Schiedsrichterin Katharina: „Als Schiedsrichter ist man Staatsanwalt, Rechtsanwalt und Richter zugleich“

Katharina ist Fußball-Schiedsrichterin, meistens pfeift die 21-Jährige jede Woche ein Spiel. Ein Gespräch darüber, wie sie es schafft, sich auf dem Platz zu behaupten, wie das Schiedsrichter-Dasein das Selbstbewusstsein fördert und warum es in ihrem Job manchmal ein Vorteil ist, eine Frau zu sein.

Nur knapp vier Prozent aller Fußball-Schiedsrichter*innen in Deutschland sind weiblich, zeigt die DFB-Einsatzstatistik. Eine von ihnen ist die 21-jährige Katharina Gerhard. Seit sie 13 Jahre alt ist, steht die Bonnerin als Schiedsrichterin auf dem Fußballplatz. Inzwischen hat sie mehr als 300 Spiele gepfiffen und ist in der zweiten Frauen-Bundesliga, in der Herren-Verbandsliga sowie als Assistentin in der ersten Frauen-Bundesliga im Einsatz. Während ihres Auslandssemesters in Taiwan pfiff sie zunächst in der Amateurliga, später auch in der ersten Liga bei den Frauen und Männern. Katharina ist im Schiedsrichterausschuss ihres Kreisverbandes Vertreterin der jungen Generation. In dieser Funktion kümmert sie sich um jugendliche Schiedsrichter*innen und hilft bei deren Ausbildung. Wenn sie gerade nicht auf dem Platz steht, studiert sie Jura.

Was hat dich motiviert, Schiedsrichterin zu werden?

Ich habe selbst Fußball gespielt und bin dann in die C-Jugend zu den C-Juniorinnen gekommen. Ab der Klasse hat man im Kreis Schiedsrichter. Ich fand das interessant und unser Trainer hat irgendwann erzählt, dass das eigentlich jeder machen kann und man nur eine Ausbildung mitmachen muss. Es war nie so, dass ich Fernsehen geguckt habe und dachte: „Oh, ich will jetzt Bundesliga-Schiedsrichterin werden.“ Ich fand es als Hobby interessant und wollte das mal ausprobieren.

Gab es bei der Ausbildung etwas, was dich besonders überrascht hat?

Es hat mich überrascht, dass ich das einzige Mädchen war. Mir war schon bewusst, dass es da nicht viele Frauen gibt, aber die Einzige zu sein, fand ich ein bisschen komisch. Ich finde es aber sehr schön, dass sich das in den letzten Jahren geändert hat. Da gibt es auch Lehrgänge, an denen etwa fünf Mädchen teilnehmen.

Hast du eine Vermutung, woran es liegt, dass so wenige Mädchen damit anfangen?

Grundsätzlich spielen ja schon einmal mehr Jungs Fußball als Mädchen. Dann kommt man mit der Schiedsrichterei auch viel weniger in Berührung. Ich habe so viele Mädchen getroffen, die gar nicht wussten, dass man Schiedsrichterin werden kann. Man kann ja auch Schiedsrichter werden, wenn man nie Fußball gespielt hat.

Du hast inzwischen mehr als 300 Spiele als Schiedsrichterin begleitet. Was für einen Teil nimmt das Schiedsrichterin-Sein in deinem Leben ein?

Das nimmt schon einen ziemlich großen Teil ein. Eigentlich hat man jede Woche ein Spiel, aber es kann auch sein, dass man in einer Woche bei zwei Spielen im Einsatz ist. Man hat aber auch Saisonpause oder wenn man Klausurenphase hat, muss man sich da etwas raus nehmen.

Du hast gesagt, du wolltest es am Anfang einfach mal ausprobieren, Schiedsrichterin zu sein. Wie siehst du das heute: Hast du ein bestimmtes Ziel, das du erreichen willst?

Es hat sich schon verändert. Man fängt an mit seinen Spielen im unterklassigen Jugendbereich. Dann sieht man immer die Möglichkeit, in die nächste Spielklasse zu kommen. Ich muss sagen, ich habe schon das erreicht, was ich vor ein paar Jahren erreichen wollte: Zweite Liga bei den Frauen und bei den Herren in der Verbandsliga. Ich gehe jetzt einfach jede Saison so an, dass ich von Spiel zu Spiel denke, mit dem Ziel, jedes einzelne gut über die Bühne zu bringen und mit einer ordentlichen Leistung aus der Saison zu gehen. Alles, was dann noch drauf kommt – ein Aufstieg oder so – das wäre natürlich toll. Aber ich gehe jetzt nicht in die Saison rein und sage: Das muss klappen. Ich finde, dann hat man selbst so einen Druck und wird dann vielleicht enttäuscht. Je höher man kommt, desto schwieriger wird es natürlich auch. Da muss man eine gute Balance finden.

Du studierst Jura und bist Schiedsrichterin. Würdest du sagen, Gerechtigkeit spielt für dich eine besondere Rolle?

