Wieso Dinge nicht einfach mal allein unternehmen?

Es gibt bestimmte Aktivitäten, die unternehmen wir einfach eher in Begleitung statt allein. Ins Kino oder in die Kneipe gehen wir meist entweder mit Freunden oder gar nicht. Dabei rät eine amerikanische Forscherin genau zum Gegenteil: Wir sollten ruhig mehr Zeit allein verbringen. Ein Selbsttest.

Viel zu viele Filme habe ich in meinem Leben verpasst. Nicht, weil ich keine Zeit hatte oder die teuren Kinotickets boykottieren wollte. Der Grund ist viel weniger tiefsinnig: Ich wollte bisher nie allein gehen. Und das ist bis heute so. Wenn in meinem Freundeskreis niemand Zeit hat oder alle den Film schon gesehen haben, dann gehe ich nicht ins Kino. Zum einen möchte ich mich nicht unwohl fühlen. Die Menschen um mich herum könnten mich ja für komisch oder einsam halten. Zum anderen sind Aktivitäten wie in die Kneipe oder ins Restaurant gehen einfach gesellige Dinge für mich.

Die amerikanische Forscherin Rebecca Ratner von der Robert H. Smith School of Business in Maryland sagt 2017 aber: Nur weil wir allein hingehen, heißt es nicht, dass wir unsere Zeit dort auch allein verbringen. Ratner meint, wer allein etwas unternimmt, lernt mit höherer Wahrscheinlichkeit neue Leute kennen als Menschen, die mit Freunden unterwegs sind. Sie rät deshalb, mehr Dinge allein zu unternehmen. Nicht nur, um neue Leute kennenzulernen, sondern auch um unabhängig von anderer Menschen zu tun, worauf man Lust hat.

Ich folge dem Rat der Forscherin und unternehme drei Aktivitäten, die ich noch nie allein gemacht habe.

Allein ins Kino

„Wie du gehst allein ins Kino?“ Das war die erste Reaktion aus meinem Freundeskreis. Das sei doch langweilig und irgendwie auch komisch. Schon bei der Entscheidung, welche Vorstellung ich besuche, bemerke ich aber erste Vorteile: Ich suche mir einfach die Vorstellung aus, die für mich am besten passt – ohne jegliche Rücksicht auf andere. Außerdem muss ich vorher nicht früher losgehen, um noch genug Zeit zum Quatschen zu haben. So kann ich einfach passend losgehen, sodass ich pünktlich zum Start des Films im Kinosessel sitze. Ich suche mir den Sitzplatz nach meinen Präferenzen aus: ob ganz vorne vor der Leinwand oder ganz hinten am Ende des Saals.

Bis dahin habe ich auch kein Mal das Gefühl, von anderen Leuten komisch angeguckt zu werden. Das Mädchen an der Kasse verhält sich nicht anders, als wenn ich mit Freunden da wäre. Auch an der Bar scheint niemanden zu interessieren, ob ich allein da bin. Dort bemerke ich aber die erste Herausforderung: Popcorn oder Nachos? Unter Freunden kann man sich die Entscheidung einfach aufteilen und jeder kann beim jeweils anderen mitnaschen. Allein geht das nicht. Ich entscheide mich nach kurzem Grübeln für die Nachos und mache mich auf den Weg zum Kinosaal.

Als einzige ganz allein, denn alle anderen sind in Begleitung da. Bei jeder Person, die den Kinosaal betritt, hoffe ich, dass niemand nachkommt – bloß nicht die einzige sein, die allein da ist. Vergeblich. Auf den Plätzen hinter mir sitzt ein Pärchen und zwei Freunde. In dem Moment fühle ich mich das erste Mal unwohl allein im Kino. „Die denken bestimmt, du bist einsam“, geht mir durch den Kopf, denn als einzige unterhalte ich mich mit niemandem. Ich hole also mein Handy aus der Tasche und sende sinnlose Sprachnachrichten an Freunde, um zu zeigen, dass ich welche habe.

In dem Moment, in dem der Film startet, verfliegt das Gefühl aber wieder. Während des Films hätte ich eh mit niemandem gesprochen. Also genieße ich einfach den Film unabhängig davon, ob jemand neben mir sitzt oder nicht. Am Ende bin ich sogar richtig froh, allein im Kino zu sein: Der Film begeistert mich total und ohne den Mut mal allein ins Kino zu gehen, hätte ich ihn nie gesehen.

