Wie zwei Familien das Studium mit Kind meistern

Bachelorarbeit abgegeben, wo aber bleibt die Gesamtnote? Sascha sucht im Notensystem der TU Dortmund, er findet nichts. Dabei wollte er sich für den Master seines Lehramtsstudiums einschreiben – ohne Bachelor wird das nichts. Vom Prüfungsamt bekommt er die entscheidende Information: Sascha fehlt ein Praktikum. Wie soll er das jetzt nachholen und nebenbei weiterhin arbeiten? Eine Herausforderung. Denn zu Saschas Leben gehören auch seine Frau Stefanie und sein einjähriger Sohn Ben.

Sechs Prozent aller Studierenden kennen wohl diese oder ähnliche Situationen. Beide Eltern studieren und versorgen gleichzeitig ihre Kinder. Das hat die 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks ergeben. Stefanie bereitet im Moment ihre Masterarbeit für ihr Lehramtsstudium vor. Sascha erklärt: „Weil Ben noch so klein ist, muss genau abgesprochen werden, wann wer arbeitet.“

Sascha und Stefanie gehen mit dem kleinen Ben im Park spazieren. Sich solche Auszeiten zwischen Uni und Job zu nehmen, ist nicht immer leicht für die Familie. Foto: Kurt/Lara Wantia

Auch Jan und Rika müssen viel gemeinsam organisieren. Jan wird von der Studienstiftung gefördert und unterhält somit die Familie. Da er ein Kind hat, darf er zwar länger studieren – pausieren kann er aber nicht. Bevor Tochter Valentina zur Welt kam, entschied sich die Familie, dass Rika ihr Studium pausiert. „Ich war schon im Master von meinem Mathe- und Psychologie-Lehramtsstudium, als unsere Tochter Valentina kam und Rika war noch im Bachelor“, erklärt Jan. „Ich bin dann schneller im Berufsleben und das bedeutet finanzielle Sicherheit für uns.“ Rikas berufliches Ziel ist es, auch Lehrerin zu werden. Allerdings mit der Fächerkombination Psychologie und Germanistik.

Schlafmangel und Uni sind schwierig zu vereinbaren

Mit Valentina Zeit draußen zu verbringen, hilft Jan und Rika dabei, sich vom Uni-Stress abzulenken. Foto: Kurt/Lara Wantia

Wenn Jan wach wird, geht er zuerst zu seiner Tochter Valentina und lässt seine Partnerin Rika schlafen. Jan kann durchschlafen, denn er, Rika und Valentina schlafen nicht gemeinsam in einem Zimmer. „Als Valentina auf die Welt kam, habe ich die ersten Wochen noch mit Rika und Valentina in einem Zimmer geschlafen. Doch mit den Unterbrechungen in der Nacht war das schon echt heftig, wenn ich mein Studium durchziehen will.“ Deshalb haben er und Rika entschieden, dass Jan in einem anderen Zimmer schläft.

Bei Sascha und Stefanie sieht die Schlafsituation anders aus. Ben schläft in seinem eigenen Zimmer. Stefanie holt ihn morgens zu sich ins Bett und dort wird dann nochmal gekuschelt.

Online-Seminare voller Action

Um 10 Uhr geht dann meistens die erste Veranstaltung von Sascha los. Montag ist der Tag, an dem Sascha das meiste für die Uni machen muss. Sobald sein Seminar startet, ist es aber nicht ruhig zu Hause.

Ben ist ein sehr aufgewecktes Kind, das nicht oft Trübsal bläst. Das ist während der Vorlesungen praktisch für die Eltern. Foto: Kurt/Lara Wantia

 

Stefanie kümmert sich die meiste Zeit um Ben, aber weil die Türen offen sind, läuft Ben von Zimmer zu Zimmer. „Mir ist das mittlerweile egal, was die Leute sich wohl denken, wenn ich irgendwelche Grimassen schneide oder irgendwo anders hingucke. Gehört halt mit dazu.“

Jan und Rika haben genau festgelegt, wann Jan ungestört Zeit für seine Aufgaben hat. Doch mit einer einjährigen Tochter verläuft nicht immer alles nach Plan. Wenn Jan nicht gerade an einer Live-Veranstaltung teilnimmt, unterbricht er seine Arbeitsphasen häufig für seine Tochter Valentina. „Das schmeißt einen natürlich aus dem Denkprozess raus. Besonders in Mathe war es vorher einfacher“, sagt Jan.

Der Wunsch nach einem Kind ist schon früh da

Dennoch: Ein Kind während des Studiums zu bekommen, haben Jan und Rika bewusst entschieden.

