Homophobie unter Palmen – Sat.1 unter Zugzwang

Nach den homophoben Aussagen von Prinz Marcus von Anhalt bei “Promis unter Palmen” steht Sat.1 massiv in der Kritik. Die KURT-Expert*innen sind sich einig: Diese Sendung hätte niemals ausgestrahlt werden dürfen.

“Es ist eklig, wenn zwei Männer sich küssen”. Es ist Montagabend, bei Sat.1 läuft das Trash-Format “Promis unter Palmen”. Bordellbesitzer Prinz Marcus von Anhalt (54), sichtlich alkoholisiert, wettert gegen Dragqueen Katy Bähm: “Du bisch doch a Schwuchtl!” Es kommt, was kommen muss: Das Netz überschlägt sich und eine Welle der Entrüstung rollt über den Sender. Sat.1 reagiert und nimmt die Folge offline. Prinz Marcus von Anhalt, heißt es, werde in Zukunft an keiner Sat.1-Produktion mehr teilnehmen dürfen.

Glaubt man dem Online-Portal Quotenmeter, verzeichnete die Episode eine Zuschauer*innenzahl von 2,23 Millionen, was einem Marktanteil von 7,5 Prozent entspricht. In einer Zeit, in der immer weniger Menschen lineares Fernsehen konsumieren, ist das eine starke Quote.

Reality-Formate wie “Promis unter Palmen” erfreuen sich kontinuierlicher Beliebtheit. Die Shows wollen alltägliche Themen und Probleme des Lebens emotionalisieren und in überspitzter Weise darstellen. Doch zählt Homophobie dazu? Trotz der Maßnahme von Sat.1 bleibt ein Beigeschmack: Wieso durfte die Folge überhaupt ausgestrahlt werden? Warum haben diese Aussagen eine Plattform bekommen?

 

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Kritik an der Ausstrahlung

“Ich finde die Ausstrahlung nicht in Ordnung”, sagt Şefik_a Gümüş. Die Diplom-Sozialpädagog*in arbeitet für die Landeskoordination Anti-Gewalt-Arbeit für Lesben, Schwule und Trans* in Nordrhein-Westfalen. “Die Entscheidung, es auszustrahlen, zeigt, dass es bagatellisiert wird. Es zeigt, dass die Aussagen benutzt werden, um mit dem Skandal zu spielen”, kritisiert Gümüş. Queere Personen würden hier als “Problem” des Skandals benutzt werden.

Die Entscheidung, es auszustrahlen, zeigt, dass es bagatellisiert wird. Es zeigt, dass die Aussagen benutzt werden, um mit dem Skandal zu spielen.

Das Konzept von “Promis unter Palmen” ist, dass mehrere bekannte Personen in einer Villa in Thailand zusammen wohnen und in Spielen gegeneinander antreten müssen. Zug um Zug werden die Gäste dann hinausgewählt. Die aktuelle Staffel wurde bereits vor einigen Wochen aufgezeichnet.

Sat.1 gesteht Fehler…

Sat.1 habe eine Grenze überschritten: “Wir befinden uns bei diesen Aussagen ja nicht einmal im Graubereich.” Şefik_a Gümüş bemängelt außerdem, dass so viele Menschen ungeschützt dieser Emotionalität ausgesetzt worden sind. Sat.1 twitterte dazu: “Wir haben versucht, diese Aussagen im Umfeld und im Anschluss der Sendung einzuordnen. Aber wir müssen feststellen: Diese Einordnung war so nicht ausreichend.”

Katy Bähm, bürgerlich Burak Bildik, wird bei Sat.1 folgendermaßen zitiert: “Wir brauchen diese Aufklärung auf dieser Welt. Deswegen ist es auch real, was hier passiert ist. Das ist das, was die Community Tag für Tag erlebt. Wenn es [die Ausstrahlung, Anm. d. Redaktion] dafür sorgt, dass draußen ein klein bisschen eine bessere Welt herrscht, bin ich happy.”

… aber ordnet die Aussagen nicht ein

Sophia Sailer ist anderer Meinung. “Sat.1 ist seiner redaktionellen Verantwortung nicht gerecht geworden!” kritisiert die Bloggerin, die sich regelmäßig zu den Themen Feminismus, Politik und Toleranz äußert.

Sie geht noch einen Schritt weiter und unterstellt der zuständigen Redaktion, die Szenen ganz bewusst gesendet zu haben. Ihrer Ansicht nach wollte Sat.1 mit dem Skandal Schlagzeilen generieren: “Schlagzeilen durch Hass gegen Minderheiten zu generieren ist ein No-Go!”

Schlagzeilen durch Hass gegen Minderheiten zu generieren ist ein No-Go!

Şefik_a Gümüş findet vielmehr das Verhalten des Senders nach der Ausstrahlung problematisch: “Der Sender arbeitet mit dem Skandal, da er erst gesendet und dann gelöscht wird. Man könnte durch die nachträgliche Löschung befürchten, dass eine Sprachpolizei existiert.”

Sat.1 habe grundsätzliche Fehler in der öffentlichen Kommunikation begangen. “Es wird nur kontextlos gesagt, dass es falsch ist. Es fehlt eine Einordnung. Viele sitzen vielleicht Zuhause und denken: Das darf man nicht sagen!” Es mangele an einer differenzierten Erklärung darüber, was genau Falsches gesagt wurde. In Deutschland gebe es immer noch einige Menschen, die grundsätzlich Probleme mit homo- oder transsexuellen Menschen haben. Insofern hätten die Aussagen eingeordnet werden müssen.

Absehbares Unheil?

Bloggerin Sophia Sailer findet die Maßnahme von Sat.1 richtig. Foto: privat

“Das Problem von solchen Reality-Formaten ist ja, dass mit solchen Aussagen gerechnet wurde. Es war abzusehen, dass Persönlichkeiten wie Prinz Marcus von Anhalt mit skandalösen Zitaten auffallen”, mutmaßt Bloggerin Sailer. Die Reaktionen, das Video aus dem Netz zu nehmen und auf zukünftige Produktionen mit dem Bordellbesitzer zu verzichten, findet sie gut und richtig. “Prinz Marcus ist ja auch kein unbeschriebenes Blatt.”

Der 54-Jährige meldete sich einen Tag nach der Ausstrahlung über seinen Instagram-Kanal zu Wort. Entschuldigt hat er sich für sein Verhalten allerdings nicht. Vielmehr unterstrich er seine Ansichten. Inzwischen ist bekannt geworden, dass ein 51-jähriger Mann aus dem Umfeld der beleidigten Katy Bähm Anzeige gegen den gelernten Metzger erstattet hat.

Strafrechtliche Konsequenzen dürften ausbleiben

Ob es allerdings zu einer Verurteilung kommen wird, ist unklar. Sozialpädagog*in Gümüş wagte auf Nachfrage keine Prognose: “Schwuchtel ist eindeutig eine Beleidigung!” Da im deutschen Strafgesetzbuch noch keine konkrete Bestrafung für Homophobie existiert, dürften die weiteren Aussagen juristisch aber nur schwer greifbar sein: “‘Es ist eklig, wenn zwei Männer sich küssen’, ist im Zweifelsfalle eine Meinung”, so Gümüş weiter.

Unabhängig von weiteren Konsequenzen gegen Prinz Marcus von Anhalt: Was bleibt, ist die Empörung gegen den Sender Sat.1 und die Frage, was in Zukunft alles gesendet werden sollte.

Beitragsbild: unsplash.com/JESHOOTS.COM

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