A Christmas Glosse: Ein Plädoyer für exzessiven Weinnachtsfilm-Konsum auf Netflix

Kitschig, oberflächlich und ewig dasselbe. Romantische Weihnachtsfilme haben keinen guten Ruf. Und trotzdem lohnt sich ein Weihnachts-Rom-Com-Marathon auf Netflix – unsere Autorin verrät warum.

Statt weißer Tauben schicken diese Prinzen Whatsapp-Nachrichten. Statt Strumpfhosen und Samtmänteln tragen sie Turtlenecks, die an einen 70er Jahre John Travolta erinnern – die Inflation der modernen Weihnachts-Rom-Coms ist nicht aufzuhalten.

Mit dem dritten Film der „A Christmas Prince“- Reihe „The Royal Baby“ liefert Netflix sicherlich das Highlight der diesjährigen Weihnachtsfilmsaison und motiviert, die Vorgänger nochmal anzusehen. Denn in Dauerschleife bescheren Kitsch, banale Dialoge und immer gleiche Handlungen den Zuscher*innen besondere Erlebnisse. Wieso nicht einmal eine Überdosis an Eierpunsch oder Weinbrandpralinen so besinnliche Besinnungslosigkeit auslöst wie das Binge-Watching von Weihnachts-Rom-Coms (Abkürzung für „romantic comedy“). Hier kommen fünf Gründe:

Schneesturm der Gefühle
Für eine Kulisse à la Downton Abbey mag das Budget nicht gereicht haben. Den Schauspielern mag es an Überzeugungstalent fehlen. Trotzdem berührt die Geschichte der zwei Liebenden, die sich im malerischen Ambiente einer mit dem Computer gebastelten 2D-Burg finden, das Herz eines jeden Homo Rom-Comus. Doch Weihnachts-Rom-Coms schaffen viel mehr als simple Sentimentalität.

Im Vergleich zu Dramen, Thrillern oder Zombiefilmen, die für gewöhnlich nur eine begrenzte Auswahl an Emotionen auslösen, entfachen Weihnachts-Rom-Coms Gefühlslawinen, die sogar Yetis zum Weinen bringen würden. Auf Rührseligkeit folgt hemmungsloser Cringe, Lachen, Bedauern, Verzweiflung. Danach Scham, eben diese Gefühle beim Schauen eines Netflix-Weihnachtsfilms empfunden zu haben.

Binge-Watching statt Push-Ups und Pilates
Binge-Watching wirkt sich darüber hinaus positiv auf unsere Fitness aus. Das Krümmen, Schütteln und entgeisterte Schnappatmen, das unsere Körper im Wechsel beim Durchleben des Rom-Comschen Gefühlschaos‘ erleben, gleicht einem Ganzkörperworkout. Die Weihnachtskekskalorien, die man während des Films in sich reinstopft, um die substantielle Leere der Rom-Com zu füllen, werden direkt verbrannt. Ein weiteres Goodie: Je mehr Weihnachtsfilme man schaut, desto mehr Keks-Kapazitäten ergeben sich.

Floskel Lip-Sync-Battle
Herzstück einer jeden Weihnachts-Rom-Com sind die tiefgründigen, unverhersehbaren Dialoge ihrer Held*innen. Ewigkeitstaugliche Liebeszitate wie „I suppose I found out I’m just a normal girl. And normal girls, they fall in love with normal boys. Like you“ (zu Deutsch: „Ich nehme an, ich bin ein ganz normales Mädchen. Und normale Mädchen verlieben sich in normale Jungs wie dich.“) oder „ It doesn’t matter to me if I’m a king and you’re the prom queen. I’m just a man who loves a woman who he hopes loves him back“ (zu Deutsch: „Es spielt keine Rolle, ob ich der König bin oder du die Prom Queen. Ich bin einfach nur ein Mann, der eine Frau liebt, die ihn hoffentlich ebenfalls liebt.“) eignen sich nicht nur als Inspiration für zukünftige „Underboob-Tattoos“.

