter funktionierte dagegen die KI-gestützte Materialerstellung, wie die von Arbeitsblättern. Da kamen ganz furchtbare Sachen bei heraus. Wir haben es mit ChatGPT versucht, da waren die Layouts einfach super hässlich. Da kam ein ganz trockenes Textdokument raus, und die Aufgabe an sich war dann auch nicht nutzbar. Bei Gemini waren die Aufgaben inhaltlich genauso falsch, aber es sah zumindest ganz schön aus.

Geht es bei deiner Forschung vor allem darum, die Lehrkräfte zu entlasten, oder eher die Schüler*innen?

Es geht eher darum, die Schüler*innen zu entlasten. Diese haben alle eigene Ansprüche und Problemstellen, bei denen sie Unterstützung brauchen, und da kann die KI individuell helfen, indem sie kurz gefragt wird. Das macht es für die Kinder angenehmer.

Die Antworten, die dabei von der KI erzeugt werden, sind auch nichts Außergewöhnliches. Diese Dinge stehen auch im Deutschbuch. Aber das Schöne ist, dass die Kinder Nachfragen stellen können zu Inhalten, welche ihnen gerade nicht einfallen, und Dinge schneller ändern können, welche ihnen nicht gefallen. Die Hemmschwelle der KI gegenüber ist oft geringer als gegenüber den Lehrkräften. Der KI ist es egal, wie oft ich nachfrage. Aber natürlich muss die Lehrkraft trotzdem erreichbar bleiben für Nachfragen, das bleibt nicht aus und ist auch wichtig.

Wie reagieren die Eltern darauf, wenn im Unterricht mit KI gearbeitet werden soll?

Für ein zukünftiges Projekt mit Studierenden an einer Grundschule musste ich natürlich auch die Eltern vorher kontaktieren und eine Einverständniserklärung aufsetzen. Dazu hat mich ein Elternteil kontaktiert. Die Person hat den Einsatz von KI jedoch gar nicht kritisiert, sondern nur konkret nachgefragt, was wir vorhaben.

Welche Ausmaße könnte das Thema in den Schulen innerhalb der nächsten zwei, drei Jahre annehmen?

Das ist eine gute Frage und super schwierig zu beantworten. Es ist auf jeden Fall wichtig, dass Lehrkräfte fortgebildet werden. Nicht nur, um KI selbst einsetzen zu können, sondern auch, um sie mit den Kindern zu benutzen. Verschiedene Studien haben bereits gezeigt, dass KI benutzt wird und in der Lebensrealität der Kinder angekommen ist. Deswegen muss die Technik auch im Unterricht thematisiert werden.

Das bedeutet natürlich nicht, dass in Zukunft der ganze Unterricht komplett auf KI ausgerichtet sein soll, aber hier und da sollte es eine Einheit dazu geben. Es muss auch nicht immer um die Frage gehen: „Wie benutze ich die KI jetzt konkret?“, sondern es reicht auch schon, die Gefahren aufzuzeigen und die Frage zu klären: „Was sind die Grenzen?“

Wie kamen denn die Schüler*innen bisher im Umgang mit einer Künstlichen Intelligenz klar?

Die sind schon ganz schön flink, was das Prompten angeht. Also ich denke, da wird schon jetzt die eine oder andere Hausaufgabe mit ChatGPT gelöst. Auch höre ich von Kolleg*innen, die in der Schule arbeiten, dass ganz oft im Unterricht das Handy rausgeholt wird, um schnell bei ChatGPT nachzufragen. Die Antwort von ChatGPT wird dann als eigene ausgegeben.

Das zeigt, wie wichtig es ist, bei dem Thema einen reflektierten und kritischen Umgang zu haben. Ich glaube, mittlerweile weiß jeder, dass bei KI nicht immer das Richtige rauskommt und dass da auch ganz viel Quatsch passiert. Sachen werden halluziniert, die so nicht richtig sind, und es ist sehr wichtig, dass wir mit Kindern darüber reden, um ihnen die Grenzen dieser Technologie aufzuzeigen.

Wird Prompting in Zukunft Teil des Unterrichts?

Auf jeden Fall. Bisher geben wir den Kindern Beispiel-Prompts oder schreiben die Befehle einmal mit der ganzen Klasse zusammen und schauen, was dabei herauskommt, um eine Grundstruktur vorzugeben. Was wir in der Grundschule beobachtet haben, ist, dass die Schüler*innen ziemlich menschlich mit der KI umgehen, was sehr gut funktioniert. Natürlich haben die Kinder zwischendurch auch mal Quatsch gemacht, das ist ja klar.

Bei dem Projekt in der Grundschule sollten die Schüler*innen Märchen schreiben und durften sich von der KI zum Beispiel Figuren, Handlungsorte oder Synonyme vorschlagen lassen. Sie sollten selbst das Märchen schreiben, aber die KI als Ideengeber nutzen. Als Vorschlagprompt hatten wir vorgegeben: „Nenne mir 3 Märchenfiguren.“ Daraus haben dann aber manche Kinder gemacht: „Nenne mir 10.000 Märchenfiguren.“ Sie haben also von selbst versucht, die Grenzen der KI zu testen und waren sehr furchtlos, was das Prompten angeht. Die haben einfach wild losgelegt.

Wie passt KI zum kreativen Schreiben? Ist das kein Widerspruch?

Bei den Kindern kann eine Überlastung entstehen, wenn sie sich Figuren, Handlungsorte und alles drumherum ausdenken müssen. Das ist für manche Kinder ein bisschen schwierig, und genau da kann die KI als Ideengeber helfen.

Die menschliche Kreativität brauchen wir trotzdem. Ich habe mit Studierenden in meinem Seminar Gedichte von einer KI schreiben lassen, und die Ergebnisse waren total langweilig. Jedes Gedicht von den fast 60 Studierenden im Seminar hat sich gleich angehört. Gleiches Reimschema, gleiches Versmaß. Da haben wir gemerkt: Es braucht den Menschen.

 

Beitragsbild: KI-generiert, keine echte Abbildung, erzeugt mit der Software ChatGPT

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