Hauptsache studieren. Ist Uni wirklich immer die richtige Wahl?

Nach dem Abi geht es an die Uni. Für viele ist das von Beginn an klar. Doch ist ein Studium auch immer die richtige Wahl? Florian und Philipp haben sich nach dem Abitur für eine Ausbildung entschieden.

„Vorsicht“ tönt es durch den Wald. Dann herrscht Stille. Kurz danach landet mit einem dumpfen Krachen die 20 Meter hohe Fichte im Gehölz.Dann beginnt wieder das Kreischen der Kettensäge.

Die Holzernte ist eine wichtige Aufgabe von Florian Trockels (19). Er macht eine Ausbildung zum Forstwirt im ersten Lehrjahr beim Landesbetrieb Wald und Holz mitten im Sauerland. Noch vor wenigen Monaten bestand sein Alltag aus Schulbank drücken und Hausaufgaben machen, nun ist er fast jeden Tag draußen im Wald unterwegs. Morgens um sieben Uhr geht es für Florian los: Bäume fällen, Holz schneiden, Zäune bauen. Sogar bei einer Jagd durfte er schon mithelfen. „Es gibt eigentlich keine Arbeit im Wald, die mir keinen Spaß macht, solange das Wetter gut ist“, erzählt er. Anstatt auf den Campus, geht er morgens in den Wald.

Verloren an der Uni

Philipp Rogge: „Ich habe mich verloren gefühlt“

Auch für Philipp Rogge (23) ist die Zeit vorbei in der er noch gemütlich im warmen Hörsaal gesessen hat. Er steht nun in einer großen Halle an der Werkbank. Anstatt Texte zu lesen, muss er feilen, bohren und meißeln. Anstatt Theorien auswendig zu lernen, fertigt er Teile aus Metall. Philipp macht eine Ausbildung zum Industriemechaniker. „Ich finde es super genial, dass man mit Metall einfach so präzise arbeiten kann, dass man auf einen hundertstell Millimeter genau schon von Hand die Bauteile zusammenfassen kann“, erzählt er. Behutsam hält er ein Stück Metall an ein Schleifgerät. Ein schrilles Kreischen ertönt und Funken sprühen umher. Als Industriemechaniker kümmert sich Philipp später um die Wartung und Instandhaltung von Maschinen. Doch bevor es in seinen Betrieb, ein Verpackungsunternehmen, geht, besucht Philipp die Lehrwerkstatt. Dort lernt er alle Grundlagen für seinen späteren Beruf. Auch, wenn da die Arbeit manchmal monoton ist, sie macht ihm trotzdem Spaß, erzählt er.  An der Uni war das anders: Das Studium der Elektrotechnik, konnte ihn nicht begeistern. „Ich habe mich verloren gefühlt“, erzählt er. „Da standen irgendwelche Formeln an der Tafel, wo ich mich gefragt habe, wofür braucht man das jetzt?“ Er hat, wie er selbst sagt, „nur Bahnhof“ verstanden. Schließlich tauscht Philipp Schreibtisch gegen Werkbank, Stift gegen Feile und Langeweile gegen Spaß.

Ein Studium ist nicht für jeden die richtige Wahl

Gymnasium, Abi, Studium. Für viele scheint dieser Weg von vornherein klar. Laut dem Bundesinstitut für Berufsbildung haben 2017 rund 516.000 Menschen neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Davon haben knapp 30 Prozent vorher Abitur gemacht. Die Zahl der Abiturientinnen und Abiturienten in Ausbildungsberufen ist in den vorigen Jahren aufgrund der hohen Abiturientenzahlen gestiegen. Häufig bevorzugen Abiturientinnen und Abiturientenkaufmännische sowie Medien- und Technik-Berufe. Im Handwerk liegt ihre Zahl nur zwischen 10 und 14 Prozent. Nicht für jeden ist ein Studium die richtige Wahl. Nach einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung brechen 29 Prozent aller Bachelorstudierenden ihre Hochschulausbildung wieder ab.

Von der Schule alleine gelassen

Peter Martin Thomas arbeitet für das Sinus-Institut und war Co-Autor mehrerer Jugendstudien der Einrichtung. Er hat sich unter anderem mit der Frage beschäftigt, weshalb sich Jugendliche mit hoher Bildung eher für ein Studium entscheiden. „Die jetzige Generation nimmt wahr, dass die Welt außenherum ein bisschen unsicherer geworden ist“, sagt Thomas.„Viele glauben, dass sie mit einem Studium später mehr Geld verdienen können. Und viele wollen sich mit einem Studium mehr Optionen offenlassen.“ Das sei eine ganz gute Strategie.Doch auch im Handwerk gebe es eine große Vielfalt. Thomas sieht noch weitere Gründe: Jugendlichen fehle der Zugang zum Handwerk, weil in der Schule viel kognitiv gearbeitet werde. „Viele Lehrerinnen und Lehrer haben das Handwerkliche nie erlebt und selbst keinen Zugang dazu.“

Florian Trockels (links) mit seinem Ausbilder Heribert Peters

Auch Florian hätte sich mehr Unterstützung von seiner Schule gewünscht: „Wenn man sich für eine Ausbildung interessiert hat, dann musste man sich zu hundert Prozent selbst darum kümmern.“ Mögliche Studiengänge wurden vorgestellt, aber dass es nach dem Abitur mit einer Ausbildung weitergehen kann, darüber sei in Florians Schule nicht gesprochen worden. Auf seine Ausbildung ist er stattdessen durch seine Familie gekommen, erzählt er. Die war schon immer viel zum Jagen im Wald unterwegs. Nach einem Praktikum beim Förster war für ihn klar: Er möchte eine Ausbildung zum Forstwirt machen.