Beim Floskel Lip-Sync-Battle versucht man, wie beim ersten Hören von Helene Fischer Songs (Was reimt sich auf „mehr“? Genau! „Lichtermeer“) die Dialoge synchron zum liebestollen Prinz und seinem auserwählten Girl-next-Mistelzweig mitzudichten. Da ausnahmslos in jeder Szene damit zu rechnen ist, dass ikonische Worte gesprochen werden, spornen Weihnachts-Rom-Coms zu intellektueller Höchstleistung an.

Weihnachtsfilm-Bingo
Neben Gefühlsexplosionen und poetischen Meisterleistungen frohlockt das weihnachtliche Binge-Watchen mit Spielspaß, wenn beim Weihnachtsfilm-Bingo nach diesen unentbehrlichen Elemente einer jeden Weihnachts-Rom-Com Ausschau gehalten wird:
1. Der Held des Films ist ein gutaussehender Endzwanziger namens Richard/Edward/William und spricht mit britischem Akzent.
2. Retardierendes Moment, in dem die Heldin sich zwischen einer Zukunft als Karrierefrau oder Staatsoberhaupt eines fiktiven europäischen Ministaates, dessen Name mit -ovia aufhört, entscheiden muss.
3. Romantischer Heiratsantrag, der durch eine der folgenden Kunstgriffe aufgemotzt wird: Ring-auf-Finger-Slow-Motion, Prinz-hebt-Heldin-und-dreht-sich-Slow-Motion, Glückselig gehauchtes „Oh Richard/Edward/William“
4. Soundtrack besteht aus Weihnachtssongs, die durch zarte Frauenstimmen gecovert werden und Jingles aus dem Youtube Do-it-yourself-Video Baukasten
5. Kiloweise Kunstschnee. Im Vergleich zu Kusszenen im strömenden Regen verfielfachen Kusszenen im Schneesturm das romantische Potenzial des Films. Das Klimakatastrophen-Foreshadowing bereitet die Zuschauer auf ein Leben in der nächsten Eiszeit vor.

Trance-Effekt
Bei Netflix-Weihnachtsfilmen zeigt sich: Quantität vor Qualität. Durch das Binge-Watching vermögen es Weihnachts-Rom-Coms einen Zustand herbeizuführen, den man nur als Weinachtsfilmvolltrunkenheit beschreiben kann. Man blendet den eigenen Sinn für Logik, die feministische Überzeugung, manchmal sogar die Selbstachtung aus und gibt sich dem Sog der endlosen Weihnachts-Rom-Com Idylle hin. In Trance zweifelt man schließlich am eigenen Lebenskonzept.

Man stellt sich die Frage, ob der Schokoelch aus dem Adventskalendertürchen ein Vorbote zukünftiger Ereignisse sein könnte, ob man den netten jungen Mann im Kettenhemd, den man auf dem Weihnachtsmarkt getroffen hat, vielleicht in der Gartenlaube wohnen lassen sollte und man ob das Studium besser aufgeben und stattdessen dem Liechtensteinischen Thronfolger nachstellen sollte.

Nach unzähligen Rom-Coms mit immer demselben Plot, denselben Schauspielern, denselben Richards/Edwards/Williams ruft das Binge-Watching schließlich eine Weihnachtsfilm-Katharsis hervor, die die Seele mindestens genauso reinwäscht wie das gebrochene Latein eines Dorfpriesters. Das Leben vor dem Bildschirm, das man während des Rom-Com-Marathons aus dem Bewusstsein verbannt hatte, erscheint so klar wie nie zuvor.

Deshalb gebt euch der Magie der Weihnachts-Rom-Coms hin, die nicht mal unterirdische Wortneuschöpfungen und Wortspiele zu erfassen wagen. Und fürchtet euch nicht! Auch wenn sich die Saison dem Ende zuneigt, wird es im nächsten Jahr wieder genug Stoff für einen Rom-Com-Vollrausch geben. Vielleicht folgen auf „ The Royal Baby“ ja dann „The Royal Skiurlaub“, „The Royal Tröterbackkurs“ und „The Royal Midlifecrisis“.

Artikelbild: freestocks.org on Unsplash

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