Seenotretterin Zoe: „Wirklich vorbereiten kann man sich darauf nicht“

Zoe rettete vor der libyschen Küste zahlreiche Menschen vor dem Ertrinken. In Italien wird wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung gegen die 23-jährige Freiburgerin ermittelt – ihr drohen 20 Jahre Haft. Mehr als zwei Jahre später erzählt sie, wie sie heute über ihren Einsatz denkt und was er mit ihr gemacht hat.

Nach dem Abitur 2017 ging es für Zoe nicht etwa ins Auslandsjahr oder an die Uni, die heute 23-Jährige rettete vor der libyschen Küste Flüchtlinge vor dem Ertrinken. „Ich habe die ganzen Bilder im Internet und im Fernsehen gesehen und wusste, ich kann etwas dagegen machen“, sagt Zoe. Denn mit Schiffen kennt sich die Freiburgerin aus: Sie ist Motorbootfahrerin, seit 2017 Hobby-Segeltrainerin, machte nach dem Abitur eine Ausbildung zur Bootsbauerin. Sie meldete sich bei der Organisation „Jugend rettet“. „Ich habe gefragt, ob sie jemanden brauchen, sie brauchten jemanden und dann bin ich mitgefahren“, erinnert sie sich. „Ich habe mir vorher gar nicht so krasse Gedanken darüber gemacht, was das alles nach sich ziehen könnte. Es geht ja um Menschenrechte.“

Auch ihre Familiengeschichte spielt bei alldem eine Rolle. Die Geschichten ihrer Großeltern hätten sie sehr geprägt, erzählt Zoe. „Meine Oma hat selbst ziemlich traumatische Fluchterfahrungen, sie kommt ursprünglich aus Danzig“, sagt Zoe. Sie sei mit dem Selbstverständnis aufgewachsen: „Wenn man Menschen sieht, die Hilfe brauchen, dann hilft man ihnen.“

Insgesamt war Zoe drei Wochen lang im Einsatz. Der Tag begann für Zoe und die anderen Crew-Mitglieder an Bord der Iuventa früh. „Gegen vier Uhr kam meistens der erste Alarm, dann mussten wir raus und haben teilweise bis abends gerettet.“ Das Boot Iuventa ist ein Erstversorgerschiff, rettet also die Menschen und übergibt sie an andere Schiffe, die sie zum Festland bringen. Zur Crew gehörten Menschen aus verschiedenen Ländern, aus Portugal, Spanien, England und der Schweiz, berichtet Zoe. „Wir sind aus so unterschiedlichen Leben auf die Iuventa gekommen. Dass wir so schnell ein Team geworden sind, ist schon eindrucksvoll“, erzählt Zoe. An Bord wachse man schnell zusammen. „Man muss sich ja schließlich voll und ganz auf die anderen verlassen.“

Die gelernte Bootsbauerin aus Freiburg steuerte das Sicherungsboot der Iuventa. Wenn die Seenotretter*innen von der Iuventa losfuhren, waren immer zwei Boote unterwegs: Eins sammelte die Menschen auf, das andere sicherte ab. „Ich war die ganze Zeit neben dem Boot und habe geschaut, falls jemand ohnmächtig wird oder ins Wasser rutscht“, erinnert sich Zoe. Auch Massenpanik sei ein großes Problem. „Wenn ein Mensch ins Wasser rutscht und sich am Vordermann festhält, fällt eine ganze Kette ins Wasser.“

Ich dachte, dass ich es richtig belastend finde, wenn Menschen vor uns ertrinken. Das ist auch richtig belastend. Aber diese Wut darüber, dass das passiert – die finde ich viel schlimmer.

Es habe psychologische Vorbereitungstrainings gegeben, erklärt Zoe. „Aber so wirklich vorbereiten kann man sich darauf nicht. Diese Situationen kann man nicht üben.“ Sie habe die Bilder von Flüchtlingsbooten zwar aus dem Internet gekannt. Aber als sie das erste Mal ein Boot gesehen habe, habe sie es nicht glauben können. „Ich dachte, dass ich es richtig belastend finde, wenn Menschen vor uns ertrinken. Das ist auch richtig belastend. Aber diese Wut darüber, dass das passiert – die finde ich viel schlimmer“, sagt Zoe.

