Wenn es drauf ankommt – so hart ist die Feuerwehrausbildung

Nach seinem Studium hat Florian sich bei der Dortmunder Feuerwehr beworben. Die Nachfrage ist groß, die Zahl an Ausbildungsplätzen verhältnismäßig klein. Trotzdem sind die mehr als 800 Bewerberinnen und Bewerber nicht immer genug – zu wenige erfüllen die Anforderungen.

Dampf steigt von dem Gefahrguttransporter auf, während sich zwei Feuerwehrmänner mit Atemschutzmasken darauf zubewegen. Eine Person liegt bewusstlos auf der Ladefläche des Anhängers. Aus einem Fass läuft eine klare Flüssigkeit über ihren Fuß und plätschert vom Transporter hinunter, hin zu einem Kanaldeckel. Florian Weber, einer der Feuerwehrmänner, muss jetzt schnell handeln und die bewusstlose Person retten.

Die beiden angehenden Feuerwehrmänner heben den Dummy von der Ladefläche des Gefahrguttransporters.

Florian – ein 31 Jahre alter, hochgewachsener Mann mit braunen kurzen Haaren – ist Auszubildender bei der Dortmunder Feuerwehr und zum Glück ist das hier nur eine Übung: Der Dampf kommt aus einer Nebelmaschine, die Flüssigkeit ist Wasser. Florian vergisst ziemlich schnell, dass diese Situation kein Ernstfall ist. „Ich habe besonders bei einer Übung den Anspruch an mich selbst, das Ganze vernünftig abzuarbeiten“, sagt er.

Nachwuchs gesucht

Die Ausbildungsstellen bei der Feuerwehr sind begehrt, mehr als 800 Bewerberinnen und Bewerber gibt es durchschnittlich auf die 24 bis 30 Ausbildungsplätze zum „Brandmeister“ oder zur „Brandmeisterin“ in Dortmund. Trotz der großen Bewerberzahl hat die Feuerwehr Nachwuchsmangel, erzählt Jerry Kerker, ehemaliger Ausbilder und jetzt Sachbearbeiter im Bereich Datenbankpflege bei der Dortmunder Feuerwehr. Das liegt vor allem an den vielen Voraussetzungen: Wer sich auf eine Ausbildung zum Brandmeister bewirbt, muss neben durchschnittlichen Mathe- und Deutschkenntnissen auch einen Sporttest mit zehn Disziplinen, eine Rettungsübung und das Drehleitersteigen absolvieren. „Viele gehen blauäugig in den Test rein“, erklärt Jerry Kerker. Um den Sporttest zu bestehen, braucht es viel Übung. Zwischen Frauen und Männern wird dabei nicht unterschieden. Von den mehr als 800 Bewerberinnen und Bewerbern bleiben nach den schriftlichen Tests und dem Sporttest etwa 50, die zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden. Ein Prozess, der im vergangenen Jahr dazu geführt hat, dass der Ausbildungsjahrgang nach dem von Florian sogar nur 23 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hat – mehr haben die Prüferinnen und Prüfer nicht als geeignet befunden.

Auch andere Feuerwehren scheinen vor diesem Problem zu stehen: So schreibt der Pressesprecher der Feuerwehr Düsseldorf, Stefan Gobbin, im September 2019, dass die Teilnehmerzahlen in den Ausbildungslehrgängen zwar durch eine große Ausbildungsoffensive gesteigert worden seien. Fakt sei aber auch, dass für die reinen Bewerberzahlen in Düsseldorf ebenfalls eine „in den letzten Jahren rückläufige Tendenz“ festgestellt worden sei.

Viele Voraussetzungen für den Job bei der Feuerwehr

Die Gründe, warum einem Bewerber oder einer Bewerberin letztendlich kein Ausbildungsplatz angeboten wird, sind sehr vielseitig. Darunter fallen unter anderem das Nicht-Bestehen des schriftlichen bzw. physischen Einstellungstests, aber auch die nicht bestandene amtsärztliche Untersuchung. Prozentual gesehen hält sich die Durchfallquote über die letzten Jahre auf gleichbleibendem Niveau.