Ganz so klar war für Philipp die Sache nicht: „Als ich mit der Schule fertig war, wusste ich überhaupt nicht, was ich studieren soll. Ich wusste nicht, was welches Studienfach macht. Und ich hätte gerne gewusst, was es für Ausbildungsberufe gibt“, erzählt er. Nach seiner Ausbildung möchte Philipp weiter in seinem Ausbildungsbetrieb arbeiten. Hätte Philipp sein Studium der Elektrotechnik beendet, so stünden ihm heute eine Menge Arbeitsmöglichkeiten zur Verfügung. Doch Philipp bereut seine Entscheidung nicht: „Ich will nicht großartig aufsteigen oder Karriere machen. Ich will einfach nur gemütlich meinen Job machen, da Spaß dran haben und soviel Geld verdienen, dass ich alleine Wohnen kann“. Mit seiner Ausbildung, da ist sich Philipp sicher, kann er dieses Ziel erreichen.

Mit einem Studium in die falsche Richtung getrieben?

Die Mehrheit der Abiturientinnen und Abiturienten sieht die Sache anders und entscheidet sich für ein Studium. Arbeitskräfte, die fehlen. Besonders im Handwerk. Dort lag die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen laut Bundesinstitut für Berufsbildung 2018 bei 17.387 Stellen. Zum Vergleich: 2009 waren es noch 4611 Stellen. Peter Martin Thomas vom Sinus-Institut sieht dafür mehrere Gründe: „Wir haben allen Kindern immer erzählt: Ihr müsst an die Hochschule gehen. Und das machen jetzt auch alle. Wir haben die ganze Masse ein bisschen in die falsche Richtung getrieben.“Außerdem erklärt er, dass es im Handwerk durchaus mal dreckig werden könne und die Ausbildung häufig nicht gut bezahlt sei. „Das wird nicht gerade mit Spaß assoziiert.“

Falscher Eindruck des Handwerks

Das schlechte Image des Handwerks sieht auch Thomas Behrning als Problem. Er ist Sprecher der Kreishandwerkerschaft Hellweg-Lippe, zu der unter anderem Betriebe aus Unna und Hamm gehören. Seiner Meinung nach täuscht der Eindruck, den viele immer noch vom Handwerk haben: „Es ist nicht mehr so, wie man sich das vorstellt: Harte, schwere Arbeit, zehn Stunden pro Tag und am Wochenende Überstunden machen. Das ist nicht mehr die überwiegende Realität.“ Für viele Betriebe sei es trotzdem immer schwieriger, interessierte und zugleich geeignete junge Menschen zu finden, sagt Behrning. Für ihn ist klar, dass ein vermeintlich hoher Abschluss nicht immer der richtige Weg für den einzelnen jungen Menschen sein muss. Durch mehr Informationen für Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Jugendliche könne das Image des Handwerks verbessert werden. „Elternhaben oft selbst keine Ahnung vom Handwerk und seinen beruflichen Chancen“, sagt Behrning.

Auch Gymnasiasten können etwas Handwerkliches machen

Letztendlich sei es wichtig, dass alle Schultypen das gesamte Bildungsspektrum im Blick haben, meint Experte Peter Martin Thomas: „Es ist wichtig, dass man Gymnasiasten zeigt: Ihr könnt etwas Handwerkliches machen, aber auch Hauptschülern zeigt, dass sie sich weiter an Schulen fortbilden können.“ Um das Nachwuchsproblem im Handwerk zu lösen, müssten die Ausbildungsbetriebe zudem besser werden und an ihrer Bekanntheit in jugendlichen Lebensräumen arbeiten. Und dabei müsse man auch über Geld reden. Gerade Friseurinnen oder Friseure verdienen sehr wenig.

Fabrikhalle statt Hörsaal

Was kommt nach der Ausbildung? Vielleicht doch noch ein Studium? Philipps Ziel ist das nicht. Er fühlt sich in der Fabrikhalle wohler als im Hörsaal, kann mit seinen Ausbildern mehr anfangen als mit Professorinnen und Professoren und die Stimmung unter den Azubis gefällt ihm besser. Nach seiner Ausbildung überlegt er, vielleicht einen Ausbilderschein zu machen. Auch Weiterqualifizierungen wie der „Techniker“ oder „Meister“ wären möglich. „Und wenn es ganz schlimm kommt, könnte ich auch noch Maschinenbau studieren. Auf die Ausbildung kann man nämlich auch aufbauen“, erklärt er. Doch ein paar Nachteile an der Ausbildung gibt es für Philipp dann doch: „Es ist körperlich anstrengender und man bekommt kein Semesterticket“, sagt er und lacht.

 

Beitragsbild: Philipp Rogge in der Werkhalle der Firma Kreische in Wickede

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