Fußball-EM 2020 beginnt – Ist der Klimaschutz vergessen?

Vor knapp zehn Jahren hatte die UEFA eine Idee: Anlässlich des 60-jährigen Bestehens der Fußball-Europameisterschaft plante der Verband ein Turnier in ganz Europa. Am Freitag (10.06) startet das Turnier coronabedingt nun mit einem Jahr Verzögerung mit dem Eröffnungsspiel in Rom.

Mit Spielen in elf unterschiedlichen Ländern soll das Event ein großes europäisches Fußballfest werden und den Zusammenhalt in Europa demonstrieren. Doch nicht alle sehen diese EM so positiv. Denn: Klimaschutz und eine paneuropäische EM lassen sich nur schwer vereinbaren.

Grafik erstellt mit Canva.

Knapp 6.300 Kilometer liegen zwischen der spanischen Stadt Sevilla und Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Die eine Stadt liegt in Südeuropa, die andere an der Grenze zu Asien. Die “Euro 2020” findet erstmals als paneuropäisches Turnier in elf unterschiedlichen Ländern statt. Mannschaften, Fans und Medienvertreter*innen müssen bei dem Turnier so weite Wege zurücklegen wie bei keinem anderen Turnier.

Ein Schweizer Fan muss beispielsweise über 13.000 Kilometer reisen, um allein die drei Gruppenspiele der Schweizer Nationalmannschaft zu sehen. Los geht es mit dem Spiel gegen Wales in Baku. Dann geht es weiter nach Rom für das Spiel gegen Italien, ehe die Schweiz am dritten Spieltag wieder in Baku auf die Türkei treffen. Auch die polnische Nationalmannschaft legt in der Gruppenphase über 10.000 Kilometer zurück. Zum Vergleich: Für die Euro 2016 in Frankreich mussten die Fans einmal nach Frankreich reisen. Die weiteren Strecken zwischen den Spielorten waren per Zug erreichbar.

Weniger Reiseverkehr durch Corona

Der ökologische Fußabdruck der paneuropäischen Europameisterschaft könnte jedoch kleiner ausfallen als zuerst befürchtet. Aufgrund der Corona-Pandemie dürfen weniger Fans in die Stadien. In den Ländern herrschen unterschiedliche Einreisebeschränkungen. Dementsprechend werden weniger Fans ihren Teams nachreisen.

Stefan Wagner von der Nachhaltigkeits-Initiative “Sports for Future” kritisiert das Format der paneuropäischen Europameisterschaft trotzdem: “Der entscheidende Punkt ist, dass wir es mit einer Entscheidung zu tun haben, die ja nicht voraussehen konnte, dass die Europameisterschaft ohne Zuschauer stattfindet. Und die Entscheidung ist aus klimatechnischer Sicht, und die muss man heutzutage mit einbeziehen, nicht richtig.”

Was ist Sports for Future?

Sports for Future ist ein Bündnis aus Sportler*innen, Sportvereinen und -verbänden, Fans und Förderer*innen. Sie unterstützen die “Fridays For Future”-Bewegung und wollen die verbindende Kraft des Sports dafür einsetzen, um gemeinsam den Herausforderungen der Klimakrise zu begegnen.

Stefan Wagner von “Sports for Future”. Foto: EW Fotografie

Reiseverkehr der Fußballfans wird es auch trotz der Corona Pandemie geben. Denn in allen Stadien sind eben wieder Fans erlaubt, in Budapest wird das Stadion beispielsweise wieder voll ausgefüllt. “Schon in der Bundesliga ist die Fanbewegung in Bezug auf den ökologischen Fußabdruck eines Bundesligisten ein großer Teil.”

“Die UEFA nimmt ihre Verantwortung in diesem Zusammenhang sehr ernst, und deshalb ist es der richtige Schritt, dass wir die anfallenden CO2-Emissionen kompensieren.” – UEFA Präsident Aleksander Čeferin über den Klimaschutz

Je nach Verein- und Stadiongröße kann der Reiseverkehr zwei Drittel und mehr des CO2-Ausstoßes eines Bundesligisten ausmachen, so Wagner. Die Klimaschutzberatung “CO2OL” hatte 2019 ausgerechnet, dass ein Bundesliga-Spieltag rund 120 Tonnen CO2 produziert – also in etwa so viel wie zehn deutsche Bürger*innen in einem Jahr. Bei voller Auslastung der Stadien schätzte die UEFA den CO2-Ausstoß der Europameisterschaft auf 405.000 Tonnen ein.

UEFA kündigt “umweltfreundlichstes Turnier” an

In Zeiten der Klimakrise kommen auch die Fußballverbände nicht an den Umweltthemen vorbei. “Die UEFA nimmt ihre Verantwortung in diesem Zusammenhang sehr ernst”, sagt Präsident Aleksander Čeferin. Dazu kündigte der Verband an, “man wolle die bis dato umweltfreundlichste Endrunde machen.” So würden die Gruppenspiele der großen Fußballnationen wie Deutschland, Frankreich und England mit vielen Fans im jeweiligen Heimatland stattfinden. Außerdem müssten nur wenige neue Stadien (Puskás Arena in Budapest) und dazugehörige Verkehrsanbindungen gebaut werden und deshalb spare man viele Ressourcen.