Um überhaupt bei der Feuerwehr anfangen zu können, muss man außerdem eine „der Feuerwehr zuträgliche Ausbildung“ absolviert haben. Das sind vor allem handwerkliche Berufe, mittlerweile aber auch Berufe im Garten- und Landschaftsbau und aus dem Bereich Rettungsdienst oder der Krankenpflege. Erfahrungsgemäß hätten besonders Abiturienten, die nach dem Studium zur Feuerwehr kommen, Schwierigkeiten bei der Feuerwehrausbildung, da ihnen das handwerkliche Verständnis fehle. Deshalb sei diese Vorausbildung so wichtig.

Ein angehender Feuerwehrmann löscht einen simulierten Brand auf dem Ausbildungsgelände.

Neben Kraft, Ausdauer und Koordination braucht ein Feuerwehrmann technisches Verständnis, eine gute Auffassungsgabe und abstraktes Denken. „Wir werden in Situationen gerufen, in denen der Normalbürger nicht weiter weiß. Da ist es wichtig, Probleme zu erkennen und selbstständig lösen zu können“, sagt Kerker. Um geeignete Kandidaten zu finden, hat die Feuerwehr mittlerweile andere Lösungen entwickelt. So gibt es eine kombinierte Ausbildung, bei der erst zur Notfallsanitäterin oder zum Notfallsanitäter und anschließend zur Brandmeisterin oder zum Brandmeister ausgebildet wird. Auch an Schulabgängerinnen und Schulabgänger könne die Feuerwehr sich nun direkt wenden, sagt Kerker. In Kooperation mit der Stadt kann der potenzielle Nachwuchs erst eine klassische Ausbildung absolvieren und danach direkt zur Feuerwehr wechseln.

Nur eine Bewerbung

Teil der Grundausbildung ist auch ein zweiwöchiger ABC-Lehrgang, zu dem die Übung mit dem Gefahrguttransporter gehört. ABC steht für „atomar, biologisch, chemisch“. Hier lernen die zukünftigen Feuerwehrmänner und -frauen, wie sie sich in einem Einsatz mit Gefahrstoffen verhalten müssen. Nach dem morgendlichen Theorieunterricht geht es, in kleinere Gruppen unterteilt, an die Praxis. Florian und seine zwei Kolleginnen und 24 Kollegen aus dem Ausbildungslehrgang müssen bei jedem Wetter den Extremfall üben.

Heute sind es an die 30 Grad auf dem großen Innenhof der Wache 8 in Eichlinghofen. Nach der Übung unter Atemschutz geht es direkt in den Chemikalienschutzanzug, der noch besser vor Gefahrenstoffen schützen soll. Arbeiten unter Extrembedingungen. Noch relativ frisch klettert Florian in den Anzug – mit Hilfe eines Kollegen, alleine kommt er da nicht rein: Einen Blaumann, zwei paar Handschuhe übereinander und ein Atemschutzgerät mit Atemluftflasche trägt er unter dem dicken Gummi.

Der Anzug hält alles ab, behält aber auch alles darin: Schweiß und der eigene Atem lassen das Sichtfenster beschlagen, das Florian immer wieder freiwischen muss. Hinzu kommt die Hitze, die eingeschränkte Bewegungsfreiheit und bei dieser Übung der Nebel, der die Sicht noch schwieriger macht: „Es ist echt unangenehm, in diesen Anzügen zu arbeiten. Alle Sinne sind eingeschränkt. Man muss sich wirklich konzentrieren, was man als nächstes macht“, sagt Florian. Gemeinsam mit zwei Kollegen kümmert er sich um die auslaufende Flüssigkeit. Damit sie nicht im Kanal landet, muss der Gullideckel mit einer speziellen Technik und einer Art Luftkissen verschlossen werden. Nach der Übung ist Florian komplett durchgeschwitzt.

Der Gullideckel wird mit einer speziellen Technik verschlossen, damit keine gefährlichen Stoffe hineinlaufen.

