Interview mit Wolfgang M. Schmitt – zum Kritiker geboren

Quelle: Privat

Kino anders gedacht!“, so lautet der Untertitel des YouTube-Kanals „Die Filmanalyse“ von Wolfgang M. Schmitt. Seit 2011 setzt sich Schmitt hier mit den aktuellen Kinostarts, aber auch grundsätzlichen Fragen rund um das Thema Film auseinander. Bevor sich Schmitt entschloss, sein Auge auch genauer auf den Film zu richten, habe er nur Literaturkritiker sein wollen. Nach dem Abschluss seines Masterstudiums an der Universität Trier war er dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere deutsche Geschichte tätig. Schmitt schreibt außerdem als freier Literatur- und Filmkritiker unter anderem für die Rhein-Zeitung und Neues Deutschland. Regelmäßig ist er auch an Universitäten und Hochschulen zu Gast und hält dort Vorträge, z.B. zu dem Thema „Die Disney-Ideologie: Die wahre Botschaft hinter Arielle und Der König der Löwen“.

 

Herr Schmitt, warum sind Sie Filmkritiker geworden? 

Ich wollte ursprünglich nur Literaturkritiker sein. Ich habe mich dann aber entschieden, mich mehr mit dem Film zu beschäftigen. Ich glaube, dass man an Filmen sehr viel besser ablesen kann, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben – welche politischen und wirtschaftlichen Prozesse gerade im Gange sind. Darüber geben Filme, vor allem Mainstream-Filme mehr Aufschluss als es jetzt die geistige Literatur tut.
Die Frage, warum ich Kritiker geworden bin, ist glaube ich eine Haltungssache. Hat man ein generell kritisches Bewusstsein? Ist man mit dem, was man vorfindet, oft nicht einverstanden? Hinterfragt man gewisse Ansichten, Weltanschauungen, aber auch allgemeine Geschmäcker? Dann ist man eigentlich zum Kritiker geboren und das hatte ich schon sehr früh, ehe ich nur ahnte, dass ich einmal sehr stark in der Filmkritik unterwegs sein werde. Also für mich war die Kritik schon immer eine gewisse Haltung zum Leben und die Filmkritik ist nur ein gewisser Ausdruck dieser grundsätzlichen Haltung.

Warum analysieren Sie Filme auch aus einer gesellschaftskritischen Sicht?

Es ist ja so, dass wir es bei Mainstream-Filmen oft nicht mit Filmen zu tun haben, die aufgrund ihres enormen Kunstcharakters interessant sind. Denn oftmals sind diese Filme nicht sonderlich künstlerisch wertvoll. Ich will nicht den gesamten Mainstream hiermit verteufeln. Trotzdem kann man sagen, dass es viele Filme gibt, die jetzt ästhetisch nicht so viel zu bieten haben. Aber das liegt daran, dass sie eben ganz stark Sehgewohnheiten und Konventionen, gerade Hollywood-Konventionen bedienen. Aber diese Filme haben ja nicht ohne Grund Erfolg. Man muss diese Filme also auch immer als gesellschaftliches Phänomen begreifen. Was sagt das über eine Gesellschaft aus, dass ein Film über eine SM-Liebesgeschichte zwischen einer Studentin und einem Milliardär Millionen Menschen ins Kino lockt? Das sagt ja etwas über unsere Gesellschaft aus. Warum ist es nicht ein anderer Film? Warum ist es gerade dieser? Das ist für mich eine ganz entscheidende Frage. Denn man kann diese popkulturellen Produktionen, wie sie in Hollywood eben entstehen, nicht ohne eine gewisse Marktlogik verstehen. Denn sie sind in einer Gesellschaft verortet, die kapitalistisch strukturiert ist und in der auch manche Ideologien vorherrschend sind. So kommt es natürlich auch, dass gewisse Dinge auf der Leinwand eher nicht stattfinden.

Sie haben einmal gesagt: „Filme gehen bei mir zuerst in den Kopf und darüber ins Herz“. Was meinen Sie damit? 

