
Ein Friseurbesuch kann zur finanziellen Belastung werden, besonders für Menschen, die von Armut betroffen sind. Kamal Koshnaw ist Friseur in Hagen und schneidet in seiner Freizeit ehrenamtlich Haare. Montags hält er sich für Rentner*innen frei.
Die Tür öffnet sich und eine etwa 70 Jahre alte Frau betritt den Friseursalon. Kamal Koshnaw eilt auf sie zu, um sie zu begrüßen. Und das herzlich. Fast so, als würden sich beide kennen. Dass sie keinen Termin hat und eigentlich nur Kund*innen mit Voranmeldung kommen sollen, scheint ganz egal zu sein. Maria bekommt auch so einen Haarschnitt.
Als sie am Ende bezahlen möchte, widerspricht Kamal vehement, schüttelt mit dem Kopf und lehnt das Geld lächelnd ab. Strahlend sagt er: „Jetzt komm immer zu mir, dann musst du nie wieder etwas bezahlen.“
Montags ist Ruhetag und trotzdem geöffnet
Kamal Koshnaw leitet seinen eigenen Friseursalon in Hagen. Geöffnet hat er dienstags bis samstags. Aber das stimmt nicht ganz. Seit dem 1. Juni öffnet Kamal seinen Laden auch montags für ein paar Kund*innen. An dem Tag schneidet er die Haare kostenlos.
Kamal trägt ein schwarzes, kurzärmliges Arbeitshemd und eine graue Jeans. Er steht vor einer Wand mit vier großen, runden Spiegeln. Vor jedem Spiegel ist ein schwarzer Sessel, in dem Kund*innen frisiert werden können. In dem Sessel ganz rechts sitzt bereits sein dritter Kunde an diesem Morgen um halb 11. Während sich beide ausgelassen unterhalten, besprüht Kamal die Haare mit Wasser aus einer Sprühflasche und kämmt sie anschließend mit einer Bürste. Ein Haarschnitt dauerte nur 10, maximal 20 Minuten, erklärt er. „Mit Bart auch mal 30, aber nie länger als das.“
Haarschnitte für Stamm- und Neukund*innen

Während Kamal die Haare erst an den Seiten und anschließend oben kürzt, warten bereits zwei weitere Kund*innen im Friseursalon. Eine Person sitzt auf dem Sofa und eine auf einem Stuhl neben der Eingangstür. Alle sind an diesem Montag hier, um an Kamals Aktion teilzuhaben. Nach einem Nachweis fragt Kamal seine Kund*innen nie. „Ich werde nie sagen: Kannst du mir deinen Rentenbescheid zeigen? Ich möchte einfach Freude geben.“
„Viele der Kund*innen, die montags kommen, sind Stammkund*innen. Oft kommen aber auch neue Menschen vorbei, die zum Beispiel aus den Medien von dem Angebot gehört haben oder einfach am Salon vorbeigelaufen und durch meine Plakate darauf aufmerksam geworden sind.“ Ein Stammkunde ist Thomas. Er hatte sich für einen Haarschnitt angemeldet, aber anschließend aus gesundheitlichen Gründen abgesagt. Spontan steht er nun doch bei Kamal im Salon. Thomas ist schon seit Anfang der Aktion dabei und war auch schon vorher Kunde bei Kamal.
Die Idee für die kostenlosen Haarschnitte
Wie Kamal auf die Aktion gekommen ist? „Wenn ich ehrlich bin, habe ich sowas schon immer gemacht. Ich habe schon immer Menschen geholfen, auch schon früher in meinem alten Laden. Dort habe ich öfter armen Menschen, Obdachlosen, oder Rentnern die Haare umsonst geschnitten.“ Als Kamal das erzählt, sitzt er auf dem Sofa in seinem Friseursalon, auf dem kurz zuvor noch seine Kund*innen saßen.
Er fährt fort und betont: „Die Idee für diese Aktion kam durch einen alten Mann, der bei uns in den Laden gekommen ist, um nach Pfandflaschen zu fragen. Ich habe ihm unser Pfand gegeben und gefragt, ob er auch einen Haarschnitt umsonst haben möchte. Er hatte lange Haare und einen langen Bart, deswegen bin ich auf die Idee gekommen.“
Friseur aus Leidenschaft
Als Kamal das erzählt, lächelt er: „Als ich ihm die Haare geschnitten hatte, hat er sich so darüber gefreut und war so dankbar. Da habe ich mich gefragt: Was habe ich eigentlich gemacht? Nicht mal zehn Minuten gearbeitet und diese Person ist so glücklich geworden.“ Inzwischen strahlt Kamal über das ganze Gesicht. „Und dann habe ich mir die Frage gestellt: Warum will ich nicht jeden Montag Menschen so glücklich machen? So kam die Idee.“ Seit dem Start melden sich wöchentlich Menschen für einen kostenlosen Haarschnitt an. Die Frisuren, die Kamal schneidet, würden ungefähr 20 Euro kosten. Mit Bart ein bisschen mehr.
