EM 2020: Wegducken zieht nicht mehr

Egal ob es um die Verschwendung von Steuergeldern geht oder Verstöße gegen die Menschenrechte — kurz vor Fußballgroßereignissen sind damit verbundene Skandale oft ganz schnell vergessen. Die Europameisterschaft 2021 zeigt, dass diese Strategie nicht immer funktioniert. Es wird Zeit, dass König Fußball sich endlich an seinen eigenen Worten misst. Ein Kommentar.

Eigentlich ist es fast schon üblich, dass Fußballfeste zum Vergessen anregen. Kritik an fehlender Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit, die der Spielplan der UEFA EURO 2020 im Vorfeld entfachte, sollte mittlerweile überwunden sein. Die missachteten Fan-Interessen? Sollten abgeperlt sein. Die Profitgier? Ist Fakt, aber sollte irgendwann doch auch mal egal sein. Normalerweise sind großen Verbände skandalerprobt. Wegducken ist eine Kernkompetenz bei UEFA und FIFA.

Mit dem Auftaktspiel setzt dann unter den Sportbegeisterten dieser Welt normalerweise eine gan

zheitliche Amnesie ein. Bei der WM 2014 in Brasilien waren die Proteste im Vorfeld kein Thema mehr. Und davor, 2010 in Südafrika, wurden Unsummen für Stadien verschleudert, von denen viele seither leerstehen. Beim Turnier selbst war davon kaum etwas zu hören. Zur EM 2020 zeigt sich aber, dass diese Amnesie nicht immer auftreten muss. Denn nach nur zehn Gruppenspielen ist klar: Dieses Fußballfest mausert sich zur Bühne der Kritik — und die Worte der UEFA einmal mehr stehen im Widerspruch zu ihren Taten.

Die Quote zählt…

Am drastischsten zeigt das die wohl mit Abstand schockierendste Szene des bisherigen Turniers:  Am Samstagabend war der dänische Nationalspieler Christian Eriksen auf dem Rasen kollabiert. Millionen Zuschauer konnten seinen Kampf gegen den Tod live mitverfolgen – inklusive Reanimierungsversuchen per Herzdruckmassage und Defibrillator. Mittlerweile ist der Taktgeber der Dänen zwar wieder wohlauf. Die Kritik an der Vorgehensweise der UEFA aber bleibt. Wohl auch, weil das Handeln des Verbandes einmal mehr sinnbildlich für fehlende Empathie steht.

Minutenlang waren die Zuschauer der Fassungslosigkeit im Stadion ausgesetzt und blickten in die aufgelösten Gesichter der Akteure. Sicherlich gilt es in einer solchen Situation zwischen öffentlichem Interesse und Persönlichkeitsrechten abzuwägen. Aber während Jimmy Jump, der bekannteste Flitzer der Welt, für eine derart lange TV-Präsenz vermutlich alles geben würde, wurde dem dänischen Team diese Entscheidung abgenommen. Dabei ist die UEFA dafür bekannt, Szenen, die nicht in die malerische Fußballtraumwelt passen, rigoros zu zensieren. Die UEFA will ihre Produkte “verkaufen” und da sind Flitzer nicht förderlich. Reanimationsversuche, so scheint es, aber schon. Denn die lassen sich für die eigene PR-Maschine nutzen.

…die Beteiligten weniger

Das Erzeugnis dieser Maschine findet man dann auf der offiziellen Website der UEFA. “Fußball vereint für Christian Eriksen”, heißt es da.  Garniert mit Zitaten von Mit- und Gegenspielern bemüht sich der Verband um Ablenkung. Die emotional-aufgeblasene Anteilnahme sollte den Schein einer Gemeinschaft waren, die Idee einer “Fußballfamilie” verkaufen. In ihrer Doppelmoral verfehlen diese Worte ihren Zweck aber komplett. Denn die Taten der UEFA sprechen eine andere Sprache: Ganze 107 Minuten lang war das Spiel unterbrochen gewesen. Dann mussten sich die völlig desillusionierten Teilnehmer für eine Fortsetzung der Partie entscheiden. Statt richtiger Alternativen hatte die UEFA den Spielern drei Scheinoptionen zur Auswahl gegeben: die direkte Spielfortsetzung am selben Tag, die Fortsetzung am darauffolgenden Tag — oder eine Klärung am sogenannten ‘grünen Tisch’. Letztere Option hätte eine 0:3-Wertung gegen die Dänen bedeutet.