Ja, das würde ich so sagen. Da gibt es schon viele Ähnlichkeiten. Ich sage manchmal gerne: Als Schiedsrichter ist man der Staatsanwalt, Rechtsanwalt und Richter zugleich. Man erhebt die Anklage, aber überlegt auch wie der Rechtsanwalt, was vielleicht dafürspricht, dass das doch eher eine gelbe Karte ist und keine rote, und man ist aber auch der Richter, der die Entscheidung fällt. Ich denke auf jeden Fall, dass es da Parallelen gibt.

Foto: rheinzoom.photo

Was, würdest du sagen, muss man mitbringen, um Schiedsrichterin sein zu können?

Man sollte sicherlich schon einiges an Selbstbewusstsein mitbringen. Man sollte zumindest nicht ganz verschlossen sein. Allerdings habe ich auch bei ganz vielen Schiedsrichterinnen gesehen, dass sie vorher schüchtern waren, sich die Persönlichkeit durch die Schiedsrichterei aber unglaublich fortentwickelt hat. Die Leute sind viel selbstbewusster geworden und viel mehr aus sich rausgekommen. Ich glaube, man sollte offen sein. Man trifft auf ganz viele unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Typen. Diese Offenheit, Lust auf Neues haben und Kritikfähigkeit sind sicherlich wichtige Eigenschaften, die man als Schiedsrichter haben muss. Ohne, dass man Kritik annimmt, kann man sich nicht weiterentwickeln.

Du hast gesagt, du hast beobachtet, dass andere selbstbewusster werden. Hast du das bei dir auch beobachtet?

Ja, auf jeden Fall. Wenn man 17 ist und sich gegen die 13-Jährigen durchsetzen muss, ist das auch nicht immer einfach – gerade, weil ja auch die Eltern dabei sind. Aber irgendwann fing das bei mir an, dass ich mit 16 erwachsene Männer gepfiffen habe – da ging mir dann auch die Düse vor dem Spiel. Aber wenn man das dann schafft und gut über die Bühne bringt, bringt einen das selbst unglaublich weiter. Man lernt auch, Leute einzuschätzen. Man muss lernen: Wie spreche ich in einer gewissen Situation mit wem? Es gibt Leute, die sind für gewisse Sachen viel zugänglicher als andere, mit denen du dann wieder anders kommunizieren muss. Insgesamt hat mich das wirklich unglaublich weitergebracht.

Wenn du mit 16 schon Spiele mit erwachsenen Männern gepfiffen hast, wurde dir da schon mal ein blöder Spruch gedrückt?

Von den Spielern her ging das immer, wenn dann kam das eher von den Zuschauern. Ich bin eigentlich froh, ich habe nie etwas Schlimmes erlebt, wo ich dachte: Das geht gar nicht. Ich habe irgendwann ein ziemlich dickes Fell entwickelt. Ich höre zum Teil gar nicht mehr, was die Zuschauer so sagen. Ich habe so einen Fokus auf das, was auf dem Spielfeld passiert. Wir hatten mal ein Spiel, da ist auf dem Platz nebenan ein Helikopter gelandet und ich hatte das gar nicht mitbekommen, weil ich so auf das Spiel konzentriert war.

Wenn dann doch mal Sprüche kamen, welche waren das?

Ich habe schon mal so frauenfeindliche Sprüche aus dem Zuschauerraum gehört. Sowas wie: „Frauen gehören eher in die Küche“.

Wie gehst du dann mit so etwas um?

Als so etwas das erste Mal passiert ist, war ich so 16 oder 17. Da muss ich sagen, hat mich das schon ein bisschen getroffen. Aber da waren nette Trainer und Betreuer bei dem Spiel, die selbst etwas gesagt und mich darin bekräftigt haben, das nicht zu beachten. Das war ziemlich gut. Mittlerweile ist mir das ehrlich gesagt egal. Ich trage das dann in den Spielbericht ein und dann liegt es beim Sportgericht oder beim Staffelleiter, was die damit machen. Persönlich berührt mich das nicht mehr.

War das auch eine Entwicklung bei dir?

Ja, generell ist das bei allen Sachen, die von den Zuschauern kommen, so. Am Anfang nimmt man das noch ernst und denkt: Oh Gott, war das jetzt wirklich eine falsche Entscheidung oder nicht? Bibiana Steinhaus hat mal gesagt: „Die Zustimmungsrate für meine Entscheidungen ist berechenbar: 11 sind dagegen, 11 dafür”. So ist das einfach.

Welche Rolle spielt dein Geschlecht bei deiner Arbeit? Wirst du anders behandelt als deine männlichen Kollegen?

