Eichenprozessionsspinner: Gekommen, um zu bleiben

Foto: RJA Meijer (CC-by-SA GFDL)

Zwei Konzerte des „MusikSommer Fredenbaum“ im Fredenbaumpark und das Familienfest der Bosnier im Volksgarten Mengede wurden abgesagt. Der Grund: der Eichenprozessionsspinner. Das massenhafte Auftreten der Raupe sorgt für großflächige Sperrungen von Grünflächen und vorübergehende Schließungen von Kitas und Schulen. Die Situation in diesem Sommer ist deutlich drastischer als in den Jahren zuvor, könnte in Zukunft aber zum Dauerzustand werden.

Bereits die Zahl an sich wirkt absurd hoch: 400 Bäume sind im Fredenbaumpark von Eichenprozessionsspinnern befallen. Bis der Großteil der Raupen und deren Nester, sogenannte Gespinste, entfernt sind, werden Wochen vergehen. Bei den Arbeiten kommt es immer wieder zu Verzögerungen. „Kitas und Schulen haben Vorrang“, erklärt Christian Schön, Pressereferent der Stadt Dortmund zum Thema Umwelt. Jeder neue Fall führe zu einer Unterbrechung der Arbeiten im Fredenbaumpark. Für Schön hat sich die Situation im Vergleich zum Vorjahr verschlimmert: „Wir erleben mehr als eine Verdopplung der Fälle, die Lage ist extrem.“ Wegen Massenaufkommen von Eichenprozessionsspinnern wurden auch Teile des Schulte-Witten-Parks und der Friedhöfe in Wischlingen und Kemminghausen gesperrt.

Notwendig sind die aufwendigen Arbeiten, weil die Raupen in ihrem aktuellen Stadium giftige Brennhaare am Körper tragen. Diese enthalten ein Nervengift, das beim Kontakt mit der Haut zu Hautausschlägen mit intensivem Juckreiz führt. Gelangen die Härchen in die Atemwege, lösen sie Atemnot, Asthmaanfälle oder einen mitunter lebensbedrohlichen allergischen Schock aus. Förster Ulrich von Mirbach meidet deshalb so gut es geht Waldbereiche mit Eichenprozessionsspinner-Befall. „Man sagt, dass die Wahrscheinlichkeit steigt, eine Allergie zu entwickeln, je häufiger man mit den Härchen in Berührung kommt“, begründet er seine Entscheidung.

Umstrittenes Vorgehen

„Man muss befürchten, dass es ein Dauerzustand wird.“ Foto: Ulrich von Mirbach

Um die Gefahr einer Begegnung zwischen Mensch und Tier zu minimieren, setzt die Stadt Dortmund auf einen Baumdienst, der die Gespinste samt Raupen beseitigt. Dafür werden sie in einigen Fällen zunächst noch mit Sprühkleber fixiert, damit die Härchen an Ort und Stelle bleiben, anschließend abgesaugt und verbrannt. Das Vorgehen ist vergleichweise umweltschonend, aber kostenintensiv. „Absaugen und verbrennen ist zwar sehr effektiv, aber mit Kosten bis zu 1000 Euro pro Baum für großfächige Anwendungen einfach nicht realistisch“, erklärt Förster von Mirbach. Solange die Raupen noch keine giftigen Härchen haben, kann auch der Einsatz chemischer Mittel sinnvoll sein. Allerdings sind die Eingriffe in das Ökosystem dabei ungleich größer.

Ob es dieses Vorgehen wert ist, um einen vermeintlichen Schädling einzudämmen, steht auf einem anderen Blatt. Schließlich stellt der Eichenprozessionsspinner auch eine Nahrungsquelle für Vögel dar. Seine genaue Bedeutung für die Umwelt ist noch nicht einmal bekannt.“Den Eichenprozessionsspinner an sich können und wollen wir auch nicht ausrotten. Da müssen wir auch einfach eine neue Art Demut lernen: Wir können nicht alles kontrollieren, was wir wollen“, resümiert von Mirbach.

In Dortmund hat sich die wehrhafte Raupe erst im vergangenen Jahr ausgebreitet. Für Henrik Kügler, Bauleiter des in Dortmund zuständigen Baumdienstes, ist sie hingegen eine alte Bekannte. „Das erste Mal haben wir Eichenprozessionsspinner im Jahr 2006 im Kreis Wesel entfernt. Seitdem sind die Zahlen stetig gestiegen.“ Auch der trockene Sommer vergangenes Jahr ist dafür verantwortlich, dass die Population dieses Jahr so explodiert ist. Bleiben Kälte und Niederschläge aus, vermehren sich die Insekten prächtig. Einen wissenschaftlich nachgewiesenen Zusammenhang zum Klimawandel gibt es bisher nicht, aus seiner praktischen Erfahrung hält ihn Förster von Mirbach dennoch für wahrscheinlich: „Solche über zehn Jahre anhaltenden Massenvermehrungen gab es in dieser Form einfach noch nie. Man muss fast befürchten, dass es ein Dauerzustand wird.“

Immer mehr Begegnungen

Das führt zwangläufig dazu, dass auch immer mehr Menschen in ihren eigenen Gärten auf Eichenprozessionsspinner treffen werden. Wer die Raupen auf seinem Grundstück vorfindet, muss sich um die Beseitigung kümmern. Handelt es sich nur um ein einzelnes Nest, rät von Mirbach, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Dabei sollte man sich dem Nest jedoch nur mit Einmalschutzkleidung, Atemmaske und mit dem Wind nähern. Alle Vorsichtigen sollten besser bei einer Spezialfirma anrufen. Deren Einsatz kostet aber meist eine Menge Geld.

Aktuell befindet sich die Problematik um den Eichenprozessionsspinner auf ihrem Höhepunkt. In wenigen Wochen, spätestens jedoch Anfang Juli, werden sich die Raupen verpuppen. Als Schmetterlinge lassen sie ihre alte Hülle und damit auch ihre giftigen Härchen in ihren Kokons und diese wiederum in ihren Nestern zurück. Bis auf gelegentlich durch die Luft gewirbelte Härchen wird der Mensch wieder für ein Jahr seine Ruhe haben. Zeit genug also, um sich auf den nächsten Massenansturm der Eichenprozessionsspinner einzustellen. Denn der wird kommen. Davon ist der Förster überzeugt. Und bisher haben sich die Raupen fast ausschließlich auf die namensgebenden Eichen als Futterquelle beschränkt. Für Ulrich von Mirbach gibt es aber noch ein weiteres Szenario: „Wird der Konkurrenzdruck erst einmal zu hoch, suchen sich die Raupen Alternativen.“ Damit wird es in den kommenden Jahren zunehmend unsicher, welche Parks Anfang Juni überhaupt ihre Tore für Besucher öffnen können.

Tipps für Prävention und Notfall

– Prävention: Haut großflächig bedecken
-> besonders gefährdet: Gesicht, Hals, Ellenbogeninnenseite
– Symptome: Juckreiz, Rötungen der Haut und Atemnot
– Im Notfall: Duschen und Haare waschen, sofort Kleidung wechseln und in der Maschine waschen
-> betroffene Stelle kühlen und antiallergische Medikamente oder kortisonhaltige Salbe auftragen

 

 

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