Ihr Weltbild habe sich durch den Einsatz auf See verändert. „Ich wusste natürlich auch davor, dass es Leute gibt, die sagen: Ist doch egal, wenn alle ersaufen. Aber ich verstehe es nicht, wie man jemand anderem die Hand nicht hinhalten kann“, sagt sie. Und sie habe vorher an den Rechtsstaat geglaubt. „Ich weiß noch im Sommerinterview mit Steinmeier ging es um Carola Rackete und er meinte, das Gericht würde das schon richtig entscheiden. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das Gericht so unabhängig ist, dass es das richtig entscheidet. Es sind schon so viele Menschen inhaftiert, die keine große Stimme haben. Ich verstehe nicht, wie es sein kann, dass diese freiwillige Arbeit so kriminalisiert werden“, sagt sie.

„Jeder, der da unten ertrinkt, ist einer zu viel“

Foto: Iuventa10

Eine Situation auf See ist Zoe besonders im Gedächtnis geblieben. Einmal sei die libysche Küstenwache gekommen, als die Iuventa-Crew gerade dabei war, Menschen von einem Boot zu retten. „Es war ziemlich schnell klar, was die wollten, nämlich das Boot zurück drücken in libysche Gewässer“, erzählt sie. Die Männer seien auf das Boot gekommen, hätten mit Gürteln geschlagen. „Letztendlich haben sie erreicht, dass alle Menschen ins Wasser gesprungen sind“, sagt sie. Schließlich sei die Küstenwache zurück auf ihr Boot gegangen und zurück Richtung Libyen gefahren. „Die Menschen haben sie im Wasser gelassen“, erinnert sich Zoe. In ihrer Stimme schwingen Wut und Fassungslosigkeit mit. „Dass die Europäische Union die unterstützt, kann man fast nicht glauben“, sagt sie.

Doch für die Iuventa-Crew wird es nicht nur dann schwierig, wenn die lybische Küstenwache kommt. Zoe erinnert sich an einen Abend, an dem ziemlich viele Boote auf dem Wasser waren. Es war schon dunkel. Sie selbst war mit dem Sicherungsboot an einem dieser Boote. Eigentlich schien die Situation unter Kontrolle zu sein: Die Menschen hatten schon Schwimmwesten an und auch das Boot sei in diesem Zustand gerade noch okay gewesen, erinnert sich Zoe. Aber sicher war die Situation für die Menschen an Bord damit noch lange nicht. „Es kann aber immer schnell etwas passieren, das kann eine Sache von Minuten sein“, sagt sie. Schläuche könnten platzen, der Boden durchbrechen. In diesem Moment bekam sie einen Funkspruch: Die Seenotretter*innen mussten zu einem anderen Boot, das gerade sank. Und das bedeutete: Das erste Boot zurücklassen. „Das war ziemlich heftig, da wegfahren zu müssen und nicht zu wissen, was passiert.“ In dem Boot, zu dem sie als nächstes kamen, hätten vier Leichen gelegen. Als sie von dieser Situation erzählt, klingt Zoes Stimme ruhig, aber auch traurig und nachdenklich – so als habe sie die Situation noch genau vor Augen.

Ich glaube, man muss sich auf die fokussieren, die man retten kann.

Egal, wie sehr sich die Seenotretter*innen bemühen, alle Menschen können sie nicht retten. „Ich glaube, man muss sich auf die fokussieren, die man retten kann“, ist Zoe daher überzeugt. „Man verallgemeinert immer und redet über die Flüchtlinge. Aber am Ende sind das alles Menschen und jeder, der da unten ertrinkt, ist einer zu viel.“

Ermittlungen gegen Seenotretter*innen

Der Einsatz hatte für Zoe und die neun weiteren Crew-Mitglieder Folgen: In Italien wird gegen sie ermittelt – wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Was genau Zoe und den neun weiteren Iuventa-Crew-Mitgliedern nun aber vorgeworfen wird, ist noch unklar. Bisher sind es nur Ermittlungen, eine Anklage wurde noch nicht erhoben. Fakt ist aber: Das Boot der Crew wurde beschlagnahmt.

