Biologische Schädlingsbekämpfung – die Zukunft der Landwirtschaft?

Leid für Ökosysteme und Biodiversität – dass chemische Pestizide ausgedient haben, ist keine sonderlich kontroverse Meinung. Aber was ist die Alternative? Hat ein deutsches Unternehmen sie in Form von verkapselten Nützlingen gefunden? Und wie sieht es mit biologischen Pestiziden aus?

Jedes Jahr kommt es zu rund 385 Millionen Pestizidvergiftungen bei Menschen. Das geht aus Daten der Vereinten Nationen (UN) hervor. Nicht nur Menschen, auch andere Lebewesen und komplette Ökosysteme leiden enorm unter chemischen Pestiziden. Das Europäische Umweltbüro hat daher im Februar erneut betont, dass ihr Einsatz rapide sinken muss. Wie das gelingen soll, ist aber noch offen. Forschung und Industrie betrachten unter anderem Nützlinge und biologische Pestizide als mögliche Alternativen.

Das Wirken von Nützlingen

Nematoden unter dem Mikroskop. Foto: e-nema

Nützlinge gibt es viele verschiedene, die meisten von ihnen sind Insekten oder Würmer. Sie alle wirken ähnlich, indem sie die entsprechenden Schädlinge als Nahrung oder Wirt nutzen und sie dadurch töten. Sobald es keine Schädlinge mehr gibt, sterben nach und nach auch die Nützlinge. Sie funktionieren also ohne weiteres Zutun. Die Aufgabe der Landwirt*innen ist, dafür zu sorgen, dass die Nützlinge die Schädlinge wohlbehalten erreichen, erklärt Michael Barth. Er ist Produktmanager der deutschen Biotech-Firma e-nema. Warum das Konzept doch nicht so einfach ist, wie es auf den ersten Blick scheint, beschreibt er am Beispiel der Nematoden.

Die etwa 0,5 Millimeter großen Fadenwürmer bekämpfen einige Schädlinge wie Trauermücken und werden in der deutschen Landwirtschaft vor allem für den Maisanbau im Schwarzwald eingesetzt. An der offenen Luft überleben Nematoden etwa zwei Stunden. In dieser kurzen Zeit müssen sie in den Schädling eingedrungen sein, um zu wirken. e-nema hat deshalb eine spezielle Verkapselung für Nematoden entwickelt. Die Kapseln werden bei der Aussaat mit in den Boden gebracht, wodurch sich die Lebenserwartung der Nematoden vor dem Eindringen in die Schädlinge stark erhöht.

Die Kapseln der Nematoden werden wie Düngegranulat zur Erde gemischt. Foto: e-nema

Eine Frage der Effizienz

Komplett problemlos ist diese Methode aber trotzdem nicht. Der Preis der Nematoden von etwa 800 bis 1200 Euro pro Hektar ist für Landwirt*innen höchst unattraktiv. Konventionelle Pestizide kosten im Vergleich maximal 200 Euro pro Hektar. Bei anderen Nützlingen sieht es ähnlich aus. Die einzige Möglichkeit, in der Landwirtschaft wettbewerbsfähig zu werden, sieht Michael Barth daher in Subventionierungen. Aufgrund der Priorisierung anderer Produkte hat e-nema die vom Land Baden-Württemberg aber nicht genehmigt bekommen. Darüber hinaus ist der Wirkungsgrad der Nematoden rund 20 Prozent geringer als bei vergleichbaren Pestiziden, sowohl chemische als auch biologische.

Biologische Pestizide: Skepsis und schwierige Zulassung

Als biologische Pestizide gelten Mikroorganismen wie Bakterien, Pilze oder Viren, die einen natürlichen Giftstoff bilden und dadurch Schädlinge töten. Damit sind sie chemischen Pestiziden in Nutzung und Wirkung recht ähnlich, wie Uwe Sonnewald, Biochemiker an der Uni Nürnberg-Erlangen, betont. „Auch biologische Pestizide wirken auf chemischer Ebene. Ob die Giftstoffe von einem Organismus kommen oder nicht, macht letztlich keinen Unterschied.“ Und genau das sei ein Kritikpunkt an ihnen. So zeige sich in Untersuchungen, dass auch für den Öko-Landbau zugelassene biologische Pestizide schädliche Auswirkungen auf die vorherrschenden Ökosysteme haben können.

Michael Barth, Produktmanager bei e-nema. Foto: e-nema

Die EU reagiert deshalb vorsichtig. Zum Unmut Michael Barths. „Wir müssen dieselben Testergebnisse zur Unbedenklichkeit unserer Produkte vorzeigen wie chemische Pestizide. Das ist völlig unangebracht.“ Insgesamt komme man durch die Tests schnell auf Zulassungskosten zwischen einer und zwei Millionen Euro. Und das erweise sich als großes Hindernis für viele Biotech-Startups. Die Konsequenz sei daher ein fehlender Markteinstieg für viele Produkte oder die Hilfesuche bei großen Konzernen. Diese hätten aber mehr Interesse daran, die lukrativeren chemischen Produkte weiter zu nutzen.

Letztlich fehle es wie auch bei den Nützlingen am Geld. Michael Barth blickt daher mahnend in die Zukunft. „Biologischer Pflanzenschutz hat ein großes Zukunftspotenzial, wird die chemischen Mittel in der Landwirtschaft ohne die Mithilfe staatlicher Akteure aber nicht verdrängen können.“

 

Beitragsbild: e-nema

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