Ich versuche eine Distanz einzunehmen zu dem, was ich sehe. Das zeigt sich auch darin, dass ich im Kino gerne an der Seite sitze. Ich versuche, diese Filme intellektuell zu begreifen. Das bedeutet nicht, dass ich davon nicht auch emotionell avanciert werden kann. Das findet natürlich statt, aber ich hinterfrage die Emotionen – auch meine eigenen. Denn es ist so, dass Hollywood es natürlich sehr gut beherrscht, gewisse Knöpfchen zu drücken, um beim Zuschauer ein Gefühl der Rührung entstehen zu lassen. Aber man muss fragen, wozu dient die Rührung jetzt gerade. Ist nicht gerade in dem Moment, in dem ich anfange gerührt zu sein, es so, dass ich z.B. einen ökonomischen Kontext, der aber entscheidend ist, um die eigentliche Ideologie des Films zu verstehen, ausblende.  Da ist dann für mich eben die Frage, in wie weit ich mich auf diese Emotionalisierung einlasse. Da muss man eben ein souveräner Zuschauer sein. Immer wieder wird ja gesagt, das Schauen von Filmen sei etwas Passives. Ganz im Gegenteil, man muss eigentlich sehr aktiv sein. Man muss sehr aktiv mitdenken und sich selbst befragen, während man sich etwas ansieht. Das ist eigentlich ein relativ anstrengender Prozess. Also man kann das natürlich an sich vorbeirauschen lassen. Man kann die Geschichte so nehmen, wie sie einem dargeboten wird. Wirklich interessant, wirklich aufschlussreich wird ein Film aber erst, wenn man dem Film als aktiver Zuschauer begegnet und diesem Film auch innerlich widerspricht und sagt: „Natürlich willst du mich jetzt hier emotionalisieren und willst, dass ich mich hier mit der Hauptfigur identifiziere“. Gerade wenn das so überdeutlich geschieht, dann agiere ich gerne innerlich kontraintuitiv und frage mich z.B.: „Aber hat der Bösewicht nicht eigentlich doch Recht?“

Gibt es denn wirklich viele solcher aktiven Zuschauer?  

Nein, der Großteil nimmt die Filme so wahr, wie sie eben wahrgenommen werden wollen. Das liegt natürlich auch daran, dass sie eben oft sehr gut gemacht sind. Also man braucht auch eine gewisse Seherfahrung und auch ein kritisches Bewusstsein, um sich überhaupt in dieser Weise zu einem Film zu positionieren. Ich beobachte das aber auch ganz stark in der Filmkritik. Ich meine jetzt gar nicht nur die Service-Kritik, die auch furchtbar mitunter ist, sondern ich meine auch die sogenannte woke Filmkritik. Die sagt dann zwar: „Wir sind ganz kritisch, wir schauen auch ganz klar auf den Diversity-Aspekt“. Sie übernehmen aber oft einfach nur dann genau das, was von Hollywood aus intendiert ist. Das man sagt: „So wir haben hier diverse Charaktere auf der Leinwand geschaffen und dadurch haben wir es jetzt mit einem Film zu tun, der für Vielfalt einritt“. In solchen Momenten müsste man viel eher kontraintuitiv fragen: „Aber hat diese Diversity nicht vielleicht auch schon wieder etwas sehr uniformes oder konformes. Mit wem paktiert eigentlich diese Diversity-Politik gerade?“. Ich merke dann auch, dass bei dieser woken Filmkritik viele Kritiker so eine Art Pressesprecher für Hollywood werden. Sie erläutern einfach nochmal das, was auch schon im Presseheft angekündigt wurde.

Stichwort Diversity: Haben Sie in den letzten Jahren einen Wertewandel im Kino wahrgenommen? 

Sicherlich spielt das jetzt durch „MeToo“ eine größere Rolle. Das findet auch nicht nur so statt, dass Filme jetzt etwas anders besetzt werden, sondern dass das Thema auch selbst thematisiert wird. Das findet nicht explizit oder implizit statt, aber beispielsweise in Dialogen. Man muss sagen, Hollywood ist ja ein schlaues System, beinahe so schlau wie der Kapitalismus selbst. Das heißt, Hollywood muss ja sehen, dass es weiterhin der Ort ist, von dem die wichtigsten Filmproduktionen kommen, die dann auch weltweit rezipiert werden. Das bedeutet natürlich auch, dass man sich einem Zeitgeist immer wieder anpassen muss. Man ist natürlich immer ein bisschen träger und zäher und man kann nicht bei jedem tagespolitischen Punkt gleich hinterherspringen. Es ist aber durchaus so, dass Hollywood sich transformiert, wie sich eben auch unsere Gesellschaft und der Kapitalismus selbst transformieren. Es wäre natürlich undenkbar gewesen, in den 50er Jahren solche Hangover-Filme mit Frauen zu besetzen, wie das ja stattfindet. Also diese Frauen machen Party und drehen am Rad. Das sind solche Filme, die das Ekstatische loben. Sie zeigen, wie auch Frauen in Komödien extrem vulgär sein können. Das ist natürlich etwas, was man in den 50er Jahren nicht gemacht hätte. Da passt man sich jetzt an. Gleichzeitig würde Hollywood vollkommen scheitern, würde man jetzt versuchen so Filme zu machen, wie man es in den 50er Jahren mit Doris Day getan hat: Von der glücklichen Hausfrau, die mit ihren Küchengeräten den ganzen Tag beschäftigt ist und dann einen liebevollen Mann bekommt. Das wäre auch etwas, was man heute im Kino niemandem mehr andrehen könnte. Das heißt, das Kino transformiert sich mit der Gesellschaft und spiegelt die Gesellschaft wider. Manchmal ist das Kino etwas progressiver als die Gesellschaft und manchmal ist es umgekehrt. Also jetzt haben wir es gerade gehabt, dass die Gesellschaft ein bisschen fortschrittlicher war und Hollywood reagierte. Aber manchmal ist es auch so, dass Hollywood ein paar Schritte vorausgeht und die Gesellschaft läuft dann hinterher.

