Bis es nicht mehr geht

 

Nur Fitness hat ihm nicht gereicht. Beim Bodybuilding gibt Patrick alles. Zum zweiten Mal wird sich der 25-Jährige im nächsten Jahr auf der Wettkampfbühne messen. In der Vorbereitung fordern Training und Ernährung einen hohen Einsatz.

Jetzt im Sommer ist den Gästen im mäßig klimatisierten Sportforum Castrop schon vor dem Training warm. Patrick nimmt sich dennoch am Anfang die schweren Gewichte vor. Dann ist „der Kopf noch dabei“ und das ist wichtig. „Wenn du mit 90 Kilo im Nacken Scheiße baust, kostet dich das vielleicht eine Schulter.“ Gewichte in dieser Größenordnung mutet sich nicht jeder beim Sport zu. Student Patrick macht das regelmäßig. Nach neun Jahren Fitnessstudio und einem Wettkampf vorigen November können seine muskelbepackten Arme einiges halten, stemmen und drücken.

Patrick macht Bodybuilding. Das meint zunächst einmal Krafttraining. Was Bodybuilding jedoch vom Workout im Fitnessstudio unterscheidet, ist für Patrick die Intensität des Trainings: „Du lotest die Grenzen viel heftiger aus.“ Und das nicht bloß zwei- oder dreimal, sondern sechsmal die Woche.

Ästhetik und Power

Um ein bestimmtes Körperbild gehe es beim Bodybuilding nur bei einem Wettkampf. An diesem Tag stellen die Bodybuilder ihre Körper in standardisierten Posen zur Schau – je nach Klasse mal mit „richtig brutalen“ Muskeln, mal eher „übertrainierter Surfer“, beschreibt Patrick.

Sieh dir Patrick als übertrainierten Surfer auf seinem Instagram-Profil an.

Bei dem Sport geht es für ihn um deutlich mehr. Es mache Spaß, Erfolge zu sehen. „Vor allem macht es Spaß, auszureizen was geht und hinterher zu sagen: Es ging nicht noch mehr.“ Bodybuilding gebe Selbstbewusstsein.

Als der Wachstumsschub mit 16 auf sich warten ließ, fing Patrick an, im Fitnessstudio zu tranieren. So, er hält den kleinen Finder hoch, habe er damals angefangen. Jetzt wiegt er 111 Kilo, klein ist er mit über 1,80 Meter nicht mehr. Fitness allein, das sei langweilig und ziellos gewesen. Er wollte mehr geben und ist so, wie er sagt, ins Bodybuilding hineingeraten, durch Bekannte, Social Media, das Internet.

Patrick überprüft seine Körperhaltung.

Beim Training schaut Patrick oft in den Spiegel. Doch heute nicht mehr aus Eitelkeit. Denn der Spiegel, erklärt Patrick, sei dazu da, die Ausführung der Übungen zu beobachten. Einmal habe er drei Tage lang nicht zugreifen können, nachdem er beim Bankdrücken das Handgelenk falsch angewinkelt hatte. „Mit der Zeit achtest du mehr auf so etwas, weil du normalerweise nicht zweimal so doof bist.“

Trainieren unter Schmerzen

Während Patrick vor seinem Spiegelbild die 18-Kilo-Hanteln rechts und links auf Brusthöhe hebt, beißt er die Zähne zusammen. Er will sich nicht verletzen. Aber „natürlich habe ich Schmerzen“, gibt Patrick zu – zwischen den Sets wieder tiefenentspannt und strahlend. Eine Grenze bei diesem brennenden Muskelschmerz kennt er nicht, da müsse man alles aushalten. Das Signal zu stoppen ist für Patrick ein anderes: Gelenkschmerz. Das sei ein Unterschied, den man spüren müsse.

Bei hohen Belastungen entstehen in den Muskelfasern feine Risse. Eiweißstrukturen werden zerstört. „Dieses Reißen tut halt echt weh“, findet Patrick. Trotzdem nehmen Bodybuilder das in Kauf. Das Muskelwachstum beruht auf dem anschließenden Reperaturmechanismus des Körpers. Er repariert die Fasern mit erhöhtem Querschnitt, sie werden also dicker.