Sollten junge Menschen, die gerade um das Leben eines Freundes bangen, vor eine solche Entscheidung gestellt werden? Die Antwort ist eindeutig. Nach solch einem Schockerlebnis über die Fortsetzung dieser Partie auch nur nachzudenken, rückt die UEFA in ein schlechtes Licht. Dann anschließend noch mit dem Wunsch der Spieler zu argumentieren, ist eine moralische Bankrotterklärung. Zumal die Dänen verdeutlichten, dass der Wunsch nicht allzu stark ausgeprägt war. So sagte etwa der dänische Torwart Kasper Schmeichel: “Man hätte warten sollten, um eine Entscheidung zu treffen. Ich hoffe, dass die UEFA etwas daraus lernt.”

Ein Kniefall vor den Sponsoren

Dieses Verhalten ist dabei nur ein Symptom: Egal was UEFA und FIFA kommunizieren, in ihrem Handeln stehtüber allem der Profit. Genauso deutlich das auch bei den Vergabeverfahren der Turniere. Sportliche Großereignisse an fragwürdige Ausrichter zu vergeben, ist für beide Verbände fast zur Gewohnheit geworden. Solange das Turnier finanziert werden kann, werden auch keine Fragen gestellt. Teil der “größten Party aller Zeiten”, wie der ehemalige UEFA-Generalsekretär Gianni Infantino die EM2020 einmal bezeichnete, sind auch Russland und Aserbaidschan. In diesen Staaten stehen Verhaftungen und Einschüchterungen gegen Oppositionelle höher im Kurs als Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Egal, solange der Geldhahn aufgedreht bleibt.

Richten wir den Blick nach Russland, im speziellen Sankt Petersburg. Politische Gesten wie das solidarische Niederknien der Belgier im Zuge der “Black Lives Matter”-Bewegung werden hier nicht gerne gesehen: Die knieenden Belgier wurden am Samstag von den Heimfans sogar ausgebuht. Auch wenn die UEFA das Niederknien erlaubt – das ist ein weiterer Widerspruch zwischen Worten und Taten. In ihren Worten positioniert sich die UEFA klar: Da ist zum Beispiel die “no to racism”-Kampagne. Rassismus soll keinen Platz im Fußball haben. Aber mit den Geldgebern will es sich die UEFA eben auch nicht verscherzen: in St.Petersburg sitzt das weltweit größte Erdgasförderunternehmen Gazprom. Seit 2012 ist das staatlich-kontrollierte Unternehmen offizieller Sponsor der UEFA Champions League. Die Europameisterschaft unterstützt Gazprom sogar als Hauptsponsor.

Es mangelt auch am Pandemie-Bewusstsein

Ursprünglich hätten in St. Petersburg drei Vorrundenspiele stattfinden sollen. Nachdem in Dublin pandemiebedingt aber nicht gespielt werden kann, wanderten drei der vier verlegten Partien nach Russland.  Eigentlich sollte  dabei nur die gute Stimmung ansteckend sein. In Sankt Petersburg zeichnet sich momentan aber ein ganz anderes Szenario ab. Die Corona-Maßnahmen werden in der Zarenstadt verschärft – Massenveranstaltungen mit mehr als 3000 Fans sind verboten. Das gilt allerdings nur für die Fanmeilen. Örtliche Beschränkungen für Stadionbesuche werden durch EM-Sonderregeln ausgehebelt. Somit gilt weiterhin die Stadionauslastung von 50 Prozent.

Hier zeigt sich, wie sich die UEFA über lokale Beschlüsse hinwegsetzen kann. Kritiker, die prophezeit haben, die EM könne sich zu einem Superspreader-Event entwickeln, fühlen sich durch diesen Schritt wohl bestätigt. Auch an Spielorten in Virusvariantengebieten, wie dem Londoner Wembleystadion, hält die UEFA trotz massiver Kritik fest. Dorthin wurde das vierte eigentlich in Dublin angesetzte Spiel verlegt. Solange möglichst viele Zuschauer die Stadien besuchen können und möglichst wenige Tickets erstattet werden müssen, ist die UEFA zufrieden, scheint es.

Das alles unterstreicht die Macht des Profifußballs — und zeigt den Einfluss der großen Verbände. Auch wenn die Pandemie bei der WM nächstes Jahr keine Rolle mehr spielen sollte, es bleibt doch das grundlegende Problem: Wenn es um Ethik und Verantwortung geht — dann sprechen die Fußballverbände eine andere Sprache, als es ihre Taten vermuten lassen würden. Es ist höchste Zeit, dass sich FIFA, UEFA und Co. endlich die eigenen Werbekampagnen zu Gemüte führen und sich daran in ihrem Handeln orientieren.

Teaser- und Beitragbild: wikicommons.com/RichardBartz lizenziert nach CC.

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