Auslöser für die Ermittlungen ist eine Nacht im Juni 2017. Die Iuventa sollte Menschen zu einem anderen Schiff shutteln, berichtet Zoe. An der Bootswand gebe es eine Stelle, an der die Wand etwas niedriger sei. Diese musste also frei werden. Zoe zog also ein Holzboot von der Iuventa weg, weil sie es eigentlich zerstören wollte. So berichtet die 23-Jährige von der Nacht.

Dabei wurde Zoe gefilmt. „Man sieht auf den Aufnahmen, wie ich das Boot ein Stück schleppe“, sagt Zoe. „Es wurden Kringel darum gemacht und gesagt, ich hätte das Boot zurück nach Libyen geschleppt oder einem Schlepper übergeben“, schildert sie die Vorwürfe – Vorwürfe, die sie sprachlos machen. „Ich kann da gar nichts zu sagen“, sagt sie mit Fassungslosigkeit in der Stimme. Das Boot habe sie nicht, wie sie es eigentlich vorgehabt habe, zerstören können. Die Boote zu zerstören ist gängige Praxis. So können Schlepper sie nicht mehr wiederverwenden. Sie seien dazu aber nicht verpflichtet, sagt Zoe. „So ein Holzboot zu zerstören, ist nicht ganz einfach“, erklärt sie. Man könne es entweder anzünden oder ein Loch mit einer Axt hineinschlagen. Dann habe sie aber per Funk Bescheid bekommen, dass es eine weitere Rettung gebe. „Nach Seerecht steht das Retten von Menschen im Vordergrund, nicht das Zerstören von Booten“, sagt Zoe entschlossen. Das Problem: Das Holzboot wurde später wiedergesehen, mit Menschen darauf. Zoe hat auch eine Vermutung, wie das sein kann: „Es gibt eben Motordiebe, die haben die Boote letztendlich zurückgeschleppt.“

Als sie die Bilder in der Zeitung sah, war sie schockiert. Schon auf der Iuventa habe sie den Gedanken gehabt: „Wie kaputt ist eigentlich die Welt?“. „So ein Gefühl war das auch, als ich die Fotos gesehen habe“, erinnert sie sich. Sie sei schockiert, dass so etwas möglich sei, „wenn die Politik jemanden aus dem Weg haben will.“

Dieser Nacht geht aber bereits eine lange Geschichte voraus, die klingt, als wäre sie aus einem Spionagethriller. Ein Sicherheitsdienst-Mitarbeiter habe bei der Polizei ausgesagt, die Iuventa-Crew arbeite mit Schleppern zusammen. „Die Aussage bei der Polizei hat dann dazu geführt, dass Ermittlungen gegen uns eingeleitet wurden“, sagt Zoe. Die Iuventa-Crew wurde fortan überwacht: „Die haben die Brücke der Iuventa verwanzt, unsere Telefone abgehört“, berichtet Zoe. So kam es auch zu den Fotos, die heimlich gemacht wurden.

Wie kaputt ist eigentlich die Welt?

Die Folge für die Seenotretter*innen: Seitdem gegen sie ermittelt wird können sie nicht mehr aufs Meer fahren. „Wenn wir wieder rausfahren würden, wäre das ein Grund, uns in U-Haft zu nehmen“, erklärt Zoe. An einen Freispruch glaubt die 23-Jährige nicht. „Die wollen auf jeden Fall, dass irgendwo steht: Iuventa-Crew verurteilt.“ Im schlimmsten Fall würde den Seenotretter*innen dann 20 Jahre Haft drohen. Für Zoe steht aber fest: „Selbst, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich genauso gehandelt.“ Das entspreche ja schließlich auch dem Recht. Heute ist Zoe zurück in Freiburg, hat ihre Ausbildung zur Bootsbauerin beendet. Jetzt überlegt sie, was sie studieren möchte. Irgendetwas in Richtung „Bau“ soll es sein.

