Interview: Warum Rap nicht sexistisch sein muss

Die Kölner Rapperin Liser macht feministische Songs. In ihren Texten beschäftigt sich die 23-jährige unter anderem mit toxischer Männlichkeit, zwischenmenschlichen Beziehungen und weiblicher Sexualität – Themen, die im sexistisch geprägten Mainstream-Rap nur selten auftauchen. Im Interview erzählt sie von Frauenfeindlichkeit in der Szene und wie sie mit ihrer Musik dagegen ankämpft.

Viele denken bei deutschem Rap an Bushido, Kollegah oder Fler und damit an diskriminierende Texte. Deine Songs sind sehr feministisch geprägt. Funktioniert Rap ohne Sexismus?

Es gibt ein Interview mit dem Musikjournalisten Falk Schacht, in dem er gefragt wird, ob Rap ohne Sexismus geht. Seine Antwort ist einfach nur: „Ja, nächste Frage.“ Das hat mich so sauer gemacht, denn er sitzt da als erfolgreicher, weißer Hiphop-Journo-Mann und spricht komplett ab, dass Sexismus ein großes Problem in der Szene ist. Er schiebt die Frage einfach schnell beiseite. Natürlich geht es ohne Sexismus. Nur weil ich etwas auf einen Takt sage, muss ich nicht automatisch Frauen beleidigen. Das hat sich einfach durch die Kultur gezogen und durch Generationen weiterentwickelt. Und das ist einfach nur peinlich.

Was hat dich dazu veranlasst, Rap zu machen?

Ich wollte mit Rappern abhängen. Ich fand sie cool und dachte mir, wenn ich mit ihnen chillen will, werde ich einfach eine von ihnen. Musik wollte ich sowieso immer schon machen und ich fand die Richtung Rap vor vier Jahren am coolsten. Mittlerweile habe ich keine Lust mehr, mit der Deutschrap-Szene abzuhängen. Meine Begeisterung war eher von Leuten aus meinem direkteren Umfeld beeinflusst, die gerappt haben, als von so einem Fler.

Auch Frauen können durchaus frauenfeindlich sein und sexistische Narrative reproduzieren. Gibt es viele antifeministische Rapperinnen?

Mir fallen direkt fünf Rapperinnen ein, die nicht unbedingt in der Musik, aber zum Beispiel in Interviews antifeministische Inhalte verbreiten. Sie wollen eine von den Jungs sein. Sie negieren, dass sie anders als männliche Rapper behandelt werden, was natürlich nicht stimmt. Da sind in jedem Musikvideo sehr offensichtliche Machtdynamiken zu sehen, die zeigen, welchen Status der Rapper und die Rapperin jeweils haben. Ich kann das zum Teil schon verstehen, weil sie sich in Strukturen bewegen, in denen es – extrem gesagt – aufs Überleben ankommt. Aber es ist schade, dass sie das nicht reflektieren. Mir fällt zum Beispiel Antifuchs ein. Sie will nicht als Frau gesehen werden, sondern genauso „asozial“ wie die Jungs sein. Das finde ich als Statement schwierig. Generell finde ich es schade, sich den Männerrap als Vorbild zu nehmen, statt einfach das zu machen, worauf man Lust hat.

Deine Musik ist mit ihren deutlichen feministischen Inhalten zumindest eine Ansage an deine Hörer*innen. Suchst du bewusst den Dialog mit Mainstreamkünstler*innen und konfrontierst sie mit ihrem Sexismus?

Es ist kein Mainstreamrapper gewesen, aber ich habe neulich einen Kollegen darauf hingewiesen, dass er sexistische Inhalte auf seinem Instagram-Profil hatte. Als ich meinte, das ist misogyn, hat er nicht so gut reagiert. Er wollte nicht verstehen, dass es ein internalisiertes Denk- und Handlungsmuster ist und hat mich blockiert. Ich habe ein paar solcher Erfahrungen gemacht. Deshalb fange ich lieber in der eigenen Bubble an. Mein bester Freund ist zum Beispiel mittlerweile ein richtig krasser Feminist geworden. So etwas trägt viel weiter nach außen, als wenn ich es einem Fremden erkläre, weil die andere Person dann sofort eine Abwehrhaltung zeigt.

Rapperinnen wie Shirin David wehren sich gegen Sexismus und sehen sich selbst als Feminist*innen. Gleichzeitig leben sie von ihrem Image als Sexsymbol. Funktioniert es am Ende doch nur mit sexistischen Klischees?

Auf gar keinen Fall. Das ganze Ziel des Feminismus ist, dass die Frau entscheiden kann, wie sie sich darstellen möchte. Und wenn Shirin David sagt, sie findet es nice, so zu sein und sich sexy zu präsentieren, ohne den Druck von außen zu haben, dann ist das Selbstbestimmung und vollkommen in Ordnung. Damit hat sie genauso einen Platz im Feminismus, als wenn sie sich sehr bedeckt zeigen würde. Solange das ihre eigene Entscheidung ist – go for it!

Dein Song „Satisfyer Pro“ greift das Thema masturbierende Frauen auf.

Eine kleine Hymne an meine Girls. Ich finde das Thema wichtig, weil es sehr tabuisiert wird. Die deutsche Rapszene redet zwar viel über weibliche Sexualität, aber in der Regel abfällig und fast nie aus Frauenperspektive. Deshalb ist die Idee, sich die eigene Sexualität zurückzuholen und Cishet-Männer darauf aufmerksam zu machen, dass sie gar nicht so viel Plan von ihren sexuellen Fähigkeiten haben, wie sie denken.

Du machst deine feministische Haltung auch immer wieder auf Twitter deutlich. Wie wichtig ist Social Media für die Selbstvermarktung?

Es ist ultra wichtig. Mir ist es leider nicht wichtig genug. Ich könnte in vielen Dingen besser sein, mehr Sachen posten. Du hast damit einen Weg, dich mit Leuten zu connecten, die dich hören wollen, und zu zeigen, dass du ein Mensch bist. Auf Twitter folgen mir kaum Leute, die sich für meine Musik interessieren. Die wollen anderen Content. Twitter ist nicht ideal: Es ist nie richtig in Deutschland angekommen, es ist ein sehr kleiner Zirkel. Die meisten da haben keine Lust auf irgendwelche dahergelaufenen Twittermusiker*innen, die sie gar nicht als legitime Künstler*innen ansehen. Aber ich bin so viel mehr als nur ein Twitterstar, ich bin auch ein Popstar.

Frauen erfahren im Internet oft noch mehr sexuelle Belästigung als im normalen Leben. Hat sich das gesteigert, seitdem du feministischen Rap machst?

Auf jeden Fall. Also, sexuelle Belästigung erlebe ich relativ wenig, aber vor allem Hass bekomme ich viel. Ich habe zum Beispiel mal einen Witz über Kollegah gemacht und die komplette Bubble hat es sich zum Ziel gesetzt, mich zu zerreißen. Sollen sie machen. Mittlerweile passiert es komplett ohne Kontext, dass Leute Hate-Tweets über mich verfassen. Sie sind sogar so dreist, dass sie mich darin verlinken. Sie wollen, dass ich das sehe. Es ist scheiße, aber man muss es ignorieren, um irgendwo hinzukommen. Zum Glück ist das nur die Minderheit. Sehr viele Leute schreiben mir, wie cool sie meine Musik finden und dass sie ihnen etwas gibt. Aber generell – etwas zu machen, was vielen nicht passt, finde ich in diesem gesellschaftlichen Klima sehr gut.

Beitragsbild: ENNA

Ein Beitrag von
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