Mit einem Klimakompensationsprogramm will die UEFA die Umweltbelastung durch das Turnier ausgleichen. Dafür investiert die UEFA in Klimaschutzprojekte von “South Pole”. Eine Initiative zum Beispiel versorgt Bewohner ländlicher Gegenden in Ruanda mit energieeffizienten Kochstellen, dadurch verbrauchen die Menschen dort weniger Brennmaterial wie Kohle oder Holz. Auch will die UEFA in jedem Austragungsland 50.000 Bäume pflanzen.

“Der Fußball ist erstmal nicht besser und nicht schlechter als der Rest der Gesellschaft.” – Stefan Wagner von der Initiative “Sports for Future”

Stefan Wagner stimmt der UEFA zu, dass sie nach der Entscheidung über die Ausrichtung in elf Ländern nun mehr fürs Klima tue als zuvor. Dennoch sieht er noch Verbesserungspotenzial: “Wir wissen natürlich auch, dass Klimaschutz damit beginnt, einen Fußabdruck zu vermeiden, zu reduzieren und erst dann zu kompensieren. Kompensation als letztes Mittel ist durchaus in Ordnung, so lange wir keine anderen Lösungen haben. Aber man muss eben damit anfangen, die Euro auch so auszurichten, dass sie möglichst klimafreundlich stattfinden kann.”

Das Vorbild Kopenhagen

Die dänische Hauptstadt Kopenhagen ist auch ein Austragungsort der Euro 2020. Sie hat sich zum Ziel gemacht, bis 2025 klimaneutral zu sein. “Wir konzentrieren uns darauf, wie man eine Großveranstaltung mit einem möglichst niedrigen Fußabdruck ausrichten kann”, sagte Kopenhagens Bürgermeister Frank Jensen kürzlich.

Dafür hat sich die Stadt einige Sachen überlegt. Es soll kaum Einwegplastik verwendet werden, Müll soll recycelt werden und den Fans wird Bio-Essen angeboten. Stefan Wagner sieht das als richtigen Schritt. “Man sieht, dass ich an vielen Stellen einiges bewegt, weil sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändert haben.”

Alleine schaffe der Fußball es aber natürlich nicht, die Klimakrise zu bewältigen. “Der Fußball ist erst mal nicht besser und nicht schlechter als der Rest der Gesellschaft. Genauso wenig wie wir die Klimathemen in der Gesellschaft gelöst haben, hat sie der Fußball gelöst”, sagt Wagner. “Aber der Fußball hat eine besondere Rolle in der Gesellschaft. Er steht besonders im Fokus. Deshalb hat er auch die Verantwortung, in besondere Weise voranzugehen und das sollte er in allen Lebensbereichen machen.” Man solle im Fußball da den Fußabdruck reduzieren, wo es möglich sei. Außerdem solle sich jeder hinterfragen, welche Reise in welcher Taktung, in welcher Art und Weise getätigt werden müsse, sagt Wagner.

Euro 2024: Deutschland, ein Klimamärchen?

Die Euro 2024 findet in Deutschland statt. Sie soll ganz im Zeichen der Nachhaltigkeit stehen. Gemeinsam mit der UEFA hat der DFB eine Richtung für eine Event-Social-Responsibility Strategie (ESR) festgelegt. Dabei wurden fünf große Dimensionen entwickelt.

Der Klimaschutz nimmt dabei die wichtigste Herausforderung ein und der DFB kündigte ambitionierte Ziele an. Er will, dass Deutschland sich während der Europameisterschaft 2024 im eigenen Land klimaneutral präsentiert. Für die Dauer der Euro solle sich ganz Deutschland – nicht nur die zehn Stadien mit Storm versorgen, der in der Bilanz klimaneutral ist, heißt es auf der Website des DFB.

“Genauso wie 2006 Deutschland ein anderes Bild abgegeben hat, im Sinne von ‘Mensch, die können ja feiern und lachen’, wird die Euro 2024 aus meiner Sicht eine Europameisterschaft für Nachhaltigkeit”, sagt Stefan Wagner von der Initiative “Sports for Future”. Jetzt geht es darum, konkrete Maßnahmen zu entwickeln. Eine Idee sind zum Beispiel Zugtickets, die an das Stadionticket gekoppelt werden. So sollen Anreize für die An- und Abreise mit dem Zug gesetzt werden. Bis zum Start in drei Jahren müssen weitere klimafreundliche Umsetzungsideen entwickelt werden. Dann könnte der Sport nicht nur Teil des Problems, sondern auch Teil der Lösung sein.

Beitragsbild: Foto von Jacob Alschner via Unsplash

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