In der Zwischenzeit starten die Mitglieder von „Jugend rettet“ Aktionen von Deutschland aus. Erst einmal wollten sie Spendengelder für Anwälte sammeln. Aber sie wollen auch auf andere Menschen aufmerksam machen, die „kriminalisiert werden, aber eben nicht diese Öffentlichkeit haben.“

„Zoe heißt Leben“ – Ein Buch über die Zeit auf der Iuventa

Über ihre Zeit auf der Iuventa hat Zoe ein Buch geschrieben, es erscheint im März 2020. Schon der Titel ist ein klares Statement: „Zoe heißt Leben – Ich riskierte 20 Jahre Haft, weil ich Hunderte von Menschen aus Seenot rettete. Und ich würde es wieder tun.“ Den Inhalt ihres ersten Buches fasst die 23-jährige so zusammen: „Es geht um meine Zeit auf der Iuventa, darum, wie ich alles erlebt habe, wie man davor ist, wie man dazu kommt, da mit zu fahren, was das mit einem macht und wie sich das Weltbild dadurch verändert.“ Der für sie wichtigste Grund das Buch zu schreiben: „Ihr könnt später nicht sagen, wir hätten nichts gesagt.“

Ich bin mit dem Selbstverständnis aufgewachsen: Wenn man Menschen sieht, die Hilfe brauchen, dann hilft man ihnen auch.

Zoe hofft, dass es in Zukunft eine staatliche Seenotrettung gibt. „Am besten wäre es, wenn Seenotrettung gar nicht nötig wäre“, sagt sie. Staaten sollten das Seerecht umsetzen. Über alldem steht ein scheinbar simpler Appell: „Ich hoffe, dass es mehr Menschen gibt, die anderen Menschen helfen.“

Welche Rolle spielt dein Geschlecht in deinem Alltag?

„In den Situationen auf See ist es komplett egal. Das letzte Kapitel in meinem Buch handelt von einem Libyer, der 2016 geflohen ist, den habe ich vor ein paar Wochen in Dresden getroffen. Der hat mir erzählt, dass er davor schon einmal eine blonde Frau gesehen hatte, aber dass mit ihm Leute auf dem Boot waren, die eben noch keine blonde Frau gesehen haben und dass er das Erstaunen in den Augen so witzig fand.

Aber in meinem Beruf als Bootsbauerin ist das Thema viel präsenter. Wir haben in der Berufsschule einen Frauenanteil von 11 Prozent, was nicht so besonders viel ist. Es ist sehr untypisch, als Frau, die sich gerne die Nägel lackiert, Bootsbau zu lernen und da habe ich richtig extrem mit Vorurteilen zu kämpfen. Mir wurden zum Beispiel im ersten Lehrjahr immer Sachen, die ich tragen wollte, aus der Hand genommen und ich musste wirklich dagegenhalten und sagen: „Ich kann das selbst tragen“. Oder wenn ich in einen Baumarkt reinlaufe, werde ich nur ernst genommen, wenn ich meine Arbeitshose anhabe und ein bisschen verlottert aussehe. Wenn ich da etwas wissen will, muss ich mir manchmal Datenblätter ausdrucken lassen, weil mein Gegenüber mir meine Fragen nicht beantworten kann. Was mich auch sehr überrascht hat, ist, dass die Landesberufsschule „Landesberufsschule für Bootsbauer“ heißt. Da habe ich mich mit zwei anderen aus meiner Klasse dafür eingesetzt, dass die jetzt hoffentlich umbenannt wird in „Landesberufsschule für Bootsbau“. Da habe ich dieses Frauenthema viel mehr. Viele Außenstehende haben die Meinung, dass man als Frau keine Handwerkerin sein kann in dem Beruf.
Ich bin über das Segeln zu den Booten gekommen. Nach dem Abi habe ich dann überlegt, was ich machen will. Alle anderen irgendwie anfangen, zu studieren oder reisen. Irgendwie war das für mich nicht die Zeit dazu. Dieses Unabhängigsein, vor allem auch als Frau unabhängig sein. Ich wollte nicht, wenn ich etwas reparieren muss, jemanden fragen: Kannst du mir mal helfen?“

Dieser Artikel ist Teil einer Reihe über Frauen, die in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft etwas bewegen – entweder dadurch, dass sie sich für andere einsetzen oder dadurch, dass sie sich in Bereichen behaupten, in denen Frauen traditionell unterrepräsentiert sind. Ihnen allen wurde unter anderem die Frage gestellt, welche Rolle ihr Geschlecht in ihrem Alltag spielt. Weitere Gesprächspartnerinnen für diese Reihe waren eine Gründerin, eine Altenpflegerin, eine Schiedsrichterin und eine Ärztin von „Ärzte ohne Grenzen“.

Beitragsbild: Kai von Kotze

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