Unbedenklicher Sport…

„Der Körper bringt sich so auf ein höheres Niveau“, erklärt Dr. Heinz Kleinöder von der Deutschen Sporthochschule Köln. So könne er den Belastungen das nächste Mal standhalten. Als Superkompensation bezeichnet der Experte das. Diese Mikroverletzungen im Muskel sind seiner Einschätzung nach nicht gefährlich. Selbst wenn eine Muskelfaser tatsächlich reißen würde, könne der Körper das reparieren, sagt Kleinöder.

Bodybuilding berge bei korrekter Ausführung kaum Gefahren. Im Gegenteil, der ganze Körper werde stärker und verschiedene Muskelgruppen würden gleichmäßig trainiert werden: „Das ergibt Sinn von der Statik her.“

… bedenkliche Dopingpräparate

Gesundheitlich bedenklich sind hingegen Substanzen, mit denen einige Bodybuilder ihren Muskelaufbau zusätzlich vorantreiben wollen. Anabole Steroide, kurz Anabolika, sind dem männlichen Hormon Testosteron ähnlich und fördern die Eiweißeinlagerung im Muskel. Sie beschleunigen die nötige Regeneration für das Muskelwachstum, sagt der Experte. Allerdings mit Nebenwirkungen für Herz und Leber.

Aktuelle Studien zum Anabolika-Konsum im Freizeitsport liegen nicht vor. Schätzungen zufolge nehmen 200.000 Menschen in Deutschland anabole Steroide ein, berichtet die Ärztezeitung. Patrick betont, dass das für ihn nie in Frage gekommen sei. Denn nach wie vor sei der Plan, Berufsschullehrer zu werden und nicht Bodybuilder. Für ein Hobby möchte er das gesundheitliche Risiko nicht eingehen.

Ich möchte alles erreichen, was ohne Stoff möglich ist.

Das Studium – genau wie später der Job, versichert er – hat für Patrick oberste Priorität. Zurzeit lasse er daher auch das Training schleifen. Denn beim sechsten Semester in Sport und Wirtschaft fällt im nur ein Wort ein: Volldampf. In dieser Situation mit Anabolika nachhelfen, schließt er aus. Obwohl ihm mehr Muskeln schon gefallen würden, bleibt er dabei: „Ich möchte alles erreichen, was ohne Stoff möglich ist.“

Natürliche Grenze

Die Hanteln nur anzugucken reicht nicht einmal bei einem hohen Testosteronspiegel.

Wenn man sich Patricks breitschultrige Statur ansieht, scheint auch auf natürlichem Weg viel möglich zu sein. Kleinöder bestätigt das: „Die Muskeln sind durch die Superkompensation hochgradig trainierbar.“ Das Verdicken der Fasern funktioniert nicht nur einmal, sondern mehrmals. Dass der Umfang des Muskels so um ein Drittel zunimmt, hält Kleinöder für machbar. Auch eine Verdopplung sei nicht ausgeschlossen.

Trotzdem: „Nicht jeder kann Arnold werden.“ Bestimmte genetische Voraussetzungen begünstigen den Muskelaufbau. Eine entscheidende Rolle spiele zum Beispiel die natürliche Testosteronkonzentration. Wer viel Testosteron habe, gucke die Hantel nur an und der Muskel wachse, scherzt Kleinöder. Vorteilhaft sei zudem, von Natur aus eine hohe Anzahl an Muskelfasern zu haben. Die Anzahl lässt sich durch Training in der Regel nicht erhöhen.

Allerdings müssten es auch die richtigen Fasern sein. Der Experte unterscheidet zwischen den weißen für die schnelle, hohe Kraft und den roten für permanente Belastung und Ausdauer. Das Verhältnis von weiß zu rot sei Veranlagung. Mit vielen roten Fasern ist es schwieriger, die Muskulatur sichtbar zu vergrößern. Denn die roten würden nicht so stark verdicken, erklärt Kleinöder.

Pausen sind das A und O

Der Hauptfehler beim Muskelaufbau ist laut Kleinöder zu wenig Erholung. Das Training sollte intensiv sein, sagt er, keine Frage, aber: „Der Trainingsreiz würde ohne Regenartionszeit verpuffen.“ Wie viele Bodybuilder versucht Patrick, seinen Muskeln trotz täglichem Workout eine Ruhephase zu geben. Bei der Methode des Split Trainings beansprucht er an jedem Wochentag eine andere Muskelgruppe, die dann am nächsten Tag eine Pause hat. Am liebsten trainiere er Brust, Schulter und Rücken.

Eiweiß ist das täglich Brot

Bodybuilding im Supermarkt.

