Zeichen gegen Missbrauch: Diskussion um Golden Globes in Schwarz

 

Sie wollten ein Zeichen gegen das Machtgefälle und die sexuelle Belästigung in Hollywood setzen: Bei der Verleihung der Golden Globes 2018 trugen fast alle Prominenten vor dem Hintergrund der #MeToo-Debatte Schwarz. Aber nicht alle Anwesenden zeigten sich solidarisch mit der Bewegung. Und nicht jeder war begeistert. Warum die Aktion auch harsche Kritik erntete. 

Gerüchte, dass der rote Teppich in diesem Jahr hauptsächlich schwarz sein würde, kamen bereits im Dezember auf. Am 2. Januar offenbarte die New York Times, dass die eintönige Garderobe Teil einer größeren Aktion ist: Hinter den schwarzen Kleidern steckt die Initiative „Time’s Up“ („Die Zeit ist um“). Gegründet wurde sie von mehr als 300 Frauen aus der Filmindustrie, unter anderem Jennifer Aniston und Meryl Streep. „Time’s Up“ setzt sich gegen sexuelle Überfälle sowie Belästigung und Diskriminierung von Frauen am Arbeitsplatz in allen Branchen ein.

Die Aktion sammelte bereits über 15 Millionen Dollar für einen Fond, der Betroffenen rechtliche Unterstützung bieten soll. Außerdem setzt sich die Initiative dafür ein, dass Filmstudios und Talentagenturen vermehrt auch von Frauen und Nichtweißen geleitet werden. Des Weiteren will die Aktion Gesetze voranbringen, die Firmen für sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz bestrafen.

„Zu lang wurde Frauen nicht geglaubt“

Vor den Golden Globes teilten die Unterstützter der Aktion unter #WhyWeWearBlackToday und #TimesUp ihre Gründe, Schwarz zu tragen.

#TIMESUP

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Eine der Gründerinnen von „Times’s Up“ ist Talkshow-Moderatorin und Unternehmerin Oprah Winfrey. Als erste schwarze Frau wurde sie bei den diesjährigen Golden Globes für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Bei der Verleihung hielt sie eine bewegende Rede zu Frauen- und Bürgerrechten. Sie dankte allen Frauen, die das jahrelange Schweigen über sexuelle Übergriffe beendet und so eine Veränderung in Gang gesetzt haben. In ihrer Rede erinnerte sie auch an die Fortschritte bei der Gleichberechtigung der Schwarzen. Winfrey erntete begeisterten Beifall.

Zu lang wurden Frauen nicht angehört oder ihnen wurde nicht geglaubt, wenn sie den Mut hatten, gegen die Macht von Männern aufzubegehren. Aber deren Zeit ist um!

Oprah Winfrey

Wer nicht mitmachte

In dem Meer aus schwarzen Abendroben stachen drei Frauen besonders heraus: Meher Tatna, die Präsidentin der „Hollywood Foreign Press Association“, Schauspielerin Blanca Blanco und Model Barbara Meier. Tatna begründete ihre Entscheidung, ein rotes Kleid zu tragen, so: „Meine Mutter und ich haben das Outfit vor ein paar Monaten zusammen geplant, es ist eine kulturelle Sache“. In Indien sei es unüblich, keine bunte Kleidung bei einer Feier zu tragen, und ihre Mutter wäre entsetzt gewesen, wenn sie in Schwarz gekommen wäre. Trotzdem unterstützte sie die Initiative mit einer Anstecknadel.

Auch Blanca Blanco trug ein rotes Kleid. „Ich liebe Rot“, sagte sie. „Rot zu tragen bedeutet nicht, dass ich gegen ‚Time’s Up‘ bin.“ Barbara Meier erklärte auf Instagram: „Wenn wir wollen, dass heute die Golden Globes der starken Frauen sind, die für ihre Rechte kämpfen, ist es in meinen Augen der falsche Weg, sich nicht mehr körperbetont anzuziehen und uns die Freude am Ausdruck unserer Persönlichkeit durch Mode zu nehmen.“ Schließlich hätten sich Frauen die Freiheit zu tragen, was sie wollen, lange erkämpft. Deswegen sei es auch nicht richtig, sich nicht sexy anzuziehen, weil sich einige Männer nicht unter Kontrolle hätten. Und: „Wir Frauen sollten strahlen, farbenfroh sein und funkeln. So wie es in unserer Natur liegt!“

Model Barbara Meier trägt bei den Golden Globes kein schwarzes Kleid, um auf sexuellen Missbrauch aufmerksam zu machen.
Blümchenkleid statt Schwarz: Model Meier machte bei „Time’s Up“ nicht mit. Foto: Screenshot Instagram/barbarameier.