„Gerade die Flexibilität des Studiums war ein Hauptargument für uns beide. Wir stellen uns das Studium mit Kind einfacher vor als das Berufsleben mit Kind. Man kann sich seine Zeit frei einteilen“, sagt Jan. „Wir sind finanziell sicher aufgestellt durch mein Stipendium und mein Lehramtsstudium. Außerdem kann ich nachweisen, dass ich belastbar bin. Also warum warten?“

Auch Valentina ist sehr lebhaft und braucht viel körperliche Nähe. Das macht sich besonders beim Einschlafen bemerkbar. Foto: Kurt/Lara Wantia

Auch Sascha und Stefanie wollten schon früh Kinder haben. „Geplant war es auf jeden Fall. Nur nicht zu dem Zeitpunkt“, sagt Sascha. „Alles kommt, wie es kommen soll. Wir haben sogar ein Video von unserer Reaktion gemacht, als wir erfahren haben, dass Stefanie schwanger ist. Das bekommt Ben dann gezeigt, wenn er 18 ist.“

Wie gut man Studium und Familienleben parallel meistert, liegt an der eigenen Einstellung und natürlich auch am Kind, meint Sascha. Ben ist ein sehr aktives Kind. „Wir haben keinen im Freundeskreis mit Kind, deshalb können wir auch nicht vergleichen“, überlegt Sascha. „Aber er ist schon eine kleine Frohnatur, der nicht viel weint und recht eigenständig ist. Sehr praktisch, wenn sowohl Stefanie als auch ich was zu tun haben und wir ihn dann in unsere Nähe setzen können und beim Spielen nur beobachten müssen.“ Jans Tochter Valentina ist sehr lebhaft und kuschelbedürftig. „Es ist schwierig, sie überhaupt schlafen zu legen, ohne sie dabei im Arm zu halten“, sagt Jan.

Kindergarten oder eigenständige Betreuung rund um die Uhr?

Sascha und Ben sind nicht nur beim Spielen ein gutes Team. Sondern auch wenn es darum geht, sich mal eine Ausrede für die Vorlesung einfallen zu lassen. Foto: Kurt/Lara Wantia

Was die Zukunft für die beiden Familien bringt, ist noch nicht sicher. „Irgendwann mal soll der Kleine in den Kindergarten“, sagt Sascha. Wann genau, hänge davon ab, wann Stefanie damit beginne, ihre Masterarbeit zu schreiben, denn dann hat sie vormittags nicht mehr so viel Zeit für den Kleinen. Saschas Pensum in Studium und Arbeit spiele ebenfalls eine Rolle bei der Entscheidung.

Für Rika und Jan steht schon fest, dass sie Valentina nicht in den Kindergarten abgeben möchten, bevor sie drei Jahre alt ist. „Im vergangenen Sommer war Rika mit Valentina jede Woche in einer Krabbelgruppe. Doch durch Corona musste die im Herbst zu machen“, sagt Jan. Ein Betreuungsplatz für Valentina sei auch wichtig, weil Rika ihr Studium auf jeden Fall wieder aufnehmen möchte.

Doch trotz so mancher verzwickter Situationen sehen sowohl Jan als auch Sascha das Studieren mit Kind positiv. „Ich glaube, jeder hat Ben schon mal vor meiner Kamera sitzen sehen. Er ist immer eine gute Ausrede, um unerwartet aus dem Seminar zu gehen, wenn man keine Lust mehr hat“, sagt Sascha und lacht. „’Oh Entschuldigungen Sie bitte. Das war ganz aus Versehen!’“

Hilfsangebote für studierende Eltern
Jeanette Kratz bietet einmal pro Monat eine Beratung für Studierende mit Kind im Elterncafé an. Foto: privat

Nicht alle Studierende kommen mit der Bewältigung von Studium und Kind im Alltag so gut zurecht wie das bei Jan und Saschas Familien der Fall ist. Das Elterncafé der TU Dortmund bietet Hilfe. „Normalerweise fand das Elterncafé immer alle drei Wochen in meinem Büro statt und war ein Ort der Vernetzung und des Kennenlernens“, sagt Jeanette Kratz, die das Elterncafé der TU Dortmund führt. Das Elterncafé wird noch das ganze Jahr per Zoom stattfinden. „Und auch wenn am Ende nur einer kurz in dem Zoom-Meeting vorbeischaut, um eine Frage zu stellen, hat sich das gelohnt“, meint Kratz.

Über die Hilfsangebote Bescheid wissen, ist das Wichtigste

Viele Studierende wüssten laut Jeanette nicht, dass mit Kindern andere Fristen gelten würden als für Studierende ohne Kinder. „Das fängt schon beim Bafög und der Regelstudienzeit an. Die gilt mit Kindern nämlich nicht mehr.“ Allein für solche Fragen, war ihre Tür immer offen während des Elterncafés. „Meistens ergaben sich bestimmte Themen auch erst beim gemeinsamen Beisammensein und Erzählen und falls dann jemand eine persönliche Frage hatte, die nicht jeder mitbekommen sollte, ist man dann eben kurz in ein Nebenzimmer gegangen.“

Beitragsbild: Kurt/Lara Wantia

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