Zwischen Sucht und Unterhaltung: Der TikTok-Algorithmus und seine Folgen

Ein geleaktes Dokument in der New York Times zeigt: Die Social-Media-Plattform „TikTok“ macht mit ihrem Algorithmus die User*innen absichtlich abhängig. Doch wie können wir abhängig werden und wie kann es uns beeinflussen? Können wir dem entgegensteuern und wie?

Yasmin Beilenhoff (20), angehende kaufmännische Fremdsprachenassistentin, hat genau dieses Problem bei sich bemerkt. Ein Algorithmus merkt sich mit der Nutzung jeden Kommentar, Like und sogar die Verweildauer auf jedem einzelnen Video.

„Es nimmt sehr viel Zeit ein und du bist sehr oft auf dieser App, also konsumierst du jedmögliche Art von Content.“ – Yasmin Beilenhoff

Dadurch generiert er den perfekten Feed, sodass Nutzer*innen nur die Inhalte sehen, die sie potenziell interessieren. Das klingt erst mal gut und schön, veranlasst Nutzer*innen jedoch dazu, die App immer öfter und länger zu nutzen.

Wie werden wir abhängig?

Öffnet man TikTok, wird man direkt mit einer Flut an Videos begrüßt. Bewegende Elemente, der Feed geht nie zu Ende und die Möglichkeit, selber TikToks zu veröffentlichen. Solche Faktoren würden den reizenden Charakter der App unterstützen, sagt Johanna Schäwel, Medienpsychologin und wissenschaftliche Arbeiterin an der Uni Hohenheim. Konsument*innen hätten dadurch einen stärkeren Drang, die Plattform häufiger zu nutzen.

„Wir fühlen uns eher angesprochen, weil unsere Interessen adressiert werden. Das führt dazu, dass wir es häufiger konsumieren und der Algorithmus dahinter lernt.“ – Johanna Schäwel

Indem uns immer neue Inhalte vorgeschlagen werden, bekommen wir immer mehr Möglichkeiten, etwas zu liken und zu teilen. Im Nachhinein bekommen wir genau das angezeigt, was uns zurzeit interessiert. Auch Yasmin findet sich dort wieder: „Man scrollt dann auf einmal 30 Minuten, aber findet dann auch echt interessante Videos.“ Für sie ist die ständige Swipemöglichkeit gefährlich, da immer „Content auf Content“ folgt.

Doch Schäwel merkt an: „Nicht Jede*r wird durch solche Reize abhängig.“ Es sei nämlich wichtig, zwischen Grad der Abhängigkeit und der Nutzungsintention zu differenzieren. Manche verfügen zwar über eine Tendenz zu einer häufigeren Nutzung, doch tatsächlich süchtig sind nicht alle. Menschen mit einer krankhaften Abhängigkeit merken dies an der eigenen Vernachlässigung von echtem Leben und dem Empfinden von Schuldgefühlen. Dann sei laut der Medienpsychologin auch ernsthafte Hilfe gefragt.

So beeinflusst uns die Abhängigkeit

Besonders junge Leute sind mit ihrer Persönlichkeitsentwicklung am ehesten beeinflussbar. Durch Inhalte, die dann in unserem Feed immer wieder auftauchen, kann eine Art „Bias“ entwickelt werden. Schäwel erklärt, dass dies eine kleine Realitätsverzerrung bedeutet. Nutzer*innen halten die Themen für extrem relevant für all ihre Mitmenschen und nicht nur für sich. Yasmin schildert in ihren Erfahrungen ebenso dieses Problem: „Man wird schnell in etwas reingezogen und dann glaubt man daran.“ Sie selber hält sich nicht für süchtig, aber erkennt eine gewisse Abhängigkeit in der Nutzung. 

„Man muss schon Grenzen setzen, weil es ablenkt. Man muss ehrlich zu sich sein, also wie viel Social Media lasse ich in meinem Leben zu.“ – Yasmin Beilenhoff

Yasmin berichtet sogar, dass sie die Social-Media-Plattform schon mehrfach gelöscht hat. Ab einem gewissen Punkt sei es für sie keine Unterhaltung gewesen. Stattdessen fühlte sie sich nur noch mit negativen Inhalten und Gefühlen konfrontiert: „Ich möchte nicht, dass ich mich wegen einer App so fühle.“

Können wir dem entgegensteuern?

Gerade weil „soziale Medien so gestrickt sind, zeigen sie uns das, was wir sehen wollen“, erläutert Schäwel. Es kann dann umso schwieriger sein, dagegenzuwirken. Die Medienpsychologin betont, wie wichtig die Medienkompetenz bei jungen Leuten ist. Nutzer*innen sollen die App bewusst konsumieren und die Inhalte kritisch hinterfragen und reflektieren. Damit wäre man weniger anfällig für einen übermäßigen Konsum. Sie merkt jedoch an: „Diese Kompetenz ist keine Rundumwaffe. Wir können nicht in jeder Situation dieses kognitive Wissen abrufen und können trotzdem durch Stimmungen beeinflusst werden.“ 

Die Plattform komplett vom Handy zu löschen, sei keine Lösung, denn „heutzutage ist es fast nicht möglich, solche Plattformen aus dem Alltag zu eliminieren“, wie Schäwel erklärt. Die sozialen Medien sind Teil unserer Gesellschaft und damit auch unseres Alltags. Um dem übermäßigen Konsum effektiv entgegenzusteuern, nennt die Medienpsychologin das Ziel der Balance zwischen Smartphone-Nutzung und den Face-to-Face-Aktivitäten. Es sei wichtig, seine sozialen Kontakte im echten Leben zu pflegen und zu stärken. Man soll sich dabei die Frage stellen: Tut mir der Social-Media-Konsum gut oder nicht und wie intensiv möchte ich die Plattformen nutzen?

Bewusster Konsum schützt vor Unwohlsein

Toxische Inhalte melden, eigene Followerlisten auszusortieren und auch mal „wegscrollen“ können dabei helfen, einen viel bewussteren Konsum zu erreichen. Yasmin hat schon mehrmals „Digital Detox“ gemacht und sich eine Zeit lang von Social Media distanziert. Mittlerweile schließe sie TikTok sofort, wenn sie sich mit dem Konsum unwohl fühlt.

Bleibt nur noch die Frage, inwieweit Betreiber erlaubt sein sollten, ihre Nutzer absichtlich abhängig zu machen. Schäwel äußerte sich dazu mit den Worten: „Man sollte nicht die Erlaubnis haben, Menschen absichtlich abhängig zu machen. Abhängig machen heißt krank machen.“

Beitragsbild: Ajla Mahmutovic 

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