Wenn der Alkohol auf Partys zum Zwang wird

Es ist 23.30 Uhr am Freitagabend: Während einige Partygäste inzwischen das fünfte oder sechste Glas Alkohol bechern, halten andere nur ein Glas Cola in der Hand. Sei es der bevorstehende 1. Mai, Karneval oder Hauspartys – Bierkästen und rote Plastikbecher sind nicht wegzudenken. Trotzdem werden junge Menschen, die ohne Alkohol feiern möchten, immer wieder bedrängt.

Wenn Student Felix (21) mit seinem Auto in der Nacht von der Party wieder zurück möchte oder am nächsten Tag früh zur Vorlesung muss, dann kann er auch ohne Alkohol feiern gehen. „Da bin ich ganz strikt, lehne ab und sage: Nein, ich fahre heute Auto„, sagt Felix. Das ständige Sich-erklären-müssen bleibe nie aus. Er ist gezwungen, immer wieder angebotene Getränke abzulehnen oder wird mit wiederholten Fragen konfrontiert. Dabei ist Felix längst kein Einzelfall. Besonders auf Partys ist Alkohol die gängigste, legale Droge.

Fakten über Alkohol
Alkohol ist ein starkes Zellgift für den Körper. Negative Folgen von zu viel Alkohol sind Schwindel, undeutliches Sprechen, Gleichgewichtsstörungen bis hin zum Verlieren der Warnsignale oder der Ohnmacht. Je mehr und öfter getrunken wird, desto höher ist die Gefahr, abhängig zu werden. Vom Rauschtrinken, oder auch Binge-Drinking, spricht man ab einer Menge von fünf Gläsern Alkohol bei Männern und vier Gläsern bei Frauen. Eine Langzeitstudie zeigt außerdem, dass das Gehirn bereits geschädigt wird, wenn regelmäßig auch nur kleine Mengen Alkohol getrunken werden. Mit dem Online-Selbstcheck auf der „Kenn dein Limit“-Website kann zudem gecheckt werden, wie es um den eigenen Alkoholkonsum steht.

Genereller Alkoholzwang auf Partys

Student Felix (21)

Während Felix auf Partys manchmal gar nicht trinkt, ist er an anderen Tagen wiederum offener, mehr Alkohol zu konsumieren. Weil der 21-Jährige heute keine Vorlesung hat, läuft er gut gelaunt mit Freunden und einem Bier in der Hand über den Campus. Er erzählt, dass auf Partys sehr häufig Leute zu ihm kommen und sagen: „Komm, hab dich nicht so, trink was mit!“ Dadurch, dass Felix gut „Nein“ sagen kann, ist das kein großes Problem für ihn. Andere Partygänger sind aber vielleicht nicht so selbstbewusst. Oft sind junge Erwachsene durch die ständige Konfrontation eingeschüchtert und leichter zu beeinflussen, so Jonas Picht von der Suchtberatungsstelle der Diakonie, die bei der Prävention hilft.

Die eigene Haltung ist entscheidend.

Jonas Picht

„Wenn vorher festgelegt wird, wie man in diesen Situationen reagieren will, kann das sehr helfen“. Grundsätzlich raten Experten zur Ehrlichkeit bei öfterem Bedrängnis, aber auch eine Notlüge sei nicht verwerflich. Ein Grund für das Aufzwingen von Alkohol in geselligen Runden könne die Stimmung sein. „Viele Partygäste möchten eine gute Stimmung erzeugen und denken, wenn jemand nicht trinkt, könne dies die Stimmung im Gesamten drücken“, erklärt Picht. Student Felix: „Wenn ich doch mal was trinke, dann weil es gemütlich ist.“ Neben der Stimmung und dem Gemütlichkeitsfaktor sei ein anderer Grund oft der Kontrollmechanismus. „Es kommt vor, dass Partygäste möchten, dass die vielleicht einzige, nicht-trinkende Personen ihre Kontrolle ein Stück weit verliert“, sagt Picht. Felix muss allerdings  zugeben, dass er sich selbst auch schon dabei ertappt hat, wie er seine Freunde zum Trinken animieren wollte. „Wenn sie wirklich nicht können, dann ist das okay“, sagt er. „Wenn mein Kumpel aber keine Lust hat zu trinken und keine wirkliche Ausrede wie das Autofahren hat, dann sag ich auch schonmal, dass er mittrinken soll.“

Die Kampagne „Alkohol? Kenn Dein Limit“ von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) geht gezielt gegen Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen vor. Die telefonische Suchtberatungsstelle erklärt, dass die Leichtsinnigkeit im Umgang mit Alkohol auch auf die Generation der jungen Erwachsenen zurückzuführen ist. „Heute sind härtere Getränke für junge Menschen noch zugänglicher als früher, da sie finanziell besser aufgestellt sind“, so die Initiative.

Alkoholkonsum geht zurück

Eine repräsentative, deutschlandweite Studie der BZgA zeigt, wie viel junge Leute zwischen 12 und 25 Jahren tatsächlich trinken. Schon mit knapp 15 Jahren trinken Jugendliche ihr erstes Glas Alkohol. Der Durchschnitt lag im Jahr 2004 noch bei 14,1 Jahren. Das Gerücht, dass Jugendliche also immer früher trinken, stimmt laut Studie also nicht. Im Alter zwischen 18 und 25 Jahren haben dennoch 96 Prozent in ihrem Leben schon einmal Alkohol konsumiert. Von einem regelmäßigen Alkoholkonsum wird übrigens erst gesprochen, wenn „mindestens einmal pro Woche“ zum Alkohol gegriffen wird. Seit den 70er-Jahren geht der so definierte Konsum zurück. Regelmäßig trinken 38 Prozent der 18- bis 25-Jährigen.

Der Richtwert für einen „risikoarmen“ Konsum liegt für Männer bei zwei Standardgläsern pro Tag. Die enthalten zwischen zehn und zwölf Gramm reinen Alkohol. Frauen sollten nur eines davon trinken. Damit wäre es also für diese unbedenklich, ein Glas Bier (0,25 Liter) oder ein Glas Wein (0,1 Liter) zu trinken. „An zwei Tagen pro Woche sollte gar kein Alkohol getrunken werden. Ansonsten ginge es schon in Richtung einer Suchtentwicklung“, so die Suchtberatungsstelle der „Kenn dein Limit“-Kampagne.

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