Ein weiterer wichtiger Aspekt beim Muskelaufbau, den Kleinöder nennt, ist die Ernährung. Über das Essen sollte man dem Körper das wiedergeben, was man beim Training zerstört hätte: Eiweiß. Patrick isst 400 Gramm Eiweiß täglich. Er hält sich an einen Ernährungsplan, den sein Coach ihm gegeben hat. Der Plan sieht außerdem bestimmte Mengen an Kohlenhydraten und Fetten vor. Noch bis Januar ist Patrick in der Aufbauphase, das heißt er nimmt bewusst zu, um noch mehr Muskelmasse aufbauen zu können. Mit 5300 Kilokalorien isst er zurzeit gut das Doppelte von dem, was Gleichaltrige essen. „Manchmal steht dir das Essen schon hier“, bemerkt Patrick. Doch ehe das Kalorienziel nicht erreicht ist, sei normalerweise nicht Schluss. Während eines Festivals neulich habe er eine Ausnahme gemacht – und seine Muskeln hätten prompt an Volumen eingebüßt.

Oft verteilt Patrick seine Kalorien auf sechs Mahlzeiten am Tag. Im Einkaufswagen landen Lebensmittel, die wir gemeinhin mit einer gesunden Ernährung assoziieren würden: Bananen, Haferflocken und Reis, körniger Frischkäse. Dazu gesellen sich Weizentoast und „irgendein Müll-Müsli“, teils mehr Zucker als Ballaststoffe, für schnelle, leicht verwertbare Energie vor dem Training.

Essen und essen lassen

Wenn Patrick sich mit Freundinnen und Freunden trifft, kommt es vor, dass er sich sein Essen in Tupperdosen mitnimmt. „Einen flotten Spruch“ kassiere er dann, aber keine genervten Blicke. Von seinen Freunden macht niemand Bodybuilding. Gehen sie zusammen in die Mensa, lässt Patrick von manchen Gerichten lieber die Finger. Nur beim Grill-Counter habe alles mit Hähnchen sein Herz eigentlich schon gewonnen.

Jetzt in der Aufbauphase reicht es Patrick, die Nährwerte beim Essen auch mal nur zu schätzen. Je näher der Wettkampf rückt, desto kritischer wird er. Drei Monate vor dem Wettkampf beginnt die Diät. „Das ist ein Spiel mit Wasser, Zucker und Eiweiß.“ Dann komme es darauf an, sowohl Körperfett als auch eingelagertes Wasser zu reduzieren, damit die Muskeln bühnenreif hervortreten. Unter dem Blick der Jury sollen die Adern auch ohne Sport sichtbar oben auf liegen.

Das Wasser muss raus

Patrick erklärt ein paar dieser Spielregeln, mit denen Bodybuilder ihrem Körper das Wasser entziehen: Zehn Tage vorm Wettkampf beginnt Patrick, seine Flüssigkeitszufuhr zu steigern; erst fünf, dann sechs, dann bis zu zehn Liter Wasser täglich. Dadurch überschwemme er den Körper, beschreibt Patrick. Dann reduziere er schlagartig; zwei Liter, ein halber Liter, am Wettkampftag nicht einen Tropfen. Bei dem abrupten Stopp sei der Körper jedoch noch an as viele Wasser der Vortage angepasst – mit Patricks Worten: „Er ist noch im Ausschwemmmodus. Das zieht dich von Stunde zu Stunde glatter.“

Der Wettkampfgedanke treibt an

Doktor Kleinöder bezeichnet die Ernährung in diesen letzten Tagen als eine temporäre Sünde. Ein Bodybuilder würde seine Gesundheit dem geringen Fettgehalt opfern und riskieren, zu dehydrieren. „Doch der junge Körper steckt das weg“, sagt Kleinöder.

Der junge Körper steckt das weg.

Patrick ist sich bewusst, dass er an den letzten Tagen der Diät seine Gesundheit gefährdet. Dass er sich darauf einlässt, um an einem Wettkampf teilzunehmen, hatte er mit 16 noch nicht gedacht. „Ich habe immer gesagt: Das mache ich nicht.“ Heute geht Patrick allerdings mit einem „ganz anderen Biss“ ans Bodybuilding, wenn er darüber nachdenkt, dass jemand anderes noch härter trainiert oder noch mehr Eiweiß isst. Der Wettkampfgedanke hat seinem Training mehr Ernsthaftigkeit gegeben.

Beitragsbilder: Simon Jost

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