Wenn wir jetzt einmal einen Blick auf Deutschland werfen. Hier erscheinen Filme, wie „Klassentreffen 1.0“ von Til Schweiger oder zuletzt auch „Das perfekte Geheimnis“, die unter anderem auch von Ihnen als schwulen- und frauenfeindlich bezeichnet werden. Wie kann das noch passieren?

Gesellschaftliche Fortschritte, die finden ja nicht an allen Stellen gleich schnell statt. Sondern wir haben in Deutschland auch noch immer Humoristen wie Mario Bart, der die Hallen vollmacht. Die bedienen eine gewisse Klientel, wie auch der super woke Diversity-Film eine gewisse Klientel bedient. Man muss nicht davon ausgehen, nur weil für die einen jetzt gerade ganz besonders wichtig ist über „MeToo“ zu sprechen, dass das für alle gilt. Man kann sagen, dass unsere Gesellschaft natürlich auch noch immer sehr stark an Familienwerten oder so interessiert ist. Hier kann man aber natürlich auch beobachten, dass wir es, beispielsweise bei den Til Schweiger Filmen, sehr häufig mit Patchwork-Familien zu tun haben. Wir haben es dort mit Familien zu tun, die auch nicht mehr sind wie in den 50er oder 60er Jahren. Aber es heißt ja nicht, dass dadurch immer gleich alles überwunden wird. Es kann natürlich auch eine Patchwork-Familie, die aber weiterhin einer Reproduktions-Ideologie die Treue hält, sehr schwulenfeindlich sein. Also das geht alles sehr gut zusammen und man sieht auch da, dass das Filmgeschäft sehr windig ist. Für verschiedene Märkte produziert man mal dies, mal das, wenn man so möchte. Zugleich kann man beim deutschen Film natürlich auch beobachten, dass er es nicht wirklich schafft, sich an Hollywood zu orientieren. Das ist auch etwas ganz Erstaunliches. Ich würde sagen, es liegt einmal an der großen Beschränktheit der deutschen Komödienregisseure und an einer Tradition der deutschen Komödie, die halt diese permanente Heinz-Rühmann-Haftigkeit mit sich schleppt. Das sorgt wiederum dafür, dass das nie ein Humor ist, der subversiv ist bzw. ein Humor, der von Außenseitern artikuliert ist. Sondern es ist ein Humor, der tatsächlich die Mitte der Gesellschaft dort abholen will, wo sie steht. Diese Mitte ist eben eher dumpf, was gesellschaftlichen Fortschritt angeht und beschränkt im Toleranzhorizont.

Sie haben die „MeToo-Debatte“ schon angesprochen. Ein sehr prominenter Fall, der dabei aufkam, betraf Kevin Spacey. Der wurde nachträglich aus dem Film „Alles Geld der Welt“ geschnitten und durch jemand anderen ersetzt. Sie haben der Diskussion um Spacey seinerzeit auch ein Video gewidmet. Da haben Sie von einer gefährlichen Ideologie gesprochen. Was meinen Sie damit?