Die Reaktionen der Nutzer waren überwiegend negativ. „Völlig unpassend“, hieß es etwa. Andere warfen ihr vor, nur Aufmerksamkeit erreichen zu wollen. Einige hinterfragten auch, ob sie den Sinn der Aktion verstanden hätte. „Als ob man sich in Schwarz nicht körperbetont anziehen kann? (…) In manchen Situationen sollte man einfach Solidarität zeigen. Schade, dass man diese bei Dir vergeblich gesucht hat“, schrieb eine Nutzerin.

Kritik an Oprah Winfrey wegen Weinstein-Küsschen

Aber auch die Aktion „Time’s Up“ selbst erntete neben Lob auch viel Kritik. Die Schauspielerin Rose McGowan, die als eine der ersten Harvey Weinstein öffentlich beschuldigt hatte, warf der Bewegung Heuchelei vor. In einem Tweet, den sie inzwischen gelöscht hat, kritisierte sie, andere Schauspielerinnen hätten zu lange geschwiegen. Außerdem würden die Promis keine wirklichen Veränderungen bewirken. In einem weiteren Tweet schrieb McGowan, hätte niemand zuvor das Schweigen gebrochen, hätte „keiner dieser schicken, schwarz gekleideten Leute einen Finger gehoben.“


Auch die Rede von Oprah Winfrey wurde nicht nur positiv aufgenommen. Kritiker stellten die Frage, warum sie keinen Beschuldigten öffentlich beim Namen nannte. Zudem wird immer wieder ein Foto von Winfrey gepostet, das zeigt, wie sie Weinstein auf die Wange küsst. Eine Nutzerin schrieb: „Manche in Hollywood hoffen verzweifelt, dass die Leute Amnesie bekommen, damit sie sich hieran nicht mehr erinnern.“


Das Foto entstand 2014 bei dem Filmpreis „Critics‘ Choice Awards“. Angeblich war Weinsteins Verhalten in Hollywood ein offenes Geheimnis. Schon 2013 kündigte Schauspieler Seth MacFarlane die Oscar-Nominierungen für die beste Nebendarstellerin so an: „Herzlichen Glückwunsch, ihr fünf Ladys müsst nicht mehr so tun, als fändet ihr Harvey Weinstein attraktiv.“ Kaum jemand beschwerte sich damals über diesen „Witz“, erst als die Vorwürfe gegen den Filmproduzenten öffentlich wurden. Daraufhin erklärte MacFarlane, er habe die Bemerkung gemacht, weil seine Kollegin Jessica Barth ihm von Weinsteins Annäherungsversuchen erzählt habe.

Vergangene Proteste hatten kaum Wirkung

Die Initiative bei den diesjährigen Golden Globes ist nicht die erste Protestaktion bei der Verleihung eines Filmpreises. Vor den Oscars 2017 sagte die Künstleragentur „United Talent Agency“ ihre traditionelle Oscar-Feier ab und spendete das Partybudget für Flüchtlings- und Bürgerrechtsorganisationen – als Reaktion auf Trumps Einreisestopp für Muslime. Im selben Jahr veröffentlichten alle Regisseure, die für den besten fremdsprachigen Film nominiert waren, ein Statement für Weltoffenheit. Geändert hat sich durch die Aktion nicht viel. Am 4. Dezember erlaubte der Oberste Gerichtshof Trumps Einreiseverbot vorübergehend.

Bei den Oscars 2003, kurz nach Beginn des Irakkrieges, beendete Michael Moore (Bester Dokumentarfilm) seine Dankesrede mit den Worten: „Wir sind gegen diesen Krieg, Mr. Bush. Schämen Sie sich, Mr. Bush. Schande über Sie!“ Die USA zogen ihre letzten Truppen erst 2011 aus dem Irak ab. Ob die Protestaktion in diesem Jahr also langfristig etwas an der sexuellen Belästigung im Filmgeschäft ändern wird, bleibt abzuwarten.

Teaser-/Beitragsbild: instagram.com/goldenglobes

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