Kommentar: Warum Grauzonenbands keine Songs covern sollten


Wer Die Ärzte und Kraftklub hört, ist im politischen Spektrum links anzusiedeln. Wer mit Neonazis marschiert und gerne Hundekrawatten trägt, ist am rechten Rand einzuordnen. Doch natürlich gibt es auch politische Grauzonen. Diese werden gerade wieder von der Südtiroler Band Frei.Wild ausgereizt. Auf einem Coveralbum verwursten sie Songs von Den Ärzten, Feine Sahne Fischfilet und Co. Das ist sehr gefährlich. Ein Kommentar.

Jeder 12-Jährige, der schon einmal eine winzige Prise Punkmusik eingehaucht bekommen hat, kann „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten mitsingen. Das ist auch gut so. Markantes Riffing, griffige Melodie und ein Text, der auch heute noch nichts an Aktualität eingebüßt hat (leider!).
Was dann doch neu ist: Ab jetzt grölen auch Fans von Frei.Wild diesen Text mit und lassen sich das herausgebrüllte „Arschloch“ auf der mit braunen Flecken durchzogenen Zunge zergehen.
Die selbsternannte „Definitiv-Nicht-Grauzonenband“ und „Patriotisch-wird-man-ja-wohl-sein-Band“ hat nämlich das Album „Unsere Lieblingslieder“ veröffentlicht und covert auf diesem Songs von K.I.Z., Kraftklub, Feine Sahne Fischfilet und anderen „Lieblingsbands“. Das ist so, als würde Alexander Gauland sich bei der Antifa bewerben. Lächerlich und definitiv nicht ernst gemeint.

So weit, so schlecht.

Das perfide an der Aktion ist allerdings genau diese Songauswahl, die eben beim zweiten hinhören nicht mehr wirklich willkürlich erscheint. Wenn Kraftklub auf „Schüsse in die Luft“ singen: „Ich ziehe in den Krieg, aber keiner zieht mit“ und später: „Oder gib die Schuld ein paar anderen armen Schweinen / Hey, wie wär’s denn mit den Leuten im Asylbewerberheim“, dann ist das erst einmal ein Aufruf zum Widerstand gegen die „Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Fraktion“ und die „Gutmenschen-Hasser“ und gleichzeitig eine satirische und zynische Sichtweise auf das Deutschland im aktuellen Jahrzehnt. Nun stelle man sich aber vor, diese Zeilen werden gesungen, während im Publikum dann doch der Montagsabendstammtisch und die Böhsen-Onkelz-Gedächtnisfans stehen. Da klingt Kraftklubs Text plötzlich nicht mehr ganz so unterstützenswert. Wogegen ziehen denn Frei.Wild in den Krieg? Bestimmt nicht gegen die AfD und Montagsdemos.

Auf der rechten Überholspur

Oder wenn K.I.Z. sich in „Wir“ selbst als Götter anpreisen und ihre Fans – sicherlich auch hier schon grenzwertig – als Untermenschen bezeichnen, dann wird einem spätestens schlecht, wenn das Ganze durch die neue Interpretation einen martialischen und fast ernst gemeinten Unterton bekommt. Wo bei K.I.Z. auf Konzerten die linke Faust im Takt geballt wird, bounct bei Frei.Wild dann vielleicht doch eher die rechte, ausgestreckte Hand mit.
Und wenn Frei.Wild bei „Schrei nach Liebe“ die bekannte „zwischen Störkraft und den Onkelz“-Zeile übernehmen, dann ist das nicht mal mehr perfide, sondern einfach nur hanebüchen, wo doch Frei.Wild die Böhsen Onkelz schon lange von rechts überholt haben.

Gefahr zwischen den Zeilen

Gefährlich wird es dann, wenn sich die Botschaften der Songs plötzlich augenscheinlich umdrehen und dann zum Sprachrohr der falschen musikalisch-politischen Fraktion werden.
Bedenklich wird es dann, wenn junge Menschen über solche Coversongs mit Frei.Wild oder „schlimmeren Bands“ in Berührung kommen. Einen YouTube-Klick weiter gibt’s dann nämlich feinste lyrische Ergüsse, wie: „Kreuze werden aus Schulen entfernt / aus Respekt
vor den andersgläubigen Kindern […]. Das ist das Land der Vollidioten / Die denken, Heimatliebe ist gleich Staatsverrat / Wir sind keine Neonazis und keine Anarchisten / Wir sind einfach gleich wie ihr, von hier“ (Das Land der Vollidioten, Frei.Wild).
Wer sich in Texten erklären und rechtfertigen muss, kein Neonazi zu sein, der ist bestimmt kein Neonazi. Und wer es im gleichen Text erst schlimm findet, dass andere Kinder ihre Religion ausüben dürfen und dann später Anarchisten auf eine Stufe mit Neonazis stellt, der kann ja nur friedlich sein.
Sarkasmus beiseite.

Warum das so gefährlich ist

Junge Menschen, die vielleicht gerade anfangen, sich eine politische Meinung und einen Musikgeschmack aufzubauen, werden durch solche Aktionen extrem beeinflusst. Ich kann nicht ein Coveralbum herausbringen, das „Unsere Lieblingslieder“ heißt und dann das Cover noch wie ein Bilderbuch gestalten. Und ich kann dann nicht kommentarlos und ohne die betreffenden Bands zu fragen, Songs covern, die absolut nicht meinem Meinungsbild entsprechen.
In dem Moment, wo nicht mehr bemerkbar ist, dass es sich hiermit um eine bitterböse Satire und einen Seitenhieb nach links handelt, betreibe ich Stimmenfang für ein falsches Meinungsbild.
Das Album als Trojanisches Pferd, aus dem plötzlich lauter kleine Hassbotschaften springen und die Ohren Unwissender angreifen. Viel zu gefährlich.

 

Beitragsbild: Paul Littich

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