Dass Kamal Friseur werden wollte, war Kamal schon lange klar. Damals besonders wegen seines großen Bruders. Der hat auch einen Friseursalon. Inzwischen ist Kamal seit 13 Jahren Friseur. In Deutschland lebt er seit 2014. Kamals Herkunft ist Kurdistan, also die kurdische Seite des Iraks. Nach Deutschland ist er aus wirtschaftlichen Gründen gekommen. Er sagt: „Deutschland hat für mich die Tür aufgemacht, dafür bin ich sehr dankbar.“ Immer wieder betont Kamal, dass er auch deswegen etwas zurückgeben möchte. Sein aktueller Friseursalon besteht seit 2023. Kamal beschäftigt dort drei Mitarbeiter*innen.
Ein Friseurbesuch kann Luxus sein

Thomas ist heute im Friseursalon für seine Frisur und seinen Bart. Er ist 63 Jahre alt und steht kurz vor dem Ruhestand. Aus gesundheitlichen Gründen kann er schon jetzt nicht mehr arbeiten. Thomas ist zu 50 Prozent schwerbehindert. Alle vier bis sechs Wochen ist er bei Kamal. Dass sich die beiden schon länger kennen, wird im Gespräch schnell klar. Sie reden über Privates und Thomas’ viele gesundheitliche Probleme.
Während Kamal ihm einen Umhang anlegt, erzählt Thomas, dass er über 35 Jahre lang als Schweißer gearbeitet hat. Aktuell bekommt er Bürgergeld. „Da bleibt dann nicht viel hängen“, sagt er und seufzt. „Wenn man noch Strom zahlt und Versicherung und was sonst noch so zu zahlen ist, da ist ein Friseurbesuch schon Luxus.“ Er nickt und macht eine Pause. „Wenn ich einen Friseurbesuch zahlen müsste, dann würde ich mir das dreimal überlegen. Da ist dann schon die Frage, ob ich mir eine Hose kaufe oder zum Friseur gehe.“
Zu wenig Rente
Wenn Thomas bald seine Rente beziehen wird, wird diese bei etwas über 1000 Euro liegen. „Ja, ist traurig, man hat 35 Jahre schwer gearbeitet, in die Rentenkasse eingezahlt und kriegt dann so wenig.“ Die beiden unterhalten sich darüber, dass sich Thomas dieses Schicksal mit vielen anderen teilt. Kamal stellt sich während des Gesprächs vor Thomas und fängt an, seinen Bart zu kürzen. „Nicht so kurz“, sagt Thomas und lächelt. „Ich will den wieder wachsen lassen.“ Kamal fragt: „Wie lang willst du den denn machen?“ Daraufhin zuckt Thomas mit den Schultern: „Mal gucken, wo die Reise hingeht.“
Bei Kamal geht es nicht nur ums Haarschneiden. Den Menschen, die zu ihm kommen, bereitet Kamal eine Freude, indem er ein offenes Ohr und ehrliches Interesse an den Geschichten der Menschen hat.
Kamal erzählt: „Es kommen auch Menschen her, die weinen. Die haben nur 35 Euro im Portemonnaie. Manche Menschen haben gar kein Geld. Es gab eine Frau, die hat nur 900 Euro Rente mit Grundsicherung. Davon muss sie 600 Euro Miete zahlen und 100 Euro für Strom und Gas. Wie kann sie dann mit 200/300 Euro leben bis Ende des Monats und sich sogar noch einen Friseur leisten?“, fragt er, obwohl er weiß, dass das gar nicht geht. „Das ist zu hart“, sagt er.
Ein unbezahlbares Gefühl
„Ich bin sehr glücklich mit meiner Arbeit. Weißt du, sowas kannst du dir nicht kaufen. Das ist ein unbezahlbares Gefühl, wenn ich sehe, dass jemand etwas braucht und ich der Person helfen kann. Ich bin dann so happy, ich denke, ich wäre Multimillionär. Am Ende werden wir alle sterben und wir werden die Welt mit leeren Händen verlassen. Dann nehmen wir nichts mit, außer gute Taten und deswegen mache ich sowas, ehrlich.“
Am Ende des Haarschnitts dreht sich Thomas zu Kamal und sagt: „Du bist der Beste.“ Kamal strahlt und sagt: „Du auch, mein Lieber!“ Als Thomas den Laden verlässt, schließt Kamal die Tür ab. Wie lange Kamal noch plant diese Aktion zu machen? „Für immer, ich mach das für immer!“
Fotos: Katinka Böhm