Das ist die Fantasie vom reinen Kunstwerk, geschaffen von einem reinen Künstler. Wir könnten also mal nachschauen, womit große Filmkonzerne noch ihr Geld verdienen. Wo überall Geld erwirtschaftet wird und von wo dann am Ende wieder Geld akkumuliert wird, um Filme zu produzieren. Uns würde schlecht werden. Dieses Geld ist sehr schmutzig. Ja bisweilen wird es sehr blutig sein. Aber darüber regen wir uns nicht auf, weil es nicht so konkret ist. Wir müssten da lange Nachforschungen anstellen und das bleibt irgendwie etwas sehr Abstraktes. Also wenn eine große Filmfirma in irgendwelche dubiosen Aktienmärkte investiert, wo beispielsweise davon profitiert wird, dass Arbeiter ausgebeutet, ja geradezu versklavt werden, dann fällt uns das nicht auf. Wenn wir aber einzelne Figuren haben, an denen wir Kritik festmachen können, eben wie bei Kevin Spacey, dann sagen wir gleich: „Oh das ist jetzt aber ein schmutziger Film und jetzt wollen wir für eine Reinigung sorgen. Er muss entfernt werden“. Was ist damit gewonnen? Sollen wir jetzt auch nachträglich alle Filme entfernen oder was rausschneiden, in denen Kevin Spacey aufgetreten ist? Nein, viel mehr muss man diesen enormen Widerspruch aushalten. Man muss sehen, dass er ja nicht berühmt geworden ist, weil er so ein guter Mensch ist, sondern weil er ein guter Schauspieler ist. Auch wenn ich es nicht gesehen habe, bin ich davon überzeugt, dass er in dem Film, wo er rausgeschnitten wurde, wahrscheinlich auch eine sehr gute Leistung abgeliefert hat. Warum kann man nicht aushalten, dass diese Leistung nach wie vor gut ist? Dass man ihn nach solchen Vorfällen nicht besetzen will, das ist natürlich verständlich, auch aus einer Marktlogik heraus. Das ist klar. Aber warum man nachträglich versucht, eine künstlerische Leistung zu entfernen, nur weil die Person, die diese Leistung erbracht hat, sich schuldig gemacht hat, das leuchtet mir nicht ein. Das führt dann am Ende zu einer Tabula rasa, dass wir sagen müssen: „Da müssen wir mal den gesamten abendländischen Kanon und nicht nur den von jenen Subjekten reinigen, die sich nicht korrekt verhalten haben“. Dann wären die Museen relativ leer.

Eine große Debatte gab es auch über den Film „Joker“. Dabei stand sogar die Frage im Raum, ob man so einen Film überhaupt zeigen darf. Wie haben Sie das wahrgenommen? 

Das ist wirklich erschreckend. Denn man muss daran denken, dass wir in den 70er Jahren alle zwei Wochen solche Filme gehabt haben. Das ist ja der Hauptbezugspunkt von Joker, die Filme der 70er Jahre. Das waren Filme, wo Menschen Amok laufen, wo Menschen Selbstjustiz üben, wo wirklich sehr viele Dinge gemacht werden, die gegen das Gesetz und die Sitten verstoßen. Die haben das Kino aber erneuert und eine große Subversion reingebracht haben. Es sind ganz viele Klassiker darunter. Das war ja so die letzte große Ära von Hollywood. Heute taucht auch nur ein solcher Film auf, wo es mal ein bisschen anders läuft und man nicht einfach ein paar pummelige Superhelden hat, die das schon richten werden oder eine Komödie, die sich darauf beschränkt, ein bisschen woke zu sein, da gibt es sofort Überlegungen. Wird dieser Film zu Gewaltausbrüchen führen, gar zu Amokläufen? Die Leute sind so empfindlich geworden, dass man sagen muss: „Naja, wenn Kunst das alles nicht mehr sein soll, dann packt euch doch am besten in Watte. Dann braucht ihr aber auch keine Kunst mehr“. Also wer einen Film nicht mehr aushält, wo jemand zum Gewalttäter wird und einmal persönliche und gesellschaftliche Gründe dafür vorliegen, dann braucht man sich eigentlich nicht länger mit Kunst zu beschäftigen. Dann kann man alle Bücher geschlossen lassen und muss dann versuchen, sich wieder in irgendeine Kindheit zurückzubewegen oder in irgendeine Kindergarten-Umgebung, wo man dann nicht mit dem konfrontiert wird, was in der Welt los ist. Also ich glaube, da stimmt dieser Ausdruck schon sehr, dass wir immer mehr mit diesen „Snowflakes“ zu tun haben, also Schneeflöckchen. Die haben Angst vor irgendwelchen Dingen, die widerspenstig, aggressiv oder in irgendeiner Weise kritisch sind. Aber man kann einfach sagen, wer das Kino in einen Saveplace verwandeln will, der kann das Kino auch gleich abschaffen.

