„Diese Industriekultur ist einzigartig“ – So prägt der Bergbau den Ruhrpott noch heute

Der Steinkohlebergbau in Deutschland fährt Ende 2018 die letzte Schicht. Zum letzten Mal wird dann in Deutschland Steinkohle gefördert, genutzt wird das schwarze Gold in Zukunft aber weiterhin. Wie die Kohle das Ruhrgebiet geprägt hat und was den Pott von anderen Bergbauregionen unterschiedet, erklärt Bergbau-Forscher Dr. Michael Farrenkopf im Interview.

Dr. Michael Farrenkopf, Foto: Helena Grebe

Herr Dr. Farrenkopf, in diesem Jahr endet der Steinkohlenbergbau in Deutschland und insbesondere im Ruhrgebiet. Welche wirtschaftlichen Folgen hat das Bergbau-Ende für die Region?

Ökonomisch gesehen ist das Ende des deutschen Steinkohlenbergbaus keine große Zäsur. Über viele Jahrzehnte haben Politik und Wirtschaft darauf hingearbeitet, dass das Ende sozialverträglich ist. Die Region war sehr auf den Bergbau und die Kohle-Verarbeitung konzentriert. Deshalb war es wichtig, dass das Ende nicht unkontrolliert kam, man den gesamten Prozess begleitet und auch den Strukturwandel vorangetrieben hat.

Man muss aber ohnehin klarstellen, dass wir in Deutschland nur die Förderung der Steinkohle aufgeben. Es wird aber weiterhin mit Steinkohle gearbeitet, nur halt mit Importkohle. Es gibt noch rund 60 Steinkohle-Kraftwerke, die 20 Prozent des Stroms produzieren. Dafür braucht man gut 50 Millionen Tonnen Steinkohle im Jahr.

Vita Dr. Michael Farrenkopf
Dr. Michael Farrenkopf leitet seit 2001 das Montanhistorische Dokumentationszentrum (montan.dok) und ist seit 2014 Mitglied im Direktorium des Deutschen Bergbau-Museums Bochum. Nach dem Studium der Geschichte, Publizistik und Kunstgeschichte an den Universitäten Mainz und Berlin promovierte er über „Schlagwetter und Kohlenstaub. Das Explosionsrisiko im industriellen Ruhrbergbau (1850–1914)“ an der TU Berlin.

Er ist zudem Lehrbeauftragter an der Ruhr-Universität Bochum und am Institut für Industriearchäologie, Wissenschafts- und Technikgeschichte der TU Bergakademie Freiberg. Er hat zahlreiche montanhistorische Publikationen verfasst und verschiedene Ausstellungsprojekte realisiert. Das aktuellste Projekt – „Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte“ – wird noch bis zum 11. November 2018 in der Mischanlage auf der Kokerei Zollverein gezeigt.

 

In Deutschland wird aber bald keine Kohle mehr gefördert. 

Die Steinkohle kommt aus verschiedenen Ländern. Vor allem China und die Ukraine verkaufen ihre Kohle nach Deutschland. Dort kann die Kohle einfach deutlich günstiger abgebaut werden.

„Der Bergbau ist eine besondere Welt, die eine starke Zusammenarbeit, ein solidarisches und kameradschaftliches Arbeiten erfordert.“

Häufig hört man von dieser besonderen Kultur im Ruhrgebiet, von den Kumpels und ihrer Kameradschaft. Geht dieses Gefühl mit dem Ende des Bergbaus verloren?

Ich glaube nicht, dass es komplett verloren geht. Das Ruhrgebiet wirbt häufig mit einer sehr direkten Sprache und diesem Kumpel-Mythos – und da ist schon etwas dran. Untertage war man aufeinander angewiesen, weil es ein gefährlicher Arbeitsplatz war. Es ist eine besondere Welt, die eine starke Zusammenarbeit, ein solidarisches und kameradschaftliches Arbeiten erfordert.

In der Nachkriegszeit kamen viele Gastarbeiter ins Ruhrgebiet, um in den Zechen zu arbeiten. Ein solidarisches und kameradschaftliches Arbeiten – dafür muss man sich doch verständigen können. 

