Jung und bedroht: Wie es sich anfühlt zur Covid-19-Risikogruppe zu gehören

In sozialen Medien geben Menschen mit Behinderungen und Vorerkrankungen der Risikogruppe jenseits der 60 ein Gesicht und appellieren an die Vernunft der Gesunden. Luisa Burkhardt ist eine von ihnen. Die angehende Logopädin ist 23 und hat einen seltenen Gendefekt. Sollte sie sich mit dem Covid-19-Virus infizieren, könnte es für sie lebensgefährlich werden. Schon jetzt kann sie ihre dringend benötigte Therapie nur noch eingeschränkt wahrnehmen. Ein Gespräch über ihre Sorgen, den Begriff „Risikogruppe“ und darüber, was sie jetzt von gesunden Menschen erwartet.

Luisa, warum wäre es für dich besonders gefährlich, mit dem Virus infiziert zu werden?

Mein ganzer Körper ist quasi „heruntergefahren“: Mein Lungenvolumen ist deutlich eingeschränkt, denn meine Wirbelsäule drückt mir von hinten auf die Lunge. Auch meine Muskulatur ist schwächer als bei gesunden Menschen. Das Atmen und Abhusten fällt mir deswegen schwerer.
Außerdem brauche ich eine spezielle Ernährung, das wäre im Krankenhaus ein Problem.

Das heißt du hast Angst davor, dass du im Falle einer Infizierung im Krankenhaus nicht richtig versorgt werden könntest?

Mein Gendefekt ist sehr selten, wahrscheinlich bin ich sogar die einzige in ganz Deutschland. Da kann man sich vorstellen, wie die Ärzte schon unter normalen Umständen reagieren, wenn ich ins Krankenhaus komme: Viele sind überfordert oder haben Angst davor, etwas falsch zu machen.
Ich will mir gar nicht vorstellen, was passieren würde, wenn in einem Ausnahmezustand keine Zeit für die Ärzte bleibt, sich mit meiner Diagnose genauer zu befassen.

Wie gehst du mit dieser Angst vor einer möglichen Infektion um?

Ich versuche ruhig zu bleiben und mich nicht verrückt zu machen. Aber als ich zum ersten Mal gemerkt habe, welche Ausmaße das annimmt, war das ein sehr bedrückendes Gefühl. Denn ich dachte: „Mist, auch ich bin Risikopatientin.“
Wenn ich dann sehe, dass manche Menschen, das noch nicht wirklich ernst nehmen, möchte ich eigentlich nur rufen: „Hallo, es geht um mein Leben. Damit darf nicht gespielt werden!“

Wie schützt du dich?

Ich bin mit meinem Mann zu Hause. Die Berufsschule ist seit Montag geschlossen und mein Mann hat spontan seinen Urlaub vorgezogen, weil er sonst weiterhin arbeiten gehen müsste. Jetzt versuchen wir, die Tage hier rumzukriegen.
Mit meiner chronischen Erkrankung bin ich es leider gewohnt, einfach immer in einer Art Quarantäne zu leben. Ich habe nur wenig Energie und die stecke ich in meine Ausbildung, Therapien und Arztbesuche. Da bleibt für Freunde und Freizeit meist wenig übrig.

Welche besonderen Herausforderungen und bringt die aktuelle Situation für dich mit sich?

Ich versuche natürlich, möglichst jeden Kontakt zu anderen zu vermeiden. Trotzdem bin ich darauf angewiesen, zu den wichtigsten Arztterminen und zur Apotheke zu gehen.

Auch die Physiotherapie ist sehr wichtig für mich. Normalerweise findet sie zweimal die Woche statt. Jetzt gehe ich nur noch selten dorthin. Denn obwohl ich jedes Mal eine Atemschutzmaske trage, ist die Angst trotzdem groß, dass ich über die Physiotherapeutin mit dem Virus in Berührung kommen könnte. Wenn ich nach Hause komme, schmeiße ich meine komplette Kleidung in die Wäsche und gehe sofort duschen.

Was macht dir im Moment am meisten Sorgen?

Vor allem die Frage, wie es weiter gehen soll. Der Urlaub meines Mannes ist natürlich begrenzt und man muss bedenken, dass er jedes Mal, wenn er das Haus verlässt, den Virus mitbringen und mich damit anstecken könnte.

Mir machen aber auch die Reaktionen der Menschen Sorgen: Sowohl die, die das Ganze auf die leichte Schulter nehmen, als auch die, die in Panik verfallen. Beides macht mir Angst, weil ich weiß, dass ich im Falle einer Infektion einfach den Kürzeren ziehe.

Nicht alle nehmen die Situation so ernst. Manche finden, die Einschränkungen seien übertrieben. Was denkst du darüber?

Ich finde, das ist einfach naiv und rücksichtslos. Wahrscheinlich haben sich diese Menschen bisher wenig Gedanken darüber gemacht, dass auch sie vermutlich jemanden in der Familie oder dem Freundeskreis haben, der zur Risikogruppe gehört.

Hast du das Gefühl, der Begriff „Risikogruppe“ ist für viele zu abstrakt?

Ja. Ich denke das liegt auch daran, dass man in den Medien oft gehört hat, es betreffe nur die Alten und Kranken. Da kocht es in mir, als junge, chronisch kranke Person natürlich hoch.
Ich glaube, dass die Leute vielleicht gar keine Vorstellung davon haben, wie „normal“ ein Risikopatient auf den ersten Blick wirken kann. Wenn man meinen Rollstuhl oder meine Gehhilfe nicht sieht, würde man bei mir wahrscheinlich auch nicht sofort davon ausgehen, dass ich zu dieser Gruppe gehöre.

Was wünscht du dir von gesunden Menschen in diesen Zeiten?

Ich würde mir wünschen, dass sie auf die Experten hören und nicht glauben, alles besser zu wissen. Außerdem wäre es gut, wenn, diejenigen, die älteren Menschen in der Nachbarschaft ihre Hilfe anbieten, auch Jüngere und Familien unterstützen würden. Viele Eltern mit chronisch kranken Kindern haben im Moment Angst, ihre Kinder zu gefährden und wollen deswegen möglichst nicht das Haus verlassen.

Glaubst du, dass die aktuellen Maßnahmen zur Begrenzung des sozialen Kontaktes ausreichen?

Wenn man nach Italien guckt, sieht man Leute, die uns warnen, weil sie die Einschränkungen nicht ernst genug genommen haben. Trotzdem bin ich auch nicht sicher, ob eine Ausgangssperre etwas bringen würde. Ich denke, ignorante Menschen würden trotzdem versuchen, raus zu kommen und sich mit Freunden treffen.
Es wäre mir lieber, die Leute zu überzeugen, als sie mit Verboten zu überhäufen.

 

Beitragsbild: Luisa Burkhardt

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