Glauben Sie denn trotzdem, dass Filme uns beeinflussen können? 

Natürlich beeinflusst ein Film uns. Unsere Art wie wir reden, wie wir gestikulieren, wie wir uns kleiden, ist natürlich geprägt durch Vorbilder und die finden wir auch im Film. Man kann also sagen, uns beeinflusst jeder Film. Auch die Ideologien von Filmen sickern in Köpfe ein und können für das Leben prägend sein, aber ich glaube nicht an solche klaren Kausalzusammenhänge: Ich sehe im Film jemanden, der aus Jux und Dollerei Leute erschießt und komme selbst auf die Idee, das jetzt auch zu tun. Zumal das ja auch etwas ist, wo man einfach sagen muss, Leute kommt vielleicht mal im Jahr 2020 an. Denn zu sehen gibt es solche aggressiven Typen im Netz ohne Ende. Ich muss dafür keine Kinokarte lösen, um in irgendeiner Weise einen Input zu bekommen, welche Gewalttaten man vollführen kann. Das ist im Internet ja alles nur zwei Klicks entfernt. Hier wird so getan, als wenn das Kino jetzt der Ort ist, wo junge Menschen und vor allem Männer radikalisiert werden. Also das erachte ich als vollkommenen Blödsinn. Dass sich vielleicht irgendwann ein Amokläufer mal auf einen Film bezieht, wie es ja auch schon vorgekommen ist, das ist denkbar. Es kann aber auch sein, dass er sich auf etwas anderes bezieht. Der Mensch agiert ja nicht vollkommen aus sich heraus, sondern alles was wir tun, ist auch immer Nachahmung von etwas, was wir gesehen haben. Ein Amokläufer in den 70er Jahren, der wäre wahrscheinlich geprägt worden von einem Clint Eastwood oder Charles Bronson. Ein Amokläufer heute ist eher geprägt von einem Videospiel oder eben einem Film wie Joker oder von irgendeiner Musikgruppe. Also egal, was wir tun, wir agieren immer. Unser Sex wird durch eine Dauerpornografiesierung sicherlich heute auch sehr anders aussehen als der Sex vor 40 Jahren. Aber wollen wir dann jetzt grundsätzlich eine falsche Ideologiekritik betreiben, indem wir alles verhindern, das irgendwie beeinflussen kann? Diese direkten Zusammenhänge, die gibt es in der Regel nicht. Ideologie funktioniert viel eher so, dass sie schleichend wirkt, dass sich im Kopf gewisse Paradigmen festsetzen, die dann auch wirksam sind. Aber meines Erachtens nach ist ein Film wie „Der König der Löwen“ oder „Bambi“ viel gefährlicher als „Joker“ oder „American Psycho“.

Zuletzt würde ich gerne noch darauf eingehen, wozu wir Filme auch benutzen. Es gibt zahlreiche Filme, die unsere eigene Geschichte verarbeiten. Warum denken Sie, ist das so? 

Nun der Historienfilm ist ja ein generelles und weltweites Phänomen. Die Amerikaner haben beispielsweise im Western ihre Geschichte aufgearbeitet, manchmal auch geknittert. Wir gehen natürlich ähnlich vor, indem wir uns in Deutschland mit unserer Geschichte auseinandersetzen. Zum einen, weil es natürlich zum Gesellschaftspolitischen dazugehört und auch zum Gesetzbewusstsein eines Bürgers, dass man sich mit der eigenen Geschichte auseinandersetzt. Zum anderen ist es natürlich auch so, dass die Geschichte gerade da, wo sie so extrem verlaufen ist, wie im 20. Jahrhundert in Deutschland, eben sehr viele gute Geschichten bereithält, die zu erzählen sind. Es ist ja erstaunlich, dass wir ganz viele Geschichten beispielsweise über die DDR haben, wie Leute dort versuchen zu fliehen oder sich gegenseitig bespitzeln. Das sind ja sehr spannende Geschichten. Aber es gibt so gut wie keinen deutschen Film, der einfach bundesrepublikanische Wirklichkeit abbildet. Vielleicht eignet sich eine parlamentarische Demokratie gar nicht so gut, wenn nicht ein großer Skandal oder ähnliches geschieht. Der normale Tagesablauf, beispielsweise das politische Tagesgeschäft, hat wenig von einem Spielfilm.

Herr Schmitt, vielen Dank für das interessante  Gespräch.

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