Ich glaube schon, dass es eine Rolle spielt, weil ich es oft erlebt habe, dass ich zum Platz gekommen bin, aber die Spieler nicht damit gerechnet haben, dass eine Frau pfeift. Manchmal habe ich diesen kleinen Schockmoment auch als vorteilhaft empfunden. Es gab sogar teilweise Trainer, die zu Mannschaften hingegangen sind und gesagt haben: „Heute benehmt ihr euch aber super gut, wir haben eine Schiedsrichterin“. Wo ich mir dann denke: Das bräuchte ich jetzt auch nicht. Wie gesagt, es gibt auch mal das Umgekehrte, aber ich würde sagen, überwiegend ist das eher ein Vorteil. Und es gibt nicht so viele Schiedsrichterinnen. Daher ist es insgesamt einfacher, schneller hoch zu kommen im Frauenbereich. Also du kommst schneller in die 2. Frauen-Bundesliga als in die 2. Männer-Bundesliga. Was ich aber auch schon erlebt habe, dass einem oft nachgesagt wird, man steige nur auf, weil man jetzt eine Frau ist, nicht weil man auch die entsprechende Leistung erbracht hat. Das ist etwas, wo ich auch sagen muss, das ärgert mich natürlich. Auch wenn man eine Frau ist und es vielleicht, weil die Konkurrenz nicht so groß ist, ein bisschen einfacher ist, gehört es trotzdem dazu, dass man die Leistung erbringt und Einsatz zeigt.

In deinem Auslandssemester in Taiwan warst du auch als Schiedsrichterin im Einsatz. Gab es da eine Erfahrung, die dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Die Spieler in Taiwan sind viel respektvoller. Es ist ein komplett anderer Umgang. Ich hatte eine Situation, da hat eine Spielerin hinter meinem Rücken eine unsportliche Geste gemacht, aber ich konnte es nicht sehen und die Assistentin hat leider nicht angezeigt, dass da etwas passiert ist. Aber es war ganz klar auf den Fernsehbildern zu sehen. Im Nachgang gab es dann von dem Verein ein offizielles Entschuldigungsschreiben an die Fans, an mich und an die andere Mannschaft, dass so ein Verhalten nicht toleriert wird. So etwas habe ich in Deutschland noch nie erlebt. Zu sehen: Da hat jemand etwas falsch gemacht, das tut uns leid und wir entschuldigen uns dafür, das fand ich richtig gut.

Wie war das in der ersten Liga dort? Gab es Unterschiede zu den Spielen in Deutschland? Wie hast du das empfunden?

Gerade im Frauenbereich ziehen die das dort richtig groß auf. Du hast immer ein Einlaufen, Banner, es gibt manchmal Gruppen, die Tänze aufführen und die Spiele werden alle übertragen. Da gab es Wasserflaschen mit den Nationalspielerinnen drauf. Das habe ich in Deutschland auch noch nie erlebt. Klar, die Qualität war eine andere und es waren weniger Zuschauer da. Aber ich fand es ziemlich beeindruckend, dass Taiwan solch eine Wertschätzung dem Frauenfußball entgegenbringt.

Was würdest du sagen, sind die schönsten Momente beim Schiedsrichterin-Sein?

Wir fahren mit einem Team raus, in den höheren Ligen hat man ja Assistenten. Die Bekanntschaften, die man durch die Schiedsrichterei macht, sind sicherlich mit das Schönste. Gerade, wenn ich mit meinem festen Gespann rausfahre, also mit den Leuten, die in der Regel immer mit mir im Einsatz sind, hat man einfach Spaß dabei. Einfach als Team im Spiel zusammen zu sein und die ganzen Freundschaften, die ich dadurch geschlossen habe, das hat mir so viel gegeben. Ich bin immer wieder froh, Schiedsrichterin geworden zu sein, einfach wegen der Menschen, die ich da kennengelernt habe.

Was würdest du jungen Mädchen mitgeben, die überlegen Schiedsrichterin zu werden?

Ich kann auf jeden Fall mitgeben, es einfach mal auszuprobieren. Nur, weil man es ausprobiert, heißt das ja nicht, dass man direkt einen Karriereweg einschlagen muss. Und wenn das was für einen ist, dann fängt man von selbst an und das nimmt seinen Lauf. Worauf man achten muss, ist nicht immer alles persönlich zu nehmen, was Spieler oder Zuschauer sagen, ein dickes Fell zu haben. Das Pfeifen ist einfach eine coole Sache, darauf kann man sich freuen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dieser Artikel ist Teil einer Reihe über Frauen, die in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft etwas bewegen – entweder dadurch, dass sie sich für andere einsetzen oder dadurch, dass sie sich in Bereichen behaupten, in denen Frauen traditionell unterrepräsentiert sind. Ihnen allen wurde unter anderem die Frage gestellt, welche Rolle ihr Geschlecht in ihrem Alltag spielt. Weitere Gesprächspartnerinnen für diese Reihe waren eine Seenotretterin, eine Gründerin, eine Altenpflegerin und eine Ärztin von „Ärzte ohne Grenzen“.

Beitragsbild: rheinzoom.photo

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