Zur Feuerwehr wollte Florian nicht immer, auch, wenn es für ihn ein „kleiner Kindheitstraum“ war. Nach dem Schulabschluss machte er eine Ausbildung zum Forstwirt, arbeitete sechs Jahre in dem Beruf und holte anschließend sein Fachabi nach. Nach seinem Bachelorstudium in Forstwirtschaft in Erfurt startete er zunächst mit dem Master. Schon mit 18 trat er in die freiwillige Feuerwehr ein: „Während meines ersten Mastersemesters habe ich mich dann in Dortmund bei der Feuerwehr beworben.“ Nur ein Versuch sollte es sein. Florian bestand den Einstellungstest und bekam den Ausbildungsplatz. „Für mich war das der Start in einen neuen Lebensabschnitt, der vieles verändern wird. Gleichzeitig war mir aber auch klar, dass es in den nächsten zwei, drei Jahren nochmal richtig anstrengend für mich wird.“

Durch sein Studium ist Florian Quereinsteiger in den Beruf. Statt 18 Monate dauert seine Ausbildung 24 Monate. Danach wird er zum „Brandoberinspektor“ ernannt. Im Gegensatz zum Brandmeister gehört er damit zum sogenannten „gehobenen Dienst“ und trägt zum Beispiel in einem Einsatz mehr Entscheidungsverantwortung als seine Kollegen.

Einstiegsgehalt nach der Ausbildung
Nach der Besoldungstabelle für Beamte in NRW startet Florian als fertiger Brandoberinspektor mit A10, also 2870€ brutto.  Das Einstiegsgehalt erhöht sich mit der Berufserfahrung. Fertig ausgebildete Brandmeisterinnen und Brandmeister steigen mit A7, also 2418€ monatlich, ein.

Zusätzlich bekommen Feuerwehrleute eine monatliche Gefahrenzulage von etwas mehr als 130€. Außerdem gibt es Zulagen für Dienste zu ungünstigen Zeiten, zum Beispiel nachts, an Wochenenden oder Feiertagen, denn eine Schicht geht bei der Feuerwehr meist 24 Stunden lang.

Durch sein Studium fühlt Florian sich gut auf seine Ausbildung bei der Feuerwehr vorbereitet. „Zum einen habe ich dort nochmal viele naturwissenschaftliche und technische Grundlagen wiederholt und vertieft, was jetzt bei der Feuerwehr in ganz vielen Bereichen eine große Rolle spielt.“ Zum anderen sei er durch Vorlesungen zu rechtlichen Grundlagen, Arbeitsrecht und Recht mittlerweile geübter darin entsprechende Texte zu lesen, zu deuten und später anzuwenden. „Am brauchbarsten ist aber, dass man als Förster lernt, selbstständig wichtige Entscheidung zu treffen und diese entsprechend zu verantworten hat.“

Verantwortung übernehmen

Die besondere Verantwortung der Auszubildenden ist auch Ausbilder Klaus Thülig wichtig: „Wenn hier bei der Feuerwehr etwas schief geht, dann kommt meistens jemand zu schaden. Viele der Auszubildenden sind so jung, dass sie sich der Tragweite ihrer Handlung gar nicht bewusst sind.“

Ausbilder Klaus Thülig erklärt, worauf die angehenden Feuerwehrleute beim Befreien einer Person aus einem Fahrzeug achten müssen.

Einige Wochen nach dem ABC-Lehrgang versucht Thülig, den Auszubildenden diese Verantwortung bei einer Übung zur technischen Hilfe zu vermitteln.  Dazu gehört zum Beispiel, nach einem Unfall eine eingeklemmte Person aus einem Fahrzeug zu befreien. Nachdem die Gruppe die verschiedenen Geräte kennenlernen und ausprobieren durfte, stellen sich alle zur Besprechung unter den Pavillon. Was die Auszubildenden bislang nicht wissen – Klaus Thülig spricht aus eigener Erfahrung: „Bei einem Unfall wurde ich selbst mal eingeklemmt, mein Bein war gebrochen“, erzählt er. Die Gruppe der Auszubildenden schaut ihn an und die leisen Gespräche verstummen in der Hitze auf dem Übungsplatz am Ausbildungszentrum in Dortmund-Eving. Dass das hier nicht nur Spaß ist, das müssen die jungen Feuerwehrleute lernen.