Allein in die Kneipe

Kneipen sind so ziemlich das Geselligste, was ich mir vorstellen kann. Alle sitzen zusammen und lachen. Im Prinzip wirken Kneipen auf mich, als seien sie gemacht, um sich mit anderen Menschen zu treffen. Wenn man nur ein Bier haben wollen würde, könnte man das schließlich auch Zuhause trinken. Aber in die Kneipe geht man in der Regel, um eine gute Zeit gemeinsam mit anderen zu haben. Deshalb fühle ich mich auch total fehl am Platz, als ich mich allein an den Tisch setze und mein Radler bestelle. Eigentlich sitze ich nur rum und habe keine Ahnung, was ich mit mir anfangen soll. Vorher habe ich mir vorgenommen, dieses Mal mein Handy in der Tasche zu lassen, um meine Unsicherheit nicht damit zu überdecken. Also sitze ich nur da und beobachte die anderen Gäste, die alle in Begleitung da sind. Das geht eine Stunde lang so, bis Simon sich zu mir setzt.

Er ist Kellner in der Kneipe und hat noch Zeit, bis seine Schicht beginnt. Er erzählt mir, dass mein erster Eindruck – „Niemand geht allein in die Kneipe“ – falsch ist. „Wir haben hier oft Leute, die allein kommen. Heute ist nur leider kein gutes Beispiel“, sagt Simon. Oft kämen die Leute auch, um bewusst ins Gespräch mit anderen zu kommen. „Umso später es wird, desto lauter wird auch die Musik, dann steigt natürlich auch der Alkoholpegel und da lernen sich schon neue Leute kennen.“ Den Alkoholpegel brauche ich nicht. Wir unterhalten uns recht lange, bis seine Schicht dann anfängt. Als ich bezahlen will, macht er eine ablehnende Handgeste. Ich muss nichts bezahlen. „Für das nette Gespräch vor der Schicht“, meint Simon.

Allein ins Restaurant

In der Regel denke ich nichts Besonderes über Menschen, die allein in Restaurants sitzen. Ich frage mich nicht, ob sie einsam sind oder keine Freunde haben. Trotzdem fühle ich mich komisch, als ich mir im Restaurant einen Tisch aussuche und dort alleine esse. Die ganze Zeit habe ich das Gefühl, alle würden bemerken, dass ich allein bin. Forscher wie Rebecca Ratner nennen das den „Spotlighteffect“: Wir denken, unsere Umgebung richtet ihre Aufmerksamkeit komplett auf uns, während die meisten Menschen uns nicht großartig wahrnehmen.

Dieses Gefühl bestätigt sich, als die Kellnerin mich fragt, ob ich noch auf jemanden warten will mit der Bestellung. Allerdings wird mir schnell klar, dass das tatsächlich eine reine Gefühlssache ist: Bei genauem Hinschauen wird klar, dass niemand in dem Restaurant sich für mich oder mein Alleinsein interessiert. Ein typischer Fall des Spotlighteffects also.

Insgesamt gefällt mir das Alleinsein im Restaurant hinterher sogar gut, obwohl ich mich normalerweise gerne während des Essens unterhalte. Wie auch im Kino kann ich mir ohne Rücksicht auf andere Zeit lassen: Kommen, wann ich will, gehen, wann ich will und das Restaurant wählen, auf das ich Lust habe. Außerdem ist ein Tisch für eine Person meist in jedem Restaurant auch ohne Reservierung frei. Und das Essen schmeckt auch ohne Begleitung.

Fazit

Für die Zukunft nehme ich mir vor, keine Filme mehr zu verpassen, nur weil niemand Zeit oder Lust hat, mit mir ins Kino zu gehen. Denn gerade von dem Kinobesuch ganz allein bin ich überrascht. Auch wenn ich wahrscheinlich nicht regelmäßig allein in die Kneipe oder ins Restaurant gehen werde, tut es gut, Zeit mit mir selbst zu verbringen. Und ich bin mir sicher, dass die Forscherin Rebecca Ratner Recht hat, wenn sie sagt, dass man allein eher Leute kennenlernt. Ich habe zumindest bei jeder der Aktivitäten das Gefühl, offener zu sein. Auch wenn ich Leute nie aktiv selbst anspreche, bin ich den Menschen, die mit mir sprechen, zugewandter. Insgesamt bin ich überrascht, wie anders das Erleben der Aktivitäten ist, wenn man Dinge mal allein macht. Positiv sowie negativ.

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