Graben nach Geschichte

In den Äckern Dortmunds schlummern Fundstücke – aus dem Mittelalter, dem 30-jährigen Krieg, dem 18. Jahrhundert. Ehrenamtliche Sondengänger beenden ihren Dornröschenschlaf. Schönheitsfehler bei diesem Hobby sind illegale Schatzsucher und Müll im Boden.

Die beiden Männer sind befreundet, aber während sie das kahle Feld abgehen, reden sie nicht. Mit Kopfhörern lauschen sie auf das Piepen ihrer Metalldetektoren. Merklich schwerer als die Detektoren sind die mitgebrachten Spaten. Die sind für das Grobe, für die Feinarbeit stecken „Pin Pointer“ und Lupe in der Tasche. Alles ist Routine für Peter Huth und Norbert Jakmann. Besonders konzentriert müsse er dabei gar nicht sein, sagt Huth, während er mit leichter Hand die Sonde führt. Rhythmisch, hin und her, dicht über dem Boden. Dennoch bleibt sein Blick auf die Erde gerichtet. Jetzt höre er Eisen, erklärt er. Kaum der Rede wert, womöglich nur eine kleine Schraube einer großen Landwirtschaftsmaschine. Vielversprechender seien die höheren Töne. Da verändert sich das Piepen und mit ihm die Gesichtszüge des Schatzsuchers. Schon greift er nach dem Spaten, wird gleich anfangen zu graben.

Münzen, Munition, Müll

Huth und Jakmann sind Sondengänger. Vor sechs Jahren ist Huth das erste Mal losgezogen. Von der Denkmalbehörde in Dortmund hat er sich die Genehmigung zum Graben nach „Bodendenkmälern“ geholt, aus dem Internet die Sonde. Mehrere Hundert Euro hat sie gekostet, aber jedes Hobby sei doch teuer, behauptet Huth. Der bloße Materialwert seiner bisherigen Funde wiegt die Anschaffung nicht auf. Aber die Stücke, die Huth mit der Zeit aus dem Dortmunder Boden geborgen hat, erzählen Geschichte. Sie sind historisch wertvoll. Eine Münze aus Mexiko, die den Seeweg nach Dortmund gefunden hat, Musketenkugeln aus dem 30-jährigen Krieg. Sowieso haufenweise Munition. Die Sonde piept auch bei Getränkedosen und dem Goldpapier von Nuss-Pralinen. Die sammeln Huth und Jakmann aber nicht.

Was sie finden, bringen sie zur Denkmalbehörde. Die Meldepflicht ist Teil des „Deals“, wenn man als Sondengänger Geheimnissen aus der Vergangenheit nachjagen will. In der Denkmalbehörde werden die Fundstücken analysiert, kartiert, angehört als Zeugen der Geschichte.

Nachdem die Denkmalbehörde ihre Arbeit abgeschlossen hat, gehen die Stücke zurück an ihre Finder. Das Bürgerliche Gesetzbuch  sieht vor, dass Entdecker und Grundstückseigentümer je zur Hälfte Eigentum an dem „Schatz“ erwerben. In der Realität aber verzichten die Grundstückseigentümer oft auf ihren Anspruch – wegen des geringen Wertes. Weder an Silbermünze noch an Reichspfennig – Jakmanns Schätze dieser Tour –  zeigte der Dortmunder Feldbesitzer Interesse. Ebenso wenig an dem undefinierbaren daumengroßen Artefakt, das Huth ausgegraben hat.

Sind Bodendenkmäler und Funde allerdings „von besonderer wissenschaftlicher Bedeutung“, gehören sie entsprechend dem Denkmalschutzgesetz dem Land Nordrhein-Westfalen. Ein Beispiel aus Sachsen-Anhalt ist die Himmelsscheibe von Nebra, an der unter anderem die Aufgangspunkte der Sonne im Verlauf des Jahres abgelesen werden können. Statt leer auszugehen, bekommen die Entdecker solcher Funde dann eine Belohnung.

Nicht ohne Genehemigung

Dass tatsächlich alles abgegeben wird, bezweifelt der Stadtarchäologe Ingmar Luther von der Denkmalbehörde in Dortmund allerdings. 15 aktiven Sondengängern in Dortmund vertraut Luther, daneben gebe es eine Handvoll weniger zuverlässige. Noch problematischer aber seien diejenigen, die ohne Genehmigung und dem Wissen der Denkmalbehörde graben. Die vom großen Gold träumen, mitunter ahnungslos und unvorsichtig Bodendenkmäler zerstörten, und von deren Ausgrabungen er das ein oder andere auf eBay wiederfinde, erzählt der Stadtarchäologe. Dabei wären die Spielregeln leicht einzuhalten: Denn eine Genehmigung verweigert die zuständige Bezirksregierung in Arnsberg laut Luther niemandem; es gelte die Unschuldsvermutung.

Dass – nach Absprache –  ehrenamtliche Sondengänger die Bodendenkmalpflege unterstützen, ist Luther sogar wichtig. Sie würden Erkenntnisse zu potenziellen Bodendenkmälern liefern, „die wir als Denkmalbehörde so gar nicht auf dem Schirm haben“. Seinen Kollegen und ihm fehle oft auch schlichtweg die Zeit, um regelmäßig die Felder abzusuchen. Und gänzlich abgegrast sind diese nie; jedes Pflügen bringt neue Objekte näher an die Oberfläche. Diesem scheinbar unerschöpflichen Vorrat an Geschichte haben Sondengänger im vergangenen Jahr mehr als 1800 Funde entnommen. Auf das Konto von Huth und Jakmann gehen rund 50 davon.

Beitragsbild und Artikelbild: Peter Bendt

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