Florian zerschneidet unter Anleitung von Klaus Thülig das erste Mal ein Autowrack.

„Tun Sie’s, nun machen Sie schon“, ruft Thülig den Auszubildenden zu, wenn es ihm zu lange dauert, bis sie den richtigen Winkel zum Zerschneiden der Tür gefunden haben. In so einer Situation kann es um Leben und Tod gehen, und die Auszubildenden müssen früh lernen, mit dem Druck umzugehen. „In der Feuerwehr gibt es feste Hierarchien und Strukturen, und die müssen im Ernstfall genauso funktionieren“, sagt Thülig. Wenn er als Ausbilder sagt, was zu tun sei, müsse das umgesetzt werden. Zeit zum Diskutieren gibt es im Ernstfall nicht. Wichtig sei es auch, den Tonfall nicht zu ernst zu nehmen. Im Einsatz könne man auch mal laut werden: „Da muss man zwischen privat und beruflich unterscheiden können.“

Fit bleiben für den Ernstfall

Neben den Einsätzen müssen die angehenden Brandmeister weiterhin viel für ihre Fitness tun. Florian gefällt das: „Wir machen dreimal die Woche Sport. Während andere dafür extra ins Fitnessstudio müssen und Gebühren zahlen, gehört das zu unserem Job.“ Kraft und Kondition braucht er schon bei der Probe für den Ernstfall: Bei der Übung ist Florian im Angriffstrupp und gehört damit zu den Leuten, die als erstes zum Unfallort gehen. Auch diesmal ist seine oberste Priorität, die eingeklemmte Person zu befreien. Wegen der Temperaturen von mehr als 40 Grad dürfen die Auszubildenden ausnahmsweise die Feuerwehrjacken auslassen. Die Rettungsscheren wiegen etwa 20 Kilogramm und können rund 60 Tonnen drücken oder spreizen – diese Schere aus einer „bescheidenen“ Position zu halten, sei gar nicht ohne, sagt Florian: „Das ist eine Mischung aus Muckibude und gleichzeitig alles theoretisch Gelernte umsetzen. Ich frage mich dann nur noch, was am schnellsten zum Ziel führt.“

Florian kümmert sich um die verletzte Person im Auto – in diesem Fall zum Glück nur ein Dummy.

Die eingeklemmte Person – auch diesmal ein Dummy – wird Schritt für Schritt aus dem eingedellten Fahrzeug befreit. Die Heckscheibe klirrt und zerbricht in kleine glitzernde Stücke, die auf den Boden fallen. Schnell schiebt einer von Florians Kollegen sie zur Seite. Der Patient muss in einer liegenden Position auf einer Trage durch den Kofferraum aus dem Fahrzeug gebracht werden. Falls er oder sie eine Verletzung an der Wirbelsäule hat, kann das lebensrettend sein. Ein lautes Knallen ertönt, als die Scharniere der Fahrertür dem Druck der Rettungsschere nachgeben. Nach 25 Minuten ist der Patient aus dem Fahrzeug befreit. Klaus Thülig ist mit der Arbeit seiner Schützlinge zufrieden. Florian ist erleichtert, dass alles so gut geklappt hat: „Gerade an so einem heißen Tag war es extrem anstrengend, mit den schweren Geräten zu arbeiten und ich habe gemerkt, wie ich so langsam die Kraft verloren habe. Aber wenn man irgendwo eine helfende Hand braucht, sind die anderen Jungs sofort da. Das war wirklich gut.“

*Kurt-Reporterin Fabienne Rink hat Florian Weber im Juli 2019 – noch vor der Corona-Pandemie – besucht.

Beitragsbild und Bilder im Text: Fabienne Rink

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