Genau daher kommt ja dieses Schmelztiegel-Image – vom Bergbau. Es kamen viele Einwanderer ins Ruhrgebiet, um untertage zu arbeiten. Sie kannten den Bergbau nicht und sie haben die Sprache nicht gesprochen, aber trotzdem musste man zusammenarbeiten. Das hat zusammengeschweißt. Der Bergbau hat einfach ein großes Integrationspotential. Das sind Werte, die die gesamte Region prägen und heute noch Bestand haben. Dieses Gefühl, diese Kultur – das trägt über 2018 hinaus.



Neben dem Ruhrgebiet gibt es auch andere Bergbau-Regionen in Deutschland, das Erzgebirge zum Beispiel. Der FC Aue präsentiert sich als Bergbau-Verein, genauso wie der FC Schalke hier im Ruhrgebiet. Wie ähnlich sind die Regionen?

Das Erzgebirge ist anders vom Bergbau geprägt als das Ruhrgebiet. Das liegt daran, dass der Erzbergbau eine ganz andere Tradition hat. Diese Art des Bergbaus gibt es schon deutlich länger und war weniger personalintensiv. Zwar gab es zur Zeit des Nationalsozialismus und in der DDR mit dem Uran-Bergbau noch Nachläufer, aber der Erzbergbau wurde schon 1913 quasi stillgelegt. Deshalb mussten die Bewohner nach Alternativen suchen. Heute ist das Erzgebirge ja vor allem für Schnitzereien bekannt. Dennoch ist es nur konsequent, dass der FC Aue den Bergbau als Marketingstrategie nutzt. Schließlich hat das Erzgebirge auch eine große Bergbau-Tradition. Es gibt aber keine Region in Deutschland, die so sehr vom Bergbau geprägt ist, wie das Ruhrgebiet.

„Der Bergbau war seit Mitte des 18. Jahrhunderts die prägende Kraft für das Ruhrgebiet. Diese Industriekultur ist einzigartig.“

Dennoch wird die Steinkohlenförderung enden. Was bleibt dem Ruhrgebiet nach dem Ende noch vom Bergbau?

Der Bergbau als solches wird auch ohne Produktion noch eine gewisse Bedeutung haben – und zwar auf verschiedenen Ebenen: Einerseits gibt es die sogenannten Ewigkeitsaufgaben. In Zukunft muss nämlich noch Wasser aus den Schächten gepumpt werden. Dafür braucht man noch einige Schachtanlagen und auch Arbeitskräfte mit gewissem Know-how. Andererseits gibt es noch einige Bergbau-Zulieferer-Firmen, die zum Beispiel Maschinen für den Bergbau herstellen. Das ist die Technik, die den deutschen Steinkohlenbergbau ausgemacht hat. Jetzt werden diese Maschinen nach China oder in die Ukraine geliefert.

Sie haben jetzt vor allem über die wirtschaftliche Zukunft gesprochen. Wie sieht es mit der Region aus – und den Menschen, die hier leben?

Der Bergbau war seit Mitte des 18. Jahrhunderts die prägende Kraft für das Ruhrgebiet. Siedlungen haben sich um die Zechen herum entwickelt. Städtische Zentren sind erst nachträglich entstanden. Außerdem werden viele Zechen mittlerweile anderweitig genutzt. Nach der Schließung wurden einige Anlagen kulturell umgewidmet, der Bergbau wird als Tourismus-Attraktion genutzt. Viele Zechen sind heute Museen. Diese Industriekultur hier im Ruhrgebiet ist einzigartig.

Was ist das montan.dok?
Das Montanhistorische Dokumentationszentrum umfasst das Bergbau-Archiv, die Bibliothek/Fotothek sowie die Musealen Sammlungen des Deutschen Bergbau-Museums (DBM). In allen drei Bereichen sammeln die Mitarbeiter kontinuierlich montanhistorische Quellen. Das montan.dok ist als Teil der Leibniz-Gemeinschaft auch der Forschungsstandort des DBM. Die Mitarbeiter erforschen selbst die Bergbau-Geschichte und auch externe Forscher können die Sammlungen für ihre Untersuchungen nutzen.

Kurt hat auch darüber berichtet, was das Ende des Bergbaus für junge Menschen bedeutet:

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